körper tanz bewegung
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2195-4909
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/ktb2014.art03d
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Aus der Praxis: Emotionale Umstimmung über Gesten und Mudras in der Integrativen Bewegungstherapie
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Klara Kreidner-Salahshour
Das Konzept ‚Leib - embodied and embedded‘ des Integrativen Ansatzes betont die Neuroplastizität des Gehirns als biologische Grundlage und die Bedeutung der sozioökologischen Bedingungen für die Entwicklung und Sozialisation des Menschen. Dies ist der Hintergrund für ein Beispiel theoriegeleiteter Praxis in der Integrativen Leib- und Bewegungstherapie (IBT): Über übungszentrierte Arbeit mit Gesten und Mudras soll eine emotionale Umstimmung von einem dominanten Gefühl der Minderwertigkeit hin zur Entwicklung von Selbstakzeptanz und einer Steigerung des Selbstwertgefühls angestrebt werden.
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12 körper - tanz - bewegung 2. Jg., S. 12-19 (2014) DOI 10.2378 / ktb2014.art03d © Ernst Reinhardt Verlag Forum: Aus der Praxis Emotionale Umstimmung über Gesten und Mudras in der Integrativen Bewegungstherapie Klara Kreidner-Salahshour Das Konzept „Leib-- embodied and embedded“ des Integrativen Ansatzes betont die Neuroplastizität des Gehirns als biologische Grundlage und die Bedeutung der sozioökologischen Bedingungen für die Entwicklung und Sozialisation des Menschen. Dies ist der Hintergrund für ein Beispiel theoriegeleiteter Praxis in der Integrativen Leib- und Bewegungstherapie (IBT): Über übungszentrierte Arbeit mit Gesten und Mudras soll eine emotionale Umstimmung von einem dominanten Gefühl der Minderwertigkeit hin zur Entwicklung von Selbstakzeptanz und einer Steigerung des Selbstwertgefühls angestrebt werden. Schlüsselbegriffe Integrative Bewegungs- und Leibtherapie, emotionale Umstimmung, komplexes Lernen, hermeneutische Spirale, multiple Stimulierung, Mudra Shifting emotions through gestures and “mudras” in integrative movement and body therapy The concept “Lived body-- embodied and embedded” in context of an integrative modus emphasizes neuroplasticity of the brain as the biological basis and the relevance of the socio-ecological conditions for the development and the socialization of the individual. This is the background for an example of theory guided practice in the integrative movement and body therapy (IBT). An exercise focused work with gestures and “mudras” is aiming at shifting emotions from a dominant feeling of inferiority to the development of selfacceptance and an increase of self-esteem. Key words integrative movement and body therapy, emotional retuning, complex learning, hermeneutic spiral, multiple stimulation, mudra I n meiner Graduierungsarbeit zur Integrativen Bewegungs- und Leibtherapie (IBT) am Fritz-Perls-Institut an der „Europäischen Akademie für psychosoziale Gesundheit“ habe ich mich ausführlich und detailliert mit Überlegungen zur Möglichkeit einer emotionalen Umstimmung über Gesten und Mudras in der IBT mit konfliktscheuen psychisch kranken Straftätern im integrierten Maßregelvollzug beschäftigt. Da auch andere Klienten und Patienten mit einer Selbstwertproblematik von einer solchen Arbeit profitieren könnten, fasse ich in diesem Artikel fokussiert das Wesentliche dieses Vorgehens zusammen. Emotionale Umstimmung über Gesten und Mudras 1 | 2014 13 Mudras sind symbolische Gesten der Hand als Bewegung oder Stellung, die sowohl im Alltag, in der hinduistischen und buddhistischen religiösen Praxis, im Yoga als auch im indischen Tanz angewendet werden (Hirschi 2003, 13 ff). Der Begriff „Mudra“ kommt aus dem Sanskrit und bedeutet ursprünglich „Siegel, das Freude bringt“ (Rannegger 2007). So scheint es mir sinnvoll, „etwas, was Freude bringt“, als Fingerbewegung (Fingeryoga) mit kulturunabhängiger Wirkung zur emotionalen Umstimmung zu nutzen. Der Integrative Ansatz betont in seiner biologischen Ausrichtung die Neuroplastizität des Gehirns (Petzold 2009; Lamacz-Koetz 2009) und ist ausdrücklich an der Entwicklung über die Lebensspanne (Petzold 2002) orientiert. Die sozial-ökologische Ausrichtung der Integrativen Therapie (IT) verweist nachdrücklich auf die komplexe Verbundenheit und Entwicklung alles Seienden durch Kommunikation und Interaktion. So meint „Leib- - embodied and embedded“ (Petzold 2009), dass sich der Mensch sowohl durch die Interaktion mit der Umwelt verkörpert als auch in sie eingebettet ist. Prozesse zwischen Menschen (intermental) werden zu Prozessen im Menschen (intramental). Ein schlechtes Selbstwertgefühl als selbstreferentielles Gefühl und Kognition und schlechte Selbstbewertungen im zweiten Lebensjahr (intramental) (Petzold 2003) beruhen zum einen auf einer Häufung schlechter Fremdbewertungen und sind zum anderen das Ergebnis eines vorausgegangen intermentalen Prozesses, der durch Ablehnung, Vernachlässigung oder Misshandlung das Grundvertrauen geschwächt und die Daseinsgewissheit und das Selbstgefühl gehemmt hat. So kann es auch aufgrund dieser nicht förderlichen Kommunikation und Interaktion zu einer Entwicklungshemmung von Selbstvertrauen und Selbstsicherheit kommen (ebd.). Ein solcher dysfunktionaler intramentaler Prozess kann aufgrund der Neuroplastizität des Gehirns durch „komplexes Lernen“ im wertschätzenden Miteinander mehrerer Menschen (Sieper / Petzold 2002) verändert werden. Damit wird die Bedeutung korrektiver zwischenmenschlicher Erfahrungen in einer therapeutischen Beziehung und in Gruppen deutlich. Als wesentliche Grundlage für die therapeutische Beziehung im mikroökologischen Kontext der Therapie gilt die Intersubjektive Ko-respondenz als ein Kernkonzept der IT. Emotionale Umstimmung So sind für eine emotionale Umstimmung in Richtung einer Steigerung des Selbstwertgefühls ausreichend kontinuierliche positive Erfahrungen in einem wohltuenden Klima in förderlichen Beziehungen notwendig. Dazu können in leibzentrierter Arbeit im Rahmen der übungszentriert-funktionalen Modalität als eine der drei Modalitäten der IBT über Atmung, neue Haltungen, Bewegung, Gestik, Mimik und Laute als Bottom-up-Approach positive, u. U. sicherlich neue und ungewohnte Gefühle des Wohlbefindens als nonverbale Selbstattribution angeregt und gebahnt werden. Je mehr positive Informationen von außen und auch von innen aufgenommen werden, desto besser kann eine neue neuronale Vernetzung angebahnt und zunehmend hoch geschaltet werden, denn auch Gefühle sind nutzungsabhängig (Hüther 2010). Werden diese neuen Bewegungen schließlich performativ geübt und zuverlässig gebahnt und genutzt, können auf der Grundlage dieser Leiberfahrungen des Wohlbefindens neue Interaktionserfahrungen gemacht werden. Gelingt es dann, selbstbewusst die eigene Meinung zu äußern und von anderen ernst genommen zu werden, so ermutigt diese Erfahrung dazu, auch in anderen Kontexten den eigenen Standpunkt zu vertreten. 14 1 | 2014 Klara Kreidner-Salahshour Gesten und Mudras Eine Möglichkeit zur emotionalen Umstimmung in der IBT ist die Arbeit mit Gesten und Mudras. Sie erfolgt in einem ersten Schritt anhand einiger Übungen aus dem Yi Jin Jing als eine stets im Zusammenhang mit Qi-Gong- Praktiken weiterentwickelte Übungsfolge (Sibler 2007) und dem Qi Gong, einer chinesischen Meditations-, Konzentrations- und Bewegungsform. Hieraus lassen sich „große“ Gesten ableiten. Entsprechend wird in diesem Artikel der Begriff „Geste“ nicht für ein persönliches Ausdrucksmittel verwendet. Erfahrungen aus Therapiestunden zeigen, dass es Sinn macht, zunächst mit vorgegebenen, großen Bewegungen zu arbeiten, weil es für einige Menschen meist sehr mühsam ist, den Blick auf eigenleibliches Spüren zu richten und sich überhaupt in Bewegung wahrzunehmen. In einem weiteren Schritt werden Mudras als „kleine Gesten“ genutzt. Wenn Mudras häufig und voller Überzeugung durchgeführt werden, kann das zu den Bewusstseinszuständen führen, die durch die Mudras dargestellt werden (Hirschi 2003). So soll z. B. bei der „Wonne-Mudra“ (Mudra der inneren Stärke) der Rücken- - auch im übertragenen Sinne- - gestärkt werden (Hirschi 2003, 57): „Nehmen Sie beide Arme zur Seite […], und halten Sie die Hände zu Schalen geformt in Brusthöhe. Die Finger liegen aneinander, die Daumen seitlich am Zeigefingergelenk.“ Komplexes Lernen Die emotionale Umstimmung über Gesten und Mudras erfolgt im Sinne komplexen Lernens auf der Grundlage des Willens zur Veränderung (Volition). Hier werden neue neuronale Erregungsmuster über Lernen auf mehreren Leib-Ebenen gekoppelt (Sieper 2001): ● Gesten und Mudras werden jeweils als neue motorische Bewegungen gelernt. ● Emotionen finden Raum, werden benannt, differenziert und umgestimmt. ● Die Wahrnehmung des eigenleiblichen Spürens und der Emotionen wird geschärft, die Selbst- und Fremdwahrnehmung werden gefördert. ● Die Kognition wird durch das Erkennen und Erfassen von Zusammenhängen angesprochen. ● Kommunikation und Interaktion mit den anderen Patienten und der Therapeutin erfolgt in Kontexten des motorischen und emotionalen Lernens sowie in den anschließenden Reflexionsrunden. ● Der Wille zum Lernen, Üben und Durchhalten ist notwendig, damit eine emotionale Umstimmung nachhaltig erfolgen kann. Durch dieses komplexe Lernen können Erlebnisse von vitaler Evidenz entstehen, die neuronale Veränderungen schaffen. Die hermeneutische Spirale in der bewegungs- und leibtherapeutischen Arbeit mit Gesten Beim Erlernen und Einüben der Gesten kommt das Prinzip der hermeneutischen Spirale mit ihren Elementen Wahrnehmen, Erfassen, Verstehen und Erklären zum Tragen. Wahrnehmen Vorbereitende Übungen wie z. B. das Einüben des Parallelstandes, Atemübungen, Meditation im Stehen, Lockern, sanfte Streich- und Dehnübungen (Sibler 2007) sowie spezielle Übungen aus dem Yi Jin Jing- - z. B. „Das Qi nähren“ (S. 61), „den Riegel schieben“ (S. 88) u. a.- - werden unter dem Aspekt der Wahrnehmung individueller, eigenleiblicher Phänomene im Vollzug der Bewegungen durchgeführt, erlernt und geübt. Aussagen von Patienten und eigene Erfahrungswerte bei diesen Übungen sind z. B. „Der Boden / die Erde trägt mich“, „Ich breite mich aus und nehme mir Raum“, „Ich grenze mich ab“. Emotionale Umstimmung über Gesten und Mudras 1 | 2014 15 Erfassen „Welche Stimmung erfasst mich im Tun oder danach? “, „Wie fühle ich mich? “ Diese Fragen sollen zum differenzierten eigenleiblichen Spüren im Bewegungsvollzug hinführen. Hier bedarf es häufig einer Schärfung und Differenzierung der Wahrnehmung von Stimmung, Atmosphäre und Gefühl als emotionale Differenzierung und des verbalen Ausdrucks, um eine Sprache für das Wahrgenommene und Gespürte zu finden und zu erlangen. Als Therapeut kann man seine Sprache als leibliche Intervention nutzen, indem man den Patienten z. B. mit wohlwollenden, wertschätzenden Worten „berührt“, die man aus seiner Resonanz auf seine Stimmung und Befindlichkeit entsprechend intoniert. Durch die emotionale Synchronisierung kann man zusätzlich die Gefühle, die man bei ihm wahrnimmt, benennen, dadurch Sprache anbieten und somit sprachlich fördern. Verstehen Im Verstehen geht es darum, die Fülle und Qualität des Erfassten zu differenzieren und zuzuordnen. Durch kognitives Verstehen wird versucht, Prägnanz zu gewinnen, um den Sinn zu erfassen. Werden schließlich Worte gefunden, ist es möglich, anderen die subjektive Bedeutung mitzuteilen (Petzold 2003). Die Fokussierung der Wahrnehmung auf einzelne Aspekte kann an jeder Stelle der Bewegungsarbeit dazu führen, dass sich bei dem einen oder anderen Patienten die Archive des Leibgedächtnisses spontan öffnen und übungszentriertes Arbeiten sehr schnell in konfliktorientiertes Vorgehen übergeht. So können alte Szenen auftauchen, ebenso Körpersensationen wie Zittern oder ein undefinierbares Gefühl von Angst, Panik etc. In diesen Fällen muss dann entweder in der Gruppe oder im dyadischen Setting vertiefend zu diesen Erfahrungen gearbeitet werden. Das szenische Verstehen kann jedoch auch in die Richtung der aktuellen Erfahrung gehen. Es ist aufgefallen, dass Patienten bei diesen Übungen über Empfindungen berichten wie: Hier und jetzt „bin ich groß“, „bin ich etwas wert“, „fühle ich mich würdig“ …, denn in der Aufrichtung ist das Erleben von vielen Qualitäten im Sinne des „Ich bin jetzt da! “ möglich. Abb. 1: „Das Qi nähren“-- Übung aus dem Yi Jin Jing. Foto: Gerald Sheridan 16 1 | 2014 Klara Kreidner-Salahshour Dieses neue Erleben durchaus „positiver“ Erfahrungen kann allerdings auch verunsichern, weil durch die veränderte Haltung neue, ungewohnte Gefühle entstehen. Somit ist bereits an dieser Stelle die Übung des aufrechten Standes über einen längeren Zeitraum erforderlich, damit eine neue Sicherheit, ein „neuer / anderer Boden unter den Füßen“ entsteht als Grundlage für die darauf aufbauenden, weiteren Bewegungen und Erfahrungen. Erklären Wird Erfasstes und Verstandenes erklärt, bekommt es einen Sinn (Petzold 2003), der über die Sprache vermittelt werden kann. Dieser individuelle Sinn erklärt sich aus dem individuellen Erfahrungshintergrund und Zusammenhang. So können an dieser Stelle in der Gruppe frühere schlechte Erfahrungen, strukturelle und akute Unsicherheiten und insbesondere gute Erfahrungen reflektiert und ggf. metareflektiert werden. Zu lernen, sich selbst aus der Distanz zu betrachten und über sich selbst zu sprechen, ist Teil der Arbeit an der Entwicklung von Exzentrizität. So ermöglicht das therapeutische Vorgehen im Sinne der hermeneutischen Spirale Patienten durch die Arbeit mit den „großen“ Gesten und der Atmung im wertschätzenden therapeutischen Klima grundlegende gute Erfahrungen von Erdung, Stabilität, Aufrichtung, Kraft, Präsenz und Ausdehnung. Dadurch werden der Selbstwert und die Selbstsicherheit erhöht. Die Patienten können erfahren, erproben und einüben, dass sie im Sinne der Movement-produced-Information durch die Bottom-up-Technik diese neuen Gefühle durch den Bewegungsvollzug immer wieder selbstständig aktivieren können. Als zentral gilt ein durchgängig wertschätzendes Miteinander, das schließlich verinnerlicht werden kann (Petzold 2001, 2011). Multiple Stimulierung in der Arbeit mit Mudras Ausgewählte Mudras als „kleine Gesten“- - wie z. B. „Wonne-Mudra“ (Mudra der inneren Stärke) (Hirschi 2003, 57), „Selbstwert-Mudra“ (Mudra gegen Selbstsabotage) (S. 169) u. a.-- werden dann als Bottom-up-Technik zur emotionalen Umstimmung für den Alltag erarbeitet. Damit sie als „Trigger“ für die angestrebten Gefühle auch wirksam werden, sollen die Gefühle über komplexes Lernen als multiple Stimulierung neuronal nachhaltig gebahnt werden. Dies erfolgt anhand der folgenden methodischen Schritte: ● Die Mudras werden theoretisch, motorisch und optisch präsentiert und erlernt. ● Die Patienten wählen sich intuitiv eine Mudra aus und schreiben den Namen dieser Mudra in eigener Gestaltung auf eine Karte, auf der die Mudra aufgezeichnet ist. Abb. 2: „Selbstwert-Mudra“-- Mudra gegen Selbstsabotage als „kleine Geste“. Foto: Gerald Sheridan Emotionale Umstimmung über Gesten und Mudras 1 | 2014 17 ● In einem intermedialen Quergang werden dann im Sinne komplexen Lernens prägnante innere Erfahrungen (Emotionen) über mehrere Sinneskanäle multipel ausgedrückt und mehrdimensional verankert. Nach dem Erlernen dieser Mudra (Motorik), schreiben die Patienten den Titel auf die Karte (optische Wahrnehmung, Graphomotorik) und halten „ihre“ Mudra über einige Minuten. Die Therapeutin stellt Fragen: Welche Empfindungen, Gefühle, innere Bilder als Imaginationen oder Gedanken, die in Bezug auf die durch die Mudra angestrebte emotionale Qualität stehen, tauchen auf? Z. B. „Wie fühlt sich für mich innere Stärke an? “ „Welches Bild, welche Vorstellung, welcher Geruch, welcher Geschmack taucht u. U. dazu auf? “ Die eigene Karte wird entsprechend dieses persönlichen inneren Bildes (Imagination) zum gewünschten, angestrebten Gefühl (von innen nach außen) kreativ gestaltet und deren Ausdruck (über die optische Wahrnehmung) dann betrachtet, so dass sie auf den Betrachter wirken kann. Diesem neuen Eindruck (Emotion) wird dann ein individueller nonverbaler stimmlicher Ausdruck über einen Ton, einen Summklang und / oder Laut(e) gegeben (akustische Wahrnehmung). ● Jeder Patient gestaltet nun dementsprechend seine individuell ausgewählte Karte. ● Zum Abschluss wird dann eine positive Affirmation als Ausdruck des Erlebten in einem Satz auf die Rückseite der Karte geschrieben (Kognition). ● Die Kommunikation der neuartigen Selbsterfahrung (neue neuronale Vernetzung) erfolgt in Partner- und Gruppenarbeit (soziale Erfahrungen) als soziale Realität (identitätsstiftend, neuronale Festigung) einer alternativen, korrigierenden sozialen Erfahrung, die wiederum zur Grundlage für neues emotionales Erleben und neues kommunikatives und handelndes Verhalten werden kann. Dazu wird unterschiedlichen Partnern die eigene Mudrakarte mit Namen, je nach Vertrauen mit Klang / Ton und der Affirmation präsentiert (sich zeigen, wohlwollend und respektvoll angeschaut werden). Anschließend wird die Mudra gemeinsam mit dem Partner durchgeführt, d. h. der Partner ahmt nach (wert geschätzt werden, die eigene Realität wird respektiert, eine gemeinsame Realität entsteht). Auch der Partner stellt seine Mudra in entsprechender Weise vor, so dass die Rollen wechseln (selbst hinschauen, den anderen respektieren, wertschätzen). In der gleichen Weise präsentiert jeder die eigene Mudra in der Gruppe und führt sie gemeinsam mit der Gruppe durch. Ggf. auftretenden Emotionen wird der entsprechende Raum gegeben. Feedbacks der Gruppenmitglieder untereinander werden angeregt, um die Selbst- und Fremdwahrnehmung und die emotionale und sprachliche Differenzierung zu fördern. Auf diese Weise bekommt das emotionale Erleben im komplexen Lernen im Zusammenhang mit den Mudras vitale Evidenz. ● Für den Transfer in den Alltag werden die persönlichen „Mudrabilder“ auf EC-Kartengröße verkleinert und laminiert (etwas herstellen und handhaben), so dass sie „für die Hosentasche“ haltbar gemacht werden und bei Bedarf immer wieder einmal angefasst (haptische Wahrnehmung) und angeschaut bzw. betrachtet werden können und damit auch als Trigger für das neu erfahrene Gefühl dienen. ● Der Wille zum regelmäßigen Üben ist notwendig und daher anzuregen, damit die angestrebten Gefühle zunehmend und verlässlich erfahrbar werden (neuronale Festigung der neuen Vernetzung). Die Gruppe entwickelt dazu gemeinsam die Kriterien für einen Übungsplan zum individuellen Üben der Mudras im Tagesverlauf. So können eigene Ideen eingebracht und Verantwortung für 18 1 | 2014 Klara Kreidner-Salahshour das Üben übernommen werden, wie es auch in der Verhaltenstherapie praktiziert wird. ● Anhand dieses Planes sollen die Patienten die erarbeitete Mudra regelmäßig üben und den Verlauf protokollieren. ● In der nächsten Stunde wird jeweils mit einem Partner im Rollentausch das Übungsprotokoll der Woche wie in einem Interview besprochen. Hier werden Interesse am anderen, Respekt und Verantwortung eingeübt und identitätsstiftende Solidarität erfahren. ● Gemeinschaftliches Üben von jeweils einer Mudra kann als Ritual in den folgenden IBT- Stunden stattfinden. Mentales Training Mentales Training des gewünschten Verhaltens als Top-down-Approach zur Bahnung und/ oder Stabilisierung neuer neuronaler Verschaltungen ist ein weiterer wichtiger Schritt für den Transfer der Bewegungsarbeit in die Realität. Auch dazu sind Motivation und Wille unerlässlich. Fazit Selbstwertgefühl, ein stärkeres Selbstbewusstsein und mehr Selbstsicherheit können schließlich nach einiger Übung schnell durch die „Mikrobewegungen“ der Mudras abgerufen werden (neuronales Netz wird ennerviert). So sind durch immer kleinere und unauffälligere Bewegungen, Gedanken oder auch durch die multisensorischen Erinnerungen an den Lernprozess Trigger für die angestrebten Gefühle gegeben. In diesem Sinne können die „kleinen“ Gesten der Mudras und auch die kleinen Karten als die Essenz der Erlebnisse von vitaler Evidenz im wahrsten Sinne des Wortes durchaus als „Medizin für die Hosentasche“ bezeichnet und genutzt werden. Da das geschilderte Vorgehen insgesamt sehr zeitaufwendig und nicht in jedem Setting möglich ist, könnten anstatt des Erlernens von Mudras selbstverständlich auch selbstentwickelte Symbole genutzt werden. Der Vorteil der Mudras liegt jedoch darin, dass sie sowohl auf die körperliche als auch auf die geistige Ebene wirken. Ob und inwiefern die emotionale Umstimmung über Gesten und Mudras wirklich nachhaltig ist, müsste letzten Endes im Rahmen einer empirischen Untersuchung herausgefunden werden, die langfristig katamnestische Daten erhebt. Literatur Hirschi, G. (2003): Mudras. Finger Yoga für Erfolg, Kreativität und Wohlbefinden. 4. Aufl. Arkana, München Hüther, G. (2010): Wie embodiment neurobiologisch erklärt werden kann. In: Storch u. a. (2010): Embo- Abb. 3: Das Ergebnis eines intermedialen Quergangs: eine individuell gestaltete Mudrakarte Foto: Gerald Sheridan Emotionale Umstimmung über Gesten und Mudras 1 | 2014 19 diment. Die Wechselwirkung von Körper und Psyche verstehen und nutzen. Hans Huber, Hogrefe, Bern, 73-97 Kreidner-Salahshour, K. (2011): „Medizin für die Hosentasche …“ Emotionale Umstimmung über Gesten und Mudras in der Integrativen Bewegungs- und Leibtherapie mit konfliktscheuen psychisch kranken Straftätern im Integrierten Maßregelvollzug. In: www.fpi-publikation.de/ polyloge/ alle-ausgaben/ 17-2011-kreidner-salahshour-kmedizin-fuer-die-hosentasche--psychisch-krankenstraftaetern.html, 14.08.2013 Lamacz-Koetz, I. (2009): Neurobiologische Konzepte und ihre Bedeutung für die Integrative Therapie. In: www.fpi-publikation.de/ polyloge/ alle-ausgaben/ 06-2009-lamacz-koetz-i-neurobiologischekonzepte-und-ihre-bedeutung-fuer-die-inttherapie.html, 14.08.2013 Petzold, H. G. (2011): Warum Verbundsysteme in der Suchtarbeit Not-wendend sind. Vortrag. Studientage Komplexe Suchtarbeit (Okt. 2011), Caritas Steiermark, Graz Petzold, H. G. (2009): Körper-Seele-Geist-Verhältnisse in der Integrativen Therapie. In: www.fpi-publikation. de/ artikel/ textarchiv-h-g-petzold-et-al-/ petzold-hg-2009c-koerper-seele-geist-welt-verhaeltnisse-derinformierte-leib-das-psychoph.html, 14.08.2013 Petzold, H. G. (2003): Integrative Therapie: Modelle, Theorien und Methoden für eine schulenübergreifende Psychotherapie. 3 Bde. überarb. und ergänzte Neuaufl. Junfermann, Paderborn Petzold, H. G. (2002): Der „informierte Leib“-- embodied and embedded als Grundlage der Integrativen Leibtherapie. In: www.fpi-publikation.de/ polyloge/ alle-ausgaben/ 07-2002-petzold-h-g-derinformierte-leib.html, 14.08.2013 Petzold, H. G. (2001): Transversale Identität und Identitätsarbeit. Die Integrative Identitätstheorie als Grundlage für eine entwicklungspsychologisch und sozialisationstheoretisch begründete Persönlichkeitstheorie und Psychotherapie. In: www. fpi-publikation.de/ polyloge/ alle-ausgaben/ 10- 2001-2001p-petzold-h-g-transversale-identitaetund-identitaetsarbeit.html, 14.08.2013 Rannegger, J. (2007): Mudras sind jahrtausende alte Hand- und Fingerhaltungen, die Körper, Geist und Seele gut tun. In: http: / / www.basale.at/ system/ anypage/ index.php? opnparams=DDRSYl08 UDIDNw, 21.09.2013 Sieper, J. (2001): Das behaviorale Paradigma und der Begriff des „Komplexen Lernens“ im Integrativen Ansatz klinischer Therapie, Soziotherapie und Agogik: Lernen und Performanzorientierung, Behaviourdrama, Imaginationstechniken und Transfertraining. Integrative Therapie 27 (1-2), 105-144 Sieper, J., Petzold, H. G. (2002): „Komplexes Lernen“ in der Integrativen Therapie-- Seine neurowissenschaftlichen, psychologischen und behavioralen Dimensionen. In: www.fpi-publikation.de/ polyloge/ alle-ausgaben/ 10-2002-sieper-j-petzoldh-g-komplexes-lernen-in-der-integrativen-therapie. html, 14.08.2013 Sibler, H. P. (2007): Stärkendes Qigong: Yi Jin Jing. Einfache und wirkungsvolle Übungen für den Alltag. 3.-Aufl. Bacopa Verlag, Schiedlberg Die Autorin Klara Kreidner-Salahshour Integrative Bewegungstherapeutin in einer Allgemeinpsychiatrie und psychiatrischen Tagesklinik; Lehrtätigkeit in der Ausbildung von Motopäden und in der Weiterbildung von Kreativ- und Kunsttherapeuten. ✉ Klara Kreidner-Salahshour Gartenstraße 16 | D-59387 Ascheberg Klara.Kreidner@googlemail.com
