eJournals körper tanz bewegung2/1

körper tanz bewegung
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2195-4909
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/ktb2014.art04d
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Vorgestellt: Tanztherapie in China

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Susanne Bender
Während die Psychoanalyse bereits seit den 1980er Jahre in China etabliert ist, beginnt erst seit einigen Jahren die Ausbildung in den künstlerischen Therapien. Das China-Germany Professional Dance Therapy Training in Peking ist die erste Tanztherapieausbildung, die auf den deutschen Standards zur Tanztherapieausbildung des Berufsverbandes der TanztherapeutInnen Deutschlands, BTD, basiert. Nach einem kurzen historischen Abriss zur Entwicklung der Psychotherapie in China wird auf die ersten Erfahrungen bei der Etablierung dieses Programms eingegangen.
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20 Forum: Vorgestellt körper - tanz - bewegung 2. Jg., S. 20-26 (2014) DOI 10.2378 / ktb2014.art04d © Ernst Reinhardt Verlag Tanztherapie in China Susanne Bender Während die Psychoanalyse bereits seit den 1980er Jahre in China etabliert ist, beginnt erst seit einigen Jahren die Ausbildung in den künstlerischen Therapien. Das China-Germany Professional Dance Therapy Training in Peking ist die erste Tanztherapieausbildung, die auf den deutschen Standards zur Tanztherapieausbildung des Berufsverbandes der TanztherapeutInnen Deutschlands, BTD, basiert. Nach einem kurzen historischen Abriss zur Entwicklung der Psychotherapie in China wird auf die ersten Erfahrungen bei der Etablierung dieses Programms eingegangen. Schlüsselbegriffe Tanztherapie, China, Psychotherapie, Authentische Bewegung, Bewegungsanalyse, Grenzen, Spiegeln While the psychoanalysis has been established in China since the 1980s, training in creative arts therapies has only begun in the last few years. The China-Germany Professional Dance Therapy Training in Beijing is the first dance therapy training based on the German training standards of the Professional Association of Dance Therapists of Germany (Berufsverband der TanztherapeutInnen Deutschlands, BTD). After a short historical summary of the development of psychotherapy in China some experiences gathered while implementing this program will be discussed. Key words dance therapy, china, psychotherapy, Authentic Movement, movement analysis, boundaries, mirroring Geschichte der Psychotherapie in China Psychiatrie und Psychologie sind in China junge Wissenschaften, die Anfang des 20. Jahrhunderts zunächst durch westliche Missionare und Wissenschaftler aufgebaut wurden. Unter dem sowjetischen Einfluss in den 1950er Jahren folgten sie der pawlowschen, neurophysiologischen Ausprägung. Während der chinesischen Kulturrevolution wurden psychische Störungen als Ausdruck falscher Ideologie verstanden, und psychisch kranke Menschen wurden diskriminiert und ausgegrenzt. Es gab 1988 im ganzen Land nur etwa 4.000 Psychiater und praktisch keine Psychotherapeuten (Haag 2012). Während in der traditionellen chinesischen Kultur keine Psychotherapie verankert ist, sondern der Mensch stets in seiner Ganzheit mit der Traditionellen Chinesischen Medizin behandelt wird, bemühten sich in den 1980er und 1990er Jahren chinesische Psychiater und Psychologen um den Anschluss an die internationale Entwicklung. Obwohl es einen intensiven fachlichen Austausch auch mit anderen Ländern gibt, genießt die deutschchinesische Zusammenarbeit ein besonderes Ansehen. 2001 fanden überall in China regionale WHO-Psychotherapie-Tagungen statt. Tanztherapie in China 1 | 2014 21 In Kunming waren neben den chinesischen Fachleuten auch deutsche Fachleute aus der Verhaltenstherapie, Psychoanalyse, Systemischen Therapie und Hypnotherapie im Kongresskomitee (Deutsch-Chinesische Akademie für Psychotherapie 2013). Seit November 2002 gibt es eine Art staatliche Prüfung für Psychotherapie, um die Ausübung der Psychotherapie zu lizenzieren. Auf diesen ersten Einführungen der Psychotherapie in die chinesische Gesellschaft baut die Etablierung der Tanztherapie auf. Psychische Herausforderungen im gesellschaftlichen Kontext Die rasante Umwandlung der chinesischen Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten erfordert enorme psychische Anstrengungen von den Chinesen. Daraus ergibt sich eine Reihe von psychischen Problemen, die in der Schwere speziell für die chinesische Gesellschaft mit ihrer jüngeren Geschichte gelten. Die Kulturrevolution von 1966 bis 1976 entmachtete angesehene Familien. Eine Studentin musste mit ansehen, wie ihre angesehenen Großeltern, bei denen sie aufwuchs, auf die Straße gezerrt und dort lächerlich gemacht wurden. Dies wiegt in einem Land, wo die Angst vor dem Gesichtsverlust einen so hohen Stellenwert hat, besonders schwer. Der „Große Sprung nach vorne“ verursachte in China von 1959 bis 1961 eine der größten Hungerkatastrophen, der ca. 30 Millionen Menschen zum Opfer fielen (Geo 2011). Ein Student berichtete, dass seine Mutter so gehungert habe, dass sie Baumrinde gegessen habe. Aber nicht nur ältere Chinesen, sondern je nach Region auch ganz junge Chinesen kennen Hunger. Anders als in allen anderen Ländern liegt in China die Suizidquote bei Frauen (14,8 pro 100.000) über der der Männer (13 von 100.000) (World Health Organization 2013). Dies lässt sich mit der nach wie vor starken Geringschätzung der Frau und den sich daraus, vor allem auf dem Land, ergebenden schweren Lebensbedingungen erklären (Frauen auf dem Land töten sich bevorzugt mit Pflanzenschutzmitteln). Die meisten chinesischen Frauen fühlen sich in vieler Hinsicht minderwertig. Dieses Gefühl haben sie auch dann, wenn sie eine Tochter gebären. Zwei Teilnehmerinnen eines Kurses hatten aus diesem Gefühl heraus bereits im Kindesalter versucht, sich zu suizidieren. Psychische Erkrankungen nehmen zu. Allein 25 Millionen depressiv erkrankte Menschen brauchen psychotherapeutische Hilfe. Die Zahl essgestörter Jugendlicher in den Städten steigt. Drogenabhängigkeit und Alkoholismus ist ein Problem. Zwangserkrankungen und psychosomatische Störungen sind in den Städten stark verbreitet. Besonders die drastische Zunahme psychischer Probleme bei Kindern und Jugendlichen, die einem enormen Druck ausgesetzt sind, ist besorgniserregend. An den Universitäten wurde auf Grund der sich häufenden Probleme durch psychische Erkrankungen Studentenberatungsstellen eingerichtet (Deutsch-Chinesische Akademie für Psychotherapie 2013). Da Sexualität nach wie vor ein großes Tabuthema ist, gibt es auch wenige Studien und noch weniger Hilfe bei sexuellem Missbrauch. Eine Studie fand heraus, dass 16,7 % der Frauen und 10,5 % der Männer als Kinder sexuell missbraucht wurden. Von Geschlechtsverkehr wurde in 1 % der Fälle berichtet. Personen mit sexuellem Missbrauch in der Kindheit waren depressiver, suizidaler, tranken mehr und häufiger Alkohol, wurden eher bulimisch oder anorektisch, und die männlichen Betroffenen waren häufiger in Gewalthandlungen involviert als nicht betroffene Personen (Chen et-al. 2004). Hinzu kommt noch, dass viele Kinder nicht bei den Eltern aufwachsen. Die Kinder werden bei Verwandten (häufig den Großeltern) gelas- 22 1 | 2014 Susanne Bender sen, und die Eltern verdienen in anderen Regionen Chinas den Lebensunterhalt für alle Familienmitglieder. Heutige Eltern haben dies bereits (meist schmerzlich) selber erfahren, handhaben es aber nicht anders. Für Frauen, die sehr deutlich ihre mütterlichen Anteile spüren und diese auch in der Fürsorge für Kinder zum Ausdruck bringen wollen, spielt die Einkindpolitik eine Rolle, mit der ihnen weitere Kinder versagt bleiben. Tanztherapie in China Während sich die psychotherapeutische Versorgung in China entwickelt, befindet sich die Etablierung der künstlerischen Therapien und der Körperpsychotherapie noch in den Anfängen. Dies war die Motivation für Li Weixiao, Direktorin von Apollo Education and Consulting in Peking, mich im Sommer 2010 zu kontaktieren. Sie schloss zu dieser Zeit ihre Promotion an der Universität München zur Bildungssituation in China ab. Ihr Ziel ist es, mit deutschen Kooperationspartnern die Kreativtherapien in China zu etablieren. Auf der Grundlage der Ausbildungsstandards des Berufsverbandes der TanztherapeutInnen Deutschlands e. V. (BTD) wurde zwischen dem Europäischen Zentrum für Tanztherapie EZETTHERA, München, und Apollo Education and Consulting, Peking, ein Kooperationsvertrag für ein „China-Germany Professional Dance Therapy Training“ erstellt. Bisher ist Tanztherapie in China wenig vertreten. Es gibt vereinzelte chinesische Tanztherapeutinnen, die in den USA ausgebildet wurden und entweder aufgrund ihrer persönlichen Situation kein Interesse daran haben, die Ausbildung in China voranzutreiben, oder aber aufgrund ihres Alters (sie sind meist noch sehr jung) in China als Lehrer nicht akzeptiert würden. Der israelisch-niederländische Tanztherapeut Zvika Frank verbringt viel Zeit in China und bietet hauptsächlich Selbsterfahrungsseminare an. Eine weitere Organisation koope- Abb. 1: Die erste Ausbildungsgruppe in Peking Tanztherapie in China 1 | 2014 23 riert mit dem amerikanischen Tanztherapieverband ADTA und bietet einzelne Kurse an. Im April 2011 startete die erste Ausbildungsgruppe des China-Germany Professional Dance Therapy Trainings. Ich hatte die Teilnehmerzahl auf 30 begrenzt, weil ich wusste, dass Chinesen an große Klassen gewöhnt sind und ich daher einen Kompromiss zwischen den uns bekannten und den chinesischen Gruppengrößen machen musste. Im Programm sind namhafte Kolleginnen wie Imke Fiedler, Susan Scarth, Hilda Wengrower, Suzi Tortora u. a. an der Qualifizierung der Studenten beteiligt. Chinesische Tanztherapiestudenten Die Zusammensetzung der Gruppen unterscheidet sich nicht wesentlich von westlichen Tanztherapiestudenten. Auch die große Altersspanne von Mitte 20 bis Ende 50 ist mit anderen Ländern vergleichbar. Es sind Lehrer, Berater, Tänzer, Ärzte, Therapeuten, sogar eine bekannte Persönlichkeit der psychoanalytischen Vereinigung in China, Su Xiaboa, nahm am ersten Kurs teil. Der Anteil der Männer ist in den Gruppen höher als in Deutschland. Es sind ca. 30 % Männer in den Klassen. Ich war aufgrund meiner Erfahrungen mit japanischen Menschen auf viel Zurückhaltung und das reine Nachmachen von Bewegung eingestellt und hatte mir vorher viele Gedanken gemacht, wie ich die Teilnehmer zur Kreativität und zum Eigenen bringen kann. Bereits beim ersten Aufwärmen in einem Chace-Kreis zeigte sich die chinesische Gruppe jedoch sehr bewegungs- und experimentierfreudig. Sie lieben es, in Bewegungen mit hoher Intensität zu gehen, und treten mit allen offen in Kontakt. Dieser Kontakt kann für unsere Verhältnisse auch aggressiv sein. Sie haben großen Spaß daran, sich gegen die Beine zu treten, was aber vom anderen mit Lachen und Zurücktreten beantwortet wird. Grenzen Das Thema Grenzen wird von Chinesen anders wahrgenommen. Insgesamt werden Grenzen anderer Menschen viel weniger beachtet. So kann es vorkommen, dass zwei Personen innig miteinander tanzen und eine dritte Person lachend dazwischen geht. Diese Person wird aber nicht weggeschickt, sondern wird freudig aufgenommen, und es entsteht kurzfristig ein Trio, bis eine Person sich wieder spielerisch verabschiedet. In einem Seminar habe ich die TeilnehmerInnen mit Filzbändern ihren eigenen inneren Kern legen lassen. Nachdem sie sich dort eine Weile aufgehalten hatten, sollten sie diesen Platz verlassen, um zu überprüfen, ob sie diesen Platz auch ohne die Verortung im Raum spüren können. Eine Teilnehmerin setzte sich daraufhin in den Raum einer anderen. Im anschließenden Gespräch sagte die Frau, deren Platz okkupiert wurde, dass sie zunächst erschrocken war, sich dann aber gesagt habe, dass sie ja den Platz in sich trage und daher auf die äußere Verortung nicht angewiesen sei. Abb. 2: Grenzen 24 1 | 2014 Susanne Bender Besonders Frauen erfahren sehr viel Einmischung in ihre Lebensgestaltung. Eine Frau, die bis zum Alter von 30 Jahren noch nicht verheiratet ist, wird von ihrer Familie und Freunden ständig gefragt, wann sie denn heirate. Ist sie über 30 Jahre, verheiratet und noch kinderlos, wird das Drängen auf das Kinderkriegen erweitert. Eine 45-jährige Frau, die sich mühsam aus der Ehe mit einem demütigenden, gewalttätigen Mann gelöst hatte und ein eigenes Leben aufbaute, wurde von ihrer Familie angehalten, wieder zum Mann zurückzugehen, da sie ja in ihrem Alter keinen Mann mehr finden werde. Die positive Seite der geringeren Grenzsetzung ist die schnelle Körperlichkeit, die mich überrascht hat. Die TeilnehmerInnen waren sehr schnell körperlich sehr nah. In den Pausen lag jemand auf dem Schoß oder im Arm von jemand anderem. Auf mein Nachfragen stellte sich heraus, dass sie nicht befreundet waren, sondern sich erst im Kurs kennengelernt hatten. Ein besonderes Problem der Grenzverletzung ist der Handy-, Video- und Diktafongebrauch. Handys werden dafür eingesetzt, mitten in einer Übung Fotos zu machen. Die Diktafone werden an den Rand des Raumes gelegt, ohne dass jemand um Erlaubnis gefragt wurde. Meine chinesische Partnerin nimmt alle Seminarinhalte auf Video auf. Auch dies wurde von den Studenten nicht weiter thematisiert. So glaubte ich mich in einer anderen Kultur des Datenschutzes, bis es in einer Gruppe eskalierte (weil jemand Seminarinhalte im chinesischen Facebook veröffentlicht hatte). Erst danach stellte sich heraus, dass es die TeilnehmerInnen doch störte. Es wurde eine aufwendige Datenschutzvereinbarung getroffen, und wir nahmen in die allgemeinen Regeln ein Handyverbot mit auf. Autorität Die Ausbilderin gilt als Autorität, sodass es für die StudentInnen selbstverständlich ist, nicht den Namen der Ausbilderin zu sagen, sondern sie mit „Lehrerin“ anzusprechen. Autoritäten in China geben Anweisungen, was ein Mensch zu tun oder zu lassen hat. Dies erwarten die StudentInnen auch von der Ausbilderin. Der therapeutische Ansatz der Unterstützung zur Selbstfindung von Lösungen ist für Chinesen revolutionär und zunächst sehr befremdlich. Auch der Ansatz der Selbstexploration in einem Seminar ist für sie neu. Sie kennen sonst nur Klassen, wo sie still sitzen und vorne eine Person doziert. Es ist aber durchaus so, dass Autoritäten hinterfragt werden. In den neuen Medien wird die Politik diskutiert und kritisiert. Die Autorität wird aber nie direkt darauf angesprochen. So wird meine chinesische Partnerin mit allem belangt, was das Training anbetrifft. Es ist mir in der ganzen Zeit nicht gelungen, die StudentInnen dazu zu bewegen, Belange der Unterrichtsinhalte mit mir direkt anzusprechen. Bei jedem Abschluss bekomme ich intensive Umarmungen (es darf niemand ausgelassen werden) und von vielen eine leises „I love you“ ins Ohr geflüstert. Bewegungsanalyse Besonders gespannt war ich auf die Unterrichtung der Laban-Bewegungsanalyse und des Kestenberg Movement Profiles (Bender 2010). Dies sind Theorien, die in einer westlichen Kultur entstanden sind. Es konnte gut sein, dass diese nicht auf eine asiatische Kultur zu übertragen sind. Nach einigen Kursen in Bewegungsanalyse kann ich sagen, dass es den Chinesen sogar sehr leicht fällt, sich in diese Theorien einzufinden. Die Aufteilung der Bewegungsqualitäten in nachgebend-erspürend-weibliche und kämpferisch-männliche Anteile findet bei ihnen eine Resonanz in der alten chinesischen Tradition des Yin und Yang. Auch die Assoziationen zu den einzelnen Elementen der Kategorien unterschieden sich kaum zu den westlichen. Besonders beeindruckt haben mich die Studenten im Erlernen der Labanotation (die Tanztherapie in China 1 | 2014 25 Kurzschrift der Bewegungsanalyse). Sie waren bereits im ersten Seminar in der Lage, eine Person zu beobachten und dies mit der Labanotation zu dokumentieren. Authentische Bewegung In die tanztherapeutische Methode der Authentischen Bewegung (Bender / Fiedler 2013) fanden sich die chinesischen Studenten viel schneller ein, als ich es von europäischen Studenten kenne. Sie sind bereit, in tiefe und oft auch sehr schmerzhafte Prozesse einzusteigen, und haben gleichzeitig die Gabe, aus diesen Prozessen wieder schnell auszusteigen, um z. B. abends an der Arbeitsgruppe teilzunehmen. Besonders berührt hat mich das Thema Eltern. Da 80 % der TeilnehmerInnen zeitweilig oder ständig in der Kindheit von ihren Eltern getrennt waren, dachte ich zunächst, dass es vielleicht ein Gesellschaftsmodell ist, dass die Eltern übersprungen werden und die Kinder hauptsächlich bei den Großeltern aufwachsen und zu diesen eine enge Bindung aufbauen. Die Erfahrungen in der Authentischen Bewegung lassen mich daran zweifeln. Viele TeilnehmerInnen kamen zu mir oder ihrer ZeugIn, um bitterlich zu weinen. Besonders angerührt hat mich einmal ein jämmerliches, leises, suchendes „Mama“, was von einer Studentin kam. Eine Teilnehmerin verbrachte viel Zeit damit, meine Hände zu explorieren. Zum Abschluss küsste sie meine Hände und bewegte sich weiter. Am Ende des Tages kam sie zu mir und meinte, so hätte sie ihre Mutter noch nie geküsst. Dies hat mich so angerührt, dass ich sie spontan auf die Wange küsste, woraufhin sie meinte: „Und so hat meine Mutter mich noch nie geküsst.“ Spiegeln Das Spiegeln, d. h. das Aufgreifen der Bewegung eines anderen, ist etwas, was vielen Chinesen schwerfällt. Sie sind meist nicht bereit, die Bewegung genau nachzumachen, sondern verändern sie so, dass von der ursprünglichen Bewegung nicht mehr viel übrig bleibt. Auch das Einstimmen auf die Befindlichkeit eines anderen Menschen in einem ähnlichen Spannungsfluss oder Rhythmus (Bender 2010) fällt ihnen sehr schwer. Ist ein Mensch sehr verzweifelt, neigen sie dazu, ihn in einem Stopprhythmus (schnelles, leichtes Klopfen) zum Aufhören zu bewegen. Ein Student sollte eine Studentin bei ihrer Bewegung begleiten. Er stand regungslos da, egal wie sehr die Frau versuchte, ihn zu involvieren. Es wirkte wie das Kind, das den Vater zum Spielen animieren möchte, und dieser reagiert überhaupt nicht. In der anschließenden Gesprächsrunde meinte er dann verzweifelt, er habe nicht gewusst, was er machen soll. Auch er ist früh von seinen Eltern getrennt worden. Es scheint so, als ob die frühen Trennungen zu einer Verkümmerung der Spiegelungsfähigkeit führen. Interessant wäre zu untersuchen, ob dies auch für die Spiegelneuronen gilt. Ausblick Im April 2013 haben die ersten 17 StudentInnen ihre Prüfungen bestanden, im Oktober waren es weitere 14. Sie vervollständigen ihr tanztherapeutisches Praktikum in den verschiedensten Einrichtungen. So muss eine Studentin in einer psychiatrischen Klinik mit einer Tänzerin erörtern, was Tanztherapie ist. Ein Schulsozialarbeiter arbeitet tanztherapeutisch mit verhaltensauffälligen Kindern und deren Eltern. Nach der bestandenen Prüfung müssen alle noch ihre Abschlussarbeit schreiben. Dies ist 26 1 | 2014 Susanne Bender für viele eine besondere Herausforderung, da sie neben dem Verfassen einer wissenschaftlichen Arbeit auch noch jemanden finden müssen, der die Arbeit ins Englische übersetzen kann, damit ich sie korrigieren und absegnen kann. Meine Vision ist, dass die ersten StudentInnen, die die Ausbildung nach BTD-Standards abgeschlossen haben, den chinesischen Tanztherapieverband gründen und zukünftig initiieren, wie die Tanztherapie in ihr Gesundheits- und Gesellschaftssystem integriert werden kann. Literatur Bender, S. (2010): Die psychophysische Bedeutung der Bewegung-- Ein Handbuch der Laban Bewegungsanalyse und des Kestenberg Movement Profiles. Logos, Stuttgart Bender, S., Fiedler I. (2013): Authentische Bewegung-- Die Suche nach dem Selbst. Teil 1: Die Methode. körper-- tanz-- bewegung 1 (1), 29-35 Bender, S., Fiedler I. (2013): Authentische Bewegung-- Die Suche nach dem Selbst. Teil 2: Die Prinzipien. körper-- tanz-- bewegung 1 (2), 74-79 Chen, J., Dunne, M. P., Han, P. (2004): Child sexual abuse in China: a study of adolescents in four provinces. Child Abuse & Neglect, 28 (11), 1171-1186 Deutsch-Chinesische Akademie für Psychotherapie (2013): Zur Gründungsgeschichte der Akademie. In: www.dcap.de/ geschichte2.php, 11.02.2013 Geo (2011): Das China des Mao Zedong, 1893-1976. Geo Epoche 51 Haag, A. (2012): Psychoanalyse in China? Da habe ich meine Zweifel. Psychologie Heute 39 (4), 12 World Health Organization, (2013): Suicide rates per 100,000 by country, year and sex. In: www.who. int/ mental_health/ prevention/ suicide_rates/ en/ index.html, 11.02.2013 Die Autorin Susanne Bender Tanztherapeutin, M. A., Ausbilderin, Lehrtherapeutin, Supervisorin BTD, ECP, Heilpraktikerin für Psychotherapie, Sonderpädagogin, Paar- und Familientherapeutin, leitet seit fast 30 Jahren das EZETT- HERA, Europäisches Zentrum für Tanztherapie, ist Direktorin des Deutsch-Chinesischen Tanztherapieprogramms PDTT in Peking und zurzeit 1. Vorsitzende des BTD. ✉ Susanne Bender Geyerspergerstr. 25 | D-80689 München www.tanztherapie-zentrum.eu