eJournals körper tanz bewegung2/1

körper tanz bewegung
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2195-4909
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/ktb2014.art07d
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Medien & Materialien: Hubertus Deimel (Hrsg.): Facetten der Bewegungs- und Sporttherapie in Psychiatrie, Psychosomatik und Suchtbehandlung

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2014
Benajir Wolf
Angesichts der stetigen Zunahme psychischer Erkrankungen in Zeiten intensiven gesellschaftlichen Wandels ist dieses Buch hochaktuell.
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38 körper - tanz - bewegung 2. Jg., S. 38-39 (2014) © Ernst Reinhardt Verlag Medien & Materialien Hubertus Deimel (Hrsg.): Facetten der Bewegungs- und Sporttherapie in Psychiatrie, Psychosomatik und Suchtbehandlung Academia Verlag, 2012, 269 Seiten, 24,50 € (D) Angesichts der stetigen Zunahme psychischer Erkrankungen in Zeiten intensiven gesellschaftlichen Wandels ist dieses Buch hochaktuell. Die Bewegungs- und Sporttherapie umfasst in der klinischen Praxis einen breiten Fächer von Methoden, welche die Wechselwirkung von Körper und Psyche nutzen. Einige stellen dabei den Körper in den Vordergrund (Sporttherapien), andere die Psyche (Bewegungs- und Körperpsychotherapie). Gerade letztere waren im akademischen Diskurs und in der akademischen Lehre bisher wenig präsent. Die berufs- und gesundheitspolitische Grauzone und die damit verbundene Anerkennungsproblematik dieser Therapien erfahren jetzt mit universitären Studiengängen, Kongressen und Veröffentlichungen wie diesem Tagungsband einen wichtigen Impuls. Hedda Lausberg umreißt einleitend das zentrale Problem dieses Therapiefeldes: die schwierige Stellung der Bewegungs- und Sporttherapie, sowohl was ihren Effizienznachweis als auch was ihren Rang in den Behandlungsleitlinien für Kliniken angeht. Dass die Körperarbeit als „adjuvantes“ Verfahren in der 2. Reihe der klinischen Behandlungsmethoden steht, hat viele Gründe. Dieser Sammelband konzentriert sich auf das Problem der Evidenzbasierung therapeutischer Verfahren. Eckel, Niggehoff, Stürmer und Deimel entwerfen Leitlinien und Module, um der Forderung der Kostenträger nach Vereinheitlichung gerecht zu werden. Gerd Hölter stellt die wichtige, kritische Frage, ob die Vorgaben zur Evidenzbasierung angesichts der erlebensorientierten Behandlungspraxis überhaupt angemessen sind. Hier wird deutlich, dass dem Buch eine Tagung zugrunde liegt, die- - wie so oft-- das Feld zunächst nur aus verschiedenen Perspektiven beleuchten kann, und macht Lust auf eine weiterführende Diskussion des größeren Ganzen unseres Berufsfeldes: Dient die Randomisierung in der Bewegungstherapie wirklich dem psychisch erkrankten Patienten, oder folgt sie nur gesundheitspolitischen Zwängen? Denn die Gefahr, dass sich die Sport- und Bewegungstherapien ebenso wie die verbalen Psychotherapien zunehmend auf manualisierbare Verhaltensänderung konzentrieren und den Körper als Via Regia zum Unbewussten und Träger des Leibgedächtnisses „vergessen“, ist groß. Die berufspolitische Grauzone, in der sich die Bewegungstherapien befinden, ist ein weiterer wichtiger Teil der Anerkennungsproblematik. Dieser Aspekt wurde zwar von den Autoren nicht diskutiert, die Verunsicherung, wer sich Psychotherapeut nennen darf, wird aber in den verwendeten Begrifflichkeiten deutlich. Der Titel des Buches ist eindeutig: Es geht um die Wechselwirkung von Körper und erkrankter Psyche. Die Autoren vermeiden jedoch fast gezielt den Begriff Psychotherapie und weisen damit implizit auf die unklare gesetzliche Lage der Verfahren und ihrer Therapeuten hin. Die weiteren Beiträge im Sammelband zeigen das enorme Potential der Bewegungs- und Sporttherapie auf: Studien im klinischen Setting (Beiträge von Alexandridis, Thimme / Deimel, Norra) belegen den hohen Stellenwert des Körpers in der Behandlung psychischer Erkrankungen. Praxisbeiträge mit Fallberichten und zum Teil konkreten Interventionsangeboten bei verschiedenen Indikationen (Eberhard-Kächele, Waidelich, Beckmann-Neuhaus) machen dieses Buch für praktisch arbeitende Therapeuten ebenso interessant wie für Wissenschaftler. Dr. Benajir Wolf DOI 10.2378 / ktb2014.art07d