körper tanz bewegung
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2195-4909
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/ktb2014.art11d
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Wirksamkeit von bewegungs- und tanztherapeutischen Verfahren bei somatoformen Störungen mit Fokus Schmerz
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Vera C. Schewe
Heike Schwiertz
Dieser Artikel berichtet metaanalytische Ergebnisse über Effekte von Bewegungs- und Tanztherapie bei Menschen mit somatoformen Störungen. Genauer untersucht wurden die Auswirkungen der Interventionen auf das psychische und physische Wohlbefinden und auf Schmerz. Die Literatursuche erfolgte in PsycINFO, PSYNDEX, Medline, SPOLIT, SPOFOR, SPOMEDIA und Google Scholar. Die Metaanalyse integriert fünf Studien, davon zwei Studien mit Prä-Post-Design und drei Studien mit Prä-Post-Kontroll-Design. Die Interventionen verbesserten die physische Gesundheit, die psychische Gesundheit und den Schmerz signifikant.
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64 körper - tanz - bewegung 2. Jg., S. 64-72 (2014) DOI 10.2378 / ktb2014.art11d © Ernst Reinhardt Verlag Fachbeitrag Wirksamkeit von bewegungs- und tanztherapeutischen Verfahren bei somatoformen Störungen mit Fokus Schmerz Eine metaanalytische Integration Vera C. Schewe, Heike Schwiertz Dieser Artikel berichtet metaanalytische Ergebnisse über Effekte von Bewegungs- und Tanztherapie bei Menschen mit somatoformen Störungen. Genauer untersucht wurden die Auswirkungen der Interventionen auf das psychische und physische Wohlbefinden und auf Schmerz. Die Literatursuche erfolgte in PsycINFO, PSYNDEX, Medline, SPOLIT, SPOFOR, SPOMEDIA und Google Scholar. Die Metaanalyse integriert fünf Studien, davon zwei Studien mit Prä-Post-Design und drei Studien mit Prä-Post-Kontroll-Design. Die Interventionen verbesserten die physische Gesundheit, die psychische Gesundheit und den Schmerz signifikant. Schlüsselbegriffe Metaanalyse, somatoforme Störung, Schmerz, Tanz, körperorientierte Psychotherapie, Tanztherapie, Bewegungstherapie, Bewegungsausdruck Effectiveness of dance and movement interventions in decreasing pain and other symptoms of medically unexplained symptoms This article provides meta-analytic results of movement and dance therapy methods for patients with medically unexplained symptoms. The authors focused on effects on psychological and physical well-being and pain. The data search was carried out in PsycINFO, PSYNDEX, Medline, SPOLIT, SPOFOR, SPOMEDIA and Google Scholar. The meta-analysis included five studies, two with a pre-post-design and three with a pre-post-controldesign. The dance and movement therapy interventions significantly improved physical health, psychological health and pain. Key words meta-analysis, somatoform disorders, pain, dance, body-oriented psychotherapy, dance therapy,movement therapy, expressive movement 2 | 2014 65 Wirksamkeit bei somatoformen Störungen Bewegungs- und Tanztherapie In der Anwendung von bewegungstherapeutischen Verfahren in der Rehabilitation und Therapie bei psychischen und psychosomatischen Erkrankungen lassen sich zwei theoretische Pole identifizieren: Einerseits fallen „bewegte“ Interventionen in den Bereich physischen Trainings (mit messbaren Ergebnissen), auf der anderen Seite finden sich eher (körper-)psychotherapeutisch zu verortende Angebote. Zur Tanztherapie gibt es von Institutionen wie der American Dance Therapy Association und in der Fachliteratur unterschiedliche Definitionen. Der gemeinsame Kern dieser Definitionen ist die Nutzung von Bewegung und Bewegungsausdruck zur Herstellung einer ganzheitlichen Psyche-Soma-Einheit. Hölter (2011) stellt jedoch heraus, dass nur wenige der methodischen Aspekte tatsächlich verfahrensspezifisch sind, sondern auch in vielen anderen bewegungstherapeutischen Zugängen verwendet werden. Die Rückbesinnung auf die Mehrperspektivität des Bewegungsbegriffs und die damit einhergehenden Chancen und nachgewiesenen Wirkungen in physiologischer und psychologischer Hinsicht könnten für die Etablierung von Tanz- oder Bewegungstherapie als eigenständige Therapieformen nützlich sein. Auch die im anglo-amerikanischen Sprachraum vertretene Dance / Movement Therapy ist nicht als einheitliches Konstrukt zu verstehen; hier gibt es ebenfalls verschiedene Strömungen und strukturelle Unterschiede zu verzeichnen. Diese entwickelten sich durch die Schwerpunktsetzungen der Pionierinnen der ersten und zweiten Generation wie Marian Chace, Trudi Schoop, Mary Whitehouse, Lilian Espenak oder Elaine V. Siegel. Während die erste Generation in der Regel aus dem Tanz an sich, aus Körperarbeit und Gymnastik, also aus der Bewegung heraus Ansätze für die Arbeit mit psychisch erkrankten Menschen entwickelte, verband die zweite Generation Psychotherapie und tiefenpsychologische Erkenntnisse mit Körperarbeit. Hieraus ergeben sich bis heute unterschiedliche Traditionen, jeweils mit dem entsprechenden Verständnis, wie auch unterschiedliche Beiträge in dieser Zeitschrift aufzeigen (Geuter 2013; Hölter 2014). Für die vorliegende Metaanalyse wurden im Sinne der Vergleichbarkeit nur solche Studien ausgewählt und integriert, die Bewegung und Bewegungsausdruck nach dem oben genannten Kernverständnis anwenden und dementsprechend in den verwendeten Datenbanken verschlagwortet waren. Somatoforme Störungen Zu somatoformen Störungen werden körperliche Symptome gezählt, die sich trotz mehrfacher ärztlicher Untersuchung nicht körperlich begründen lassen oder deren Ausprägung die Schwere des Leidens des Patienten nicht erklären (Dilling 2008). Somatoforme Störungen wurden unter diesem Begriff seit 1980 in das Diagnostiksystem DSM-III (heute DSM-V) aufgenommen und mit der Ausgabe 10 im Jahre 1992 auch in die International Classification of Diseases (ICD) übernommen. Seitdem lässt sich eine erhöhte Forschungsaktivität und Publikationsdichte feststellen (Morschitzky 2007). Unterschiede in der Bezeichnung und im Inhalt zwischen diesen beiden Klassifikationssystemen erschweren die Diagnosestellung. In der fachlichen Diskussion besteht Kritik an der stigmatisierenden Wirkung der Bezeichnung „somatoforme Störung“, der fehlenden gesellschaftlichen Anerkennung, der uneinheitlichen Klassifizierung ähnlicher Krankheitsbilder (Hausteiner-Wiehle / Henningsen 2012) und der fehlenden Berücksichtigung neurobiologischer Erkenntnisse (Morschitzky 2007). Um Aussagen über somatoforme Störungen zu treffen, ist es also nicht sinnvoll, sich lediglich auf die aktuell so klassifizierten Krankheitsbil- 66 2 | 2014 Schewe, Schwiertz der zu beschränken. Im Hinblick auf das Symptom Schmerz wird das Verständnis somatoformer Störungen deshalb in dieser Arbeit um drei Krankheitsbilder erweitert. In Anlehnung an Fauchère (2008) sind dies unspezifische Lumbalgie, Fibromyalgie und Chronisches Fatigue-Syndrom. Das Auftreten schwerwiegender emotionaler oder psychosozialer Probleme bei der Lumbalgie und der Fibromyalgie und die Mindestdauer von sechs Monaten beim Chronischen Fatigue-Syndrom sind Randbedingungen, mit denen alle Kriterien einer somatoformen Erkrankung erfüllt sind (Fauchère 2008). Methodologie und Ergebnisse der Metaanalyse Im Rahmen evidenzbasierten Handelns hat sich in der Wissenschaft die Methode der Metaanalyse für die Integration von Studienergebnissen etabliert. Hölter (2011) zeigt auf, dass eine Evidenzbasierung, wie sie sich in der Medizin durchgesetzt hat, bei psychotherapeutischen Verfahren nicht sinnvoll ist. Metaanalysen von ausschließlich randomisierten, kontrollierten Studien könne es nicht geben, da beispielsweise Doppelblindstudien in einer Bewegungstherapie undenkbar seien (Möller et al. 2008 zit. nach Hölter 2011). Empfohlen wird deshalb eine evidenzbasierte Praxis in Abgrenzung zur evidenzbasierten Medizin, wobei auch qualitative Erkenntnisse mit einbezogen werden. Als höchste Evidenzstufe nennt Hölter (2011) in einer beispielhaften Evidenzabstufung eine Metaanalyse von Einzelfallstudien und nicht randomisierten Studien. Die vorliegende Metaanalyse bietet den quantitativen Anteil der Evidenzbasierung, welcher in einem weiteren Schritt mit qualitativen Erkenntnissen abgeglichen werden muss. Quellen Für die Literatursuche wurde mit den Datenbanken PsycINFO, PSYNDEX, Medline, SPOLIT, SPOFOR und SPOMEDIA und dem wissenschaftlichen Suchdienst Google Scholar gearbeitet. Der Stand der Suche ist der 1. Februar 2013. Es wurden nur veröffentlichte Studien einbezogen. Für die Metaanalyse wählten wir aus den Suchergebnissen Artikel aus, die folgenden Selektionskriterien entsprachen: Die untersuchte Population musste aus Personen bestehen, die unter somatoformen Störungen nach der Definition in ICD-10 F45 oder an Fibromyalgie, unspezifischer Lumbalgie mit schweren emotionalen oder psychosozialen Problemen oder am Chronischen Fatigue-Syndrom mit einer Dauer von mindestens sechs Monaten litten. Bei den Interventionen musste es sich um körperpsychotherapeutisch ausgerichtete Tanz- oder Bewegungstherapie handeln (bei drei von fünf Studien tiefenpsychologisch ausgerichtet). Die Studien durften verschiedene abhängige Variablen aufweisen, die physischem oder psychischem Wohlbefinden oder Schmerz zuzuordnen waren. Studien, die mehrere abhängige Variablen aufführten, wurden in unterschiedliche Subanalysen aufgenommen, sind aber innerhalb einer Subanalyse nur mit einer Effektstärke vertreten. Alle statistischen Maße mussten in Cohens d Effektstärken transformierbar sein. Ausgeschlossen waren somit qualitative Studien. Es waren Prä-Post-Designs und Kontrollgruppen-Designs zulässig. Der Einbezug methodisch schwächerer Studien wird oft sehr kritisch gesehen. Komassa et al. (2008) verweisen in einer Debatte zu diesem Thema darauf, dass die Cochrane-Arbeitsgruppe ebenfalls die Integration methodisch schwächerer Studien befürwortet. Dadurch gehen keine Informationen verloren, im Gegenzug wird aber die Gefahr von Inkonsistenz erhöht. In dem Beitrag wird deshalb die zusätzliche Betrachtung narrativer Reviews empfohlen. Dies deckt sich mit der Vorgehensweise der evidenzbasierten Praxis. Aus etwa 60 identifizierten Studien, die näher untersucht wurden, erfüllten fünf Studien 2 | 2014 67 Wirksamkeit bei somatoformen Störungen alle Selektionskriterien. Die abhängigen Variablen dieser fünf Studien wurden den drei Analyseclustern Schmerz, physische Gesundheit und psychische Gesundheit zugeordnet, die dann jeweils einzeln ausgewertet wurden. Die aufgenommenen Studien mit Angaben sind in Tabelle 1 zu sehen. Tab. 1: Studienübersicht Autor Jahr Teilnehmer Therapieart Forschungsdesign Ergebnisse b Baptista et al. 2009 je 40 Teilnehmerinnen mit Fibromyalgie. Alter a : 49.3 ± 11.2 (18-65) Frauenanteil: 100 % Bauchtanz: Erlernen vorgegebener Choreographien. Dauer: 16 Wochen, 2x wöchentlich Prä-Post- Kontroll-Design mit Wartelistenkontrollgruppe d Schmerz = 1.26 d phys = 0.36 d psych = 0.12 Blázquez 2010 7 Teilnehmerinnen mit Chronischem Fatigue- Syndrom. Alter: 35-55 Frauenanteil: 100 % Tanz und Bewegungstherapie zu spezifischen Themen. Dauer: 4 Monate, 1x wöchentlich Prä-Post-Design d Schmerz = - d phys = 0.42 d psych = 0.52 Carbonell- Baeza et al. 2010 27 und 32 Teilnehmerinnen mit Fibromyalgie. Alter: 54.2 ± 6.2 (I) 51.4 ± 7.4 (K) Frauenanteil: 100 % Biodanza: Teil der integrativen Tanztherapie; langsame Übungen geringerer Intensität mit Elementen aus Musik, Bewegung und Gefühlsbewegung. Dauer: 12 Wochen, 1x wöchentlich Prä-Post- Kontroll-Design mit Wartelistenkontrollgruppe d Schmerz = 0.40 d phys = 0.31 d psych = 0.22 Nickel et al. 2006 je 64Teilnehmer mit Somatoformen Störungen mit Komorbidität zu Depression, Angst und Substanzmissbrauch. Alter: 48.3 ± 7.1 (I) 49.4 ± 7.5 (K) Frauenanteil: 69 % Bioenergetische Übungen nach Alexander Lowen: Unter anderem wird zu Ausdrucksbewegungen ermutigt. Dauer: 6 Wochen, 2x wöchentlich Prä-Post- Kontroll-Design mit Gymnastikübungen in der Kontrollgruppe d Schmerz = - d phys = - d psych = 1.04 Payne / Stott 2010 17 Teilnehmer mit Somatoformen Störungen mit Angst und Depression. Alter: 48 Median (21-81) Frauenanteil: 88 % Bodymind Approach: entstammt der Tanz- und Bewegungstherapie: natürliche Gesten und Posen der Körpersprache, psychotherapeutische Gespräche. Dauer: 12 Wochen, 1x wöchentlich Prä-Post-Design d Schmerz = - d phys = 0.68 d psych = 0.69 a Die Angaben verstehen sich in Jahren als Mittelwert ± Standardabweichung oder als Spannbreite. Bei der letzten Studie ist der Median angegeben. I: Interventionsgruppe, K: Kontrollgruppe b Die Ergebnisse werden in Cohens d Effektstärken angegeben. Die in den Studien berichteten Werte wurden in die Gruppen Schmerz, physische Gesundheit und psychische Gesundheit eingeteilt. 68 2 | 2014 Schewe, Schwiertz Statistische Bearbeitung Die Studien von Payne und Stott (2010) und Blázquez et al. (2010) verwendeten ein Prä- Post-Studiendesign mit der Angabe von Mittelwerten und Standardabweichungen und sind wegen ihrer Stichprobengröße eher als Pilotstudien einzuschätzen. Die restlichen drei Studien hatten ein Prä-Post-Kontroll-Design. Diese Effektstärkenberechnung ist besonders konservativ, da sie sowohl den Unterschied zur Kontrollgruppe, als auch Unterschiede zwischen beiden Gruppen, die schon vor der Intervention vorhanden waren, berücksichtigt (Morris 2008). Um die Vergleichbarkeit und Kombinierbarkeit der Daten zu gewährleisten, galt für die Polung der Werte die Konvention, dass positive Effektstärken Verbesserungen darstellen müssen. Da aus jeder Studie für eine Metaanalyse nur ein Effektstärkenwert aufgenommen werden durfte, wurden in jeder Studie alle Effektstärken eines Bereiches arithmetisch gemittelt (Lipsey / Wilson 2001). Zur Durchführung der Metaanalyse selbst, also der Bestimmung einer mittleren, um Stichprobeneffekte korrigierten Effektstärke d, folgten wir den psychometrischen Prozeduren nach Hunter und Schmidt (2004). Die von ihnen beschriebenen Formeln sind in der PC-Anwendung Meta-Analysis Program von Schmidt und Le (2005) umgesetzt. Zur Interpretation der Ergebnisse nahmen wir die Konventionen der psychometrischen Metaanalyse als Vorlage. Berichtet werden die berechnete mittlere Effektstärke (Mean d), die Standardabweichung (SD) der Effektstärken, die Anzahl der Primärstudien (k), die in eine Analyse eingegangen sind, die Gesamtstichprobe (N), das Kredibilitätsintervall (CRI), das Konfidenzintervall (CI) und der Anteil der durch Artefakte erklärten Varianz an der Gesamtvarianz zwischen den Studien (% VE). Das Kredibilitätsintervall gibt Aufschluss über die Homogenität der integrierten Studien, denn die Enge des Intervalls zeigt an, inwieweit die Studien der gleichen Grundgesamtheit entstammen. Das Konfidenzintervall zeigt die Exaktheit des Stichprobenmittelwerts. Der Prozentanteil der erklärten Varianz an der Gesamtvarianz ist ein weiteres Maß für die Homogenität der Studien. Je höher dieser Wert, desto weniger unerklärte Varianz besteht zwischen den Studien einer Metaanalyse. Mit Werten ab 75 % werden die integrierten Studien als sehr homogen bezeichnet (Hunter / Schmidt 2004). Die detaillierte Beschreibung der Recherche inklusive der Suchpfade und einzelner Ergebnisse, einer thematischen Literaturübersicht und einer genauen Beschreibung der integrierten Studien sowie der Berechnung kann bei den Autorinnen angefordert werden. Ergebnisse Die Auswertung zeigt einen positiven Effekt von Tanz- oder Bewegungstherapie bei Menschen mit somatoformen Störungen in den Bereichen physischer und psychischer Gesundheit und Schmerz. Tabelle 2 zeigt die Effektstärken der einzelnen Studien, die in die Metaanalyse einbezogen wurden. Diese bestehen aus dem Mittelwert aller berichteten abhängigen Variablen, die den einzelnen Bereichen jeder integrierten Studie entnommen sind. Bereits in der Auflistung dieser Werte werden einige Punkte deutlich: Alle Effektstärken liegen im positiven Bereich und zeigen somit durchweg Verbesserungen. Die Größenordnungen reichen von kleinen Effekten bis zu sehr großen Effekten. Nach Cohen (1992) werden Effektstärken in drei Größenordnungen eingeteilt. Demzufolge werden Effektgrößen als klein bezeichnet, wenn sie kleiner oder gleich 0.20 liegen, als mittel bei einem Wert von 0.50 und als groß bei größer oder gleich 0.80. Die meisten Effektstärken aus Primärstudien liegen zwischen 0.2 und 0.5, also im kleinen bis mittleren Bereich. Die teils großen Ergebnisse in der folgenden Tabelle 3 hängen 2 | 2014 69 Wirksamkeit bei somatoformen Störungen damit zusammen, dass Studien mit größerer Teilnehmerzahl mehr Gewicht bekommen. So geht beispielsweise der große, auf psychische Variablen bezogene Wert der Studie von Nickel et al. (2006) mit stärkstem Gewicht ein, andererseits aber der sehr kleine Wert der Studie von Baptista et al. (2009), ebenfalls mit großem Gewicht. Die zentralen Ergebnisse der Metaanalyse werden in Tabelle 3 dargestellt. Die Wirksamkeit von Bewegungs- und Tanztherapien kann nach Cohen (1992) bezüglich der physischen Gesundheit als klein bis mittel, die der psychischen Gesundheit als mittel und die des Schmerzes als groß eingestuft werden. Es ist anzumerken, dass die Verbesserung der physischen Gesundheit am genauesten bestimmt werden kann, da hier die zugrundeliegenden Effektstärken homogen sind. Die Konfidenzintervalle bestätigen, dass die Effektstärken signifikant sind, dass die Nullhypothese also mit großer Sicherheit verworfen werden kann. Die 2,5 %-Konfidenzgrenze der physischen Gesundheit liegt mit 0.06 nur knapp über Null, es kann also bezüglich physischer Verbesserungen mit Gewissheit nur ein kleiner Effekt erwartet werden. Bei der psychischen Gesundheit und dem Symptom Schmerz zeigen diese Untergrenzen, dass mit einer Sicherheit von 95 % gute Effekte von 0.34 und 0.53 erwartet werden können. Tab. 2: Übersicht über die Primärstudienergebnisse Autor n d Schmerz d Physische Gesundheit d Psychische Gesundheit Baptista et al. 80 1.26 0.36 0.12 Blázquez et al. 7 - 0.42 0.52 Carbonell-Baeza et al. 59 0.40 0.31 0.22 Nickel et al. 128 - - 1.04 Payne / Stott 17 - 0.68 0.69 Anmerkung: n: Anzahl der TeilnehmerInnen, d Schmerz: mittlere Effektstärke aller in der Studie berichteten Messungen zum Schmerz, d Physische Gesundheit: mittlere Effektstärke aller in der Studie berichteten Messungen zur physischen Gesundheit, d Psychische Gesundheit: mittlere Effektstärke aller in der Studie berichteten Messungen zur psychischen Gesundheit. Tab. 3: Ergebnisse der Metaanalysen Mean d SD k N % VE 80 % CRI 95 % CI Physische Gesundheit 0.37 0 a 4 163 100 0.37 0.37 0.06 0.68 Psychische Gesundheit 0.58 0.32 5 291 41.5 0.17 0.99 0.34 0.82 Schmerz 0.89 0.34 2 139 45.0 0.45 1.32 0.53 1.24 Anmerkungen: Mean d: mittlere Effektstärke, SD: Standardabweichung, k: Anzahl Studien, N: Anzahl TeilnehmerInnen insgesamt, % VE: Anteil der erklärten Varianz, 80 % CRI: untere 10 %- und obere 90 %-Grenze des 80 % Kredibilitätsintervalls, 95 % CI: untere 2,5 %- und obere 97,5 %-Grenze des 95 % Konfidenzintervalls a Die Standardabweichung der mittleren Effektstärke beträgt 0.10, diese ist aber laut Ergebnis des Schmidt und Hunter Programmes auf Stichprobenfehler zurückzuführen, weshalb hier Null angegeben wird. 70 2 | 2014 Schewe, Schwiertz Diskussion Es ist zu beachten, dass eine Anzahl von fünf Studien für eine Metaanalyse als relativ gering gelten muss. Insbesondere bei der Subanalyse über die Veränderung des Schmerzes ist die Aussagekraft durch nur zwei Studien begrenzt. Auf der anderen Seite ist jedoch die Gesamtstichprobengröße mit 136 TeilnehmerInnen bei physischer Gesundheit, 291 bei psychischer Gesundheit und 139 bei Schmerz im Vergleich zur Betrachtung von Primärstudien in diesem Forschungsfeld beachtlich, und die guten mittleren Effektstärken behalten ihre Aussagekraft. Im Sinne der oben angesprochenen evidenzbasierten Praxis erscheint uns eine Metaanalyse trotz der geringen Studienanzahl sinnvoll, die Ergebnisse sollten aber mit qualitativen Studien und Expertenmeinungen abgeglichen werden. Kleinstäuber et al. (2011) berichten in ihrer Metaanalyse zur Wirksamkeit von Kurzzeitpsychotherapien bei somatoformen Störungen Effektstärken zwischen 0.11 und 0.70, wobei die meisten Werte ungefähr 0.3 betragen. Häuser et al. (2010) berichten in ihrer Metaanalyse zu aeroben Übungen bei Fibromyalgie Effektstärken zwischen 0.01 und 0.65, wobei wiederum die meisten Werte bei 0.3 liegen. Der höchste Wert bezieht sich hier auf die physische Fitness, was bei aeroben Trainingsprogrammen naheliegt. Durch diesen Vergleich wird deutlich, dass Tanz- oder Bewegungstherapien bei Menschen mit somatoformen Störungen mit Effektstärken von 0.37, 0.58 und 0.89 gleich große oder größere Effekte als andere Therapieansätze bewirken. Das Ergebnis deutet außerdem darauf hin, dass sich die Therapie vor allem positiv auf die psychische Gesundheit und den Schmerz auswirkt, bei der physischen Gesundheit sind andere Therapieverfahren effektiver. Im Unterschied zu dieser Arbeit sind die Gesamtstichproben bei Häuser et al. (2010) mit durchschnittlich 406 TeilnehmerInnen und bei Kleinstäuber et al. (2011) mit durchschnittlich 975 bedeutend größer. Hierin drückt sich sehr deutlich der Forschungsbedarf in der Bewegungs- und Tanztherapie sowie der körperorientierten Psychotherapie aus. Bezüglich der Qualität der Evaluationsforschung sind die vorliegenden Studienkonzepte heterogen. Drei der Studien haben ein Prä- Post-Kontroll-Design. Davon sind zwei der drei Kontrollgruppen nur Wartelisten-Kontrollgruppen. Bei Nickel et al. (2006) erhält die Kontrollgruppe eine Gymnastikstunde. Hier ist also ein guter Ansatz vorhanden, unspezifische Wirkfaktoren von der Messung auszuschließen. Zusammenfassend liefert diese Arbeit einen quantitativen Beitrag zum Wirksamkeitsnachweis von tanz-, bewegungstherapeutischen und körperorientierten Verfahren bei Menschen mit somatoformen Störungen. Inwieweit sich die integrierten Interventionen von anderen Therapieformen unterscheiden und wo sich die Studien im aktuellen Diskurs um Terminologie und inhaltliche Ausrichtung im Bereich Bewegungs- und Körperpsychotherapien wiederfinden (siehe Geuter 2013; Hölter 2014), bleibt zu diskutieren. Willke (2007) formuliert klar, dass es nicht nur an Wirksamkeitsnachweisen mangelt, sondern auch an Grundlagenforschung und einheitlicher Theoriebildung. Hierzu sollten folgende Aufgaben angegangen werden: die Professionalisierung von Bewegungs- und TanztherapeutInnen, Öffnung zu anderen Wissensbereichen, Entwicklung von angepassten Ansätzen für verschiedene Störungen, empirische Wirksamkeitsnachweise und die theoretische Ausarbeitung. Literatur Baptista, A. S., Villela, A. L., Jones, A., Natour, J. (2012): Effectiveness of dance in patients with fibromyalgia: a randomized, single-blind, controlled study. Clinical and Experimental Rheumatology 6, 18-23 2 | 2014 71 Wirksamkeit bei somatoformen Störungen Blázquez, A., Guillamó, E., Javierre, C. (2010): Preliminary experience with dance movement therapy in patients with chronic fatigue syndrome. The Arts in Psychotherapy 37 (4), 285-292, http: / / dx.doi.org/ 10.1016/ j.aip.2010.05.003 Carbonell-Baeza, A., Aparicio, V. A., Sjöström, M., Ruiz, J. R., Delgado-Fernández, M. (2011): Pain and functional capacity in female fibromyalgia patients. Pain Medicine 12 (11), 1667-1675, http: / / dx.doi. org/ 10.1111/ j.1526-4637.2011.01239.x Cohen, J. (1992): A power primer. Psychological Bulletin 112 (1), 155-159, http: / / dx.doi.org/ 10.1037/ 0033-2909.112.1.155 Dilling, H. (Hrsg.) (2008): Taschenführer zur ICD-10- Klassifikation psychischer Störungen. Mit Glossar und diagnostischen Kriterien ICD-10, DCR-10 und Referenztabellen ICD-10 vs. DSM-IV-TR. 4. Aufl. Huber, Bern Fauchère, P.-A. (2008): Somatoformer Schmerz. Die anhaltende somatoforme Schmerzstörung: Diagnostik, Klinik, Behandlung und Begutachtung. Huber, Bern Geuter, U. (2013): Körperpsychotherapie und Körpertherapie. Versuch einer Definition. körper - tanz - bewegung 1 (4), 161-168, http: / / dx.doi. org/ 10.2378/ ktb2013.art15d Häuser, W., Klose, P., Langhorst, J., Moradi, B., Steinbach, M., Schiltenwolf, M., Busch, A. (2010): Efficacy of different types of aerobic exercise in fibromyalgia syndrome: a systematic review and meta-analysis of randomised controlled trials. Arthritis Research & Therapy 12 (3), R79, http: / / dx.doi.org/ 10.1186/ ar3002 Hausteiner-Wiehle, C., Henningsen, P. (2012): Diskussion um Konzepte und Diagnostik somatoformer Störungen. Der Nervenarzt 83 (9), 1097-1105, http: / / dx.doi.org/ 10.1007/ s00115-011-3443-z Hölter, G. (2011): Bewegungstherapie bei psychischen Erkrankungen. Grundlagen und Anwendung. Deutscher Ärzte-Verlag, Köln Hölter, G. (2014): Körperpsychotherapie und Bewegungstherapie. Plädoyer für eine terminologische und inhaltliche Umzentrierung. körper - tanz - bewegung 2 (1), 27-33, http: / / dx.doi.org/ 10.2378/ ktb2014.art05d Hunter, J. E., Schmidt, F. L. (2004): Methods of metaanalysis. Correcting error and bias in research findings. 2. Aufl. Sage, Thousand Oaks, CA Kleinstäuber, M., Witthöft, M., Hiller, W. (2011): Efficacy of short-term psychotherapy for multiple medically unexplained physical symptoms: A meta-analysis. Clinical Psychology Review 31 (1), 146-160, http: / / dx.doi.org/ 10.1016/ j.cpr.2010.09.001 Komassa, K., Kissling, W., Leucht, S., Möller, H.-J. (2008): Therapieentscheidung aufgrund von Metaanalysen. Psychiatrische Praxis 35 (8), 373-375, http: / / dx.doi.org/ 10.1055/ s-2008-1067379 Lipsey, M. W., Wilson, D. B. (2001): Practical metaanalysis. Sage, Thousand Oaks, CA Morris, S. B. (2008): Estimating effect sizes from pretest-posttest-control group designs. Organizational Research Methods 11 (2), 364-386, http: / / dx.doi. org/ 10.1177/ 1094428106291059 Morschitzky, H. (2007): Somatoforme Störungen. Diagnostik, Konzepte und Therapie bei Körpersymptomen ohne Organbefund. 2. Aufl. Springer, Wien / New York Nickel, M., Cangoez, B., Bachler, E., Muehlbacher, M., Lojewski, N., Mueller-Rabdde, N., Mitterlehner, F. O. et al. (2006): Bioenergetic exercises in inpatient treatment of Turkish immigrants with chronic somatoform disorders: A randomized, controlled study. Journal of Psychosomatic Research 61 (4), 507-513, http: / / dx.doi.org/ 10.1016/ j.jpsychores.2006.01.004 Payne, H., Stott, D. (2010): Change in the moving bodymind: Quantitative results from a pilot study on the use of the BodyMind Approach (BMA) to psychotherapeutic group work with patients with medically unexplained symptoms (MUSs). Counselling and Psychotherapy Research 10 (4), 295-306, http: / / dx.doi.org/ 10.1080/ 14733140903551645 Schmidt, F. L., Le, H. (2005): Hunter-Schmidt Metaanalysis programs (Version 1.1). Erhältlich bei: frank-schmidt@uiowa.edu, flschmidt@mchsi.com, huy-le@uiowa.edu Siegel, E. V. (1991): Tanztherapie. Seelische und körperliche Entwicklung im Spiegel der Bewegung; ein psychoanalytisches Konzept. 3. Aufl. Klett-Cotta, Stuttgart Trautmann-Voigt, S. (2007): Tanztherapie. In: Marlock, G., Weiss, H. (Hrsg.): Handbuch der Körperpsychotherapie. Schattauer, Stuttgart, 885-896 Willke, E. (2007): Tanztherapie. Theoretische Kontexte und Grundlagen der Intervention. Huber, Bern 72 2 | 2014 Schewe, Schwiertz Die Autorinnen Vera Christine Schewe BA Rehabilitationspädagogik an der TU Dortmund mit dem Schwerpunkt Psychosoziale Rehabilitation, den Ergänzungsbereichen Musik und Bewegung und der Zusatzqualifikation Psychomotorik. ✉ Vera Christine Schewe vera.schewe@tu-dortmund.de Heike Schwiertz Dipl. RehaPäd., Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl Bewegungserziehung und Bewegungstherapie der rehawissenschaftlichen Fakultät der TU Dortmund, Tanzpädagogin (AfT), Tanz- und Bewegungstherapeutin Basic (zukunftswerkstatt). ✉ Heike Schwiertz TU Dortmund Fakultät Rehawissenschaften Emil-Figge-Str. 5 | D-44227 Dortmund heike.schwiertz@uni-dortmund.de
