körper tanz bewegung
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Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Aktuell aus der Forschung: Metaanalyse, Scoping Review und Cochrane Review zu Tanz- und Bewegungstherapie, Tanz und Körperpsychotherapie
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Iris Bräuninger
Die nachfolgenden Forschungsarbeiten repräsentieren drei Arten von Studien: Die Metaanalyse kalkuliert aus den Ergebnissen einzelner Studien eine Gesamtstatistik (Cochrane Library 2013). Das Scoping Review gilt als Vorstufe zum Systematischen Review und unterscheidet sich von ihm u.a. darin, dass es Forschungsfragen weit fasst, Ein- und Ausschlusskriterien im Nachhinein festlegt und Parameter und Lücken in der Literatur identifiziert (Armstrong et al. 2011). Beim Cochrane Review handelt es sich um ein Systematisches Review der Literaturanalyse, welches einem festgelegten Protokoll folgt und Ergebnisse kurz und prägnant darstellt, um die Suche nach relevanten Studienergebnissen zu erleichtern (Higgins/Green 2011).
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91 körper - tanz - bewegung 2. Jg., S. 91-93 (2014) © Ernst Reinhardt Verlag Aktuelles Aktuell aus der Forschung: Metaanalyse, Scoping Review und Cochrane Review zu Tanz- und Bewegungstherapie, Tanz und Körperpsychotherapie Iris Bräuninger D ie nachfolgenden Forschungsarbeiten repräsentieren drei Arten von Studien: Die Metaanalyse kalkuliert aus den Ergebnissen einzelner Studien eine Gesamtstatistik (Cochrane Library 2013). Das Scoping Review gilt als Vorstufe zum Systematischen Review und unterscheidet sich von ihm u. a. darin, dass es Forschungsfragen weit fasst, Ein- und Ausschlusskriterien im Nachhinein festlegt und Parameter und Lücken in der Literatur identifiziert (Armstrong et al. 2011). Beim Cochrane Review handelt es sich um ein Systematisches Review der Literaturanalyse, welches einem festgelegten Protokoll folgt und Ergebnisse kurz und prägnant darstellt, um die Suche nach relevanten Studienergebnissen zu erleichtern (Higgins / Green 2011). Metaanalyse zu Tanz- und Bewegungstherapie Die Metaanalyse von Koch et al. (2014) untersuchte die Wirksamkeit von Tanz- und Bewegungstherapie und Tanz auf gesundheitsbezogene psychische Probleme. In die Analyse gingen 23 Primärinterventionsstudien (n = 1078) ein, die mindestens ein Kontrollgruppendesign und Vor-, Nachheruntersuchungen aufwiesen und nach 1993 durchgeführt wurden. Gesundheitsbezogene Ergebnisse zu Lebensqualität, Körperbild, Wohlbefinden und klinische Ergebnisse zu Depression, Angst und interpersoneller Kompetenz wurden als Variablen analysiert. Die Ergebnisse legen nahe, dass sich Tanz- und Bewegungstherapie und Tanz positiv auf die Lebensqualität, das subjektive Wohlbefinden, die Stimmung, den Affekt und das Körperbild auswirken. Die Resultate deuten ferner darauf hin, dass sich Depression und Angst durch Tanz- und Bewegungstherapie und Tanz verringern. Die Ergebnisse zur interpersonellen Kompetenz lassen keine Schlussfolgerungen zu, da die Fallzahlen zu klein und die Ergebnisse aus den einbezogenen Studien zu heterogen waren. Scoping Review zu Tanz- und Bewegungstherapie Das Scoping Review zu Tanz- und Bewegungstherapie bei Depression berücksichtigte neun Studien, welche mindestens ein Einschlusskriterium erfüllten (publizierte oder nicht-publizierte Studie, (quasi-)experimentelles Design) und über die Effektivität von tanz- und bewegungstherapeutischen, künstlerisch-therapeutischen und tänzerischen Interventionen bei Depression berichteten (Mala et al. 2012). Von den Studien wiesen sechs ein randomisiertes Kontrollstudien-Design und drei ein experimentelles oder quasi-experimentelles Design auf. Die Ergebnisse des Scoping Reviews unterstützen die Annahme, dass Tanz- und Bewegungstherapie und verwandte Bereiche in der Behandlung von Depression wirksam sind. Die Autorinnen empfehlen die systematische Überprüfung der Literatur durch den Abschluss eines Cochrane Reviews zum Thema Tanz- und Bewegungstherapie bei Depression. Hierfür sollten auch quasi-experimentelle Studien berücksichtigt werden, da sich eine Randomisierung in der therapeutischen Arbeit oft als schwierig erweise. Cochrane Systematic Review zu Tanz- und Bewegungstherapie sowie Körperpsychotherapie Ziel der dritten Studie war, Tanztherapie mit einer Standard-Versorgung oder sonstigen Interventionen zu vergleichen. In ihrem systematischen 92 2 | 2014 Aktuelles Cochrane Review aktualisierten die Autoren Ren und Xia (2013) ein früheres Review von Xia und Grant (2009) zu Tanztherapie bei Schizophrenie. Da zwischenzeitlich keine neueren Studien zur Wirksamkeit von Tanztherapie bei Schizophrenie publiziert wurden, gingen die Ergebnisse der randomisierten Kontrollstudie von Röhricht und Priebe (2006) erneut in die Analyse des systematischen Reviews ein. Die Studie von Röhricht und Priebe verglich die Wirksamkeit von körperorientierter Psychotherapie und verwandten Ansätzen auf die Negativsymptomatik bei Schizophrenie mit Standardversorgung oder anderen psychosozialen Interventionen für Menschen mit Schizophrenie. Die Gruppen unterschieden sich nicht in Bezug auf Behandlungszufriedenheit, Bewertung der therapeutischen Beziehung, Lebensqualität und verschiedene psychopathologische Aspekte. Die Tanztherapie-TeilnehmerInnen wiesen jedoch signifikant geringere Negativsymptomatik nach der Behandlung auf als die Vergleichsgruppen. Basierend auf der überwiegend moderaten Datenqualität kommen Ren und Xia (2013) zu dem Fazit, dass aufgrund der kleinen Fallzahl keine Evidenz für oder gegen die Wirksamkeit der Tanztherapie bei Schizophrenie bestehe. Sie empfehlen weitere tanztherapeutische Wirksamkeitsforschung zu Schizophrenie, insbesondere bei Patienten mit Negativsymptomatik, die nicht gut auf antipsychotische Medikation ansprechen. Schlussfolgerung Die drei vorgestellten Studien machen auf Folgendes aufmerksam: 1. Eine Vielzahl der Primärstudien zu Tanz- und Bewegungstherapie, Tanz und Körperpsychotherapie weisen methodische Mängel auf, wodurch die Aussagekraft von im Grunde positiven Ergebnissen zur Wirksamkeit der Tanz- und Bewegungstherapie, Tanz und Körperpsychotherapie geschmälert wird. 2. Es besteht die dringende Notwendigkeit, das Design zukünftiger Studien am Gold-Standard der Wirksamkeitsforschung zu orientieren, d. h. die Methode, das Prozedere und die Messinstrumente an den besten zur Verfügung stehenden Möglichkeiten auszurichten, größere Fallzahlen anzustreben und die Interventionsgruppe mit einer Kontrollgruppe (nicht mit mehreren) zu vergleichen, die ebenfalls eine alternative Intervention erhält. Literatur Armstrong, R., Hall, B. J., Doyle, J., Waters, E. (2011): „Scoping the scope“ of a cochrane review. Journal of Public Health 33, 147-150, http: / / dx.doi.org/ 10.1093/ pubmed / fdr015 Cochrane Library (2013): About Cochrane systematic reviews and protocols. In: www.thecochranelibrary. com/ view/ 0/ AboutCochraneSystematicReviews. html, 4.1.2014 Higgins, J. P. T., Green, S. (Hrsg.) (2011): Cochrane handbook for systematic reviews of interventions Version 5.1.0 (updated March 2011). The Cochrane Collaboration. In: www.cochrane-handbook.org, 4.1.2014 Koch, S., Kunz, T., Lykou, S., Cruz, R. (2014): Effects of dance movement therapy and dance on healthrelated psychological outcomes: A meta-analysis. The Arts in Psychotherapy 41(1), 46-64, http: / / dx.doi.org/ 10.1016/ j.aip.2013.10.004 Mala, A., Karkou, V., Meekums, B. (2012): Dance / Movement Therapy (D / MT) for depression: A scoping review. The Arts in Psychotherapy 39, 287-295. http: / / dx.doi.org/ 10.1016/ j.aip.2012. 04.002 Ren, J., Xia, J. (2013): Dance therapy for schizophrenia. Cochrane Database of Systematic Reviews 10, http: / / dx.doi.org/ 10.1002/ 14651858.CD006868. pub3 Röhricht, F., Priebe, S. (2006): Effect of body-oriented psychological therapy on negative symptoms in schizophrenia: a randomized controlled trial. Psychological Medicine 36, 669-678, http: / / dx.doi. org/ 10.1017/ S0033291706007161 Xia, J., Grant, T. J. (2009): Dance therapy for schizophrenia. Cochrane Database of Systmatic Reviews-1, http: / / dx.doi.org/ 10.1002/ 14651858. CD006868.pub2 2 | 2014 93 Aktuelles Die Autorin Dr. Iris Bräuninger Wissenschaftliche Mitarbeiterin Psychiatrische Universitätsklinik Zürich, Dozentin im Masterstudiengang Tanztherapie an der Autonomen Universität Barcelona, Tanztherapeutin (ADTA), Supervisorin der deutschen und spanischen Berufsverbände (BTD, ADMTE) und Psychotherapeutin (ECP). ✉ Dr. Iris Bräuninger Wissenschaftliche Mitarbeiterin Psychiatrische Universitätsklinik Zürich Direktion Pflege, Therapien und Soziale Arbeit Forschung und Entwicklung Lenggstr. 31 | CH-8032 Zürich Tel. (0041)-(0)44 384 27 17 oder (0041)-(0)77 44 226 76 dancetherapy@mac.com oder iris.braeuninger@puk.zh.ch
