eJournals körper tanz bewegung3/4

körper tanz bewegung
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2195-4909
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/ktb2015.art24d
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Unter der Lupe: Bewegung und Therapie aus leibphänomenologischem und konsistenztheoretischem Blickwinkel

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Martin Schley
Die Therapie psychischer Störungen besteht nach der Konsistenztheorie von Grawe essenziell darin, Erfahrungen zur Befriedigung von Grundbedürfnissen zu ermöglichen. Durch die Verbindung leibphänomenologischer Konzepte mit Weiterentwicklungen des Gestaltkreis-Modells lässt sich die menschliche Bewegung als ein leibliches Wirken begreifen, welches in einem geeigneten Dialog von Mensch und Welt zur Befriedigung der Grundbedürfnisse führt. Bewegungstherapeutische Verfahren, verstanden als leiblicher Dialog, bekommen dadurch eine exponierte Bedeutung für die Behandlung psychischer Störungen.
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144 körper-- tanz-- bewegung 3. Jg., S. 144-150 (2015) DOI 10.2378 / ktb2015.art24d © Ernst Reinhardt Verlag Forum: Unter der Lupe Bewegung und Therapie aus leibphänomenologischem und konsistenztheoretischem Blickwinkel Martin Schley Die Therapie psychischer Störungen besteht nach der Konsistenztheorie von Grawe essenziell darin, Erfahrungen zur Befriedigung von Grundbedürfnissen zu ermöglichen. Durch die Verbindung leibphänomenologischer Konzepte mit Weiterentwicklungen des Gestaltkreis-Modells lässt sich die menschliche Bewegung als ein leibliches Wirken begreifen, welches in einem geeigneten Dialog von Mensch und Welt zur Befriedigung der Grundbedürfnisse führt. Bewegungstherapeutische Verfahren, verstanden als leiblicher Dialog, bekommen dadurch eine exponierte Bedeutung für die Behandlung psychischer Störungen. Schlüsselbegriffe menschliche Bewegung, leibliches Wirken, leiblich-dialogische Bewegungstherapie, Leibphänomenologie, Grundbedürfnisse, Konsistenztheorie, Gestaltkreis-- Funktionskreis-- Situationskreis Movement and Therapy from a Body Phenomenological and Consistency Theoretical Perspective According to the consistency theory of Grawe, the essence of psychotherapy is enabling experiences to satisfy basic needs. The connection of body phenomenology with further developments of the Gestaltkreis Model leads to a new understanding of human movement as a bodily agency which results in a suitable dialogue of man and the world for the satisfaction of these needs. Therefore, movement therapeutic methods, understood as a body dialogue, gain a heightened importance for the treatment of mental illness. Key words human movement, bodily action, bodydialogical movement therapy, body phenomenology, basic needs, consistence theory, Gestaltkreis-- Funktionskreis-- Situationskreis W as ist menschliche Bewegung, und welchen Stellenwert hat sie in der Therapie psychischer Störungen? Vertreter verschiedenster wissenschaftlicher Disziplinen haben bereits versucht, diese Fragen zu beantworten. Dies erneut in einem so knapp bemessenen Artikel angehen zu wollen, erscheint deshalb vermutlich ein gewagtes, ja geradezu verwegenes Unterfangen zu sein. Zudem habe ich mich als Autor bislang nicht als Experte ausgewiesen und kann lediglich vorweisen, dass ich vor langer Zeit Sport studierte, ein paar Jahre mit psychisch kranken Menschen bewegungstherapeutisch arbeitete und seit mehr als 20 Jahren versuche, jungen Menschen die Sinnhaftigkeit von Bewegung und Therapie 4 | 2015 145 Sport und Bewegung bei der Therapie psychischer Störungen zu vermitteln. Was bewegt mich dennoch zum Schreiben dieses Artikels, was legitimiert mein Vorhaben? Körperliche Aktivität gilt seit langem als Königsweg zur körperlichen Gesundheit. Auch darüber, dass Bewegung in der Therapie psychischer Störungen eine heilsame Wirkung entfaltet, besteht mittlerweile Konsens. Weit weniger Einigkeit herrscht dagegen über das Wie und Warum der therapeutischen Effekte. Bei meiner Suche nach Antworten auf diese Fragen erwiesen sich die Sportwissenschaft und die klassischen Bezugstheorien der verschiedensten Psychotherapien als wenig ergiebig. Hingegen meist fasziniert, manchmal inspiriert, häufig aber auch irritiert war ich bei meinem Versuch, die Tiefen und Untiefen der Leiphänomenologie auszuloten. Viele lose Enden verbanden sich erst durch das Zusammenführen von Grawes Neuropsychotherapie und den leibphänomenologischen Untersuchungen von T. Fuchs. Deshalb steht im Mittelpunkt dieses Artikels meine Interpretation der Verknüpfung einer leibphänomenologisch fundierten, dialogisch-medialen Betrachtung des menschlichen In-der-Welt-Seins mit aktuellen Entwicklungen der Psychotherapie. Dabei ergeht es mir in gewisser Hinsicht ganz ähnlich wie Hölter, der in der Einleitung zur „Bewegungstherapie bei psychischen Erkrankungen“ sein enzyklopädisches Werk als einen „Lückentext“ (Hölter 2011, VII) bezeichnet. Und in noch weitaus größerem Maße muss für mich gelten: „Viele vielleicht ebenfalls relevante Gesichtspunkte bleiben dabei eher im Hintergrund oder im Verborgenen- - sei es aus Unkenntnis oder aus der fehlenden Fähigkeit zu viele unterschiedliche Aspekte zusammen zu bringen.“ (Hölter 2011, VII) Ich will dennoch versuchen, mit diesem Artikel zur Diskussion über die Begründung und den Stellenwert der Bewegungstherapie beizutragen. Konsistenztheorie Vor der leibphänomenologischen Untersuchung des Phänomens Bewegung soll die Neuropsychotherapie von Klaus Grawe vorgestellt werden. Dies deshalb, weil die Neuropsychotherapie den aktuellen Stand der Psychotherapieforschung widerspiegelt und sich für unser Unterfangen als außerordentlich fruchtbar erweist. Klaus Grawe (1943-2005) gelang es, seine kritische Bestandsaufnahme der Mainstream- Psychotherapien mit den Forschungen der Anfang der 2000er-Jahre boomenden Neurowissenschaften zu verbinden und in die Formulierung der schulenübergreifenden Konzeption der Neuropsychotherapie einmünden zu lassen. Mit deren bezugstheoretischem Kern, der Konsistenztheorie, schuf Grawe ein Modell zur Funktion der menschlichen Psyche, ihrer Erkrankung und deren Behandlung von frappierender Schlüssigkeit und Plausibilität (Grawe 1998, 2004). Gemäß der Konsistenztheorie ist psychisches Wohlbefinden essenziell mit dem Zustand von Konsistenz verbunden. Psychische Erkrankungen resultieren demgegenüber aus Inkonsistenz. Der Begriff Konsistenz meint einen seelisch und neurophysiologisch ausgeglichenen Zustand, Inkonsistenz hingegen einen seelischen Zustand, der von Disharmonie, Anspannung und Stress geprägt ist (Grawe 1998, 2004). Konsistenz und Inkonsistenz existieren freilich nicht als alleinige extreme Ausprägungen entgegengesetzter Pole, vielmehr ist ein stetig oszillierender Wechsel von Inkonsistenz und Konsistenz die eigentliche Voraussetzung für die regelmäßige Erzeugung von Gesundheit. Elementar wichtig für das seelische Wohlbefinden ist, dass Inkonsistenz fortwährend und zuverlässig in Konsistenz umgewandelt wird; erst dauerhafte, nicht abbaubare Inkonsistenz ist schädlich und krankmachend. 146 4 | 2015 Martin Schley Diese dem menschlichen Sein immanente Inkonsistenz wiederum hat ihre Ursache in der grundlegenden Bedürftigkeit des Menschen. Grawe bezeichnet deshalb den Zustand von Inkonsistenz auch als „Bedürfnisspannung“: Aufgrund seiner Bedürfnisse lebt der Mensch in einem permanenten Spannungszustand und ist bestrebt, diesen durch die Befriedigung seiner Bedürfnisse abzubauen. Grawe (1998, 2004) nennt vier elementare Grundbedürfnisse: ● Bindung: das Angewiesen-Sein auf Mitmenschen; das Bedürfnis nach Nähe, Aufgehoben-Sein, Verstanden-Werden, Vertrauen zu nahen Bezugspersonen ● Kontrolle: das Bedürfnis nach Kontrollmöglichkeiten. Je nach individueller Erfahrung entwickelt der Mensch Grundüberzeugungen darüber, inwieweit das Leben Sinn macht, ob Voraussehbarkeit und Kontrollmöglichkeiten bestehen, ob es sich lohnt, sich einzusetzen und zu engagieren. ● Lust: das Bestreben, erfreuliche, lustvolle Erfahrungen herbeizuführen und schmerzhafte, unangenehme Erfahrungen zu vermeiden ● Selbstwerterhöhung: das Bedürfnis, sich selbst als gut, kompetent, wertvoll und von anderen geliebt zu fühlen Psychische Gesundheit ist demnach maßgeblich an die zuverlässige und wiederkehrende Befriedigung der Grundbedürfnisse gebunden, deren Nichtbefriedigung hingegen führt dazu, dass eine pathogene Bedürfnisspannung entsteht. Die Grundbedürfnisse sind, mit Ausnahme der Selbstwerterhöhung, bei jedem Menschen von Geburt an vorhanden. Eine frühe Bedürfnisbefriedigung ist daher von einschneidender Bedeutung für das seelische Befinden im späteren Leben. Die frühe Nichtbefriedigung der Grundbedürfnisse hingegen hat weitreichende negative Folgen (Grawe 1998, 2004): ● Bereits in der frühen Kindheit entsteht dauerhafte, nicht abbaubare Inkonsistenz. ● An Stelle der auf die Bedürfnisbefriedigung ausgerichteten Annäherungsziele entwickelt der Mensch von Beginn an Vermeidungsziele, die auf den Schutz vor der Verletzung der Grundbedürfnisse ausgerichtet sind. Damit einhergehend wird das Leben geprägt von einem dominierenden Vermeidungsverhalten. Diese entscheidende Weichenstellung hin zur Entstehung psychischer Störungen findet in der präverbalpräreflexiven Phase des Lebens statt und ist somit nicht erinnerbar. ● Spätere Krisenzeiten bewirken ein zusätzliches Maß an Stress im Sinne von nicht bewältigbarer Inkonsistenz. Die bereits existierende Inkonsistenz wird dadurch nochmals verstärkt. Geschieht dies über einen tolerablen Umfang hinaus, erlebt das Individuum einen Kontrollverlust. Psychische Symptome haben dann die Aufgabe, diese Inkonsistenz auf ein erträgliches Maß zu reduzieren und auf diesem Wege zumindest kurzfristig Kontrolle wiederzuerlangen. Die störungsübergreifende Therapie psychischer Störungen besteht im Wesentlichen darin, die Grundbedürfnisse zu befriedigen und das Individuum zu befähigen, dies eigenständig durch ein mittels Annäherungsziele motiviertes Annäherungsverhalten zu tun. Der Mensch im Dialog-- Bewegung und leibliches Wirken Grawe betont die „ökologische Stellung“ des Menschen in der Welt. Er weist darauf hin, dass psychisches Wohlbefinden in erster Linie von den Erfahrungen abhängig ist, die der Mensch als intentionales Wesen in seiner Umwelt macht- - und verweist damit die rein pharmakologische Behandlung psychischer Störungen in ihre Schranken (Grawe Bewegung und Therapie 4 | 2015 147 2004). Er bezieht sich hierbei auf die Feldtheorie von Kurt Lewin (1952) und stellt fest, dass die menschlichen Grundbedürfnisse ihre komplementäre Entsprechung in den Valenzen der Umwelt haben (Grawe 1998). Valenzen sind gewissermaßen das, was die Welt für den Menschen attraktiv macht, ein Attraktivitätsangebot, auf welches die Bedürfnisse des Menschen hin ausgerichtet sind und welches je nach Bedürfnislage unterschiedlich stark ausgebildet ist. Inkonsistenz und Bedürfnisspannung sind demnach im komplementären Verhältnis von menschlichen Bedürfnissen und den Valenzen der Welt begründet. Beide Begriffe können daher synonym verwendet werden. Durch die Verbindung der konsistenz- und feldtheoretischen Überlegungen Grawes mit leibphänomenologischen Konzepten und Weiterentwicklungen des Gestaltkreis-Modells soll nun gezeigt werden, wie der grundlegend wichtige Abbau der Bedürfnisspannung geschieht und welche Aufgabe und Bedeutung der menschlichen Bewegung hierbei zukommen. Wegen der dezidierten Thematisierung des Phänomens Bewegung steht insbesondere in den Bewegungs- und Sportwissenschaften Viktor von Weizsäckers Gestaltkreis (1940) im Mittelpunkt des Interesses (Beckers 1985; Zybowski 2013). Von Weizsäcker verfolgte die Absicht, das menschliche Subjekt in die Biologie zu integrieren. Wesentlich hierbei ist, dass Mensch und Umwelt durch Bewegung und Wahrnehmung unaufhörlich und unauflöslich miteinander verwoben sind. Die Versuche der Sinngebung von Bewegung im Kontext des menschlichen In-der-Welt-Seins mit Hilfe des biologischen Gestaltkreises führten jedoch speziell in den Sportwissenschaften zu einem Kategorienfehler, der einer weiteren Fruchtbarmachung der Gestaltkreisidee im Wege stand (Zybowski 2013). Dieser Mangel kann behoben werden, indem wir das Gestaltkreis-Modell mit leibphänomenologischen Überlegungen verbinden, wie sie im Speziellen von Thomas Fuchs vertreten werden. Es imponiert insbesondere seine zentrale Aussage: Der menschliche Leib ist der präpersonal-präreflexiven Ebene des menschlichen Seins zuzuordnen und Mittler zwischen Mensch und Welt (Fuchs 2008, 2010). Durch Fuchs präreflexiv-mediale Akzentuierung des menschlichen Leibes können wir das Gestaltkreis-Modell so modifizieren, dass es dem phänomenal-dialogischen Verhältnis von Mensch und Welt gerecht wird. Dies führt zu einer neuen Interpretation der Modelle des Funktionskreises und des Situationskreises. Es sei angemerkt, dass sowohl Jakob Johann von Uexkülls Funktionskreis (1920) als auch Thure von Uexkülls Situationskreis (von Uexküll/ Wesiack 1988) nicht einem originär leibphänomenologischen Kontext entstammen, sondern mehr der systemischen Theoriebildung zugeordnet werden können. Dennoch werde ich beide Begriffe verwenden. Zum einen, weil diese Begriffe bereits geläufig sind, zum anderen, weil ihnen eine plausible Grundidee zu eigen ist. Nämlich die, dass Mensch und Welt konstitutiv miteinander verbunden sind, dies jedoch durch den Gestaltkreis lediglich auf der biologischen Ebene beschrieben wird. Daraus ergeben sich folgende Unterscheidungen der unterschiedlichen ökologischen Kreise: Der Gestaltkreis bezieht sich auf die biologisch-vegetative Seins-Ebene. Der Funktionskreis beschreibt das menschliche In-der-Welt-Sein auf präreflexiv-leiblicher, gewissermaßen animalischer Ebene. Dieser Kreis ist nicht mehr, wie dies noch beim Gestaltkreis der Fall ist, geschlossen. Vielmehr entsteht zwischen Merken (dem Pendant zur physiologischen Wahrnehmung des Gestaltkreises) und Wirken (dem Pendant zur physikalischen Bewegung des Gestaltkreises) ein Hiatus, welcher mit einem Mangel- und Spannungszustand einhergeht (Fuchs 2008). Dieser Mangelzustand ist die eigentliche Ursache, 148 4 | 2015 Martin Schley gewissermaßen der „Motor“ des Funktionskreises, und korrespondiert mit der menschlichen Bedürftigkeit. Der maßgebliche Teil unseres In-der-Welt- Seins ist der Ebene des leiblichen Funktionskreises zugehörig, hier vollzieht sich die für unser Wohlbefinden notwendige Bedürfnisbefriedigung. Entsprechend lassen sich die im Leib inkarnierten Grundbedürfnisse als „Triebfeder“ des Dialogs zwischen bedürftigem Mensch und valenzhaltiger Welt begreifen: Die menschliche Intentionalität speist sich aus den Grundbedürfnissen. Für der Bedeutung der menschlichen Bewegung ergibt sich daraus, dass sie unter der Perspektive des dialogischen Verhältnisses von Mensch und Welt als ein „leibliches Wirken“ verstanden werden kann, welches primär die Aufgabe hat, auf der Ebene des Funktionskreises die menschlichen Bedürfnisse zu befriedigen und dadurch die stets neu entstehende Bedürfnisspannung im von Bedürfnissen und Valenzen bedingten interaktionalen Feld zu reduzieren. Im Situationskreis der reflexiv-personalen Ebene kommt es schließlich zu einem Austritt aus dem bloßen Eingebundensein des Menschen in den Funktionskreis. Der Situationskreis wird auf der Basis des Funktionskreises mittels eines Probehandelns immer wieder aufs Neue erschaffen (Zybowski 2013). Pathogenese und Therapie psychischer Störungen aus dialogischer Perspektive Psychische Störungen sind gemäß der leiblich-dialogischen Perspektive im Kern Störungen des leiblich-medialen Verhältnisses von Mensch und Welt, des Dialogs von Mensch und Welt auf der Ebene des Funktionskreises. Sie lassen sich „nicht mehr in einem individuellen Innenraum, sei es der Psyche oder des Gehirns, lokalisieren. Sie sind vielmehr Störungen der leiblichen und zwischenleiblichen Existenz-- Störungen des In-der-Welt und Mitanderen-Seins.“ (Fuchs 2012, 899) Verbinden wir nun die leibphänomenologische mit der konsistenztheoretischen Sichtweise, dann bedeutet dies: In der präreflexiven Lebensphase entsteht ein gestörter Funktionskreis, eine Störung des existenziell wichtigen leiblichen Austauschs von Mensch und Welt. Dies führt zu einer misslingenden Bedürfnisbefriedigung und der Herausbildung von Vermeidungszielen und Vermeidungsverhalten. Die menschliche Bewegung im Sinne eines leiblichen Wirkens ist nicht mehr in dienlicher Weise auf die Bedürfnisbefriedigung ausgerichtet. Vielmehr sorgt sie dafür, dass eine für das Individuum nicht mehr tolerable Inkonsistenz auf der Ebene des Funktionskreises kurzfristig auf ein erträgliches Maß reduziert wird. Allerdings mit der Konsequenz, dass die ursprüngliche Inkonsistenz aufrecht erhalten bleibt und sich hieraus eine psychische Störung manifestiert. Der Dialog vom Mensch und Welt dient nicht mehr der Bedürfnisbefriedigung, sondern vielmehr der kurzfristigen Inkonsistenzreduktion. Therapie und Bewegung-- Bewegung in der Therapie Für Grawe besteht die Basis der Behandlung psychischer Störungen in der Befriedigung von über die gesamte Lebensspanne hinweg unzureichend befriedigten Grundbedürfnissen (Grawe 2004). Übersetzt in und erweitert um unser leibphänomenologisches Konzept bedeutet dies: Die grundlegende Voraussetzung für das Gelingen einer Therapie und die Realisierung weiterer Therapieziele besteht darin, dass der leibliche, auf der Ebene des Funktionskreises stattfindende Dialog von Mensch und Welt so verändert wird, dass er wieder der Bedürfnisbefriedigung dient. Eine misslingende soll in eine gelingende Inten- Bewegung und Therapie 4 | 2015 149 tionalität, ein misslingendes in ein gelingendes leibliches Wirken umgewandelt werden. Im Kern geht es darum, den Menschen wieder in solch einen Dialog zu bringen, der es ihm ermöglicht, die für seine Gesundheit wesentliche Bedürfnisbefriedigung auf leiblicher Ebene vonstattengehen zu lassen. Die Bewegungstherapie hat somit die primäre Aufgabe, das Individuum in eine Form des leiblichen Dialogs zu bringen, der es dem Individuum in besonderer Weise ermöglicht, an die Stelle des bislang dominierenden misslingenden ein nunmehr gelingendes leibliches Wirken treten zu lassen, welches dann zur Befriedigung der Grundbedürfnisse führt. Es ist naheliegend, die unterschiedlichsten Formen des Dialogs von Mensch und Welt vor diesem Hintergrund auf ihre therapeutische Eignung hin zu untersuchen. Vor allem geeignet sind dann jene Dialogformen, die auf der Ebene des Funktionskreises durch leibliches Wirken zur Bedürfnisbefriedigung führen. Diesen Anforderungen entsprechen in herausragender Weise die leiborientierten und leibbasierten Verfahren der Bewegungstherapie. Abschließend sollen einige mögliche Konsequenzen genannt werden, die sich potenziell aus dem skizzierten Ansatz für die Therapie psychischer Störungen ergeben: ● Der Geltungs- und Wirksamkeitsanspruch kognitiv-verbaler Therapieformen sollte dahingehend überprüft werden, ob nicht ein Gutteil der durch diese Verfahren bewirkten therapeutischen Effekte nicht auf der verbal-reflexiven, sondern vielmehr auf der leiblich-präreflexiven Ebene initiiert wird. ● Im diesem Zusammenhang sollte auch die Aufdeckungs- und Klärungsarbeit tiefenpsychologischer Verfahren hinterfragt werden, da die eigentlichen Ursachen einer Störung anderer Natur als ursprünglich postuliert, der Erinnerung somit nicht zugänglich und folglich auf herkömmlich sprachlicher Ebene nicht bearbeitbar sind. ● Bewegungstherapeutische Verfahren erhalten einen weitaus größeren Stellenwert als dies bislang anerkannt und in der therapeutischen Praxis realisiert wurde. ● Der Geltungs- und Wirksamkeitsanspruch klassischer, vor allem tiefenpsychologisch fundierter Körper-(Psycho-)Therapieverfahren sollte hinterfragt und neu bewertet werden. Deren therapeutische Effekte lassen sich vor dem Hintergrund des leibphänomenologischen Ansatzes- - wie auch dem der modernen Psychotherapieforschung- - größtenteils anders erklären, als dies die ursprünglich zugrundeliegenden Bezugstheorien tun. ● Der in der Körper-(Psycho-)Therapie weithin populäre Begriff der „Körperarbeit“ sollte überprüft und gegebenenfalls korrigiert werden: An die Stelle einer archivarischen Betrachtung des Körpers (im Sinne eines Speichers von verdrängtem, zumeist traumatischem biografischem Material) sollte eine zukunftsgewandte leiblich-dialogische Betrachtung treten. ● Die Bedeutung des breiten Spektrums der modernen Sport- und Bewegungskultur für die Therapie psychischer Störungen kann fortan neu gewürdigt und praktisch umgesetzt werden (Rauscher et al. 2012). Die bisherige Unterscheidung in flankierende Bewegungsangebote und kausale Körperpsychotherapie wird damit in mancherlei Hinsicht überflüssig. Vielmehr scheint es sinnvoll zu sein, die bewegungstherapeutischen Angebote dahingehend zu differenzieren, inwieweit sie primär die Grundbedürfnisse befriedigen, oder darüber hinaus weitergehende Ziele verfolgen. Schlussendlich sei darauf hingewiesen, dass eine leiblich-dialogisch orientierte Bewegungstherapie potenziell auch bei der Behandlung chronisch-körperlicher Erkrankungen eine herausragende Rolle spielen kann, da auch bei deren Entstehung frühe Stresserfahrungen und 150 4 | 2015 Martin Schley damit einhergehende schädliche Inkonsistenz von erheblicher Bedeutung sind (Egle 2011; Schubert 2013). Literatur Beckers, E. (1985): Gesundheitsbildung, Wahrnehmungsentwicklung, Bewegungserfahrung. Verlag Strauss, Köln Egle, U. (2011): Fibromyalgie-Syndrom-- eine Stressverarbeitungsstörung. Schweizer Archiv für Neurologie und Psychiatrie 168(2), 326-337 Fuchs, T. (2012): Selbst und Schizophrenie. Deutsche Zeitschrift für Philosophie 60 (6), 887-901, http: / / dx.doi.org/ 10.1524/ dzph.2012.0067 Fuchs, T. (2010): Philosophische Grundlagen der Psychiatrie und ihre Anwendung. Die Psychiatrie 7, 235-241 Fuchs, T. (2008): Das Gehirn-- ein Beziehungsorgan. Eine phänomenologische Konzeption. 3., akt. u. erw. Ausg. Kohlhammer, Stuttgart Grawe, K. (2004): Neuropsychotherapie. Hogrefe, Bern Grawe, K. (1998): Psychologische Therapie. Hogrefe, Bern Hölter, G. (2011): Bewegungstherapie bei psychischen Erkrankungen. Deutscher Ärzte-Verlag, Köln Lewin, K. (1952): Field theory in social science: Selected theoretical papers by Kurt Lewin. Tavistock, London Rauscher, R., Rügauf, G., Schley, M. (2012): Psychosoziale Kompetenzen in der Sport- und Bewegungstherapie. In: Schüle, K., Huber, G.(Hrsg.): Grundlagen der Sport- und Bewegungstherapie. Deutscher Ärzte Verlag, Köln, 139-171 Schubert, C. (2013): Psychoneuroimmunologie des Lebenslaufs: Einfluss von Stress in der Kindheit auf Immunfunktionsstörung und entzündliche Erkrankungen im weiteren Leben. Psychotherapie, Psychosomatik, Medizinische Psychologie 64, 171- 180, http: / / dx.doi.org/ 10.1055/ s-0033-1357175 Uexküll, J. J. von (1920): Theoretische Biologie. Gebrüder Paetel, Berlin Uexküll, T. von, Wesiack, W. (1988): Theorie der Humanmedizin. Urban und Schwarzkopf, München Weizsäcker, V. von (1940): Der Gestaltkreis. Theorie der Einheit von Wahrnehmen und Bewegen. G.-Thieme, Leipzig Zybowski, P. (2013): Rezensions- und Rezeptionsgeschichte zu „Der Gestaltkreis. Theorie von Wahrnehmen und Bewegen“ von Viktor von Weizsäcker. Südwestdeutscher Verlag für Hochschulschriften, Saarbrücken Der Autor Martin Schley Assessor des Lehramts, 5-jährige Tätigkeit als Sport- und Bewegungstherapeut im Klinikum am Weissenhof in Weinsberg, 25-jährige Tätigkeit als Lehrer an Sport- und Gymnastikschulen, Leitung der Sport- und Bewegungstherapieausbildung an der Gluckerschule in Kornwestheim, Referententätigkeit für diverse Verbände. ✉ Martin Schley Gluckerschule Jägerstr. 90 | D-70806 Kornwestheim sollmann@sollmann-online.de martin.schley@t-online.de