körper tanz bewegung
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2195-4909
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/ktb2015.art25d
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Körperpsychotherapie in Italien
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Maurizio Stupiggia
Körperpsychotherapie in Italien geht zurück auf die ersten Übersetzungen von Wilhelm Reichs Werken in den 1960er Jahren. Sie hatten die Gründung diverser Forschungsinstitute und Therapieeinrichtungen mit verschiedenen methodischen Schwerpunkten zur Folge. Alle hatten einen gemeinsamen Nenner: die Bedeutung des Körpers in der Psychotherapie herauszustellen. Der Artikel zeigt die Entwicklung der verschiedenen Methoden und beleuchtet die kulturellen Besonderheiten, unter denen sich die körperorientierten Therapieformen in Italien herausbildeten.
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151 körper-- tanz-- bewegung 3. Jg., S. 151-157 (2015) DOI 10.2378 / ktb2015.art25d © Ernst Reinhardt Verlag Körperpsychotherapie in Italien Maurizio Stupiggia 1 Körperpsychotherapie in Italien geht zurück auf die ersten Übersetzungen von Wilhelm Reichs Werken in den 1960er Jahren. Sie hatten die Gründung diverser Forschungsinstitute und Therapieeinrichtungen mit verschiedenen methodischen Schwerpunkten zur Folge. Alle hatten einen gemeinsamen Nenner: die Bedeutung des Körpers in der Psychotherapie herauszustellen. Der Artikel zeigt die Entwicklung der verschiedenen Methoden und beleuchtet die kulturellen Besonderheiten, unter denen sich die körperorientierten Therapieformen in Italien herausbildeten. Schlüsselbegriffe Italien, Körperpsychotherapie, Tanz- und Bewegungstherapie, katholische Tradition Body Psychotherapy in Italy Body Psychotherapy in Italy has its origins in the 1960s with the translation of the first books written by Reich. From that moment on, the birth of several institutions for research and therapy took place, various schools based on different clinical approaches were established, but they all were united by the same idea: the importance of the body in psychotherapy. The article shows the development of these various methods and highlights the cultural differences affecting body-oriented therapies in Italy. Key words Italy, body psychotherapy, dance movement therapy, catholic tradition 1 HerausgeberInnen und Schriftleitung danken Karin Pernstich für die Übersetzung aus dem Italienischen. Forum: Körper-, Tanz- und Bewegungspsychotherapie in Europa Die Anfänge Mit der Veröffentlichung der ersten Übersetzungen von Wilhelm Reichs Werken in den 1960er Jahren erwachte in Italien das Interesse an der Körperpsychotherapie. Eine erste Gruppe von Wissenschaftlern traf sich in Rom, um sich mit den Themen Wilhelm Reichs auseinanderzusetzen. 1968 wurde dann das Wilhelm Reich Zentrum gegründet, das sowohl therapeutische Angebote als auch Studien und Forschung fördert, mit besonderem Augenmerk auf Prävention und sozialem Handeln. Zunächst hatte das Zentrum kein leichtes Dasein, da es mit einer Wissenschaft und einer klinischen Praxis konfrontiert war, welche die reichianischen Theorien verdrängen oder zumindest von sich fern halten wollten. Obwohl die Kollegen bereits wichtige Einsichten und Konzepte übernahmen, wurde das Werk Reichs sehr restriktiv ausgelegt: So wurde der Titel „Die Sexualität im Kulturkampf“ mit „Die sexuelle Revolution“ übersetzt. 1973 erfuhr das Interesse an reichianischen Themen dank der vom Zentrum herausgegebenen „Reichianischen Hefte“ einen enormen Aufschwung. Es entstanden Zentren in Padua, Treviso, Genua und Rom, die untereinander 152 4 | 2015 Maurizio Stupiggia in Verbindung standen. Die Körperpsychotherapie entwickelte sich weiter und behauptete sich. Dabei entstanden verschiedene klinische Ansätze. Sie waren jenseits unvermeidbarer Unterschiede von der gemeinsamen Überzeugung getragen, dass der Einbezug des Körpers in die Therapie nicht bedeutet, Körpertechniken für das verbale Geschehen zu nutzen, sondern theoretisch und praktisch den Schwerpunkt auf Aspekte von Beziehung und Persönlichkeit zu legen, die von anderen psychotherapeutischen Ansätzen vernachlässigt wurden. Indem sich verschiedene theoretische Ausrichtungen und Schulen vernetzen und etablieren konnten, entstand ein lebendiges, buntes Bild der körperpsychotherapeutischen Landschaft in Italien: die Vegetotherapie, die Bioenergetische Analyse, die Funktionelle Psychotherapie, die Organismische Therapie, die Orgontherapie, die Biosystemische Therapie, die Bioenergetische Entspannung, die Bio-Psychosynthese. Nicht weniger bedeutsam waren die Ausrichtungen der Psychosomatischen Medizin, der Sexualforschung und der Psychomotorik. Diese reiche und lebendige Verzweigung war gekennzeichnet von dem Bemühen, alle beobachtbaren Phänomene in der Körperpsychotherapie zu verstehen, zu erklären, in einen theoretischen Rahmen zu bringen und dabei den körperpsychotherapeutischen Bereich in einem spannenden Prozess neu zu begründen. Ende der 1980er Jahre wurde diese Bewegung noch lebendiger und bedeutsamer. In dem Versuch, die verschiedenen Bezugssysteme und klinischen Erfahrungen zusammenzuführen, traf man sich 1987 in Neapel anlässlich des großen Symposiums „Reich- - Geschichte einer Verdrängung“ und organisierte eine Reihe bedeutsamer Kongresse auf europäischer und internationaler Ebene. Ausgehend von den Ergebnissen und Anstößen dieser Zusammenkünfte und gemeinsam mit den größten internationalen Vereinigungen (EABP- - European Association for Body-Psychotherapy und C.S.I.T.P-- Comité Scientifique International de Thérapie Psychocorporelle) wurde 1990 in Neapel der erste Nationale Kongress für Körperpsychotherapie abgehalten. Ziel war es, auch in Italien offiziell ein Theorieforum zu schaffen, das, obwohl vom offiziellen Wissenschafts- und Kulturbetrieb noch nicht ganz anerkannt, so reich an Inhalten und Perspektiven war, dass es einen grundlegenden Beitrag zur Erforschung der Gesundheit und des psychophysischen Wohlbefindens der Menschen zu leisten vermochte. Die nationale Vereinigung Im Rahmen des 1. Kongresses wurde unter dem Vorsitz von Luciano Rispoli das „Nationale Komitee für Körperpsychotherapie“ gegründet, zu dem alle Kräfte beitrugen, die sich bisher mit diesem klinischen Bereich beschäftigt hatten. Zwei Jahre später wurde das Komitee anlässlich des 2. Nationalen Kongresses in Catania in die Nationale Vereinigung für Körperpsychotherapie umgewandelt. In den folgenden Jahren setzte die Vereinigung ihre Tätigkeit mit der Organisation von Treffen und Tagungen fort. Diese mündeten aber nie in Veranstaltungen nationalen Charakters. Stattdessen war man zu dieser Zeit in Italien mit einer Neuordnung der Regelung zur Ausübung der psychotherapeutischen Tätigkeit und der Anerkennung der Ausbildungsinstitute beschäftigt. Einzelne Vertreter hielten Kontakt mit den Verbänden, die unmittelbaren Einfluss auf die Formulierung eines neuen Gesetzes hatten. Es waren immer Einzelpersonen, die auf der Ebene der internationalen Verbände, speziell in der EABP, der 1987 in Davos gegründeten Europäischen Vereinigung für Körperpsychotherapie, aktiv tätig waren und auch Führungsaufgaben übernahmen. So wurden die internationalen und europäischen Kongresse zu Orten, an denen Austausch und Auseinander- Körperpsychotherapie in Italien 4 | 2015 153 setzung stattfanden und die der Vereinigung neue Impulse gaben. Im Jahr 1999 kamen dann alle Institute und Gesellschaften, die in Italien im Bereich der Körperpsychotherapie tätig waren, und jene Psychotherapeuten, welche die Entwicklung der Vereinigung über die letzten zehn Jahre mit verfolgt hatten, zusammen, erneuerten die Statuten und gründeten im Jahr 2000 offiziell die A.I.P.C, die „Italienische Vereinigung für Körperpsychotherapie“. Die A.I.P.C. bildet die italienische Sektion der European Association for Body Psychotherapy. Die Anbindung an die EABP ist im Statut geregelt und sieht eine volle Übereinstimmung mit den Zielen, dem Ethikkodex und den Mitgliederstandards der EABP vor. Als A.I.P.C.- Mitglied ist man korrespondierendes Mitglied (als Einzelperson oder Institut) der EABP. Die A.I.P.C. ist als Bereich der Körpermethoden Teil des italienischen Verbandes der Vereinigungen für Psychotherapie F.I.A.P., der italienischen Sektion der European Association for Psychotherapy E.A.P. Alle anerkannten Ausbildungsschulen sind Mitglieder der nationalen Koordinierungsstelle der psychotherapeutischen Schulen C.N.S.P. Der Körper im kulturellen Kontext Die Körperpsychotherapie sieht sich im Kontext der italienischen Kultur folgenden zwei Aspekten gegenüber: Einerseits besteht eine Konformität mit der typisch italienischen Art, den Körper ausgiebig für den sprachlichen Ausdruck und die Kommunikation allgemein einzusetzen. Dadurch erscheint das Einbeziehen des Körpers in die Psychotherapie als recht selbstverständlich, und die Klienten, die in Therapie kommen, sind über die methodische Vorgehensweise wenig überrascht. Demgegenüber steht in Italien die philosophischkulturelle Tradition des letzen Jahrhunderts, die sehr an den Idealismus eines Benedetto Croce und Giovanni Gentile gebunden ist, zwei Denker, welche die Kultur allgemein und die schulischen Einrichtungen im Besonderen beeinflusst haben. Sie haben die italienische Geisteshaltung in einer Weise geprägt, die dem Denken den Vorrang gegenüber der Erfahrung und der unmittelbaren Existenz gibt. In dieser Doppelgleisigkeit bewegt sich ein Teil der italienischen Kultur; so besteht einerseits ein Hang zu Kreativität und zu einem Lobpreis der Improvisation, typische Merkmale der Fähigkeit, „sich zu arrangieren“, andererseits eine tiefgreifende Tendenz, der Tradition Folge zu leisten, und eine starke Neigung zu intellektueller Abstraktion, die Bewegungen in Richtung Entwicklung und Innovation blockiert. Diese zwei Aspekte, die Flexibilität einerseits und die Bewahrung andererseits, sind typische Merkmale des italienischen Charakters. Auf den Bereich der Psychotherapie übertragen schaffen sie ein Paradoxon: Niemand ist empört, wenn ein Therapeut einem Patienten Bewegungsangebote oder Übungen vorschlägt, aber diese Art der Behandlung wird nicht als Psychotherapie anerkannt. Auch unter Wissenschaftlern tendiert man dazu, nur das als „wissenschaftlich“ zu erachten, was als strikt „mental“ gilt, wobei die klinische Praxis durchaus eklektisch erlebnis- und körperzentrierte Techniken einsetzt, um schwere Pathologien zu behandeln. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, auf welchem Weg die Körperpsychotherapie in Italien angekommen ist: Es ist ein Weg, welcher der Arbeit eines Maulwurfs ähnelt, der plötzlich auftaucht, nachdem er lange im Untergrund gegraben hat. Tatsächlich scheint nach den ersten Versuchen einer Verbreitung „von oben“ in der Zeit des kulturellen und politischen Aufbegehrens in den 1960er Jahren die Bewegung zum Stillstand gekommen oder, besser gesagt, in die Tiefe abgedriftet zu sein, um dann in den 1980er und 1990er Jahren umso heftiger aufzutauchen und sich als eigene, unabhängige 154 4 | 2015 Maurizio Stupiggia Kraft in der Psychotherapielandschaft zu etablieren. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt kann man feststellen, dass sich die Körperpsychotherapie einen eigenständigen Bezugsrahmen und Handlungsspielraum geschaffen hat: Es ist ein eingeschränkter Raum, immer noch einer Minderheit zugehörig, jedoch mittlerweile von anderen Methoden anerkannt und nicht mehr Missverständnissen und Abwertungen ausgesetzt, wie es früher mitunter der Fall war. Während ich dies schreibe, im Dezember 2014, ist der Vorsitzende der italienischen Vereinigung, zu der die meisten Psychotherapieschulen gehören, ein Vertreter aus dem körperpsychotherapeutischen Bereich. Dies beweist die vollständige Integration in die wissenschaftliche und klinische Landschaft Italiens. Als Ergänzung zum bisher Dargestellten ist zu sagen, dass die stufenweise Integration des Ansatzes in die „Community“ auch ihren Preis hat: Die Körperpsychotherapie musste sich verändern und an eine Denkhaltung und Arbeitsform anpassen, die all jene ausdrucksstarken, kathartischen oder, wie Baudelaire sagen würde, Grenz-Erfahrungen ausschließt, welche die Praxis in den ersten Jahrzehnten gekennzeichnet haben. Die jugendliche extremistische Haltung musste einer reifen Bescheidenheit Platz machen. Ich sage dies mit einem gemischten Gefühl: im Bewusstsein der Notwendigkeit, sich an veränderte Daseinsbedingungen anzupassen, aber gleichzeitig mit der Wehmut der Erinnerung an die Intensität der Experimentierphase. Der Körper in der katholischen Tradition Ein anderer bedeutsamer Aspekt, der das Denken der Italiener in Bezug auf die Körperlichkeit bestimmt, ist die starke Präsenz der Kirche in unserem Land. Es ist dabei nicht unwesentlich, dass Rom der Sitz des Papstes ist, denn die Nähe zur „geistlichen Macht“ hat eine starke Wirkung auf die geistigen Einstellungen. Man kann sagen, dass sich die Italiener vom Vatikan gleichzeitig geschützt und überwacht fühlen. Dadurch ergibt sich wieder eine doppelte Reaktion im Umgang mit dem Körper. Das Gewissen der Katholiken ist allgemein von Schuldgefühlen, von Lustabwehr und dem Aufschub des Glücks auf das Jenseits geprägt. Die Tatsache, „sichtbar“ von der Kirche überwacht zu sein, hat eine gesteigerte Hemmung der Sinnlichkeit zur Folge. Gleichzeitig ist die katholische Kirche imstande, den menschlichen Sünder zu beschützen und zu erlösen. Damit wird sie zu einer Art „Übermutter“, die im Guten wie im Schlechten übermächtig ist. Der Körper ist für den italienischen Katholiken daher ein Ort des Konflikts zwischen der tiefen Bindung an die Mutter und der tiefen Furcht vor Bestrafung bei Zuwiderhandlung. Es gibt Regionen in Zentral- und Süditalien, in denen die Mutter ihren Sohn bei Lausbubenstreichen mit Worten beschimpft, die diese quasi perverse Verbindung zwischen Körper, Nahrung und Bestrafung deutlich machen. So ermahnt eine Mutter ihren Sohn nicht selten mit Worten wie: „Wie ich dich gemacht habe, so fresse ich dich wieder auf! “ Der Körper ist also ein Ort, an dem Gefahr droht. Wir können weiterhin feststellen, dass der Sinnesempfindung große Relevanz zukommt, allerdings im dramatischen Sinne, als wäre der Körperstatus im Katholizismus an das zentrale Moment höchster Sinnesdramatik geknüpft: den Schmerz des Christus am Kreuz. Der Katholizismus bringt eine doppelte Sicht auf den Körper mit sich, wobei die Lust auf der dunklen, versteckten Seite verbleibt. Damit wird eine Spaltung erzeugt, die eine generelle Verschleierung der körperlichen und sexuellen Lust und zugleich eine Lobpreisung des Schmerzerlebens fördert, das der Reinigung und Erlösung von der Sünde dient. So wird verständlich, wie komplex für einen Körperpsychotherapie in Italien 4 | 2015 155 katholischen Italiener die Arbeit an der Körperwahrnehmung im psychotherapeutischen Setting ist, wo tiefe und verborgene Themen, verbotene Wünsche und schuldhafte Triebe behandelt werden. Mit diesen Überlegungen können wir die von großer, nahezu morbider Neugierde geprägte Haltung „orthodoxer“ Psychoanalytiker erklären, wenn sie die Körperpsychotherapeuten fragen, ob sie die Patienten tatsächlich körperlich berühren, ob es wirklich wahr sei, dass Zittern stimuliert wird, schweres Atmen und gar Krämpfe hervorgerufen werden, die an hysterische Phänomene erinnern, wie Freud sie beschrieben hat. Die Bedenken der psychotherapeutischen Wissenschaft sind in erster Linie ethischer, in zweiter Linie erkenntnistheoretischer Natur. Sie verankern ihre Beweggründe eher im soziokulturellen Unbewussten als in den Anleitungen wissenschaftlicher Methodik. Aus diesem Grund wird es paradoxerweise einfacher, diese gegensätzlichen Welten in Austausch zu bringen, auch weil die christlichkatholische Botschaft komplexer ist als die Vereinfachung der gängigen Meinung. Ich möchte eine Stelle aus den Hebräerbriefen (10,5-7) zitieren, die sich auf einen bekannten Psalm bezieht (39) und die ganze Vielfalt der Thematik zusammenfasst: „Opfer und Gaben hast du nicht gewollt; den Leib aber hast du mir bereitet. Brandopfer und Sündopfer gefallen dir nicht. Da sprach ich: Siehe, ich komme- - im Buch steht von mir geschrieben -, dass ich tue, Gott, deinen Willen.“ Tanz- und Bewegungstherapie in Italien Die bisher dargestellte Geschichte ist eine der Entwicklung der Körperpsychotherapie in der Tradition reichianischer und postreichianischer Theorie und Praxis. Erwähnung verdient aber auch die Geschichte und die Situation der Tanz- und Bewegungstherapie, die zu Beginn der 1980er Jahre dank zweier in Amerika ausgebildeter Therapeutinnen nach Italien gelangte: Debra McCall und Rosa Maria Govoni. Die kulturelle Leistung der beiden Tanztherapeutinnen hat eine schrittweise Annäherung verschiedener Ansätze rund um den Ausdruckstanz, die Psychomotorik und die Authentische Bewegung bewirkt. Dabei wurde ein theoretischer und klinischer Rahmen geschaffen, der im Laufe der Zeit ein Anziehungspunkt für all jene Personen wurde, die Bewegung, Sinnesempfindung und emotionale Arbeit verbinden wollten. Es mutet seltsam an, dass die Körperpsychotherapie und die Tanz- und Bewegungstherapie parallele, jedoch unterschiedliche Wege eingeschlagen haben, ohne sich entscheidend zu begegnen. Beide haben auf getrennte Weise versucht, kulturelle und wissenschaftliche Anerkennung zu erlangen, und haben sich jeweils mit verschiedenen klinischen Ansätzen verbündet: Während sich die Körperpsychotherapie immer schon der humanistischen Psychologie zugehörig fühlte, hat sich die Tanz- und Bewegungstherapie im Umfeld psychodynamischer und psychoanalytischer Ansätze bewegt. Dies hängt wohl mit dem Ausbildungshintergrund der Begründer der verschiedenen Psychotherapieschulen in Italien zusammen, vielleicht auch mit der kulturellen Spaltung in Bezug auf die Körperlichkeit, von der weiter oben die Rede war. Die Geschichte der TBT ist in Italien noch jung. Im Jahr 1982 gründeten Maria Belfiore, Mimma Della Cagnoletta und Marilyn La Monica offiziell die Vereinigung Art Therapy Italiana. Seit 1984 wird im Rahmen der Lehrtätigkeit ein Weiterbildungscurriculum in Kunsttherapie und Tanz- und Bewegungstherapie angeboten, und zwar unter der Obhut von Arthur Robbins, einem Psychoanalytiker, Kunsttherapeuten und Bildhauer, der über viele Jahre Direktor des Graduate Creative Arts Therapy Department am Pratt Institute in New York war. Erwähnt werden müssen weiterhin Debra McCall und Rosa Maria 156 4 | 2015 Maurizio Stupiggia Govoni, denen die effektive und verzweigte Verbreitung zu verdanken ist, die in der Gründung des Fachgebiets Tanz- und Bewegungstherapie in Italien gipfelt. Die Ausbildungskandidaten lernen, den künstlerischen Ausdruck und die Bewegung nach klinischen Gesichtspunkten und therapeutischen Zielen zu nutzen, wobei künstlerische Fertigkeiten und psychologische Schulung in ihrem professionellen Handeln zusammenwirken. Die Tanz- und Bewegungstherapie in der Ausrichtung der Art Therapy Italiana nimmt speziell Bezug auf jene psychoanalytischen Theorien, welche vornehmlich die affektiven Prozesse zwischen Kind und Umwelt während seiner Entwicklung studieren. Weiterhin wird der Akzent auf die symbolische Bedeutung der Körperbilder und die Entfaltung des kreativen Prozesses gelegt. Der Tanztherapeut nutzt die eigene Körpererfahrung und Phantasie, um mit den Entwicklungsbedürfnissen des Klienten in Kontakt zu kommen und ein zuträgliches Klima zu schaffen, das es diesem ermöglicht, eigene Ausdrucksformen und symbolhafte Gestaltungen seines Erlebens, seiner Empfindungen, seiner Gefühle, Phantasien und Bedürfnisse zu finden und zu erarbeiten. Innerhalb des tanztherapeutischen Prozesses werden über empathisches Zuhören und bewusstes Handhaben der Gegenübertragung bestimmte Techniken und Interventionen eingesetzt, um Veränderung und Reifung zu fördern. Die Kunsttherapie hatte von Beginn an, auch über direkte und lebendige Auseinandersetzung mit bedeutenden Vertretern der angelsächsischen Kunsttherapieszene, klinische und ausbildungsbezogene Erfahrungen gesammelt, die die Entwicklung einer psychodynamischen, expressiven Psychotherapie auch in Italien möglich machte. Vor diesem theoretischen Hintergrund hat die Tanz- und Bewegungstherapie eine eigene klinische Praxis entwickelt, aber vor allem die Grundlage eines eigenen Modells geschaffen: Sie wurde zur Brücke zwischen künstlerischen Ausdrucksformen verschiedenster Art und psychodynamischen Modellen zur Funktion von Geist und Persönlichkeit. Und sie wurde zu einem wertvollen Mosaikstein innerhalb der psychoanalytischen Theorien, ein Versuch, die Rolle der Kreativität und des Körpers des Menschen neu zu erklären und zu deuten. Die aktuelle Lage Bis hier war die Geschichte der Körperpsychotherapie und der Tanz- und Bewegungstherapie, die sich beide bis Ende der 1980er Jahre bisweilen mehr oder weniger zufällig ausgebreitet hatten, ohne konstante Bezugspunkte. In den frühen 1990er Jahren aber wurde das Schicksal der Psychotherapieschulen in Italien durch ein wichtiges Ereignis bestimmt, das die kulturelle und wissenschaftliche Landschaft verändert hat: die Verabschiedung des Gesetzes zur Regelung der Berufsausübung für Psychologen und Psychotherapeuten. Nach langwierigen parlamentarischen Debatten definierte das Gesetz von 1989 die Psychologie, legte deren Abgrenzung gegenüber Medizin und Psychiatrie fest und hob sie aus der Grauzone empirischer therapeutischer Praktiken heraus, die auf kulturellem Synkretismus oder manipulativer Suggestion beruhen. Das Gesetz verbesserte die Lage der klinischen Psychologie, legte sie aber gleichzeitig sehr restriktiv fest. Es ermöglichte allein Ärzten und Psychologen den Zugang zu den Psychotherapieschulen und ließ all jene, die einen akademischen Abschluss in Geistes- oder Sozialwissenschaften hatten, außen vor. Die Verabschiedung des Gesetzes war für alle Psychotherapieschulen, ob klinischer oder kultureller Ausrichtung, ein traumatisches Ereignis, da es alle Ausbildungsinstitute zwang, die gesetzliche Anerkennung anzufordern, um sichtbaren Standards zu entsprechen und auf dem Markt präsent sein zu können. Körperpsychotherapie in Italien 4 | 2015 157 1989 wurde deswegen eine ministerielle Kommission eingerichtet, die sich hauptsächlich aus Akademikern zusammensetzt und die Wissenschaftlichkeit der klinischen Methoden und deren organisatorische und didaktische Kompetenz prüft. Die von der Kommission zugrunde gelegten Kriterien entsprechen selbstverständlich akademischen Vorgehens- und Sichtweisen. Daher ist es für die Körperpsychotherapie schwierig, die gesetzliche Anerkennung über das Zulassungsverfahren der Kommission zu erlangen. Dies hat einen Bruch mit der Vergangenheit zur Folge: Nur wer angenommen wurde und wird, kann hoffen, weiterhin zu überleben, denn nur die anerkannten Schulen können Zertifikate ausstellen, die für die Berufsausübung gültig sind. So kommt es, dass zukünftige Kandidaten tendenziell nur jene Schulen wählen, die ihnen ein gesetzlich gültiges Diplom ausstellen können. Damit verlieren alle anderen Schulen an Attraktivität. Dabei ist zu sagen, dass die italienische Szene in den 1970er und 1980er Jahren hauptsächlich von zwei Gruppierungen geprägt war: den neoreichianischen Schulen, die sich auf die Reichsche Tradition beriefen, und den sogenannten Post-Reichianern, die von Reichs Theorie ausgingen, diese aber weiterentwickelten und auch grundlegend veränderten: Alexander Lowen, Luciano Rispoli, David Boadella, Jerome Liss, Malcolm Brown. Nach der Verabschiedung des Gesetzes legten die Schulen der ministeriellen Kommission ihr wissenschaftliches Modell vor, aber nicht alle erhielten die Anerkennung. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind sieben Körperpsychotherapieschulen anerkannt: drei nach Alexander Lowen, zwei neoreichianische, eine nach Luciano Rispoli und eine nach Jerome Liss. Die anderen verlieren an Sichtbarkeit und Bedeutung und laufen Gefahr zu verschwinden. Parallel dazu haben sich auch Tanz- und Bewegungstherapie-Schulen um Anerkennung bemüht. Aber nur eine einzige schaffte es, nämlich das Institut für Ausdruckspsychotherapie, das sich auf Arthur Robbins beruft. Ich denke, dass die aktuelle Lage recht günstig ist, auch wenn wir unterwegs Schulen verloren haben, die Interesse und Weiterführung verdient hätten. Gleichzeitig haben wir wissenschaftliche Glaubwürdigkeit, organisatorische Zuverlässigkeit und Sichtbarkeit in den Medien erworben. Wie alle historischen Veränderungen, haben wir einen Gewinn und einen Verlust erfahren, oder wie der französische Philosoph und Soziologe Edgar Morin sagen würde, eine Profilierung und eine Beschränkung, eine Bereicherung und eine Verarmung. Der Autor Prof. Maurizio Stupiggia Körperpsychotherapeut, Psychoanalytiker, Mitbegründer des italienischen Fachstudiengangs Biosystemische Psychotherapie, Ausbilder in verschiedenen europäischen Ländern sowie in Japan und Lateinamerika. Professor für gruppentherapeutische Verfahren an der Universität Bologna, Professor für Allgemeine Psychologie an der Universität Genua (medizinische Fakultät). ✉ Prof. Maurizio Stupiggia Tel. (0039)-(0)34 97 30 08 08 maustup@tin.it Skype: mstupiggia
