körper tanz bewegung
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2195-4909
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Die Transformation der Vitalitätsempfindungen als Element der Emotionsregulierung in der chinesischen Atemgymnastik (Qigong)
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Stefan Dietrich
Die Übungsprinzipien der chinesischen Atemgymnastik (Qigong) beruhen auf einem prozeduralen Verständnis der Fähigkeit zur emotionalen Selbstregulierung. Im Wechsel von Ruhe und Bewegung werden Empfindungen der Lebendigkeit und innerer Potentiale geweckt. Der Umgang mit diesen Vitalitätsempfindungen folgt dem zyklischen Verlauf von Kraftentfaltungen entsprechend der fünf Bewegtheitsvektoren Ansteigen – Weiten – Sinken – Verdichten – Wenden, respektive der emotionalen Konnotationen von Ärger, Freude, Trauer, Angst, Reflektion. Selbstregulierung im Qigong wird unter anderem vom Gewahrsein antagonistischer Empfindungsqualitäten beeinflusst. Durch eine zulassende, beobachtende und steuernde Übungspraxis im Qigong werden Mentalisierungsfähigkeiten erweitert. Komplexe und gehobene Gefühlszustände können kultiviert und die selbst-relationalen Emotionen modifiziert werden. Mikroanalytische Untersuchungen emotionaler Interaktionen zwischen Klienten und Therapeuten sollten die möglichen Vorteile einer Kombination von Psychotherapie und Qigong evaluieren.
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Fachbeitrag 62 körper-- tanz-- bewegung 5. Jg., S. 62-73 (2017) DOI 10.2378 / ktb2017.art09d © Ernst Reinhardt Verlag Die Transformation der Vitalitätsempfindungen als Element der Emotionsregulierung in der chinesischen Atemgymnastik (Qigong) Stefan Dietrich Die Übungsprinzipien der chinesischen Atemgymnastik (Qigong) beruhen auf einem prozeduralen Verständnis der Fähigkeit zur emotionalen Selbstregulierung. Im Wechsel von Ruhe und Bewegung werden Empfindungen der Lebendigkeit und innerer Potentiale geweckt. Der Umgang mit diesen Vitalitätsempfindungen folgt dem zyklischen Verlauf von Kraftentfaltungen entsprechend der fünf Bewegtheitsvektoren Ansteigen-- Weiten-- Sinken-- Verdichten-- Wenden, respektive der emotionalen Konnotationen von Ärger, Freude, Trauer, Angst, Reflektion. Selbstregulierung im Qigong wird unter anderem vom Gewahrsein antagonistischer Empfindungsqualitäten beeinflusst. Durch eine zulassende, beobachtende und steuernde Übungspraxis im Qigong werden Mentalisierungsfähigkeiten erweitert. Komplexe und gehobene Gefühlszustände können kultiviert und die selbst-relationalen Emotionen modifiziert werden. Mikroanalytische Untersuchungen emotionaler Interaktionen zwischen Klienten und Therapeuten sollten die möglichen Vorteile einer Kombination von Psychotherapie und Qigong evaluieren. Schlüsselbegriffe emotionale Selbstregulation, Qigong, Bewegtheitsvektoren, Vitalitätsempfindungen, Mentalisierung, Kultivierung von Gefühlen, Qigong und Psychotherapie An Access to Emotional Self-Regulation by Qigong: The Transformation of Sensations of Vitality Chinese breathing and movement exercises (qigong) are based upon an implicit understanding of the ability of emotional self-regulation. Alternating between rest and movement experiences of vitality and inner potentials is evoked. These practices follow the cyclical process of unfolding forces according to the five emotional vectors rising-- expanding-- sinking-- compacting-- turning, respective of emotional connotations of anger, joy, sadness, fear, reflection. Self-regulation in qigong is to some extent influenced by an awareness of opposing sensory qualities. By allowing spontaneous impetus and maintaining calm awareness qigong practice enhances mentalization capacities. Microanalytic examinations of the emotional interactions between clients and therapists are utilized to evaluate the potential benefits of a combination of psychotherapy with qigong. Key words emotional self-regulation, qigong, emotional vectors, sensations of vitality, mentalization, cultivation of emotions, qigong and psychotherapy Vitalitätsempfindungen und Qigong 2 | 2017 63 Der zyklische Fluss der Bewegtheit im Wechsel von Ruhe und Bewegung I n China werden über Generationen körperlich-geistige Übungen zur Pflege des Lebens (Yǎngshēng 養生 , Dǎoyǐn 导引 ) tradiert, die einen pragmatischen Zugang zu den Möglichkeiten des Menschen vermitteln, sich selbst auf der Basis von Bewegung (dòng 动 ) und Ruhe (jìng 靖 ) zu regulieren. Auf diese Weise wird das vom Dàoismus gelehrte Prinzip der Komplementarität von Yīn ( 阴 ) und Yáng ( 阳 ) in verkörperte Erfahrung übertragen. Als Vorbild werden z. B. in dem von Zhuāngzǐ im 4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung verfassten Werk („Das wahre Buch vom südlichen Blütenland“) die „wahren Menschen“ angeführt, die ihren Atem „von ganz unten herauf“ holen, „während die gewöhnlichen Menschen nur mit der Kehle atmen“ (Zhuāngzǐ 1986, 84). Die chinesische Atemgymnastik (im Folgenden mit dem modernen Sammelbegriff „Qìgōng“ benannt) versteht sich als ein Mittel zur Regulierung der funktionellen Vitalität des Organismus zum Ausgleich schädlicher Einflussfaktoren und intensiver Affekte (Qì meint den Atem, aber auch die physiologische Aktivität insgesamt sowie die Empfindungen, die mit den Lebensprozessen einhergehen. Der Begriff wird meistens als „Lebenskraft“ oder „Lebensenergie“ übersetzt, was kritikwürdige Vorstellungen evozieren kann). Bereits das „Buch der Riten“, Lǐjì 礼记 (6.- 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, dem Konfuzius zugeschrieben), nennt Gefühle, die „man kann, ohne sie erlernt zu haben“. Im Huáng Dì Nèi Jīng Sùwèn 黄帝内經素问 („Buch des Gelben Kaisers zur Inneren Medizin“) werden in dieser Kategorie aufgeführt: nù: Zorn, lè: Freude, sì: Denken / Nachdenklichkeit, bēi: Trauer, kǒng: Angst. Diese fünf Emotionen wurden den sogenannten fünf Wandlungsphasen (wŭxíng 五行 ) zugeordnet. Die Wandlungsphasen beziehen sich zunächst auf Veränderungen der natürlichen Atmosphäre im Jahresverlauf. Wolfgang Schulz nennt die prozeduralen Aspekte, die sich in den Wandlungsphasen widerspiegeln: im Frühling das Sprießen, der Sommer verleiht Dauer, im Herbst das Einsammeln und im Winter das Speichern (Schulz 2009, 59). Die fünfte Wandlungsphase wird der „Mitte“ (= „Erde“) und den Übergängen zwischen den Jahreszeiten zugeordnet. Die prozedurale Qualität dieser Phase ist der Moment der Wandlung und Umwandlung („huà 化 “). In der traditionellen chinesischen Medizin erfüllen im Organismus sowohl der Verdauungstrakt als auch das Denken diese Funktion (Funktionskreis Magen / Milz). Dieses Zusammendenken von Stoffumwandlung (Assimilationsprozess) und mentaler Erlebnisverarbeitung in der traditionellen chinesischen Medizin ist von Bedeutung, wenn wir nachvollziehen wollen, welche Rolle Ruhe und Bewegung im Qìgōng für die emotionale Selbstregulation spielen. Die Kraftentfaltungen im Qìgōng folgen einem rhythmischen Wechsel von Ruhe und Bewegtheit. Ein Vergleich mit dem Modell des zeitlich-zyklischen Verlaufs affektiver Prozesse von Geuter und Schrauth (Geuter 2015, 200- 205) liegt nahe. Die Spannungsänderungen im Qìgōng folgen einem Ablauf aus Ausdehnen / Steigen-- Öffnen-- Wenden-- Sinken-- Schließen / Verdichten. Somit bleibt der Bezug zum Atemgeschehen immer im Hintergrund-Gewahrsein. Die Kraftentfaltung hat hier aber auch einen engen Bezug zu den oben genannten prozeduralen Aspekten der fünf (Grund-) Gefühle (wǔ qíng 五情 : Zorn, Freude, Nachdenklichkeit, Trauer, Angst). Die Phasen Steigen / Anwachsen-- Öffnen / Ausdehnen-- Wenden-- Sinken-- Schließen / Verdichten geben eine Richtung bzw. Richtungsänderung der Kraftentwicklung an. Für diese fünf Richtungsaspekte der Entfaltung der Vitalitätsempfindungen erscheint mir der Begriff Bewegtheitsvektoren angebracht zu sein. Bewegtheitsvektoren stellen eine Richtung der Gemütsbewegungen dar, 64 2 | 2017 Stefan Dietrich 1 2 3 4 5 Die 5 Emotionen nù 怒 Zorn lè 樂 Freude sì 思 Denken (Nachdenklichkeit) bēi 悲 Trauer kǒng 恐 Angst Prozeduraler Aspekt Zitate aus: Schulz 2009 „Bewegung des Hervorsprossen und der Entfaltung“ (Frühling) „Üppiges Blühen und prunkvoller Glanz“, „lässt die üppigen Blüten sich in voller Schönheit entwickeln“ (Sommer) huà 化 , „Wandeln, Umwandeln“, Verdauen. Eine Irritation, die innere Distanz erzeugt. (Übergangszeiten zwischen den Jahreszeiten) „Das Reichhaltige und der Ausgleich“ (Herbst) „Schließen und Bevorraten“, „Man übt seinen Willen, als wäre man im Versteck“ (Winter) Bewegungsrichtung Steigen Ausbreiten, Weiten Wenden, Kippen, Drehen Sinken Schließen, Verdichten Vektoren ↗ ←→ ↘↗ ↘ → ← Prozedurale Charakterisierung (Vitalitätsaffekt) Anschwellen, Ansteigen, Steigerung Tragen, „Feiern“, in der Entfaltung verweilen Richtungswechsel, Zwischenstadium, Durchdringen Abschwellen, Abebben, (Ein-) sammeln Stille, Regungslosigkeit Psychophysische Funktionen und ihre Zuordnung zu Organen im traditionellen medizinischen Menschenbild gān ( 肝 ) Leber: Planung, Antizipation Sitz der „Traumseele“ bzw. „Hauchseele“ Hún 魂 xīn ( 心 ) Herz: Teile zum Ganzen verbinden; Reflexionsfähigkeit Geist (shén 神 ), pí ( 脾 )- Milz: „Verdauung“; Erlebnisverarbeitung „Haus der Ideen“ (Hertzer, 281) fèi ( 肺 ) Lunge: Regulierung der rhythmischen Funktionen Sitz der „Körperseele“ pò 魄 Shèn 肾 Niere: zhì 志 : Wille, Erinnerung Intention, Absicht „Essenz“ jīng 精 „Physiologische“ Wirkungen (nach Hertzer) Lässt das Qì ( 氣 ) nach oben steigen. Entspannt Qì ( 氣 ). Verknotet das Qì ( 氣 ). Zerstreut Qì ( 氣 ) Lässt Qì ( 氣 ) nach unten sinken. Pathologische Auswirkungen (nach Hertzer) Bringt die Hún 魂 - Seele aus ihrer Verankerung Führt zu Hitze im Herzen Grübeln; Vergesslichkeit Teilnahmslosigkeit Ängstlichkeit Tab. 1: Prozedurale Aspekte der fünf Richtungsemotionen im Huáng Dì Nèi Jīng und psychophysische Funktionen im Entsprechungssystem der traditionellen chinesischen Medizin (Erweiterung einer Tabelle von Hertzer 2006, 354) Vitalitätsempfindungen und Qigong 2 | 2017 65 die zu einem kreisförmigen Ablauf führen kann, wenn der Moment des Richtungswechsels nicht verpasst wird. Das Gewahrsein widerstreitender Kräfte Ein weiteres Prinzip der emotionalen Selbstregulierung im Qìgōng lässt sich am Beispiel der Übungsform „Reguliere den Atem, beruhige den Geist“ aus den „15 Ausdrucksformen des Tàijī“ nach Jiāo Guóruì nachvollziehen. Tài jī 太 极 meint das Prinzip der äußersten Polarität und der dynamischen Bezogenheit der widerstreitenden Kräfte von yīn und yáng 阴阳 (z. B. Schatten / Sonne), das auch für die Kampfkunst des Tàijíquán 太极拳 („Schattenboxen“) namensgebend ist. Die Übung beginnt mit einer Haltung, als würde man einen Ball tragen und umfassen. Diese Vorstellung impliziert, dass der Übende nicht einfach die Hände vor dem Körper in der Luft hält, sondern dass die Handflächen dem Gewicht des vorgestellten Balls entgegenwirken. Das setzt sich fort, wenn der „Ball aus dem Wasser heraus“ gehoben werden soll und dann die Handflächen über den Ball greifen und ihn unter Wasser halten und drücken. In der Imagination wird so die Anstrengung, die Hände vor dem Körper oben zu halten, von der Auftriebskraft des Balls im Wasser ausgeglichen (siehe Abb. 1-6). In jeder Haltung in diesem Bewegungsablauf werden immer zwei gegensinnig wirksame Bewegtheitsvektoren vergegenwärtigt (ein Prinzip, das auch die Gymnastikerin Dore Jacobs betonte; Jacobs 1998). Während die Hände sinken, taucht im Gewahrsein bereits „im Verborgenen“ die gegenläufige Kraft des Steigens auf. Wenn ich mir bei der Bewegung des „Ball-unter-Wasser-Drückens“ zugleich die Auftriebskraft des Balls vergegenwärtige, Abb. 1-6: Übungsform „Reguliere den Atem, beruhige den Geist“ 1 3 5 2 4 6 66 2 | 2017 Stefan Dietrich nehme ich gleichzeitig zwei Perspektiven ein, die einen Moment künftiger Gegenbewegung im Gewahrsein halten. Dieses Steigen im Sinken ist so etwas wie ein Vorgriff auf das, was sich entwickeln wird. Die Elastizität der Empfindung widerstreitender Kräfte ruft ein Gewahrsein des Wandels in zyklischen Abläufen hervor. Die Bereitschaft, unterschiedliche Bedeutungen in der gleichen Situation wahrzunehmen (Ambiguitätstoleranz), wird so geweckt. Das Prinzip der Suche nach Gegenregulation mit den Mitteln Ruhe und Bewegung wird im Qìgōng durch Perspektivenwechsel, Antizipation und Synchronisation erweitert. Ein Beispiel aus meiner psychotherapeutischen Praxis soll zwei der hier emotionsregulatorisch bedeutsamen Aspekte illustrieren: Eine Klientin mit einer agoraphobischen Symptomatik vor dem Hintergrund einer Störung der Emotionsregulation als Folge psychischer Traumatisierung befand sich bei mir in psychotherapeutischer Behandlung und hatte in dieser Zeit an von mir geleiteten Kursen für Qìgōng Yǎngshēng teilgenommen. Qìgōng Yǎngshēng ist ein Lehr- und Übungssystem, das die Gesundheitsförderung in den Mittelpunkt rückt und individuell anzupassende Übungsmethoden auf der Basis nachvollziehbarer Grundprinzipien vermittelt. Ich fragte diese Patientin in einem Einzelgespräch, was sie von dem Qìgōng-Kurs noch in Erinnerung habe. Ihr fiel als erstes die Übung „Hände wie Wolken und fließendes Wasser“ aus den 15-Ausdrucksformen des Tàijī 太极十五势 ein. Was sie besonders beeindruckt habe, seien die fließenden, weichen Bewegungen. Der genaue Ablauf dieser Übung sei ihr nicht mehr präsent. Ich schlug ihr vor, mit der Art der Bewegung zu experimentieren, ohne eine korrekte Übungsform anzustreben. Dabei erinnerte ich sie an die Übung des Tàijí-Jìnggōng 太极靜功 , die sie im Kurs bereits kennengelernt hatte (Jiāo 1997, 9-15). Bei dieser Übung in Ruhe (Jìnggōng) steht die Ruhe und Sammlung im Vordergrund, aber es ist „die Möglichkeit der äußerlichen (körperlichen) Bewegung innerhalb eines festgelegten Spielraumes gegeben“ (Jiāo 1997, 12). Die Klientin übte konzentriert für sich. Ihre Bewegung erinnerte deutlich an die Übungsform „Wolkenhände“, war aber viel freier und variabler. Nach der Übungseinheit fragte ich sie, wie sie das erlebt hatte. Ihr seien vor allem die Wendepunkte in der Bewegung aufgefallen. „Ich merke, dass ich die fließende Bewegung zulassen kann und trotzdem die Steuerung bewahre. Das hat sich auch in meinen Gefühlen, wenn ich im Streit mit anderen bin, geändert. Früher war da ein krasser Zustandswechsel. Ich bin von einem guten Gefühlszustand in einen ganz angespannten, verhärteten Zustand hineingefallen, und dann habe ich die Enttäuschung und mein Verletztsein behalten und bin darüber hinweggegangen. So wie immer über mich hinweggegangen wurde. Jetzt gibt es fließende Übergänge zwischen den Gefühlen, und ich kann das, was mir nicht passt, wieder direkt ansprechen.“ Die Patientin stellte einen Zusammenhang zwischen dem Wechsel des Gefühlszustands und dem Wechsel der Bewegungsrichtung in dieser Übung her. Die Geschmeidigkeit der Gelenke und der Drehbewegungen repräsentierten für sie eine Veränderung, die aus ihrer Sicht durch den therapeutischen Prozess in Gang gekommen war. Stellt in solchen Fällen die Psychotherapie die entscheidenden Weichen, oder ist die Kombination mit Qìgōng-Kursen von ausschlaggebender Bedeutung? Diese Frage ist klinisch relevant. Bei der Kombination von Qìgōng und Psychotherapie scheint es meines Erachtens bedeutsam zu sein, dass ein Transfer von Selbstübungserfahrungen zu problematischen Alltagsinteraktionen angestoßen wird. Vitalitätsempfindungen und Qigong 2 | 2017 67 Die Formung der Dynamik der Vitalitätsempfindungen Die oben zitierte Aussage einer Klientin in der Psychotherapie legt die Vermutung nahe, dass es bei der Steuerung der Gemütsbewegungen nicht nur um den Moment des Richtungswandels, sondern auch um die Qualität der Bewegung geht. „Fließend und weich“ wurde die Bewegung erlebt. Doch das ist nur eine Möglichkeit, wie die Vitalität in Bewegungen zum Ausdruck kommen kann. Ob ich energisch und zielstrebig oder zögerlich oder behutsam zupacke, diese Art und Weise des Greifens kann anders sein, je nachdem, was ich tue, oder je nachdem, wie ich mich fühle. Dieses „Wie“ der Bewegung vermittelt einen Eindruck von der momentanen inneren Befindlichkeit. Der Säuglingsforscher Daniel Stern hatte für diesen Aspekt der Bewegungen zunächst den Begriff „Vitalitätsaffekte“ gewählt. Die Frage, warum er es für nötig hielt, für bestimmte Arten des menschlichen Erlebens einen neuen Begriff einzuführen, beantwortete er so: „Es ist nötig, weil uns zahlreiche Gefühlsqualitäten vertraut sind, die von unserem herkömmlichen Wortschatz oder unserer Taxonomie der Affekte nicht erfasst werden. Diese schwerbestimmbaren Qualitäten lassen sich besser mit dynamischen, kinetischen Begriffen charakterisieren wie ‚aufwallend‘, ‚verblassend‘, ‚flüchtig‘, ‚explosionsartig‘, ‚anschwellend‘, ‚abklingend‘, ‚berstend‘, ‚sich hinziehend‘ und so weiter.“ (Stern 1993, 83) Später widmete Stern diesen „dynamischen Ausdrucksformen der Vitalität“ ein eigenes Buch (Stern 2011). Jiāo Guóruì beschreibt in seinem Buch über „das Spiel der fünf Tiere“ detailliert „14 grundlegenden Kräfte“ mit unterschiedlichen Bewegungsqualitäten, die den Charakter von „Vitalitätsaffekten“ haben (Jiāo 1992, 24-26). Hier ein Beispiel für eine solche Kategorie: „dùn 顿 : Pause, plötzlich, auf einmal. Dùn ist eine Kraft, die entsteht, wenn man plötzlich in einer Bewegung innehält. Sie beinhaltet eine ‚explosive‘, ‚sprengende‘ Komponente. Sie bringt gleichzeitig auch ein recht starkes Zittern hervor.“ (Jiāo 1992, 25) Solche Kraftentfaltungsmuster hervorzulocken, zum Ausdruck zu bringen und zu lenken, ist eine Fähigkeit, die durch Qìgōng entwickelt werden kann. Dazu braucht es einen bejahenden Umgang mit vitalen Impulsen. Der Impuls zur Bewegung wird in der Übung durch die Kraft der Imagination hervorgelockt und geformt. Besonders das Spiel der fünf Tiere (wǔ qín xì 五禽戲 ) lädt zur Identifikation mit wilden Tieren ein. Diese Übungsmethode geht auf den berühmten chinesischen Arzt Huá Tuó 华陀 (gest. 208) zurück, einer der ersten Ärzte, die Gymnastik als Heilmethode vorschlugen. Bei seiner „Kunst der fünf Tiere“ sollten seine Patienten die Bewegungsqualitäten von Tiger, Hirsch, Bär, Affe und Kranich imitieren. Jiāo Guóruì weist darauf hin, dass es bei den Übungen zur Pflege des Lebens (Yǎngshēng) um „das Sich-Wiederfinden in ursprünglichen, natürlichen Bewegungsformen und das Ausdrücken von ursprünglichen, allen Menschen innewohnenden Lebensgefühlen und Kräften, wie Erdverbundenheit (Bär), Leichtigkeit (Vogel), Mächtigkeit (Tiger) und Geschmeidigkeit (Schlange), in Körperhaltungen, in Gestik und Mimik“ gehen würde (Jiāo 1992, 13). Nicht nur die Nachahmung von Tierbewegungen erweitert hier das Repertoire an affektmotorischen Schemata. Vor allem die Imagination „ködert“ (chinesisch: yòu 诱 ) hier auch Impulse zu Ausdrucksbewegungen und Lautäußerungen, die der übenden Person ansonsten fremd zu sein scheinen. Einige Qìgōng-Methoden bieten einen formlosen Rahmen für den freien Ausdruck von Impulsen. Christine Korischek berichtet über persönliche Erfahrungen mit der buddhistischen Chanmi-Qìgōng-Praxis, die einen Eindruck von 68 2 | 2017 Stefan Dietrich der Bedeutung der Entfaltung verborgener affektmotorischer Potentiale in einem freieren Qìgōng-Prozess vermitteln: „Während der ‚Doppelwolken-Übung‘ können verschiedenste Bewegungen entstehen. Es kann dazu kommen, dass der ganze Körper oder Körperteile sich zu schütteln beginnen, dass die Übenden Punkte und Körperstellen massieren oder beklopfen oder dass Tanzbewegungen entstehen. Emotionen können sich in heftigen Ausbrüchen, wie in lautem Lachen, heftigem Weinen, Schreien, wutverzerrten Grimassen etc. manifestieren. Die besondere Qualität dieser Übung liegt meiner Meinung nach darin, dass ein Ausagieren auf der körperlichen Ebene und damit eine Lösung von angestauten Emotionen über das Meridiansystem möglich ist, während das Bewusstsein in tiefer Ruhe und Gelassenheit sein kann. Man ist gleichzeitig bewegte Übende und unbewegte Beobachterin. (…) Jedoch geht die körperliche Befreiung nicht an der Psyche vorbei, und es kann zum Auftauchen der damit verbundenen Erinnerungsbilder kommen. (…) Aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen, dass verdrängte traumatische Erlebnisse während der Übung wieder erinnert und erlebt werden können. Damit wird ein Verarbeitungsprozess abgespaltener Erfahrungen, die aufgrund ihrer für das Ich überwältigenden Affektqualitäten keiner Verarbeitung im Gedächtnissystem zugeführt werden können, initiiert und vorangetrieben.“ (Korischek 2015, 104 f) Christine Korischecks Schilderung ihrer Chan- Mi-Gong-Erfahrung setzt ein gutes Integrationsniveau der psychischen Struktur und die Verfügbarkeit von Mentalisierungsfähigkeiten voraus. Bei der psychotherapeutischen Arbeit, insbesondere mit traumatisierten Patienten, muss die Steuerungsfähigkeit der im Qìgōng belebten Emotionen dagegen erst schrittweise entwickelt werden. Die von Korischek beschriebene Gleichzeitigkeit von „Bewegtsein“ und „unbewegtem Beobachten“ nährt diese Fähigkeit. Wie formen Gemütsbewegungen komplexe Gefühlszustände? Von Beginn unseres Lebens an bauen wir ein immer komplexeres Repertoire an Möglichkeiten auf, uns selbst in verschiedenen Situationen körperlich zu organisieren („body organizing“, Downing 2015). Von Moment zu Moment ändern sich so die Regulation von Muskelspannungen, Bewegungsabläufen, Gesichtsausdrücken, Atemmustern und anderer Körperprozesse und die Verarbeitungskapazität für Informationen und Emotionen. Durch Bewegung und Lautäußerungen machen wir uns bemerkbar. Einen Bewegungsspielraum zu erkunden, kann ein emotionales Feld von verschiedenen Gefühlen mit einem ähnlichen prozeduralen Charakter, wie Neugier, Tätigkeitsfreude, Heiterkeit, erzeugen. Das eben genannte emotionale Spektrum bewirkt eine Steigerung des Lebensgefühls und fördert den Erwerb neuer Kompetenzen. Kinder im Alter bis ca. zwei Jahre erleben noch überwiegend den Erfolg, während mit zweieinhalb Jahren auch das Erleben von Misserfolgen sichtbar wird. Die Vergegenwärtigung einer möglichen Missbilligung bzw. eines Scheiterns setzt also eine bestimmte mentale Reife voraus. Die präreflexiven selbst-relationalen Emotionen, zu denen unter anderem Triumph, Stolz, Verlegenheit, Scham, Schuld gerechnet werden, spiegeln das Selbst aus der Perspektive eines Außenstehenden wider, ohne dass ein innerer Dialog im Sinne eines Reflexionsprozesses daran beteiligt sein muss (die übliche Bezeichnung „selbstreflexive Emotionen“ ist daher irreführend). Das bedeutet, dass diese Gefühle eine Änderung der Perspektive im Selbstbezug voraussetzen. Wenn ich mich schuldig fühle, behandle ich mich, als Vitalitätsempfindungen und Qigong 2 | 2017 69 würde ich mich selbst anklagen. Die Fähigkeit zur Modifikation der Intensität von selbst-relationalen Emotionen setzt zwischenmenschliche Erfahrungen der Ko-Regulierung voraus. Mangelnde Erfahrungen gelungener Ko-Regulationen oder Traumatisierungen beeinträchtigen die Verfügbarkeit der Fähigkeit zur Modifikation dieser Emotionen. Dann reagiert das Gefühlsleben noch im Erwachsenenalter übersteuert. Schuld oder Scham können dann z. B. nicht gegenreguliert werden und verhindern situationsangemessene Entscheidungen oder Reaktionen. Gefühle, die ein Selbstverhältnis voraussetzen, wie z. B. Schuldgefühle, können als Mischung aus gleichzeitig aktivierten Basisemotionen, wie Trauer, Angst und Ärger, aufgefasst werden. Betrachten wir nun die möglichen Unterschiede in der Art und Weise, wie sich z. B. Schuldgefühle auf die Vitalitätsempfindungen auswirken können. Prozedural gesehen baut ein Schuldgefühl auf der Synchronisierung von Ärger-, Trauer- und Angst-bezogenen Vitalitätsvektoren auf. Es ist eine Kombination von steigender (↑), sinkender (↓) und verdichtender (→ ←) Gemütsbewegung zu beobachten. Die Vitalitätsdynamik ließe sich mit Vektoren so beschreiben: ↑ + ↓ + → ←. Innerhalb dieser „Mischung“ können Akzente auftauchen, ohne dass sich die Bedeutung der Emotion grundlegend ändert. Ein verbal-kognitiv orientierter psychotherapeutischer Umgang mit einer Emotionsdynamik, bei der Schuldgefühle übersteuert und nicht angemessen gemildert oder reguliert werden, wird am interaktionellen bzw. intrapsychischen Geschehen ansetzen. Ein methodisches Vorgehen, das die Vitalitätsempfindungen moduliert, wird dagegen auch die Vitalitätsvektoren und die Organisation der Körperhaltung einbeziehen. Durch die Berücksichtigung der Vitalitätsempfindungen werden feine Unterschiede im Gefühlszustand der Schuld deutlich. Die Regulation und Transformation der begleitenden Vitalitätsempfindungen wirkt auf emotionale Verarbeitungsprozesse ein. Qìgōng beeinflusst die emotionale Selbstregulation auf spielerische Weise, z. B. wenn wir unsere Bewegungen auf eine Art organisieren, die ein solches emotionales Feld zum Schwingen bringt: Interesse- - Neugier- - Wachsamkeit- - Selbstvertrauen- - Zuversicht- - Mut und Wagemut- - Tapferkeit- - Behändigkeit- - Verschmitztheit- - Klugheit- - sich verstohlen umsehen-- Chancen ergreifen-- Freude-- Stolz-- Triumphgefühl-- Unberechenbarkeit-- Wechsel von Großzügigkeit und Selbstsorge-- Gefahren erkennen- - die Flucht ergreifen- - sich zurückziehen und verbergen. Diese Emotionskette würde zu der emotionalen Dynamik eines Autonomie-Abhängigkeitskonflikts gemischt mit Elementen des Tab. 2: Modifikationen selbst-relationaler Gefühle am Beispiel von Schuld Interaktionell Intrapsychisch Vitalitätsvektoren Körperreaktion ∙ ∙ Nachgeben. Wiedergutmachung ∙ ∙ Klärung, der eigenen Rechte und der des anderen ∙ ∙ Rechtfertigen, Abwehren ∙ ∙ Verantwortung übernehmen. Reue. Ins „Reine kommen wollen“ ∙ ∙ Lernhemmung, „dicht machen“ ∙ ∙ Internalisierung oder Bestätigung von Regeln ∙ ∙ Überwiegen der Bedrückung (↓↑↓). ∙ ∙ Überwiegen der Angst (→ → ↓↑ ← ←). ∙ ∙ Überwiegen des Ärgers (↑↓↑). ∙ ∙ Einsinken. „Geknickt sein“ ∙ ∙ Schließen, Verdichten, Erstarren ∙ ∙ Sich Aufbäumen, Steigende Empfindungen. Sich „Versteifen“. 70 2 | 2017 Stefan Dietrich Dominanzbzw. Rivalitätsthemas passen. Im „Spiel des Affen“, einer Übungsmethode des Qìgōng Yǎngshēng nach Jiāo, wird diese Emotionsdynamik mit bestimmten Bewegungsmustern verkörpert: Die Bewegungsform ist eine Choreografie einer bekannten Episode aus dem klassischen chinesischen Roman „Die Reise nach Westen“ von Wú Chéng’ēn ( 吴承恩 ) aus dem 16. Jahrhundert. Hier tritt der legendäre Affenkönig Sūn Wùkōng ( 孙悟空 ) als eine Art Rebell auf, der den Göttern ihr Unsterblichkeitselixier stiehlt und sich der Unterwerfung entzieht. Letztlich entwickelt sich dieser Held von einem unbeherrschten, maßlosen Charakter zum wagemutigen und loyalen „Buddha siegreich im Streit“ (so einer der Ehrentitel der Romanfigur). Das Spiel des Affen fördert Flexibilität bzw. Ambitendenz, Wendigkeit, intensive Verdichtung und Weite, höchste Wachheit und tiefe Ruhe. Das Momentum der Zwischenleiblichkeit Die Übungen im Qìgōng können als ein „Affekt- Spiel“ erlebt werden, das wie der Traum keinen Schaden in den zwischenmenschlichen Beziehungen des „realen“ Lebens anrichtet. Sein emotionsregulierendes Potential beruht aber nicht oder nicht allein auf dem „Als-ob- Modus“ einer „nur gespielten“ Emotionalität. Im Qìgōng orientieren wir uns beim Üben an der „Natürlichkeit“ und meinen damit „zìrán“ 自然 als Ausdruck für etwas, das sich von selbst so strukturiert, wie es sein sollte (Röllicke 2002; Ommerborn 2004). Doch wir können nicht vorher schon wissen, wie es sich zwanglos selbst organisieren wird, wenn wir eine neue Seite in uns selbst entdecken. Das heißt, dass „zìrán“ nicht durch korrekte Imitation einer Bewegungsform übernommen werden kann. Denn die Natürlichkeit setzt die Anpassung der Übung an individuell unterschiedliche Bedingungen voraus. Auch wenn Qìgōng eine Selbstübungsmethode darstellt, die häufig für sich allein praktiziert wird, spielt auch hier Intersubjektivität eine Rolle. Es wurde oft betont, dass die Schüler-Lehrer-Beziehung sowie die Beziehung zu den anderen Kursteilnehmern im Qìgōng-Unterricht Übertragungsmechanismen im Sinne einer „Neuauflage der infantilen Situation“ in Gang setzen würden (Korischek 2015). Doch Nachahmung, Ko-Regulation und Identifikation können die immer wieder beobachteten positiven Effekte auf die Fähigkeit zur Modulation der Emotionsintensität im Qìgōng nur zum Teil erklären. Und die Einengung der Diskussion auf den Aspekt der idealisierenden Übertragung spiegelt meines Erachtens eher Besonderheiten des interkulturellen Transfers dieser Methoden wider. Einen anderen Beziehungsaspekt machen Psychotherapeuten wie Claus Fischer und Micheline Schwarze, die Autoren von „Qigong in der Psychotherapie und Selbstmanagement“ (2008), in ihren Kursen bewusst. Sie inszenieren, nachdem die Kursteilnehmer mit Bewegungsformen aus dem Spiel der fünf Tiere vertraut geworden sind, eine Begegnung von unterschiedlichen „gespielten Tieren“: Zunächst werden zwei Gruppen gebildet, die entweder die innere Haltung und Bewegungsstruktur eines vom Menschen verkörperten Kranichs („erhaben“) oder eines Tigers („machtbewusst“) aufzubauen und aufrecht zu erhalten versuchen. Wenn sich dann die unterschiedlichen „mentalen Strukturen“ von Kranich und Tiger aufeinander zu bewegen, entstehen spannende Wechselwirkungen. Es wird eine „Kraft zur Differenzierung“ der Gemütszustände zwischen dem Selbst und dem Anderen benötigt. In der Begegnung treffen sich Blicke, die eine unterschiedliche Qualität der Ruhe aufblitzen lassen. In einem solchen Moment der Begegnung kann es nun Vitalitätsempfindungen und Qigong 2 | 2017 71 aber auch geschehen, dass sich etwas im Körper neu organisiert. Es ist als würde die eigene „innere Form“ etwas von der „inneren Form“ des anderen in sich aufnehmen und darauf reagieren. Man könnte es als einen kurzen Moment des Ineinanderfließens der Strukturen mit der Folge einer Neuorganisation beschreiben. „Tiger und Kranich“ spüren für den Bruchteil eines Augenblicks eine Irritation, ohne wirklich ganz zu vergessen, dass der eine den Tiger und der andere den Kranich spielt. Es entsteht eine zwischenleibliche Resonanz in der Begegnung, die zu einer wortlosen Verständigung darüber führt, was für mich bzw. was für den anderen von Bedeutung ist. Es entwickelt sich ein dialogisches Verhältnis, das nicht auf verbaler Kommunikation beruht- - ein vorbegrifflicher Dialog der Vitalität. Diese Irritation beeinflusst das Selbstverhältnis im Sinne des Erlebens der Fähigkeit zu „wirklich spontaner“ Interaktion. Dass zwischenleibliche Resonanz das vorbegriffliche, präreflexive Erleben beeinflusst, war auch vor der Entdeckung der Spiegelneuronen bekannt. In der chinesischen Literatur wird dies „gǎnyìng“ genannt: „GǎnYìng“ 感應 wird nach musikalischem Vorbild als ein Resonanzgeschehen aufgefasst, und zwar als ein Anrühren einerseits und ein Widerhallen als ein Antwortereignis.“ (Schulz 2009, 33) Wolfgang Schulz meint, dass der Mensch erst mit Hilfe des „mitfühlenden Resonanzgeschehens“ GǎnYìng 感應 über die Begrenztheit seines Denkens hinaus geführt werden könne (Schulz 2009, 33). Der Begriff hat eine starke Nähe zu dem Konzept der ästhetischen Empfindung, die z. B. nach Friedrich Schiller geschult werden soll, um die Persönlichkeit zu kultivieren (Chanteux 2002, 92-98; Schiller 1793 / 2008). Qìgōng ist ein Forschungsprojekt Der hier vorgestellte Versuch, den Einfluss einer Selbstkultivierungsmethode wie Qìgōng auf das Selbstverhältnis, die Modifikation von präreflexiven selbst-relationalen Emotionen und die Entfaltung komplexer Gefühlszustände darzustellen, vernachlässigt eine Reihe weiterer Aspekte, die hier auch von Relevanz wären. In den Fokus gerückt werden sollte ein Qìgōngspezifischer Blick auf die Wandlungsmöglichkeiten der Empfindung der Lebendigkeit. Ich habe für diesen Moment der Wandlung den Begriff „Transformation der Vitalitätsempfindungen“ gewählt. Wollte man diesen Ausdruck ins Chinesische übertagen, würde sich „qì huà 气化 “, die Transformation von Qì (Lebenskraft), anbieten. Damit kommt allerdings ein Fachterminus des Qìgōng ins Spiel, der ein weites Bedeutungsfeld umfasst. Die „Transformation von Qì dauert während des ganzen Lebens an und ist niemals unterbrochen“, schreibt Jiāo Guóruì (1988, 90-93). Das trifft auch auf den Prozess der Verarbeitung und Transformation von Vitalitätsempfindungen in dem hier skizzierten Sinn zu. „Vitalitätsempfindung“ meint nicht nur die subjektive erlebte Lebendigkeit, sondern auch das Selbsterleben eines Potentials in der Ruhe und Konzentration. Manche Gefühlsnuancen der Lebendigkeit sind überhaupt erst im Wechsel von Bewegung und Ruhe zu erfassen. Komplexe und gehobene Gefühlszustände, wie z. B. Selbstzufriedenheit, Zartheit, Schönheit, gelassene Heiterkeit, Weite, Großzügigkeit, Klarheit, Dankbarkeit oder besondere Qualitäten der Ruhe spielen im Qìgōng eine große Rolle. Sie tauchen oft beim Übergang von Bewegtheit zur Ruhe auf, wie z. B. „Die Ruhe des Tigers ist wie der klare Mond am Himmel“, „Die Ruhe des Kranichs ist reine Ruhe. Es ist eine Ruhe, der Schönheit und Anmut innewohnt, eine Ruhe, die aus der Zufriedenheit der Seele erwächst.“ (Jiāo 1992, 91) Die Kultivierung der Gemütsbewegungen ist 72 2 | 2017 Stefan Dietrich eine lebenslange Entwicklungsaufgabe. Vieles spricht dafür, dass Qìgōng emotional-mentale Verarbeitungsprozesse unterstützt und dabei im subjektiven Erleben „Schädliches in Nützliches verwandelt“ (huà hài wèi lì 化害为 利 ) bzw. problematische Gefühle in einen sinnstiftenden Rahmen bettet. Wir brauchen Kulturtechniken, wie Qìgōng und die Methoden der modernen Psychotherapie, um das Menschenmögliche zu erfassen. Im Hinblick auf die Rolle, die Qìgōng in der Kombination mit psychotherapeutischen Methoden spielen kann, stehen wir noch am Anfang. KollegInnen, die wie ich selbst diese Kombination seit Jahren praktizieren, berichten von nachhaltigen Zusatzeffekten auf den Erfolg von Psychotherapien (Bertram 2014). Mikroanalytische Untersuchungen zum Austausch von dynamischen Vitalitätsformen und zu Veränderungen im emotionsregulierenden body organizing könnten dazu beitragen, den Einfluss des Qìgōng auf Psychotherapeuten und Klienten zu erhellen. Qìgōng ist, wie Jiāo Guóruì es formulierte, ein Forschungsprojekt. Literatur Chanteux, U. (2002): Schillers Ästhetik und Qìgōng Yǎngshēng. Zeitschrift für Qìgōng Yǎngshēng 10, 92-98 Bertram, A. (2014): Qi Gong und Psychotherapie. Unveröffentlichtes Manuskript, einsehbar über die Homepage des Arbeitskreises Qigong und Psychotherapie: www.qigong-und-psychotherapie.de Downing, G. (2015): Early interaction and the body. In: Marlock, G., Weiss, H. (Hrsg.): The handbook of body psychotherapy and somatic psychology. North Atlantic Books, Berkley / CA, 333-350 Fischer, C., Schwarze, M. (2008): Qigong in der Psychotherapie und Selbstmanagement. Klett-Cotta, Stuttgart Geuter, U. (2015): Körperpsychotherapie. Grundriss einer Theorie für die klinische Praxis. 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Stefan Dietrich, Jahrgang 1963, ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Naturheilverfahren, Akupunktur. Als Kursleiter für selbstregulationsfördernde Übungsmethoden ist er seit 1984 tätig. Seit 1997 beschäftigt er sich in eigener Praxis mit der Kombination von psychodynamischer Gruppen- und Einzelpsychotherapie, körperorientierten Methoden und Qìgōng Yăngshēng. Er ist Autor des 2014 im VAS-Verlag erschienenen Buches „Atemrhythmus und Psychotherapie. Ein Beitrag zu Geschichte und Grundfragen der kombiniert körperlich-seelischen Behandlungsmethoden“. ✉ Stefan Dietrich Burgstr. 25 | 59755 Arnsberg info@dr-stefan-dietrich.de www.dr-stefan-dietrich.de
