eJournals körper tanz bewegung5/4

körper tanz bewegung
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2195-4909
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/ktb2017.art21d
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Affekt-abstimmende und ­mentalisierende Interventionen in der Tanz- und Bewegungstherapie bei sexuellen Störungen

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Marianne Eberhard-Kaechele
In Auszügen wird ein Ansatz zur Betrachtung und Behandlung sexueller ­Störungen vorgestellt, der auf Theorien und empirische Befunde der Säuglingsforschung zurückgreift. Im Fokus stehen Muster der Über- oder Unterstimulierung sowie verkörperte Mentalisierung. Dabei werden in Übungs- und Fallbeispielen die Reaktualisierung der in der frühen Kindheit geprägten Interaktionsmuster im Kontext der erwachsenen Sexualität thematisiert und die Möglichkeiten, mit tanz- und bewegungstherapeutischen Interventionen darauf einzugehen, verdeutlicht.
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Fachbeitrag 154 körper-- tanz-- bewegung 5. Jg., S. 154-161 (2017) DOI 10.2378 / ktb2017.art21d © Ernst Reinhardt Verlag Affekt-abstimmende und mentalisierende Interventionen in der Tanz- und Bewegungstherapie bei sexuellen Störungen Marianne Eberhard-Kaechele In Auszügen wird ein Ansatz zur Betrachtung und Behandlung sexueller Störungen vorgestellt, der auf Theorien und empirische Befunde der Säuglingsforschung zurückgreift. Im Fokus stehen Muster der Über- oder Unterstimulierung sowie verkörperte Mentalisierung. Dabei werden in Übungs- und Fallbeispielen die Reaktualisierung der in der frühen Kindheit geprägten Interaktionsmuster im Kontext der erwachsenen Sexualität thematisiert und die Möglichkeiten, mit tanz- und bewegungstherapeutischen Interventionen darauf einzugehen, verdeutlicht. Schlüsselbegriffe sexuelle Störungen, Tanz- und Bewegungstherapie, Affektabstimmung, Mentalisieren Attunement and Mentalizing Interventions in Dance / Movement Therapy with Persons with Sexual Disorders Excerpts of an approach to the consideration and treatment of sexual disorders based on theories and empirical findings of infant research are presented. The article’s focus is upon patterns of overor understimulation and embodied mentalizing. The re-actualization of interaction patterns that were established in early childhood during adult sexuality and pertinent dance / movement therapy interventions will be illustrated through practical and clinical examples. Key words sexual disorders, dance therapy, attunement, mentalizing Begegnung der Disziplinen W as kann die Perspektive der Entwicklungspsychologie auf der Ebene der Bewegungsinteraktion für das Verständnis und die Behandlung sexueller Störungen beitragen? In einem Austauschprozess mit einer Dauer von sechs Jahren gingen die Sexualmedizinerin und Psychotherapeutin Ruth Gnirss-Bormet und die Tanz- und Ausdruckstherapeutin Marianne Eberhard-Kaechele dieser Frage nach. Sie erarbeiteten einen Ansatz, der praktische Interventionen mit empirisch begründeten Theorien zu Abstimmungs- oder Attunementverhalten (im weitesten Sinne) verknüpft. Dieser Attunement-orientierte Ansatz Interventionen bei sexuellen Störungen 4 | 2017 155 eröffnet einen Erfahrungsraum sowohl für die Einzeltherapie, im Paarsetting und auch im Rahmen von Gruppentherapien, in dem neue Lösungen zur Bewältigung von Blockaden und Schwierigkeiten in der sexuellen Begegnung entdeckt werden können. Dieser Ansatz versteht sich als Ergänzung zu klassischen Formen der Sexualtherapie oder als Inspiration für die Arbeit mit sexuellen Themen in der Tanz-, Körper- oder Bewegungspsychotherapie. In diesem kurzen Artikel werden ausgewählte theoretische und methodische Aspekte des Konzepts vorgestellt, gefolgt von Interventionsbeispielen. Weitere Ausführungen sind bei Eberhard-Kaechele & Gnirss-Bormet (2017) zu lesen. Zwei Grundprinzipien Im Säuglingsalter begegnet der Mensch seinen Bezugspersonen in Interaktionen, die primär von der Bewegung geprägt sind und sekundär von Vokalisierung oder Sprache begleitet werden. Aus diesen Interaktionen werden mit der Zeit wiederkehrende Muster des Zusammenseins mit anderen abgespeichert. Bowlby (1969 / 1975) nennt sie innere Arbeitsmodelle (Internal Working Models, IWMs), Stern (1996) bezeichnet sie als generalisierte Interaktionsrepräsentationen (Representations of Interactions that have been Generalized, RIGs), und Tronick (2007) nutzt den Begriff Beziehungs- Aktivierungs-Muster (Relational Activation Patterns, RAPs). Jeder Forscher betonte andere Facetten dieser Muster, auf die an dieser Stelle nicht eigegangen werden kann. Gemeinsam ist ihnen die Auffassung, dass solche Muster neben sensomotorischen und affektiven auch kognitive Komponenten wie Vorstellungen und Erwartungen bezüglich des Partners und des Selbst enthalten. Die klinische Beobachtung solcher Muster von Eberhard-Kaechele und Gnirss-Bormet (2017) führte zum ersten Grundprinzip des Attunement-orientierten Ansatzes: Im Kontext der erwachsenen Sexualität, welche primär körperlich und sekundär vokal oder sprachlich gestaltet wird, können sich Muster von Interaktionserfahrungen aus der frühen Kindheit aktualisieren, die negative Folgen für die Gegenwart haben. Es geht bei diesem Prinzip nicht darum, erwachsene Personen als Babys zu betrachten, sondern nach der Bedeutung belastender frühkindlicher Interaktionsmuster für die aktuelle Problematik zu fragen und Erkenntnisse über nonverbale Interaktionen aus der Säuglingsforschung therapeutisch für die Behandlung Erwachsener zu nutzen. Das zweite Grundprinzip ist das „verdeckte Vorgehen“ aus der Tanztherapie (Eberhard- Kaechele 2012, 40). Dies beinhaltet die indirekte Thematisierung von Problemen auf einer funktionalen, abstrakten oder symbolischen Ebene. In den Interventionen werden Aspekte der sexuellen Begegnung mittels Bewegungsanalyse (Laban 2003; Kestenberg-Amighi 1999) dekonstruiert und auf einfache Bewegungen und Interaktionen abstrahiert, die zunächst losgelöst vom Kontext der Sexualität im therapeutischen Setting angeboten werden können. Für weitere Erläuterungen siehe Eberhard- Kaechele & Gnirss-Bormet (2017). Auf diese Weise kann der / die TherapeutIn die Interaktion des Paares oder der Einzelperson direkt auf der Körperebene beobachten und darauf bezogen weiter intervenieren. Es wird auf Defizite, Konflikte und schambesetzte Themen so eingegangen, dass Kompetenzen erschlossen werden können, ohne die PatientInnen zu beschämen, zu überfordern oder zu retraumatisieren. Der / die TherapeutIn steuert unter Berücksichtigung der Möglichkeiten der PatientInnen, inwieweit er / sie die metaphorische Verknüpfung der aktuellen Bewegungserfahrung mit der Sexualität aufdeckt. Die Fallbeispiele zu den folgenden Interventionsthemen sollen diese beiden Prinzipien veranschaulichen. 156 4 | 2017 Marianne Eberhard-Kaechele Abstimmung, Fehlabstimmung und interaktive Wiederherstellung Die Säuglingsforschung tendiert dazu, die Synchronisation oder Koordination des Verhaltens von Interaktionspartner zu betonen (Shai 2010b). Doch genauere Untersuchungen zeigen, dass Interaktionen nur zeitweise koordiniert und Fehlabstimmungen eher die Regel als die Ausnahme sind (Tronick 1989; Beebe / Lachmann 1994). Die Fähigkeit, eine koordinierte Interaktion bzw. einen positiven Affekt nach einer Störung oder einer Pause wiederherzustellen, ist eines der frühesten Formen der Resilienz und fördert eine sichere Bindung an den Partner (Schore 2009). Viele Paare erleben sexuelle Funktionsstörungen als unüberwindbare Brüche in einer Interaktion, die sie sich idealisiert harmonisch vorstellen. Durch die Erforschung interaktiver Reparaturvorgänge in Bewegung können Patienten erfahren, dass Missverständnisse und Fehlabstimmungen in der Sexualität häufig vorkommen, aber auch überwunden werden können, wie die folgende Intervention zeigt. Interventionsmöglichkeit „Verbindung über ein Medium“ Die interaktive Wiederherstellung von Abstimmung kann theoretisch in jeder Situation der spontanen Fehlabstimmung angesprochen und gefördert werden. Doch die Aufgabe, eine Verbindung über ein Medium herzustellen, kann das Prinzip für die Patienten bildlich verdeutlichen. Partner nehmen Verbindung auf über einen dünnen Wollfaden, einen zugespielten Ball oder einen Stab, den sie mit dem Druck der flachen Hand zwischen ihnen halten. Sie werden dazu angeregt, unterschiedliche Dynamiken in der gemeinsamen Bewegung zu erproben. Je experimentierfreudiger das Paar sich bewegt, umso wahrscheinlicher kommt es dazu, dass der Faden reißt, der Ball danebengeht oder der Stab hinfällt. Häufig zeigen die Patienten darauf negative Reaktionen wie Schreck, Ärger, Entmutigung, oder sie üben verbale Kritik. Oft erkennen sie selbst Parallelen zu ihrem Umgang mit Fehlabstimmungen in der Sexualität. Die PatientInnen werden daraufhin auf den Vorgang der Wiederherstellung der Abstimmung aufmerksam gemacht und dazu angeleitet, schweigend auf die Bewegung zu achten: Wie stellen sie die Verbindung wieder her, und wie beeinflusst das die weitere Interaktion? Welche Variationen der Wiederanknüpfung gibt es, die sie noch nicht erprobt haben? Die Patienten können erfahren, dass die Toleranz für Fehlabstimmung und die Fähigkeit zur Wiederanknüpfung das Spektrum der gemeinsamen Handlungsmöglichkeiten bei der Sexualität erweitert. Affektabstimmung zwischen Interaktionspartnern Zunächst sind Interaktionen zwischen Eltern und Säugling darauf bezogen, die Bedürfnisse des Kindes zu regulieren und die Selbstregulationsfähigkeit zu fördern. Stern bezeichnet „die Regulierung eines im Verhalten zutage tretenden Selbsterlebens durch den Anderen“ (1996, 285) als Kernbezogenheit und sieht hierin die Basis der Entwicklung von generalisierten Interaktionsrepräsentationen des Zusammenseins mit anderen. In der präverbalen Interaktion zwischen Eltern und Säugling werden gemäß Stern (1996, 2011) bereits im ersten Lebenshalbjahr vier Interaktionsmuster bezüglich der Modulation von Erregung und Aktivierung unterscheidbar, die Auswirkungen auf die Kernbezogenheit haben. Ausführliche Beschreibungen der Muster sind bei Stern (1996, 270 f ) und Eberhard-Kaechele und Gnirss-Bormet (2017) zu lesen. Hier sollen die Muster nach Stern (1996) nur kurz vorgestellt werden, die besonders in der Sexualität eine Rolle spielen: Interventionen bei sexuellen Störungen 4 | 2017 157 1. Tolerierbare Überstimulierung: Der Partner regt das Subjekt zu einem höheren Aktivierungs- und Erregungsniveau an und prägt die Erwartung, dass Partner zur Steigerung von Aktivierung und Erregung hilfreich sind. 2. Unerträgliche Überstimulierung: Der Partner überschreitet die Toleranzgrenzen des Subjekts durch Aufdringlichkeit, Verfolgung, Kontrolle oder extreme Intensität und prägt die Erwartung, dass Partner die Erregungsregulation stören. Interaktionen werden daher eher gemieden, oder es wird während der Interaktion dissoziiert, um diese zu ertragen. 3. Tolerierbare Unterstimulierung wurde von Stern genannt, aber nicht näher beschrieben. Gemäß den anderen Modalitäten können wir vermuten, dass die Erwartung geprägt wird, dass der Partner eher passiv und Eigeninitiative in der Beziehung erforderlich ist. 4. Unerträgliche Unterstimulierung: Der Partner ist innerlich abwesend, nicht verfügbar oder feindselig abgewandt. Je nach Art der Unterstimulierung prägt diese die Erwartung, dass Partner nur durch Anstrengung und Leistung zu erreichen sind oder dass Partner nicht erreichbar sind, was Rückzug oder die Bevorzugung von Selbststimulation begünstigt. Die gleiche Thematik der Über- oder Unterstimulierung identifizierten die Bindungsforscher (Ainsworth et al. 1974) als Gegenteil von mütterlicher Feinfühligkeit. Stern stellte fest, dass diese im frühkindlichen Kontakt mit Mutter und Vater entwickelten Muster der interpersonalen Regulation über die Zeit hinweg recht stabil sind und somit lebenslange Themen darstellen (Stern 2011). Die gespeicherten Erfahrungen werden auf spätere Interaktionspartner übertragen, genauso wie die geprägten Erwartungen an das Zusammensein. Unter Umständen zeigen sie sich in der partnerschaftlichen und sexuellen Interaktion von Paaren. Die folgenden zwei Interventionen sind Möglichkeiten, das Thema Überbzw. Unterstimulierung zu thematisieren. Interventionsmöglichkeit „nonverbale Steuerung der Intensität: zart, mittel, hart, frei“ Diese familientherapeutische Übung von Steve Harvey (1990) dient der nonverbalen Kommunikation, der Differenzierung der Intensitätsstufen und der gemeinsamen Regulation von Intensität. Die Partner können sich mit Handhaltung oder mit einem Stab als Verbindung zwischen ihnen bewegen. Zunächst lernen die Partner unter Anleitung des Therapeuten vier Variationen der Intensität kennen: 1. „Zart“: Die Partner berühren sich nur an der Fingerkuppe bzw. halten den Stab nur durch den leichten Druck der flachen Hand gegen den Stab und bewegen sich in entsprechend geringer Intensität. Diese Variante erfordert Aufmerksamkeit der Partner, damit der Kontakt bzw. der Stab nicht verloren geht. 2. „Mittel“: Die Partner umfassen die Hand oder den Stab und bewegen sich gemeinsam in mittlerer Intensität. 3. „Hart“: Die Partner leisten einander Widerstand durch Drücken oder Ziehen und bewegen sich mit hoher Intensität. 4. „Frei“: Die Partner bewegen sich unabhängig voneinander ohne Körperkontakt mit einer selbstgewählten Intensität. Nun kann ein „Führender“ bestimmt werden, der nonverbal durch die Intensität seiner Bewegung dem Partner signalisiert, welche Intensität er mit seinem Partner teilen möchte. Der „Folgende“ passt sich so gut er kann der Vorgabe des Partners an. Im Anschluss werden die Rollen getauscht. Als weitere Herausforderung kann die feste Rollenverteilung aufgehoben werden, und die Partner schauen, wie sie im freien Fluss der Interaktion ihre Intensität miteinander regulieren können-- oder eben nicht. Reflexion: Wie haben Sie die vier Intensitätsstufen erlebt, und welche war Ihnen am liebsten? War es möglich, die Intensität, die Sie sich gewünscht haben, von Ihrem Partner erwidert zu bekommen? Wie gut gelang die 158 4 | 2017 Marianne Eberhard-Kaechele nonverbale Verständigung? Welchen Bezug zu Interaktionen im sexuellen Austausch konnten Sie erkennen? Interventionsmöglichkeit „blindes Führen“ Das blinde Führen eines Partners ist eine aufschlussreiche Möglichkeit, die Stimulierungsmuster eines Paares spür- und sichtbar werden zu lassen. Zur Einstimmung bewegt sich jeder für sich blind durch den Raum und nimmt wahr, wie er seine Bewegung selbst reguliert und an die Situation anpasst bezüglich Spannung, Tempo, Krafteinsatz, Übergänge, Gestik. Danach können die Partner sich gegenseitig führen, wobei eine sehende Person eine blinde Person führt. Zunächst soll die gemeinsame Bewegung sehr sicher sein, d. h. langsam mit kleinen Bewegungen und geringer Intensität bis an die Grenze der Langeweile (Unterstimulierung). Dann soll durch die Veränderung der Bewegungsdynamik mehr Herausforderung und Aufregung vermittelt werden (schneller, großräumiger, wechselnder Krafteinsatz, abrupte Übergänge usw.) bis zu der Grenze des Tolerierbaren des Partners (Annäherung an die Überstimulierung). Es kann beobachtet werden, dass nicht nur der sehende Partner den blinden herausfordert, sondern es kommt auch vor, dass der blinde Partner durch seine Bewegungsqualität seinen Beschützer auf die Probe stellt. Daher ist es wichtig, dass jeder Partner jederzeit einen Stopp signalisieren kann. Dies kann verbal erfolgen oder sich durch erhöhte Spannung oder die Körperhaltung ausdrücken. In der Reflexion können die Partner austauschen, was sie sich beim Lesen des Körpers des anderen gedacht haben bzw. wie weit sie sich verstanden fühlten, wie das folgende Fallbeispiel illustriert. Fallbeispiel zu blindem Führen Ein Ehepaar stellt sich vor mit der Problematik, dass die Ehefrau wegen Schmerzen beim Geschlechtsverkehr kaum Sex haben wolle und der Mann, ein abstinent lebender Suchtkranker, unter dem Mangel an Sexualität Suchtdruck entwickle. Die Ehefrau beginnt als Führende und hat große Sorge um die Unversehrtheit ihres Mannes, der sich trotz geschlossener Augen sehr ausgelassen bewegt. Sie hält seinen Arm eng an ihren Körper gepresst und unterbindet seine spontanen Bewegungen, wenn Verletzungsgefahr droht, durch feste, ruckartige Zugbewegungen (Überstimulierung). Der Ehemann führt seine Frau im Anschluss mit sanften Bewegungen und lässt ihr viel Spielraum, manchmal lässt er sie sogar los (Unterstimulierung). In der anschließenden Reflexion sind beide entsetzt über den anderen. Der Ehemann wirft seiner Frau vor, sie sei genau wie seine Mutter gewesen, die ihn immer kontrolliert, eingeschränkt und gestoppt habe. So würde sie ihn auch beim Sex einschränken. Von der Fürsorge, um die es der Frau gegangen sei, habe er nichts bemerkt. Die Ehefrau hingegen fühle sich an ihr Elternhaus erinnert, in dem die suchtkranken Eltern keinen Halt oder Schutz geboten hätten und sie „vor die Wand“ laufen ließen. Sie fühle sich nicht gemeint durch die Führung des Mannes, so wie sie beim Sex das Gefühl habe, er wolle nur seine Spannung abführen. Sie habe nicht verstanden, dass ihr Mann ihr die Freiheit und liebevolle Sanftheit habe vermitteln wollen, die er sich wünscht. Es kostete das Paar Überwindung, weiter zu erforschen, wie es ist, die Intention des Partners in seiner Bewegungsqualität wahrzunehmen oder mal die Rolle, die der Partner sich wünscht, zu übernehmen. Sie waren erstaunt, was sie durch die Bewegungsexperimente über das Erleben des anderen in der sexuellen Begegnung erfuhren. Neben den Stimulierungsmustern zeigt dieses Fallbeispiel, dass das Mentalisieren des Paares nicht ausgebildet wurde. Auch dies ist ein Ansatzpunkt für Bewegungsinterventionen auf Basis der Säuglingsforschung. Interventionen bei sexuellen Störungen 4 | 2017 159 Verkörpertes Mentalisieren Allen, Fonagy und Bateman (2011) definieren Mentalisieren als den aktiven Prozess, sich psychische Vorgänge zu vergegenwärtigen. Um den prozeduralen Aspekt zu betonen, bevorzugen die Autoren das Verb mentalisieren gegenüber dem Substantiv Mentalisierung. Es beinhaltet die Wahrnehmung und Interpretation von Verhalten (das eigene und das anderer Menschen) als Ausdruck intentionaler mentaler Zustände wie Wünsche, Bedürfnisse, Emotionen, Überzeugungen, Erwartungen usw. Die Fähigkeit, mentalisieren zu können, unterstützt die Affektregulation und die Selbst-Organisation. Es wird durch Interaktion in Beziehungen entwickelt und konstituiert eine sichere Bindung bzw. ist prädiktiv für eine solche (Shai / Fonagy 2013). Die Psychologin und Tanztherapeutin Dana Shai wies anhand von Videoanalysen von präverbalen Interaktionen zwischen Säuglingen und Eltern nach, dass Mentalisieren nicht nur ein bewusster, expliziter, verbaler oder mimischer Vorgang sein muss, sondern dass es auch ein verkörpertes Mentalisieren gibt. Diesen definierte sie als die Fähigkeit, 1. implizit und nicht unbedingt bewusst die mentalen Zustände des Partners aus dessen ganzkörperlichem Ausdrucksverhalten abzuleiten und zu verstehen, und 2. sein eigenes Verhalten an die angenommenen mentalen Zustände des Partners anzupassen (Shai 2010b; Shai / Belsky 2011). Das Lesen der Gedanken durch das Lesen des Körpers gelingt nach dem Mentalisieren-Konzept nicht, wenn angenommen wird, dass das Gegenüber durchschaubar ist. Im Gegenteil zeichnet sich hohe Mentalisierenkompetenz durch die Erkenntnis aus, dass der Geist eines anderen individuell und undurchschaubar ist. Dies ist Bedingung für die Bereitschaft, sich neugierig um ein Verstehen zu bemühen, und zwar durch den zuvor genannten Prozess von Abstimmungsversuchen, das Entdecken von Fehlabstimmung und korrigierende Anpassung (Shai 2010b; Fonagy et al. 2004). Shai (2010a, 22) fand eine Reihe von Ereignissen nonverbaler Interaktion, in denen Mentalisieren oder ein Fehlen dessen gut sichtbar wurde. Diese Aufstellung dient als eine Quelle der Inspiration für tanz- und körperpsychotherapeutische Interventionen bei sexuellen Störungen: 1. Verkörperte Unterstützung a. Halten b. Formanpassung 2. Körperliches „Eigentumsrecht“ a. Körperstimulation b. Körpermanipulation 3. Ko-regulation von Affekten (siehe Stern weiter oben) 4. Räumliches Verhalten a. Entfernungen zu andere Personen b. Umgang mit interpersonalen Grenzen 5. Übergänge und Gewichtsverlagerungen 6. Explorationsförderung Die Dynamik der Bewegung (Spannung, Zeit und Intensität) spielte wie bei Sterns Affektabstimmung eine wesentliche Rolle bei der Bestimmung von verkörpertem Mentalisieren, jedoch fügte Shai zusätzlich räumliche Kriterien von Laban (1950 / 2003) und Kestenberg (Kestenberg-Amighi et al. 1999) wie Raumwege oder Körperform hinzu, um verkörpertes Mentalisieren in Eltern-Kind-Dyaden zu erfassen (Shai/ Fonagy 2013). Ein weiteres Fallbeispiel illustriert die Auseinandersetzung eines Paares mit verkörpertem und explizitem Mentalisieren. Fallbeispiel „Fallen“ Ein Mann, der unter Internetsexsucht leidet, kommt ergänzend zu seiner verbalen Psychotherapie mit seiner Partnerin zur tanz- und körperpsychotherapeutischen Behandlung. Sie beschreiben, dass ihre Sexualität den Charakter von Turnübungen und einem Wetteifern mit 160 4 | 2017 Marianne Eberhard-Kaechele Internetbildern hat. Die Frau erlebt die extremen Positionen als inhaltsleer und ist auf der Suche nach einer emotionalen Erfahrung bei der Sexualität. Die Therapeutin schlägt vor, durch eine Fall-Übung (verkörperte Unterstützung, Ko-regulation von Affekten) zu erproben, wie sie sich aufeinander emotional einlassen können. Die Partner beginnen vis-a-vis, und in bewussten Schritten bewegt sich der stützende Partner hinter den fallenden Partner. Wenn das behutsame Auflegen der Hände und das Erproben der Gewichtsverlagerung des Fallenden in die Hände des Stützenden gelingt, kann erprobt werden, wie weit der Fallende frei in die Hände des Stützenden fallen möchte. Die Frau fällt zuerst und ist durch einen geringen Fallwinkel bereits erregt. Sie stößt einen kurzen Schrei aus. Ihr Partner nimmt diesen Erregungshöhepunkt nicht ernst, sondern hat die fixe Idee, sie müsse sich bis hinunter auf die Erde fallen lassen. Alles andere sei langweilig. Auch als er an der Reihe ist, überlagert seine Idee des Fallens bis zur Erde die Wahrnehmung dafür, dass die Partnerin nicht die Kraft hat, ihm dies zu ermöglichen. Er besteht auf einen Versuch und rollt sich in Judomanier ab, als er erwartungsgemäß aus den Händen seiner Partnerin rutscht. Er erinnert plötzlich, dass er als Kind durch gefährliche Handlungen versucht hatte, die emotional abweisende Mutter zur Aufmerksamkeit zu zwingen. Mit der ungewohnten, angebotenen Nähe seiner Partnerin könne er gar nicht umgehen. Es wurde sichtbar, dass ihm die ausgefallenen Posen aus dem Internet bzw. die Internetbegegnungen vor ungewohnter, bedrohlicher Nähe schützen sollten. Als alternative Form des Fallenlassens erprobt das Paar das Schwingen einzelner Körperteile des liegenden Partners in einem Tuch. Der Liegende erprobt das Fallenlassen, der Schwingende erprobt den vertrauenswürdigen Umgang mit dem Körper des anderen (Körpermanipulation). Hier sind die Rollen vertauscht: Während der Mann sehr sanft Arme, Beine und Kopf seiner Partnerin im Tuch bewegt, wünscht sie sich kräftigere Impulse (Unterstimulierung). Sie wiederum als Schwingende geht so in ihre Bewegungsexperimente auf, dass sie die Signale des Partners, ob etwas unangenehm sei, nicht beachtet (Überstimulierung) und seine Körperteile nach der Bewegung in unangenehmen Positionen liegen lässt (misslungene Körpermanipulation). Auch hier sind die Partner überrascht von der Art und Weise, wie ihr Verhalten bei der „Turnübungssexualität“ sich in den Bewegungsübungen wiederspiegelt, und davon, was sie vom Erleben des anderen in der Reflexion erfahren. Schnarch (2006) sieht in solche Störungen in der Kommunikation über sexuelle Bedürfnisse die Grundlage der „funktionellen“ Sexualstörungen. Über die Akzeptanz der Fehlabstimmungen, die zunehmende Erfahrung in der eigenen und fremden Körperwahrnehmung und über den verbalen Austausch verbesserte sich mit der Zeit das verkörperte Mentalisieren des Paares. Sie kamen ihrem Ziel, Vertrauen und eine emotionale Verbindung aufzubauen, allmählich näher. Ausblick Dieser beispielhafte Ausschnitt von Theorien, Empiriebefunden und Interventionen möchte andere KollegInnen in der Behandlung von sexuellen Störungen zur Integration einer entwicklungspsychologischen Perspektive mit dem Einbezug von Wahrnehmungs- und Bewegungsexperimenten inspirieren. Des Weiteren möchte die Autorin verdeutlichen, dass es nicht unbedingt spezifischer Interventionen für die Tanz- oder Körperpsychotherapie bei sexuellen Störungen bedarf, sondern die Betrachtung bereits bekannter Interventionen aus der Perspektive der Sexualität erschließt ihr Potential für die Behandlung sexueller Störungen. Interventionen bei sexuellen Störungen 4 | 2017 161 Literatur Ainsworth, M., Bell, S., Stayton, D. (1974): Individual differences in the development of some attachment behaviors. Merrill-Palmer Quarterly of Behavior and Development 18 (2), 123-143 Allen, J. G., Fonagy, P., Bateman, A. W. (2011): Mentalisieren in der psychotherapeutischen Praxis. Klett- Cotta, Stuttgart Beebe, B., Lachmann, F. M. (1994): Representation and internalization in infancy: Three principles of salience. Psychoanalitical Psychology 11, 127-165, https: / / doi.org/ 10.1037/ h0079530 Bowlby, J. (1969 / 1975): Attatchment and loss. Vol. 1: Attachment. Hogarth Press, London (deutsche Veröffentlichung 1975: Bindung. Kindler, München) Eberhard-Kaechele, M. (2012): Bewegung aus dem Trauma: bewährte tanztherapeutische Interventionen in der Arbeit mit Menschen mit Traumafolgestörungen. In: Deimel, H. (Hrsg.): Brennpunkte der Sportwissenschaft. 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Deutsche Sporthochschule Köln, Praxis für Tanztherapie, Langen Institut für Tanz- und Ausdruckstherapie. ✉ Dr. rer. medic. Marianne Eberhard-Kaechele Institut für Bewegungstherapie und bewegungsorientierte Prävention und Rehabilitation Deutsche Sporthochschule Köln m.eberhard-kaechele@dshs-koeln.de