körper tanz bewegung
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2195-4909
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Körperpsychotherapie in Griechenland
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Sofia Petridou
Zoe Paradomenaki Schillat
Die Köperpsychotherapie wurde Ende der 1970er Jahre mit der Gründung des Wilhelm Reich Institutes in Griechenland eingeführt. Sie gehört heute zu den etablierten Psychotherapie-Schulen und trifft auf zunehmende Resonanz in der griechischen Gesellschaft. Der Artikel schildert den Entwicklungsverlauf der Institutionalisierung körperpsychotherapeutischer Ansätze innerhalb der gegebenen berufsrechtlichen Rahmenbedingungen in Griechenland und nimmt Bezug auf kulturhistorisch charakteristische Prägungen im Körperempfinden sowie auf die Bedeutung von Tanz und Bewegung.
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126 körper-- tanz-- bewegung 6. Jg., S. 126-132 (2018) DOI 10.2378 / ktb2018.art17d © Ernst Reinhardt Verlag Körperpsychotherapie in Griechenland Sofia Petridou, Zoe Paradomenaki Schillat Die Köperpsychotherapie wurde Ende der 1970er Jahre mit der Gründung des Wilhelm Reich Institutes in Griechenland eingeführt. Sie gehört heute zu den etablierten Psychotherapie-Schulen und trifft auf zunehmende Resonanz in der griechischen Gesellschaft. Der Artikel schildert den Entwicklungsverlauf der Institutionalisierung körperpsychotherapeutischer Ansätze innerhalb der gegebenen berufsrechtlichen Rahmenbedingungen in Griechenland und nimmt Bezug auf kulturhistorisch charakteristische Prägungen im Körperempfinden sowie auf die Bedeutung von Tanz und Bewegung. Schlüsselbegriffe Griechenland, Körperpsychotherapie, Tanztherapie, Institutionalisierung, Körperempfinden im Kulturwandel Body Psychotherapy in Greece Body psychotherapy was introduced in Greece during the 1970’s with the founding of the Wilhelm Reich Institute. It is now one of the established psychotherapy schools, attracting increasing recognition within Greek society. The article describes the developmental process of the institutionalization of body psychotherapy approaches within the given framework of professional regulations in Greece. It refers to characteristic cultural and historical impacts of body perception as well as the importance of dance and movement. Key words Greece, body psychotherapy, dance movement therapy, institutionalization, body perception, culture Kurzer historischer Überblick D ie Geschichte der Körperpsychotherapie in Griechenland begann im Jahr 1978, als Klorida Loubrano-Kotoula in Athen das Studien- und Psychotherapie-Zentrum Wilhelm Reich und später, 1982, das Griechische Institut für Vegetotherapie und Charakteranalyse (E.I.N.A.) gründete. Loubrano-Kotoula war zuvor im italienischen Neapel Mitglied der ersten Gruppe Reichscher Ausrichtung unter der Leitung von Ola Raknes, dem norwegischen Schüler und Mitarbeiter Reichs. Zu diesem Zeitpunkt (unmittelbar nach der Diktatur) gab es in Griechenland ein neues Interesse an Reichs Arbeit, welches mit der progressiven Studentenbewegung dieser Zeit korrespondierte. Das E.I.N.A., heute geführt von Marilena Komi und Despina Markaki, ist Mitglied der Nationalen Gesellschaft für Psychotherapie (NOPG; griech. Ethniki Etairia Psychotherapeias Ellados, EEPSE) und befindet sich derzeit im Prozess der Akkreditierung als European Forum: Körper-, Tanz- und Bewegungspsychotherapie in Europa Körperpsychotherapie in Griechenland 3 | 2018 127 Accredited Psychotherapy Institute (EAPTI) durch die Europäische Vereinigung für Psychotherapie (EAP). Das Weiterbildungsprogramm des Institutes basiert auf der Charakteranalytischen Vegetotherapie, die Weiterbildung beinhaltet jedoch auch Erfahrungsangebote in anderen Modellen der Körperpsychotherapie, wie die Biosystemische Psychotherapie nach Liss, Biodynamik nach Boyesen u. a. Neben dem regulären Trainingsprogramm werden Lehrgänge von allgemeinem oder spezifischem Fachinteresse angeboten, wie Weiterbildungen für PsychotherapeutInnen und für Hebammen zur natürlichen Geburt. Darüber hinaus finden Präventionsangebote statt, so zum Beispiel Gruppen für schwangere Frauen, Jugendgruppen im Pubertäts- und Vorpubertätsalter u. a. 1994 wurde das Griechische Zentrum für Biosynthese (E.K.B.) von der Psychologin und Psychotherapeutin Lili Anagnostopoulou in Athen gegründet, das Lehrprogramme in Kooperation mit der Internationalen Stiftung für Biosynthese mit Sitz in der Schweiz durchführt. Das E.K.B. ist Mitglied der NOPG und vertritt in Griechenland den von David Boadella und Sylvia Specht Boadella entwickelten körperpsychotherapeutischen Ansatz der Biosynthese. Das Zentrum bietet sowohl reguläre Weiterbildungscurricula als auch zusätzliche themenspezifische Fortbildungsseminare an, wie z. B. in körperorientierter Traumatherapie u. a. Im Jahr 2003 wurden in Athen von eingeladenen ausländischen Lehrtherapeuten die ersten Weiterbildungsbasisseminare in dem von Lisbeth Marcher entwickelten körperpsychotherapeutischen Ansatz Bodynamic durchgeführt. Anschließend begann die erste dreijährige Grundausbildung, geleitet von Ditte Marcher. Seit 2009 bietet das Institut Bodynamik International Greece regelmäßig die Grund- und Fortgeschrittenen-Weiterbildung in Bodynamic, eine PTSD-Process-Weiterbildung und zahlreiche Workshops an. Die Seminare mit internationaler Beteiligung werden üblicherweise in englischer Sprache gehalten, seit 2017 wird die Grundausbildung durch griechische Lehrtherapeuten auch in griechischer Sprache durchgeführt. Neben den drei Trainingsinstituten mit Sitz in Athen und ihrem Angebot an von der European Association for Body Psychotherapy (EABP) zertifizierten Weiterbildungscurricula in Körperpsychotherapie wird inzwischen auch anderorts in Griechenland eine bedeutende Anzahl von Weiterbildungsseminaren von griechischen und ausländischen Kollegen durchgeführt. Einige von ihnen haben bereits das Format von kleineren Körperpsychotherapie- Trainingsprogrammen und sind im Prozess, die EABP-Zertifizierung zu erwerben. Die Panhellenische Vereinigung für Körperpsychotherapie Durch den hohen Professionalisierungsgrad der Studenten, Weiterbildungsabsolventen und insgesamt der Fachkräfte im Bereich der Körperpsychotherapie entstand in Griechenland eine der mitgliederstärksten aktiven Vereinigungen innerhalb der EABP: die Panhellenische Vereinigung für Körperpsychotherapie (PESOPS). Die PESOPS wurde unter der Präsidentschaft von Loubrano-Kotoula im September 1995 in Athen von Absolventen des Studien- und Psychotherapie-Zentrums Wilhelm Reich gegründet, um die Körperpsychotherapie in Griechenland zu vertreten, zu etablieren und anerkennen zu lassen. Sie vertritt die EABP in Griechenland und bildet seit 2013 (nach der erfolgten Statutenänderung unter der Präsidentschaft von Sofia Petridou) die Dachorganisation aller Absolventen der griechischen Institute für Körperpsychotherapie. Derzeit sind mehr als 100 Mitglieder aufgeführt, Tendenz steigend. Zu den wichtigsten Errungenschaften der Vereinigung zählte die Organisation des 9. und des 15. Europäischen Kongresses für Körperpsychotherapie in Grie- 128 3 | 2018 Petridou, Schillat chenland (2004, 2016) mit großer nationaler und europäischer Beteiligung. Die PESOPS ist Gründungsmitglied der NOPG, die Griechenland seit 1998 bei der Europäischen Vereinigung für Psychotherapie (EAP) vertritt. Kulturelle Besonderheiten im Körperempfinden Die Beziehung der Griechen zu ihrem Körper kann bis in die griechische Antike zurückverfolgt werden, eine Kultur, welche nicht nur anthropozentrisch, sondern auch somatozentrisch orientiert war, also die Bedeutung des Körperbewusstseins besonders hervorhob. Während jedoch die Natürlichkeit und Ausdruckskraft des Körpers in der antiken Welt als zentrale Werte für die Gesundheit und das Wohlbefinden erachtet wurden, wurde mit der christlichen Religion eine schuldbesetzte Haltung auferlegt. Dieser Zustand blieb unverändert bis zum Ende des letzten Jahrhunderts, als die bis dahin überwiegend ländliche und tief religiös geprägte griechische Gesellschaft innerhalb weniger Jahrzehnte zu einem westlichen, durch die Industrialisierung geprägten modernen Lebensstil überging. Dieser Wechsel fand statt, ohne dass die nötige Zeit für den entsprechenden Reifungsprozess hin zur neuen Identität, weder individuell noch kollektiv, in einem natürlichen Rhythmus gegeben gewesen wäre. So entstand eine Art Bürger mit einer tief konservativen inneren Haltung, der seinem äußeren Verhalten nach fortschrittlich zu sein scheint. Dieser innere Konservatismus ist in erster Linie mit religiösen Traditionen, aber auch mit etablierten familiären Kommunikationsmustern und -regeln verbunden, nach denen der Körper und die Emotionen verborgen werden, Beziehungen aber in der Regel-- geprägt durch nahezu zwanghafte soziale Konventionalität-- gleichzeitig ausgesprochen symbiotisch geführt werden. Dies hat vermutlich die Fragmentierung und Spaltung der modernen griechischen Identität begünstigt. In diesem Sinne weist der neugriechische Bürger vor dem historischen Hintergrund der klassischen griechischen Antike, der von christlicher Ethik geprägten Zeit und unter dem Einfluss der mit der fortschreitenden Modernisierung einhergehenden gesellschaftlichen Veränderungen in der Lebensführung die in der westlichen Kultur typische Body- Mind-Spaltung auf. In diesem Zusammenhang ist auch seine zunächst reservierte, abwehrende Haltung gegenüber einer köperorientierten psychotherapeutischen Herangehensweise zu verstehen. Tanz und Bewegung im kulturellen Rahmen Griechenlands Im kulturhistorischen Kontext repräsentierte der Tanz im antiken Griechenland Wissen, Kunst und Religion zugleich und war in diesem Sinne eine vollständige Art und Weise, „in der Welt zu sein“. Tanz galt als Weisheit und schöpferische Kraft, die sich ständig erneuert und auf die Seele des Menschen einwirkt. In gemeinschaftlichen Feierlichkeiten und traditionellen kollektiven Festen der griechischen Gemeinden konnte das antike kulturelle Erbe in Bezug auf den Tanz und körperliche Bewegung nach der Etablierung des Christentums teilweise erhalten werden. In Namensfeiern für die verehrten christlich-orthodoxen Heiligen und „getarnt“ als Ausdruck der religiösen Verehrung konnten alle heidnischen Bräuche sowie der Kern der in der Antike lebendigen Beziehung zu Tanz und Bewegung weitergeführt werden. Man könnte meinen, dass die kollektiven Feste und Feierlichkeiten im Wesentlichen als Sicherheitsventil für die „Explosivität“ der unterdrückten Körperlichkeit der Griechen fungierten. Diese Tendenz wurde mit der Urbanisierung und den veränderten Lebensbedingungen allerdings schwächer. Körperpsychotherapie in Griechenland 3 | 2018 129 In den letzten Jahren, nicht zuletzt bedingt durch die erschwerten wirtschaftlichen Verhältnisse, scheinen viele Menschen in ihre Heimatstadt zurückzukehren und Rituale und Praktiken wiederzubeleben, die dem Menschen schon immer Entlastung, Erleichterung und Kreativität ermöglicht haben. Tanzschulen sind verhältnismäßig gut besucht, woraus zu schließen ist, dass der Vitalität und Geselligkeit aktivierende Tanz gerade in der gegenwärtigen, psychosozial belastenden Zeit eine wichtige stabilisierende, kraftspendende Ressource zu sein scheint. Gymnastik und Sport als alltägliche Übung gehörten in den vergangenen Jahrzehnten nicht unbedingt zur Mentalität der Griechen, vielmehr wurde diese Betätigung unter den sozialwirtschaftlichen Verhältnissen als Luxus erachtet. In den letzten Jahren ist jedoch eine deutliche Tendenz zur regulären körperlichen Bewegung und Übung zu beobachten, welche sowohl mit der konsumorientierten Bedeutung des äußeren Erscheinungsbildes als auch mit einem zunehmenden allgemeinen Gesundheitsbewusstsein im Zusammenhang steht. Der Körper als Mittel der Psychotherapie in Griechenland Trotz der wirtschaftlichen Krise steigt die Zahl der Auszubildenden stetig an. Die angebotenen zertifizierten Weiterbildungsprogramme für Körperpsychotherapie in Griechenland scheinen also offensichtlich gut angenommen zu werden. Um jedoch die Reputation der Körperpsychotherapie in Griechenland generell zu beurteilen, müssen wir in der griechischen Gesellschaft die Position der Psychotherapie im Allgemeinen und der Psychologie als wissenschaftliche Disziplin betrachten. Dazu ist zu bemerken, dass in Griechenland erst 1989 eine universitäre Abteilung für Psychologie eingerichtet wurde. Die in der griechischen Gesellschaft noch vorherrschende Vorstellung und das Verständnis von den Begriffen Psychologie, Psychotherapie und Psychiatrie im Hinblick auf ihre inhaltliche Konzeptualisierung und Interrelation ist noch recht diffus. Psychotherapie-Weiterbildungen werden ausschließlich von privaten Bildungsinstituten angeboten, und dabei ist die verbreitete öffentliche Einstellung zu den nichtstaatlichen Ausbildungsinstituten eine skeptische. Hinzu kommt ein durch den fehlenden Rechtsrahmen genährtes, zeitweise konfliktgeladenes Debattieren zwischen den unterschiedlichen Branchen und Berufsgruppen, welches die ohnehin unklar definierte Position der Psychotherapie innerhalb der griechischen wissenschaftlichen Gemeinde zusätzlich erschwert. Auf der anderen Seite wächst entwicklungsbedingt und auch aufgrund der gegebenen Umstände das Bedürfnis der Menschen nach therapeutischer Unterstützung. Die Verbreitung verschiedener Konzepte ganzheitlicher Behandlung und der zunehmende Trend bei der Suche nach entsprechenden Angeboten haben die Entstehung vieler Privatpraxen und Zentren begünstigt, bei denen Selbsterfahrung in Verbindung mit Spiritualität, Körperwahrnehmung und somatischer Therapie angeboten wird, ohne einen eindeutigen Bezug zur Psychotherapie zu definieren. Während also mit den sozialen Bedingungen die Voraussetzungen für die Verbreitung der Körperpsychotherapie gegeben wären, untergräbt der fehlende Rechtsrahmen für die Etablierung der Psychotherapie in Griechenland die Möglichkeiten der Körperpsychotherapie, sich im öffentlichen Diskurs zu artikulieren, diesen öffentlich und offiziell zu führen und in der Gesellschaft in Erscheinung zu treten. Infolgedessen ist ein großer Teil der Bevölkerung nicht über den wissenschaftlichen Hintergrund dieser Disziplin informiert und verwechselt sie mit anderen Körpertherapien. Angesichts der Notwendigkeit von Aufklä- 130 3 | 2018 Petridou, Schillat rung, Reflexion und Dialog über die Bedeutung der Psychotherapie ist in den letzten Jahren dennoch eine häufige öffentliche Präsenz von Fachleuten zu beobachten (informative TV-Veranstaltungen, öffentliche Vorträge und Diskussionen), die die verschiedenen psychotherapeutischen Ansätze und Weiterbildungsmöglichkeiten in Griechenland vertreten. Auch der letzte EABP-Kongress, organisiert vom griechischen Verband und durchgeführt in Athen, hat wesentlich zur Bekanntmachung der zeitgenössischen, wissenschaftlich fundierten, institutionell repräsentierten Körperpsychotherapie in Griechenland beigetragen. Tanz und Bewegung in der Psychotherapie in Griechenland Im Jahr 1987 wurde zum ersten Mal im Psychiatrischen Krankenhaus Attika in der Suchtabteilung sowie bei Behinderten-, Kinder- und Erwachsenengruppen Tanztherapie durchgeführt. 1993 wurde die Vereinigung Griechischer TanztherapeutInnen (GADT) gegründet. Ihr Ziel ist, die Tanztherapie in Griechenland einzuführen und InteressentInnen in diesem therapeutischen Ansatz auszubilden. Es wurden zunächst ausländische zertifizierte TanztherapeutInnen eingeladen, im Laufe der Jahre wurde die Ausbildungstätigkeit von den griechischen KollegInnen übernommen. Laut der früheren Präsidentin Alexia Margariti arbeiten derzeit viele TanztherapeutInnen in verschiedenen Institutionen des Landes, das Angebot wird im Rahmen einer effektiven Zusammenarbeit gut genutzt. Darüber hinaus gibt es eine kleine, signifikante Anzahl von KollegInnen mit Grundausbildung in Körperpsychotherapie, die Tanz und Bewegung in ihre therapeutische Arbeit miteinbeziehen im Sinne eigener integrativer körper- und tanztherapeutischer Modelle. Dazu gehören beispielsweise Kleisiouni, die die Instrumente der Vegetotherapie mit Techniken der Somatics-Contact-Improvisation verbindet, Nikolitsa, die Körperbewusstsein durch Authentische Bewegung unterstützt, Kalethrianou, die Tanztherapie in die körpertherapeutische Behindertenarbeit integriert, und Dimitraki, die als körperorientierte Gesundheitsberaterin Selbsterfahrungstanzgruppen therapeutisch begleitet. Nach mehrheitlicher Einschätzung der griechischen KollegInnen ist die Beliebtheit der Tanztherapie in Griechenland in den letzten Jahren deutlich gewachsen, Tanz und Bewegung werden zunehmend in die körperpsychotherapeutische Praxis miteinbezogen und integriert. Die aktuelle rechtliche Situation für die Ausübung der Psychotherapie in Griechenland Was den rechtlichen und institutionellen Rahmen für die Praxis der Psychotherapie und die Berufsbezeichnung des Psychotherapeuten in Griechenland betrifft, gilt derzeit Folgendes: 1. Psychotherapie wird ausgeübt und praktiziert, PsychotherapeutInnen sind jedoch rechtlich nicht offiziell anerkannt. 2. Es gibt weder eine eindeutige Definition, welche akademischen Berufe rechtlich befugt sind, Psychotherapie auszuüben (ob ausschließlich aus der Psychologie / Psychiatrie oder auch aus anderen Disziplinen aus den Human- und Sozialwissenschaften), noch sind eindeutige Bedingungen und Gültigkeitskriterien diesbezüglich definiert. In Ermangelung einer staatlich institutionalisierten Konsolidierung der Psychotherapietätigkeit verbleibt das Europäische Zertifikat für Psychotherapie (ECP), welches von der EAP an AbsolventInnen der zertifizierten Ausbildunginstitute verliehen wird, als gültige Zertifizierung für die Ausübung der Psychotherapie in Griechenland. Körperpsychotherapie in Griechenland 3 | 2018 131 Die NOPG wurde 1998 gegründet und ist ordentliches Mitglied der Europäischen Vereinigung für Psychotherapie (EAP). Die Gesellschaft hat sich die Optimierung der Dienstleistungen im Bereich psychischer Gesundheit in Griechenland zum Ziel gesetzt. Dazu gehört die Entwicklung und Aktualisierung der Qualitätsstandards für die Ausübung der Psychotherapie. Die NOPG vertritt zum heutigen Zeitpunkt um die 2.000 griechische PsychotherapeutInnen sowie 26 Ausbildungsinstitute aus 14 unterschiedlichen psychotherapeutischen Richtungen. Die Gesellschaft zertifiziert anhand der EAP-Kriterien einzelne PsychotherapeutInnen durch die Erteilung des European Certificate for Psychotherapy (ECP) und setzt sich für eine hohe Qualität in der Psychotherapeuten-Ausbildung in Griechenland ein, zum Beispiel durch Zertifizierung der griechischen Psychotherapie-Weiterbildungsprogramme: Bisher sind bereits zehn griechische Weiterbildungsinstitute zertifiziert worden, weitere befinden sich im Zertifizierungsprozess. Die NOPG reichte im Dezember 2011 beim Griechischen Ministerium für Gesundheit ein Memorandum zur Anerkennung der Berufsbezeichnung des Psychotherapeuten ein, auf das jedoch keine offizielle Antwort erfolgte. Seit ein paar Jahren wird das Thema auf gesundheitspolitischer Ebene wieder aufgegriffen, und auch die entsprechende Debatte unter den Fachkräften im Bereich psychischer Gesundheit bleibt weiterhin aktiv. Zukunftsperspektiven Innerhalb der gegebenen rechtlichen und kulturellen Rahmenbedingungen für die Körperpsychotherapie in Griechenland kann als positiv gewertet werden, dass die Position, die Vernetzung und der Status der Körperpsychotherapie in den letzten Jahren ansteigt, wenn auch weiter aufbaufähig ist. Aus der Position eines noch marginalisierten Ansatzes im Jahr 1980 erlebte die Körperpsychotherapie bis ungefähr 2000 ein allmähliches Wachstum, erntete anschließend zunehmende Anerkennung und besetzt inzwischen eine bedeutende Position unter den ExpertInnen-Fachkräften im Bereich psychischer Gesundheit. Sie wird heute von einer mitgliederstarken und aktiven Vereinigung sowie drei Ausbildungsinstituten vertreten, die einen stabilen und wachsenden Zustrom von Auszubildenden nachweisen. Dies ist nicht zuletzt auf die systematische, engagierte Arbeit auf klinischer, wissenschaftlicher und gewerkschaftlicher Ebene zurückzuführen (PESOPS). Zu dieser Entwicklung hat auch der letzte in Athen durchgeführte Europäische Kongress für Körperpsychotherapie (November 2016) wesentlich beigetragen. Was die aktuelle Nachfrage nach der Integration von Tanz und Bewegung in die Psychotherapie in Griechenland angeht, zeigt sich aus den Berichten sowohl der Vereinigung Griechischer TanztherapeutInnen als auch der integrativ arbeitenden KörperpsychotherapeutInnen eine positive Entwicklung. Weitere Informationen und Quellen für diese Ausführungen finden Sie bei NOPG (2010), auf den Websites der Orgnaisationen www. nopg.gr und www.pesops.gr sowie in Informationsbroschüren der jeweiligen Verbände. Die Autorinnen bedanken sich herzlich bei den KollegInnen der aufgeführten Ausbildungsinstitute und Vereinigungen und bei den einzeln erwähnten KörperpsychotherapeutInnen, die wertvolles Informationsmaterial in Form von Interviews und Kurzberichten für diesen Artikel zur Verfügung gestellt haben. Literatur NOPG (Hrsg.) (2010): The educational training for psychotherapists in Greece (Ekpaidevsi Ton Psychotherapevton stin Ellada). Asimakis, Athen 132 3 | 2018 Petridou, Schillat Sofia Petridou Körper- und Gestaltpsychotherapeutin, Beraterin und Supervisorin in eigener Praxis. Präsidentin des Internationalen Mitgliedskomitees der EABP, Mitglied im Vorstand der EABP, Präsidentin des Europäischen Kongresses für Körperpsychotherapie in Athen. Dipl.-Psych. Zoe Schillat Diplom-Psychologin, Psychologische Psychotherapeutin, Supervisorin, Dozentin. Ausgebildet u. a. in Körperpsychotherapie und körperorientierter Traumatherapie. Vizepräsidentin im Vorstand der NOPG, Koordinatorin des Wissenschaftskomitees von PESOPS. ✉ Sofia Petridou sofiapetrid@gmail.com
