eJournals körper tanz bewegung7/3

körper tanz bewegung
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2195-4909
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/ktb2019.art22d
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Aktuelles aus der Forschung: Aktuelle Studien zur Förderung von Einstimmung (attunement) und Empathie durch Tanz-Bewegungstherapie und zum nonverbalen Ausdruck von Bindung (attachment)

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Iris Bräuninger
Kann Tanz-Bewegungstherapie Bindung (attachment), Einstimmung (attunement) und Empathie fördern? Dieser Beitrag bietet eine Übersicht zu neuesten Erkenntnissen: Zwei Studien untersuchten die Auswirkung von Tanz-Bewegungstherapie bei PatientInnen mit Autismus-Spektrum-Störung (ASS) auf die selbstberichtete Empathie (Mastrominico et al. 2018) und die interpersonelle Einstimmung (attunement) (Samaritter / Payne 2017). Der dritte Beitrag testete die Validität des Mirror Games (Feniger-Schaal et al. 2018) für die klinische Praxis. Der letzte Beitrag von Jerak Virdrih und Žvelc (2018) erfasste Mo­mente von Einstimmung (attunement) und Fehleinstimmung von Tanz-Bewegungstherapie-­Workshop-Teilnehmenden. [...]
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Aktuelles aus der Forschung 143 körper-- tanz-- bewegung 7. Jg., S. 147-150 (2019) DOI 10.2378 / ktb2019.art22d © Ernst Reinhardt Verlag Aktuelle Studien zur Förderung von Einstimmung (attunement) und Empathie durch Tanz-Bewegungstherapie und zum nonverbalen Ausdruck von Bindung (attachment) Iris Bräuninger K ann Tanz-Bewegungstherapie Bindung (attachment), Einstimmung (attunement) und Empathie fördern? Dieser Beitrag bietet eine Übersicht zu neuesten Erkenntnissen: Zwei Studien untersuchten die Auswirkung von Tanz-Bewegungstherapie bei PatientInnen mit Autismus-Spektrum-Störung (ASS) auf die selbstberichtete Empathie (Mastrominico et al. 2018) und die interpersonelle Einstimmung (attunement) (Samaritter / Payne 2017). Der dritte Beitrag testete die Validität des Mirror Games (Feniger-Schaal et al. 2018) für die klinische Praxis. Der letzte Beitrag von Jerak Virdrih und Žvelc (2018) erfasste Momente von Einstimmung (attunement) und Fehleinstimmung von Tanz-Bewegungstherapie- Workshop-Teilnehmenden. RCT zu Tanz-Bewegungstherapie bei PatientInnen mit ASS Die multizentrische RCT von Mastrominico und KollegInnen (2018) untersuchte, ob Tanz-Bewegungstherapie sich positiv auf die selbstberichtete Empathie von jungen Erwachsenen mit ASS auswirkt. An der Studie beteiligten sich 74 Personen mit ASS in drei Städten, wovon 57 TeilnehmerInnen in die Datenanalyse eingingen (n = 44 männlich, n = 12 weiblich, Alter 14-52 Jahren, M = 22,5; SD = 8,52). 17-Personen mussten wegen fehlender Daten ausgeschlossen werden. Die TeilnehmerInnen wurden zufällig der Behandlungsgruppe (n = 35) und der Warte-Kontrollgruppe (n = 22) zugeordnet. Beide Gruppen füllten vor und nach der 10-wöchigen tanz-bewegungstherapeutischen Intervention den Fragebogen über kognitive und emotionale Empathie (CEEQ) aus. Die Ergebnisse deuten auf keine signifikante Veränderung in der allgemeinen Empathie zwischen den Gruppen hin. Soziale Einstimmung (attunement) bei Kindern mit ASS In einer Reihe von vier Einzelfallanalysen von Kindern mit ASS (Durchschnittsalter 11,2 Jahre) erforschten Samaritter und Payne (2018) per videobasierter retrospektiver Beobachtung, ob sich die soziale Einstimmung von vier Kindern (zwei Mädchen, zwei Jungen) in ihrem Bewegungsverhalten im Verlauf der tanz-bewegungstherapeutischen Behandlung in der kinder- und jugendpsychiatrischen Ambulanz fördern ließe. Ziel der Studie war, beobachtbare interaktionale Bewegungsmarker der Kinder während ihrer Tanz-Bewegungstherapie-Intervention zu erfassen, um Hinweise auf 144 3 | 2019 Iris Bräuninger Veränderungen der sozialen Einstimmung (attunement) zu erhalten. Die Autorinnen erhofften sich von den interaktionalen Bewegungsmarkern Erkenntnisse zu nonverbalen Aspekten und zur sozialen Einstimmung der Kinder. Sie erwarteten ferner, dass durch ein strukturiertes Set die Beobachtung interaktionaler Bewegungsmarker ermöglicht würde, um die Wirksamkeit der Tanz-Bewegungstherapie- Intervention auf soziale Einstimmung bei Kindern mit ASS zu überprüfen. Im ersten Schritt wurden aus Videovignetten diejenigen Ausschnitte auf der Basis von Grounded Theory kodiert und analysiert, welche Änderungen in der dyadischen Interaktion der Teilnehmenden zu ihren TherapeutInnen aufwiesen. Im zweiten Schritt testeten externe BewegungsanalystInnen die gewonnenen Bewegungsmarker hinsichtlich ihrer kategorialen Übereinstimmung. Im dritten Schritt wurden die Bewegungsmarker zur Analyse von Veränderungen in den interaktionalen Bewegungsprofilen der Kind-TherapeutIn-Dyaden über vier Zeitpunkte hinweg verwendet. Laut den Autorinnen würden sich Beobachtungsskalen bei Kindern mit ASS eignen, das interpersonale Bewegungsverhalten und die Veränderungen der Verhaltensweisen der sozialen Einstimmung zu erfassen. Spiegelspiel oder Mirror Game: Nonverbaler Ausdruck von Bindung (attachment) Das Spiegelspiel (Mirror Game / MG) wird in der Praxis der Tanz-Bewegungstherapie und Dramatherapie als Übung eingesetzt, um bei den TeilnehmerInnen einen Zustand von Zusammensein zu fördern und das Einfühlungsvermögen und das emotionale Verständnis zu verbessern. Die Studie von Feniger-Schaal et al. (2018) untersuchte, ob das MG den nonverbalen Ausdruck von Bindung in Erwachsenen erfassen kann, ohne dabei auf verbales Assessment oder spezielle Technologie angewiesen zu sein. Es wurde die Anwendbarkeit des MG für die klinische Praxis überprüft. Die Hypothese ging davon aus, dass in den drei Imitationsübungen des MG mit Ganzkörperspiegelung (1. Person A führt, Person B folgt, 2. Person B führt, Person A folgt, 3. weder Person A noch Person B haben klare Rolle des Führens und des Nachfolgens) zwei Elemente enthalten seien, welche den nonverbalen Ausdruck von Bindungsmustern ermöglichen. Das prozedurale Wissen, das sich in der dyadischen Bewegung während des MG manifestiere, drücke sowohl die Geschichte von Beziehungen als auch die Art und Weise, wie Beziehungen aktuell wahrgenommen würden, aus. An der Studie nahmen 48 Personen teil (davon 22 Frauen, mittleres Alter = 33.2), welche das MG mit ExpertenspielerInnen des gleichen Geschlechts spielten. Die MG wurden auf Video aufgenommen, und die TeilnehmerInnen wurden mit zwei Bindungsinstrumenten bewertet (Adult-Attachment-Interview / AAI, Experience-in-Close-Relationship-Fragebogen / ECR). Es wurden MG-Skalen mit 19 Parametern entwickelt, anhand derer das nonverbale Verhalten während der Bewegungsinteraktion in zwei Subskalen mit den Dimensionen „zusammen“ und „frei“ kodiert werden konnte. Die Dimension „frei“ korrelierte mit den beiden Bindungsinstrumenten: TeilnehmerInnen, welche im AAI als sicher gebunden klassifiziert wurden, erzielten höhere Werte im MG-Faktor „frei“, und TeilnehmerInnen, welche im ECR als vermeidend klassifiziert wurden, erhielten niedrigere Werte im MG. Die Ergebnisse belegen, dass Bindung mit der Art und Weise, wie sich Menschen bewegen, korreliert. Das MG scheint als standardisiertes Bewertungsinstrument dazu geeignet zu sein, Bindung bei Erwachsenen durch nonverbalen Ausdruck messen zu können. Aktuelle Studien zur Förderung von Einstimmung 3 | 2019 145 Nonverbale Einstimmung und Fehleinstimmung zum Selbst, zu anderen und zur Gruppe durch Tanz-Bewegungstherapie Jerak Virdrih und Žvelc (2018) überprüften in einer Studie mit quasi-experimentellem Design Momente von Einstimmung (attunement) und Fehleinstimmung bei vier künstlerischen Therapiestudierenden, die an Tanz-Bewegungstherapieworkshops teilnahmen. Die auf Video aufgenommenen Workshops wurden mit Laban Bewegungsanalyse ausgewertet und auf der Basis von Grounded Theory kodiert. Die Video- Bewegungsanalyse ermöglichte, Schlüsselmomente von nonverbaler Einstimmung und Fehleinstimmung auszuwählen, welche mit den Teilnehmenden in anschließenden Gruppeninterviews analysiert wurden. Als Hauptergebnis zeigten sich drei Domänen von Einstimmung und Fehleinstimmung, welche den Teilnehmenden durch Tanz-Bewegungstherapie vermittelt wurden: die Einstimmung bzw. die Fehleinstimmung in Bezug auf 1. das Selbst, 2. die anderen, 3. die Gruppe. Durch die Tanz-Bewegungstherapie wurden als erfolgreiche Selbst- Einstimmung die Verankerung im Hier und Jetzt, die Förderung der Bewegungsspontaneität und des Embodiments und die Suche nach Selbstkontakt genannt. Eine erfolgreiche Abstimmung auf den anderen förderte den intersubjektiven Austausch, die Verspieltheit und die Erfahrung der Einheit im Moment mit jemand anderem. Eine erfolgreiche Abstimmung in der Gruppe führt zu der Erfahrung der Einheit mit der Gruppe. Hingegen würden Momente der Feineinstimmung unangenehme Gefühle auslösen und zu einem Mangel an Spontanität und einem Gefühl der Ausgrenzung führen und den Kontakt behindern. Schlussfolgerung Keine signifikante Veränderung konnte in der allgemeinen Empathie zwischen den Gruppen von jungen Erwachsenen mit ASS durch Tanz- Bewegungstherapie nachgewiesen werden (Mastrominico et al. 2018). Die Beobachtungsskala von Samaritter und Payne (2018) hingegen scheint geeignet zu sein, Bewegungsverhalten und Verhaltensveränderung sozialer Einstimmung bei Kindern mit ASS zu erfassen. Das Mirror Game (Feniger-Schaal et al. 2018) scheint eine valide Möglichkeit für die angewandte Forschung für Tanz-Bewegungstherapie, Körperpsychotherapie, Psychomotoriktherapie etc. zu eröffnen, um nonverbalen Ausdruck von Bindungsfähigkeit bei Erwachsenen zu erfassen. Da es für die Bewegungsinteraktion keiner aufwendigen verbalen Assessments oder spezieller Technologien bedarf, scheint das MG Assessment vielfältig und ökonomisch einsetzbar zu sein, Bindungsfähigkeit bei Erwachsenen zu überprüfen. Die Erkenntnisse aus der Studie von Jerak und KollegInnen (2018) wurden mit einer sehr kleinen Stichprobe gewonnen, lassen aber erste Vermutungen zu, dass Tanz-Bewegungstherapie Attunement und Misattunement auf verschiedenen Ebenen fördert. Weitere Studien könnten versuchen, die Ergebnisse mit größeren Teilnehmerzahlen zu replizieren. Literatur Feniger-Schaal, R., Hart, Y., Lotan, N., Koren-Karie, N., Noy, L. (2018): The body speaks: Using the mirror game to link attachment and non-verbal behavior. Frontiers in psychology 9, 1560, https: / / doi.org/ 10.3389/ fpsyg.2018.01560 Jerak, T., Virdrih, A., Žvelc, G. (2018): The experience of attunement and misattunement in dance movement therapy workshops. The Arts in Psychotherapy 60, 55-62, https: / / doi.org/ 10.1016/ j.aip.2018.06.001 Mastrominico, A., Fuchs, T., Manders, E., Steffinger, L., Hirjak, D., Sieber, M., Thomas, E., 146 3 | 2019 Iris Bräuninger Dr. Iris Bräuninger Co-Leiterin Studiengang Psychomotorik (Hochschule für Heilpädagogik Zürich IVE), Dozentin M.A. Tanztherapie UAB Barcelona, Forscherin, Supervisorin / Ausbilderin / Lehrtherapeutin, KMP Notatorin, Praxis Tanztherapie Supervision Bodensee. ✉ Dr. Iris Bräuninger dancetherapy@mac.com und iris.braeuninger@hfh.ch Holzinger, A., Konrad, A., Bopp, N., Koch, S. (2018): Effects of dance movement therapy on adult patients with autism spectrum disorder: A randomized controlled trial. Behavioral Sciences 8, 61, https: / / doi.org/ 10.3390/ bs8070061 Samaritter, R., Payne, H. (2017): Through the kinesthetic lens: Observation of social attunement in autism spectrum disorders. Behavioral Sciences 7(1), 14, https: / / doi.org/ 10.3390/ bs7010014