eJournals körper tanz bewegung8/3

körper tanz bewegung
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2195-4909
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/ktb2020.art21d
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Forum: Führungskräfte, bitte an das Mischpult!

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Peter Flühr
Führungskräfte, die erschöpft sind, sind mit Worten allein nur schwer zu erreichen. Auch ausschließlich sanfte Methoden wie Autogenes Training oder Qigong sprechen sogenannte LeistungsträgerInnen in vielen Fällen nur bedingt an. Werden allerdings kognitive und entspannende Elemente mit dynamischen, kraftvollen Ganzkörperübungen (Sprungkraft- und Salsa-Training) kombiniert, wird deutlich mehr Resonanz bei Führungskräften erzielt. In diesem Artikel wird ein praktisches Beispiel dieser Arbeit beschrieben.
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Forum: Aus der Praxis 128 körper-- tanz-- bewegung 8. Jg., S. 128-132 (2020) DOI 10.2378/ ktb2020.art21d © Ernst Reinhardt Verlag Führungskräfte, bitte an das Mischpult! Wie wir mit der MiiiX-Methode erschöpfte Leistungsträger erreichen können Peter Flühr Führungskräfte, die erschöpft sind, sind mit Worten allein nur schwer zu erreichen. Auch ausschließlich sanfte Methoden wie Autogenes Training oder Qigong sprechen sogenannte LeistungsträgerInnen in vielen Fällen nur bedingt an. Werden allerdings kognitive und entspannende Elemente mit dynamischen, kraftvollen Ganzkörperübungen (Sprungkraft- und Salsa-Training) kombiniert, wird deutlich mehr Resonanz bei Führungskräften erzielt. In diesem Artikel wird ein praktisches Beispiel dieser Arbeit beschrieben. Schlüsselbegriffe Burnout, Führungskräfte, Salsa, Qigong, MiiiX-Methode, Körperwahrnehmung, Coaching Executives, Please to the Mixing Desk! How to Achieve Exhausted Top Performers with the MiiiX Method Executives who are exhausted are difficult to reach with words alone. Even gentle methods such as autogenic training or qigong in many cases only appeal the so-called service providers to a limited extent. However, if cognitive and relaxing elements are combined with dynamic, powerful full-body exercises (jumping and salsa training), significantly more resonance is achieved with managers. This article describes a practical example of this work. Key words burnout, executives, salsa, qigong, MiiiX method, body awareness, coaching W er viel Zeit mit Burnout-gefährdeten Führungskräften verbringt, kann häufig feststellen, wie eingeschränkt deren Verhaltensmuster / Bewegungsmuster sind. Im Führungskräftecoaching ist es daher hilfreich und interessant, Elemente aus der Bewegungstherapie in der Burnout-Prophylaxe zu nutzen. In dem vorliegenden Artikel möchte ich anhand von Beispielen aus der Praxis zeigen, wie dies erfolgen kann. Ich betrachte diese Arbeit nicht als Therapie, aber als eine Herangehensweise, die therapeutische Methoden kreativ nutzt und nicht unbedingt „sortenrein“ ist. Wenn ich mit Führungskräften arbeite, taucht vor meinem inneren Auge oft das Bild eines Mischpults auf. Denn diese Menschen scheinen nur sehr begrenzt Zugriff auf die Regler Entspannung und Regeneration zu haben, die ihre Vitalität wesentlich beeinflussen. So entstand die Idee, eine Methode zu entwickeln, die die Führungskräfte wieder zum „DJ“ ihres eigenen Lebens macht. Diese Methode habe ich MiiiX genannt. Die MiiiX-Methode für Führungskräfte 3 | 2020 129 In der Begegnung mit Menschen aus der Wirtschaft ist ein bodenständig-kerniger Ton üblich. Um die Atmosphäre von MiiiX zu vermitteln, habe ich auch diesen Artikel in einem solchen Ton gehalten. Einfache Worte und Bewegungen für gestresste Kopfarbeiter Vermutlich würden zwei Pioniere der Bewegungsdiagnostik, Rudolf von Laban (2001) und Warren Lamb (McCaw 2007), sehr erstaunt sein, wenn sie sehen würden, was ich aus ihren bahnbrechenden und sehr differenzierten Konzepten in Veranstaltungen-- für das obengenannte Klientel- - gemacht habe. Doch für Andrea Schuster (Name geändert), 48, Bereichsleiterin eines Finanzdienstleisters, die vor lauter Verspannungen und Schmerzen seit einigen Monaten kaum mehr schlafen konnte, spielte das im Selbstmanagement-Seminar keine Rolle. Sie wollte einfach wieder funktionieren- - also so leistungsorientiert leben wie vorher. Sie hatte mit fünf Jahren eine professionelle Eiskunstlaufkarriere begonnen und hierbei alle Schmerzen, die der Sport zu bieten hat, stoisch bis zum 17. Geburtstag weggelächelt und danach all ihre Energien in die berufliche Karriere gelenkt. Auch meine Bewegungslehre-Dozenten an der Universität in München wären irritiert, wie ich ihre Methoden und Theorieansätze in der Praxis umsetze. Meine Qigong- und Taijilehrer würden vermutlich sagen, dass ich die Prinzipien der reinen Lehre verunstalte, und die Enthusiasten afrokubanischer Tänze würden zusammenzucken, wenn ich bei dem, was ich mit Einzelpersonen und Gruppen tue, von z. B. Salsa oder Merengue spreche. Und zuletzt würden die Entwickler von psychologischen Persönlichkeitsmodellen wie dem Myers-Briggs-Typenindikator (M.B.T.I.; Bents/ Blank 2001) und DISG (Dauth 2012) sagen, dass ich ihre Konzepte wohl kognitiv nicht ganz durchdrungen habe. Menschen mit Bewegung erreichen, die wieder „funktionieren“ wollen Frau Schuster hatte schon alles Mögliche versucht, um die Schmerzen und die damit verbundenen Emotionen, Wut und Trauer, in den Griff zu bekommen. Da interessierte sie sich im Seminarraum in den Bergen weniger für die wissenschaftlichen Hintergründe meiner Arbeit, sondern schlicht dafür, ob sie wieder „normal“ laufen und arbeiten können werde. Und das konnte sie nach sieben Tagen. Denn die MiiiX-Methode erzeugt erstaunlich viel Resonanz bei denen, die ich in meiner Arbeit erreichen und bewegen möchte: ProjektleiterInnen, Führungskräfte, UnternehmerInnen und GeschäftsführerInnen. Menschen also, die in der Regel tagsüber ihren Körper und dessen Bewegungen als störungsfreie Maschine mitlaufen lassen wollen. Sie sind kognitiv so beschäftigt, dass sie die kinästhetischen Erfahrungen und vor allem physischen Bedürfnisse ihres Organismus nach artgerechter Bewegung im Freien hinten herunterfallen lassen. Bevor ich jedoch von Andrea Schuster und ihren Erfahrungen mit dem Methodenmix im Rahmen eines einwöchigen Seminares erzähle, möchte ich kurz erläutern, wie es letztlich zur MiiiX-Methode kam. Das ist sehr einfach erzählt. Mich hat es meist nur für fünf Jahre bei einem Spezialgebiet gehalten. Zunächst beim Handball, dann in der Leichtathletik, anschließend beim Volleyball, später im Qigong / Taijiquan, später beim Salsatanzen und danach in der Psychologie und den Arbeiten von Laban. Dort traf ich jeweils auf Menschen, die sich ihr Leben lang diesem einen „System“ verschrieben haben und es natürlich besser beherrschten als ich. Das schmerzte mich zwar einerseits, doch anderseits wurde mir im Laufe der Zeit und in der Zusammenarbeit mit Menschen immer klarer, dass gerade die behutsame Kombination dieser verschiedenen, sich scheinbar widersprechenden Systeme die Chance bot, Führungskräfte etc. zu erreichen. 130 3 | 2020 Peter Flühr Sich in Spannungsfeldern sinnvoll bewegen Die ersten Mut machenden Erfahrungen sammelte ich 1998 mit ÜbungsleiterInnen in diversen Sportverbänden. Sie, die es gewohnt waren, sich auf das klassische Höher, Schneller und Weiter im Rahmen von Weiterbildungen zu konzentrieren, fanden z. B. großen Gefallen an dem propriozeptiven, regenerativen und meditativen Übungselementen des Qigong, sobald sie mit wettkampforientierten Elementen kombiniert wurden. Frau Schuster war dagegen in den ersten Tagen des Trainings nahezu lahmgelegt. Sie konnte vor lauter Schmerzen weder vertikal einfedern, also z. B. Seilspringen, noch den Körper verwringen. Sie saß frustriert und mit Schmerzmittel eingedeckt auf ihrem Stuhl und berichtete, wie sehr es ihre Stimmung trübte, dass sie sich als leistungsorientierte Persönlichkeit kaum mehr rühren konnte. Natürlich wollte sie dieses Problem schnellstmöglich beheben lassen, ganz nach dem Motto: „Peter, mach das weg! “ Sie stufte ihr Problem als rein körperlich ein, und so vertrat sie die Idee, wir müssten nur die richtigen Übungen finden, dann würden sich ihre Symptome in Luft auflösen. Der eigenen Bewegungsbiografie eine neue Richtung geben Oberflächlich betrachtet geht es in der MiiiX- Methode tatsächlich nur um die Physis und darum zu schauen, in welcher Bewegungsebene (Tisch-, Tür- und Radebene; Laban 2001) sich jemand bewegen kann und wo eben nicht. Ich starte jedoch in meinen Seminaren gerne erst mal sprachlich mit einer kurzen Runde, in der die TeilnehmerInnen die Chance haben, über ihre Bewegungsbiografie zu berichten. Die Aufgabe besteht schlicht darin, sich zu erinnern, wie sie die Kooperation mit ihrem Körper erlebt haben (da die Klienten / Kunden Körper und Psyche selbst als getrennt erleben, wird dies auch als getrennte Teilsysteme angesprochen, obwohl dies natürlich nicht zutrifft). Welche Höhen und Tiefen haben sie in ihrer Beziehung mit dem Organismus erlebt, bzw. haben sie jemals eine Partnerschaft auf Augenhöhe geführt? Sie als Bewegungsfachkräfte können sich vielleicht vorstellen, wie aufschlussreich, ergiebig und hilfreich diese Äußerungen für den weiteren Trainingsverlauf sein können. Nach dieser Eingangsrunde experimentieren wir mit den unterschiedlichsten Bewegungsangeboten (Körpereigenmassagen, Qigong, Aktivitäten mögliche Qualitäten, die zutage treten können und oft im Alltag unterrepräsentiert sind Körpereigenmassagen aufmerksam, liebevoll, zupackend, fließend … Qigong geerdet, fließend, verbunden, rhythmisch, genussvoll, zentriert, achtsam … Salsa schwungvoll, elastisch, rhythmisch, lustvoll, fließend, enthusiastisch … Auf der Slackline oder dem Rollbrett fokussiert, balanciert, mutig, wach, federnd, zentriert … Kettlebelltraining geerdet, explosiv, balanciert, kraftvoll, „gesund aggressiv“, hellwach Tab. 1: Aktivitäten und dazu passende Qualitäten Die MiiiX-Methode für Führungskräfte 3 | 2020 131 Salsa, Kraft- und Koordinationstraining, Slackline etc.), um die brachliegenden Bewegungsdimensionen wieder individuell zugänglich zu machen. Wahrscheinlich werden Sie sich als LeserIn fragen: „Muss ich denn unbedingt die Methoden mixen? “ Ich bin der Meinung: Ja! Denn in der Arbeit mit-- in erster Linie kognitiv geforderten-- Führungskräften zielen wir nicht nur darauf ab, dass die Menschen sich wieder dreidimensionaler bewegen, sondern auch auf die Qualität ihrer Aktionen. Wer nur angespannt, gepresst, verbissen und fokussiert atmet, redet, zuhört und entscheidet, wird unweigerlich irgendwann müde. Deshalb ist es für Menschen wie Frau Schuster so wesentlich, auf leichte, spielerische und humorvolle Weise Erfahrungen mit ihrem eigenen Körper zu machen. Wer sich im Liegen, Sitzen und Stehen selbst positiv überrascht und das zu schätzen lernt, was noch geht, der möchte wieder mehr von dieser Lebendigkeit in sein Leben integrieren. So gebe ich die Bewegungen durch den Methodenmix vor und schaue, bei welcher Art von Bewegung sich jemand begeistern kann. Die Wahrscheinlichkeit, dass Begeisterung entsteht, steigt meiner Erfahrung nach mit der Attraktivität und Vielfalt der Bewegungsangebote. Die Bewegungsqualität beeinflusst die Selbstgespräche Unter der sichtbaren Oberfläche des körperlichen Tuns sind wir als TrainerInnen bzw. Coaches jedoch erst dann wirksam, wenn wir durch die dynamischen Aktivitäten auch die inneren Dialoge der Menschen verändern. Denn die Art und Weise, wie Menschen mit sich selbst sprechen, sei es sanft, fordernd, aggressiv, behutsam, ängstlich oder forsch, wirkt sich auf die Bewegungscharakteristik aus und umgekehrt. Wenn wir nun innerhalb einer Bewegungseinheit Wärmeanwendungen, Körpereigenmassagen mit Salsatanzen im Sitzen und Liegen- - auf kleinstem Raum- - kombinieren und danach noch die ein oder andere Qigongübung machen, weicht das im wahrsten Sinne des Wortes die Schmerz- und Bewegungsmuster der Anwesenden auf. Noch interessanter finde ich jedoch den Prozess, wie sich auch die Sprache der TeilnehmerInnen durch die verschiedenen Bewegungsqualitäten verändert. So bestand auch für die Bereichsleiterin Frau Schuster eine wesentliche Hürde darin, die Rückmeldungen von mir und den anderen TeilnehmerInnen an sich heranzulassen und sich darüber klarzuwerden, in welch gnadenlosem Ton sie mit sich selbst spricht und damit permanent selbst zu Höchstleistungen anstachelt. Für sie war es natürlich vollkommen normal, verbal und körperlich so mit sich umzuspringen. Die meisten leistungsorientierten Führungskräfte bevorzugen in Selbstgesprächen den Kasernenton. Für uns TrainerInnen liegt nun die Herausforderung darin, von den Kunden nicht als „Weichei“ oder „Esoterikfutzi“ abgestempelt zu werden, sondern die Körperwahrnehmungs- und Koordinationseinheiten so anspruchsvoll zu gestalten, dass nicht der Verdacht aufkommt, wir seien Anhänger einer seltsamen Sekte. Denn sobald wir als KörperarbeiterInnen in dieser Schublade landen, wird es sehr schwer, aus ihr wieder herauszukommen. Deshalb wechsele ich im weiteren Seminarverlauf nicht nur zwischen den verschiedenen Bewegungssystemen (Salsa, Qigong, Slackline, Wandern, Krafttraining etc.), sondern auch zwischen den körperlichen und psychologischen Einheiten. So bietet der Wechsel immer die Chance, dem jeweiligen Bereich, sei es der physische oder psychische, eine Ausbzw. Verarbeitungszeit zu gönnen. In diesen Pausen passieren oft die entscheidenden Dinge. 132 3 | 2020 Peter Flühr Das Vokabular für Bewegungsqualitäten erweitern So war es auch für Frau Schuster der Methoden-Mix, der ihr „psycho-physisches System“ wieder elastischer, entspannter und durchlässiger gemacht hat. Behutsam und gleichzeitig koordinativ anspruchsvoll erweiterten wir einerseits ihr Bewegungsspektrum in der Tisch-, Tür- und Radebene und andererseits ihr Vokabular in den Selbstgesprächen, um solche Worte wie gemütlich, geborgen, faul und getragen. Besonders großes Gefallen fand sie im Laufe der Woche am gemütlichen Gehen mit Salsarhythmen und sanften Verwringungen (also mit bewusster Diagonalmotorik). Diese für sie neue Art, sich zu bewegen, stellt nun eine weitere Option dar, ihre Ziele zu erreichen. Nach drei Monaten bekam ich ein E-Mail von ihr, in der sie schrieb, sie habe sich mit ihrem Partner zu einem Salsakurs angemeldet, und ihr würde es nun deutlich früher gelingen, Überlastungen als solche wahrzunehmen und sich dann auch Auszeiten zu gönnen. Sie ist also auf dem Weg, ihr „MiiiX-Mischpult“ um die Qualitäten zu erweitern, die ihr besonders gut tun: Genuss und Gelassenheit. Fazit Viele Menschen haben vor lauter Erfolgs- und Zeitdruck vergessen, ihre Bewegungsspielräume zu erhalten, und sind dadurch einseitig geworden. Die Lösung des Problems „Burnout“ liegt meines Erachtens in der Wiedererlangung oder erstmaligen Entdeckung der Kombinationsmöglichkeiten- - der Vielfalt und Balance zwischen den Elementen. In diesem Sinne ist es passend, dass auch der Weg dahin ein Mix ist. Mir persönlich bereitet es auch nach mehr als 20 Jahren sehr viel Freude, zwischen den einzelnen Disziplinen hin- und herzuspringen. Doch dürfen wir natürlich nicht dabei die Anliegen und Ziele der TeilnehmerInnen aus den Augen verlieren. Denn sie sind es, weswegen die Menschen bereit sind, Geld und Zeit zu investieren. Ich hoffe, dass Sie dieser Artikel inspiriert, zunächst Ihr eigenes „Mischpult“ bewusster zu nutzen und das Ihrer KundInnen / PatientInnen sinnvoll und in deren Interesse zu „reanimieren“. Literatur Bents, R., Blank, R. (2001): M.B.T.I. Eine dynamische Persönlichkeitstypologie. Die 16 Grundmuster unseres Verhaltens nach C. G. Jung. 3.-Aufl. Claudius Verlag, München Dauth, G. (2012): Führen mit dem DISG-Persönlichkeitsprofil: DISG-Wissen Mitarbeiterführung. 3. Aufl. GABAL, Offenbach / M. Laban, R. v. (2001): Der moderne Ausdruckstanz. Verlag der Heinrichshofen-Bücher, Wilhelmshaven McCaw, D. (2007): Decision Making and Movement Pattern Analysis. A DVD-ROM about the pioneering work of Warren Lamb. Seven Locks, Santa Ana Peter Flühr Diplomsportwissenschaftler, Lehrer für Taijiquan und Körperarbeit, Coach für integratives Führen und systemischer Coach. ✉ Peter Flühr Guntherstraße 19 | D-80639 München info@peterfluehr.de www.peterfluehr.de