körper tanz bewegung
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2195-4909
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/ktb2020.art29d
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Körperpsychotherapeutische Fallstudien
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Frank Röhricht
Fallstudien werden in der psychotherapeutischen Ausbildung essentiell zur Illustration theoretischer Lehrinhalte genutzt. In der Psychotherapie-Forschung sind Fallstudien erneut zentral berücksichtigt, seitdem im Rahmen der Effektivitätsstudien zunehmend Fragen bezüglich der psychotherapeutischen Veränderungsprozesse, Therapeutenvariablen und der therapeutischen Beziehung in den Fokus gerückt sind. Für die Körperpsychotherapie sind Fallstudien als besonders wichtig zu erachten, um über eine detaillierte Beschreibung der („verkörperten“) Therapieprozesse grundlegenden Hypothesen zu hinterfragen und zu einem besseres und empirisch fundierten Verständnis der spezifischen körperbezogenen Wirkmechanismen zu gelangen.
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174 körper-- tanz-- bewegung 8. Jg., S. 174-181 (2020) DOI 10.2378 / ktb2020.art29d © Ernst Reinhardt Verlag Forum: Unter der Lupe Körperpsychotherapeutische Fallstudien Empfehlungen und Richtlinien zur Erstellung Frank Röhricht Fallstudien werden in der psychotherapeutischen Ausbildung essentiell zur Illustration theoretischer Lehrinhalte genutzt. In der Psychotherapie-Forschung sind Fallstudien erneut zentral berücksichtigt, seitdem im Rahmen der Effektivitätsstudien zunehmend Fragen bezüglich der psychotherapeutischen Veränderungsprozesse, Therapeutenvariablen und der therapeutischen Beziehung in den Fokus gerückt sind. Für die Körperpsychotherapie sind Fallstudien als besonders wichtig zu erachten, um über eine detaillierte Beschreibung der („verkörperten“) Therapieprozesse grundlegenden Hypothesen zu hinterfragen und zu einem besseres und empirisch fundierten Verständnis der spezifischen körperbezogenen Wirkmechanismen zu gelangen. Schlüsselbegriffe Fallstudien, Psychotherapie-Ausbildung, Psychotherapieforschung, qualitative Prozessforschung, Körperpsychotherapie Body Psychotherapy Case Studies. Recommendations and Guidelines for-Preparation Case studies are essentially used in psychotherapeutic training to illustrate theoretical teaching contents. In psychotherapy research, case studies are now considered centrally since studies on the effectiveness of psychotherapy are increasingly focusing on questions relating to psychotherapeutic change processes, the therapist variable and the therapeutic relationship. Case studies are particularly important for body psychotherapy, in order to question basic hypotheses through a detailed description of the embodied therapy processes and to gain a better and empirically supported understanding of the specific body related mechanisms of action. Key words case studies, psychotherapy training, psychotherapy research, qualitative research, body psychotherapy D er Artikel wurde unter Berücksichtigung von Leitlinien / Guidelines in der Literatur, insbesondere Budgell 2008 mit Genehmigung des Autors, erstellt. Fallstudien sind sehr wichtig für die klinische Praxis eines jeden Berufsstandes-- auch für den Beruf der Körperpsychotherapie (KPT) und angrenzende Berufsbereiche. Dabei ist zu unterscheiden zwischen 1. Fallstudien, die zum Zwecke der Psychotherapie-Ausbildung genutzt werden, um wich- Richtlinien zur Erstellung von Fallstudien 4 | 2020 175 tige Aspekte der theoretischen Ausbildung mit Praxisbeispielen zu illustrieren und 2. Fallstudien, die aus wissenschaftlicher Perspektive in der Psychotherapieforschung durchgeführt werden. Obwohl Fallstudien keine genaue Anleitung für die Behandlung von PatientInnen geben können, zeichnen sie bestimmte klinische Interaktionen auf, die dann auch genutzt werden können, um Hypothesen für klinische Studien vorzubereiten. Fallstudien liefern wertvolles Lehrmaterial, da sie sowohl klassische Situationen als auch ungewöhnliche Fälle aufzeigen, mit denen jede/ r PraktikerIn konfrontiert werden kann. Einzelfallstudien sind ein wesentlicher Bestandteil eines Forschungsalgorhythmus, mit dem die Veränderungsprozesse der Therapie abgebildet werden, um klinisches Erfahrungswissen wissenschaftlich zu erfassen und Hypothesen für Effektivitätsstudien zu generieren. Fallstudien werden im Zuge einer Renaissance qualitativer Psychotherapieforschungsmethoden in jüngerer Zeit vor dem Hintergrund einer „Hinwendung zum psychotherapeutischen Prozess als Gegenstand der Forschung“ (Hintermeier 2011) verstärkt mit berücksichtigt, siehe hierzu auch Frommer & Lange (2010), Petermann (2014). Schließlich sind Fallstudien auch im Sinne der Qualitätssicherung und für die Psychotherapie-Supervision im klinischen Alltag relevant. Solange keine Videobeobachtung eingesetzt wird, um den Verlauf einer Therapie-Sitzung aufzuzeichnen (was jedoch durch die Präsenz der Kamera das interaktionelle Geschehen in der Sitzung beeinflussen kann), geschieht Psychotherapie „hinter verschlossenen Türen“; hier bietet sich die Fallstudie an, um systematisch Einblicke in den therapeutischen Alltag zu bekommen. In methodischer Hinsicht hat sich seit den ersten narrativen Behandlungsberichten von Freud eine Entwicklung hin zu einer wissenschaftlich fundierten Standardisierung vollzogen. Neidhart & Löffler-Stastka (2020) betonen in ihrer Zusammenfassung zu Fallstudien in der psychotherapeutischen Ausbildung: „Unterschiedliche Forschungsdesigns ermöglichen die Nutzung der klinischen Einzelfallstudie als Beitrag zum Erkenntnisgewinn über die komplexen Vorgänge in einem psychotherapeutischen Behandlungsprozess“ (S. 3). KPT-Fallstudien sind in der Regel nicht systematisch im Sinne von Leitlinien dargestellt (Young 2010). Eine Hürde sind die zumeist fehlenden Kenntnisse, wie eine Fallbeschreibung formell auszusehen hat, damit eine Fallstudie auch tatsächlich in einem Peer-Review-Fachjournal veröffentlicht werden kann. Die folgenden Richtlinien sollen relativ unerfahrenen AutorInnen-- ob PraktikerInnen, Studierenden oder Auszubildenden-- bei der Erstellung einer qualitativ hochwertigen Fallstudie helfen. Solche Richtlinien sind nicht als allgemeinverbindlich zu verstehen, sondern sind ein Vorschlag, was AutorInnen schreiben könnten, und nicht, was sie schreiben müssten. Die AutorInnen können selbst entscheiden, inwiefern die Umstände ihrer besonderen Fallstudie ein Abweichen von diesen allgemeinen Empfehlungen erfordern, jedoch sollte jede größere Abweichung begründet werden können, so dass Inhalte des Manuskriptes von HerausgeberInnen, ReviewerInnen oder potenziellen LeserInnen hinterfragt werden können. Formelles zur Veröffentlichung von Fallstudien in der Zeitschrift KTB Ihre fertige Fallstudie zur Veröffentlichung in unserer Zeitschrift körper- - tanz- - bewegung sollte in unserer Formatvorlage etwa 8-12 Seiten lang sein. Die Formatvorlage können Sie bei der Schriftleitung unter ktb-schriftleitung@ reinhardt-journals.de anfordern. Formelle Anforderungen finden Sie in unseren Autorenhinweisen unter www.reinhardt-verlag.de/ _pdf_ media/ richtlinien51830.pdf. Weitere Hilfen zum Schreiben einer Fallstudie finden Sie bei 176 4 | 2020 Frank Röhricht Lowman & Kilberg (2011), Beispiele bei Wadsworth & Hackett (2014) oder Papadopoulos & Röhricht (2018). Die informierte Einverständniserklärung der Klienten Im Idealfall einer prospektiv geplanten und durchgeführten Fallstudie haben Sie standardisiert erfasste schriftliche Notizen aus Ihren Therapiesitzungen mit einem bestimmten Klienten vorliegen. Diese können helfen, einen Teil des Inhalts Ihrer Fallstudie zu gestalten. Allerdings dürfen diese Notizen kein Teil der Fallstudie selbst sein, da sie vertraulich sind und auch als solche behandelt werden müssen. Um diese Notizen zu einer Fallstudie weiterzuentwickeln, müssen Sie letztendlich eine schriftliche „informierte Einverständniserklärung“ (im Englischen „written informed consent“) der beteiligten Person (PatientIn / KlientIn) einholen (Henderson 2005). Im Anhang dieses Dokuments finden Sie ein Musterformular zur Einholung dieser Zustimmung, das auch den EABP-Mitgliedern auf www.eabp.org zur Verfügung steht. Das Einholen der Zustimmung kann recht schwierig sein, da manchmal eine erhebliche Zeitspanne vergangen ist, seit Sie zuletzt Kontakt mit dem Klienten hatten. Aber rechtlich und ethisch-moralisch geht kein Weg daran vorbei, die Zustimmung des Patienten einzuholen. In der Fallstudie müssen dann außerdem wesentliche persönliche Angaben geändert werden, um die Privatsphäre des Patienten / Klienten (Anonymität) zu schützen und auch um Ihre eigene Berufsethik zu verdeutlichen. Der Patient/ KlientIn muss einen endgültigen Entwurf der Fallstudie erhalten, bevor sie zur Veröffentlichung eingereicht oder als Präsentation verwendet wird. Sie sollten eine Fallstudie über eine Person auf keinen Fall ohne ihr Wissen veröffentlichen. Einführung in das Schreiben einer Fallstudie Wenn Sie mit dem Schreiben einer Fallstudie beginnen, müssen Sie sich zunächst über den Zweck oder die Absicht im Klaren sein, warum Sie diesen Fall beschreiben möchten. Bevor Sie mit dem Verfassen der Studie selbst beginnen, sollten Sie daher alle für den Fall relevanten Materialien-- Notizen der klinischen Sitzungen, Notizen der Supervision, eventuell ärztlichpsychologische Dokumente usw.- - sammeln und damit beginnen, eine klare Zusammenfassung der Fallgeschichte zu formulieren, die Sie berichten möchten. Goldstandard, aber nicht zwingend erforderlich, sind hier Audio- / Video- Aufzeichnungen der Therapiesitzungen. Eingangs sollten Sie sich fragen: „Was ist an diesem Fall besonders interessant für meine KollegInnen oder für die Forschung? “, „Was ist die zentrale Aussage der Fallgeschichte? “. Berücksichtigen Sie Ihre Antworten auf diese Fragen, während Sie das Manuskript erstellen, denn manchmal können wir uns beim Schreiben leicht in den Details verlieren und die allgemeine Botschaft vergessen, die wir vermitteln wollen. Eine weitere wichtige allgemeine Regel für das Schreiben von Fallstudien ist, sich an die Fakten zu halten. Eine Fallstudie sollte eine konservative und den Fakten entsprechende Darstellung dessen sein, was tatsächlich im Therapieverlauf geschehen ist. Spekulationen über zugrundeliegende Mechanismen der Prozesse oder der Behandlung und lange Beschreibungen über die Theorie oder Grundlage der Methode sollten vermieden werden. Sie sollten versuchen, eine präzise Aufzeichnung der klinischen Ereignisse widerzugeben und mit unterstützenden Informationen und entsprechenden Referenzen die Einordnung im Sinne der Relevanz belegen. Bitte denken Sie schließlich daran, dass eine Fallstudie in erster Linie eine Chronik des Fortschritts eines Patienten darstellt, nicht Richtlinien zur Erstellung von Fallstudien 4 | 2020 177 ein Co-Therapeut) oder einen bedeutenden intellektuellen Beitrag im eigentlichen Schreibprozess geleistet haben. Jemand, der nur technische Hilfe geleistet hat, so wertvoll das auch sein mag, kann am Ende des Artikels benannt werden, wird aber nicht als Autor aufgeführt. Zu allen AutorInnen müssen am Ende des Beitrags Autoreninformationen eingefügt werden, außerdem werden für die LeserInnen Kontaktdaten des Erstautors angegeben. Abstract Abstracts sollten generell nicht mehr als 500 Zeichen umfassen und fassen den Inhalt bzw. die Kernaussagen des gesamten Manuskripts zusammen. Eine Suchmaschine oder eine Zeitschriften-Website zeigt oft die Zusammenfassung an, auf deren Grundlage der Leser dann entscheiden kann, ob er den vollständigen Artikel herunterladen möchte (und möglicherweise auch dafür bezahlt). Das Abstract soll einen einleitenden Satz, eine kurze Darstellung des Falls, den Behandlungsanlass, die Vorgehensweise und das Ergebnis der Fallstudie enthalten. Geben Sie anschließend 5-7 Schlüsselbegriffe an, unter denen die Fallstudie bei Suchmaschinen aufgelistet werden soll. Das Abstract und die Schlüsselwörter sollen jeweils in Deutsch und in Englisch aufgeführt werden. Über das englische Abstract bitte auch noch den englischsprachigen Titel einfügen. Einleitung Zu Beginn dieser Leitlinien haben wir vorgeschlagen, dass Sie eine klare Vorstellung davon haben, was an dieser Fallstudie besonders interessant und berichtenswert ist. In der Einleitung (in unserer Zeitschrift ohne eigene Überschrift) vermitteln Sie dies dem Leser. Es ist sinnvoll, die Studie zunächst in einen historischen und / oder psychologischen oder sozialen Kontext einzubinden. Wenn ähnliche Fälle bereits früher publiziert wurden, beschreiben Sie das kurz und bündig mit enteine Geschichte über einen besonderen therapeutischen Erfolg. Redaktionelle, beobachtende oder propagierende Anmerkungen gehören nicht in eine Fallstudie, egal wie groß unser Enthusiasmus für den Therapieverlauf ist. Am besten ist es, die Fallgeschichte einfach und klar und somit das Ergebnis für sich selbst sprechen zu lassen. Verwenden Sie keine „blumige“ Sprache, keinen pseudopsychologischen oder technischen Jargon ohne adäquate Erklärung, z. B. „der Fortschritt war erstaunlich“; „ihre Energie war völlig verändert“. Mit all diesen Punkten im Hinterkopf beginnen Sie nun mit der eigentlichen Entwicklung der Fallstudie. Titel Denken Sie daran, dass viele Menschen Ihren Artikel- - zu gegebener Zeit- - finden sollen, wenn Sie im Internet danach suchen. Sie entscheiden vielleicht nur durch einen Blick auf den Titel, ob sie auf den vollständigen Artikel zugreifen wollen oder nicht. Ein Titel, der vage oder unspezifisch ist, erregt möglicherweise keine Aufmerksamkeit. Ihr Titel sollte daher (mindestens) die Phrase „Fallstudie“ oder „Fallbericht/ -geschichte“ enthalten, da dies dem Inhalt zentral entspricht. Die beiden gebräuchlichsten Formate von Fallstudien-Titeln sind „nominal“ und „zusammengesetzt“. Ein nominaler Titel ist ein einzelner Satz, zum Beispiel „Eine Fallstudie über Grounding bei einer Angststörung“. Ein zusammengesetzter Titel besteht aus zwei aufeinanderfolgenden Sätzen, zum Beispiel „ Grundlegende Interventionen bei Angstreaktionen-- Eine Fallstudie“. Bedenken Sie, dass die meisten Titel von Zeitschriftenartikeln durchschnittlich etwa 8 bis 10 Wörter lang sind. Denken Sie daran, dass Sie selbst für eine Fallstudie nicht mehr als ein oder zwei Autoren erwarten würden. Um als Autor aufgeführt werden zu können, muss eine Person einen wesentlichen Beitrag zur Erarbeitung des berichteten „Materials“ beigetragen (vielleicht sogar der Patient oder 178 4 | 2020 Frank Röhricht sprechenden Referenzen. Wenn es etwas besonders Bemerkenswertes an der Diagnose, der Therapie oder sonstige Besonderheiten des Falles gibt, den Sie beschreiben, ist jetzt der Moment, dies herauszustellen. Jede Bezugnahme auf eine frühere Studie muss mit einer zitierten Referenz angegeben werden. Die Einführung braucht nicht mehr als wenige Absätze lang zu sein, und das Ziel ist es, den LeserInnen zu vermitteln, warum es für sie interessant (und nützlich) sein könnte, über diesen Fall zu lesen. Präsentation der Fallstudie Dies ist der Teil der Arbeit, in dem Sie die grundlegenden Informationen über den Patienten / Klienten darlegen. Zuerst müssen Sie das Problem beschreiben, d. h. warum sich diese Person in Therapie begeben hat. Es ist oft nützlich, die eigenen Worte des Patienten / Klienten zu verwenden. Beschreiben Sie auch Ihre Eindrücke bzgl. der „verkörperten Präsentation“ (Haltung, Gestik, Mimik, Körpersprache, Affekte, Bewegungsverhalten, Präsenz usw. des Klienten) sowie Ihr eigenleibliches Spüren in Resonanz zur Begegnung mit dem Klienten (Stichworte: felt sense, somatische Gegenübertragung). Als nächstes stellen Sie alle wichtigen Informationen vor, die Sie zur Vorgeschichte Ihres Patienten erhalten haben. Sie müssen nicht jedes Detail angeben-- nur Informationen, die Ihnen dabei geholfen haben, sich auf eine Richtung, eine klinische oder therapeutische Formulierung oder eine Diagnose bzw. Problem-Einschätzung festzulegen. Aus Sicht der Körperpsychotherapie sind spezifische Informationen aus der Anamnese von besonderer Relevanz: aktuelle körperliche Beschwerden und Erkrankungen sowie frühere Gesundheitsprobleme (insbesondere signifikante Ereignisse wie Operationen, Unfälle und Traumata, z. B. sexueller / physischer Missbrauch oder andere körperlich traumatisierende Vorfälle), auch signifikante Körpererfahrungen (z. B. Prozesse in der Pubertät, Veränderungen nach der Schwangerschaft, relevante Gewichtsänderungen, selbst zugefügte Verletzungen etc.). Sie sollten versuchen, die Informationen in einer narrativen Form darzustellen: prägnante Sätze, die effizient die klinischen Erwägungen zusammenfassen. In einigen Fällen kann es nützlich sein, auch ein möglicherweise unterschiedliches Verständnis der therapeutischen Erwägungen oder hinsichtlich der Diagnose herauszustellen. An dieser Stelle oder zu Beginn des nächsten Abschnitts sollten Sie dann Ihren klinischen Gesamteindruck vom Patienten / Klienten darstellen. Hier ergänzt wiederum die Perspektive der Klienten als Referenzpunkt das Beschriebene, z. B. können Sie den Klienten in Form von Zitaten oder auch mit Rückmeldungen zur Fallstudie zu Wort kommen lassen (Stichwort Triangulation). Behandlung und Ergebnis In diesem Abschnitt sollten Sie zunächst den vereinbarten Behandlungsplan, das Umfeld, die Umgebung, die Häufigkeit der Sitzungen, erhebliche Unterbrechungen oder Störungen im Behandlungsprozess und alle zusätzlichen Vereinbarungen oder Änderungen aufführen. Anschließend sollten Sie die Therapiemethode beschreiben, die tatsächlich angewendet wurde. Bei der Beschreibung der Methoden, Behandlungssequenzen oder Interventionen sollten Sie so spezifisch wie möglich sein. Es hilft dem Leser nicht, nur zu erfahren, dass der Patient eine „psychotherapeutische Behandlung“ erhielt. Wenn Sie bestimmte Formen der Körperpsychotherapie angewendet haben, ist es am besten, die Technik zu benennen, falls ein gebräuchlicher Begriff existiert, und auch ggf. das schulenspezifische Verfahren zu beschreiben. Denken Sie daran, dass Ihre Fallstudie auch von Personen gelesen wird, die mit Ihrer spezifischen Therapie nicht vertraut sind. Sie sollten benennen, was der Patient selbst hinsichtlich Verbesserungen, Veränderungen oder auch Verschlechterungen der Symptome Richtlinien zur Erstellung von Fallstudien 4 | 2020 179 angibt. Wann immer möglich, sollten Sie aber auch versuchen, eine gut validierte Methode zur quantifizierbaren Messung jeglicher Veränderung oder Verbesserung anzuwenden (validierte Fragebögen etc.). Es ist auch nützlich, in diesem Abschnitt anzugeben, wie und warum die Behandlung mit diesem Patienten / Klienten beendet wurde. Haben Sie die Therapie beendet, und wenn ja, warum? Oder hat sich der Patient/ Klient von der Therapie zurückgezogen, und wissen Sie, warum? Oder haben Sie die Therapie an einen anderen Praktiker weitergeleitet? Dies ist der zentrale Teil der gesamten Fallstudie; aus diesem Abschnitt sollte der Leser eine klare Vorstellung von der Art und Beschaffenheit der Therapie, der therapeutischen Beziehung, der Interventionen oder Techniken und dem Verlauf/ Ergebnis all dieser Maßnahmen bekommen. Diskussion In diesem Abschnitt sollten Sie alle Fragen benennen, die der Fall aufwirft. Es ist nicht möglich und erforderlich, für alles, was Sie beobachtet haben, eine vollständige Erklärung abzugeben. Sie sollten sich auch nicht verpflichtet fühlen, alle möglichen Hypothesen aufzulisten oder zu generieren, die den Verlauf des Prozesses des Patienten erklären. Wenn es einen gut etablierten Aspekt der Psychologie oder Psychotherapie-Forschung gibt, die den Fall erhellt, sollten Sie diesen auf jeden Fall mit einbeziehen (mit Referenzen), aber denken Sie daran, dass Sie in erster Linie eine klinische Chronik in ihrem Manuskript vorstellen. Abschließend sollten Sie die Lehren zusammenfassen, die aus diesem Fall gezogen werden können, und auch auf methodische Einschränkungen bzw. Limitierungen der Verallgemeinbarkeit hinweisen. An dieser Stelle soll noch betont werden, dass Einzelfallstudien keine Prozesse im Sinne einer kausalen Zuordnung von Phänomenen aufzeigen können (siehe z. B. McLeod 2010). Das Literaturverzeichnis Geben Sie hier alle Referenzen an, auf die Sie sich in Ihrem Fallstudientext bezogen haben, und zwar in alphabetischer Reihenfolge der Autoren und gemäß den jeweiligen Vorgaben der Zeitschrift, bei der das Manuskript eingereicht werden soll. Probleme in der Erstellung und Einordnung von Fallstudien In der Literatur wird auf verschiedene sogenannte Verzerrungsfaktoren (z. B. McLeod 2013) hingewiesen. Neidhardt und Löffler- Staska (2020) listen hier insbesondere drei Faktoren auf, die aufgrund potentieller Interessenkonflikte besondere Beachtung erfordern: 1. „Bias“ (Auswahl des Themas und des Falles, Vermeiden negativer Therapie-Verläufe) 2. Schulen-Verbundenheit bzw. Schulenprägung („therapist allegiance“) und 3. die ForscherInnen-Zugehörigkeit („researcher allegiance“). Prospektive Planung und eine detaillierte Beschreibung der Methode und des Prozesses der Fallstudie sind wichtige, qualitätssichernde Maßnahmen. Auszubildende sollten nachdrücklich darauf hingewiesen werden, dass insbesondere die Behandlungsverläufe, die von der „Norm“ abweichen, d. h. den Erwartungen der TherapeutInnen oder der schulenspezifischen Lehre zuwiderlaufen, zumeist von besonderem Erkenntnisgewinn gekennzeichnet sind. Wir hoffen, dass diese Informationen hilfreich sind und Sie zum Schreiben körperpsychotherapeutischer Fallstudien ermutigen. 180 4 | 2020 Frank Röhricht Zustimmungsformular zur Veröffentlichung einer Fallstudie Ich, ................................................................................................................................ [Name Patient/ Auftraggeber] gebe hiermit meine Zustimmung, dass Informationen über meine Therapiesitzungen (oder die meines Kindes oder abhängigen Angehörigen) in eine Fallstudie eingebunden werden und professionell veröffentlicht oder präsentiert werden durch ....................................................................................................................................... [Name des Autors] in ....................................................................................................................................... [Name der Publikation] Ich habe verstanden, dass diese Fallstudie anonymisiert wird, also mein Name oder die Namen beteiligter Personen nicht genannt werden. Der Text beinhaltet keine Daten, die direkt auf meine Person zurückzuführen sind, wie zum Beispiel Adresse, Geburtsort und -datum, Beruf etc. Es wird alles daran gesetzt, die Vertraulichkeit sicherzustellen. Ich habe aber auch verstanden, dass vollständige Anonymität nicht garantiert werden kann. Ich verstehe, dass der Text als Print- und / oder Onlineversion veröffentlicht wird, im Internet erscheinen wird, in andere Sprachen übersetzt und von der allgemeinen Öffentlichkeit eingesehen, auf anderen Websites erscheinen kann und auch für öffentliche Präsentationen und Seminare verwendet werden kann. Ich habe das Manuskript der Fallstudie gelesen und genehmige die Veröffentlichung. Mit Unterzeichnung dieses Formulars verzichte ich nicht auf mein Recht auf Privatsphäre. Name ...................................................... Datum ........................................................ Unterschrift .................................................................................................................... Autorenerklärung Ich bin Mitglied eines körperpsychotherapeutischen Berufsverbandes (z. B. EABP, DGK, BTD oder eines dazugehörigen Verbandes) und garantiere, dass ich alles mir Mögliche tue, um diese Fallstudie professionell und entsprechend der ethischen Richtlinien meines Berufsverbandes zu erstellen, und sicherstelle, dass die persönlichen Details der PatientInnen / KlientInnen vertraulich bleiben und aus dem Text nicht auf die Identität der PatientInnen / KlientInnen geschlossen werden kann. Name des Autors ..................................... Datum ........................................................ Unterschrift .................................................................................................................... Anmerkung: Das unterzeichnete Zustimmungsformular des Patienten / Klienten muss in der vertraulichen Patientenakte verbleiben. Der Patient/ Klient erhält eine Kopie. Das Manuskript der Fallstudie sollte den Satz enthalten: „Erstellt mit informierter Zustimmung des betreffenden Patienten / Klienten.“ Richtlinien zur Erstellung von Fallstudien 4 | 2020 181 Literatur Budgell, B. S. (2008). Guidelines to the writing of case studies. Journal of Canadian Chiropractic Association 52 (4), 199-204 Frommer, J., Lange, J. (2010). Psychotherapieforschung. In: Mey, G., Mruck, K. (Hrsg.): Handbuch Qualitative Forschung in der Psychologie. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, 776-782, https: / / doi.org/ 10.1007/ 978-3- 531-92052-8_55 Henderson, R. W. (2005): Informed consent in the development of case studies. International Journal of Case Method Research and Application 17 (3), 405-415 Hintermeier, S. (2011). Qualitative Psychodramaforschung. Zeitschrift für Psychodrama und Soziometrie 10 (1), 89-107, https: / / doi. org/ 10.1007/ s11620-011-0125-6 Lowman, R. L., Kilberg, R. R. (2011): Guidelines for case study submissions to Consulting Psychology Journal: practice & research. Consulting Psychology Journal: Practice and Research 63 (1), 1-5, https: / / doi.org/ 10.1037/ a0021242 McLeod, J. (2013): An introduction to research in counselling and psychotherapy. SAGE, Los Angeles McLeod, J. (2010): Case study research in counselling and psychotherapy. Chapter 6. SAGE, London, https: / / doi.org/ 10.4135/ 9781446287897 Neidhart, E., Löffler-Stastka, H. (2020): Fallstudien in der psychotherapeutischen Ausbildung. Psychotherapie Forum 24, 3-8, https: / / doi.org/ 10.1007/ s00729-020-00137-2 Papadopoulos, N. L., Röhricht, F. (2018): A single case report of body oriented psychological therapy for a patient with chronic conversion disorder. The Arts in Psychotherapy 61, 38-43, https: / / doi.org/ 10.1016/ j.aip.2018.09.001 Petermann, F. (Hrsg.). (2014): Einzelfallanalyse. Walter de Gruyter, Berlin Wadsworth, J., Hackett, S. (2014): Dance movement psychotherapy with an adult with autistic spectrum disorder: An observational singlecase study. Body, Movement and Dance in Psychotherapy 9 (2), 59-73, https: / / doi.org/ 10.10 80/ 17432979.2014.893259 Young, C. (2010): About publishing professionally: for trainee psychotherapists. Journal of Body, Movement & Dance in Psychotherapy 5 (3), 268-276, https: / / doi.org/ 10.1080/ 1743297 9.2010.530060 Prof. Dr. med. Frank Röhricht Facharzt für Psychiatrie, Chefarzt und Medical Director für Forschung, Innovation und medizinische Ausbildung im East London NHS Foundation Trust, Honorary Professor of Psychiatry, Queen Mary University of London. Mitherausgeber von „körper-- tanz-- bewegung“. ✉ Prof. Dr. med. Frank Röhricht East London NHS Foundation Trust Trust Headquarter, Robert Dolan House 9 Allie Street | GB-London E1 8DE frank.rohricht@nhs.net
