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Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Willkommen beim Online-Seminar „Praxis der Körperpsychotherapie“!
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Benajir Wolf
Körperpsychotherapie ist in Corona-Zeiten sowohl für praktizierende Therapeuten eine Herausforderung als auch für die, die es werden wollen: Der Wunsch nach Präsenztreffen, die Angst vor Ansteckung, das Zuviel und Zuwenig in der Online-Lehre beschäftigen Lehrende und Studierende gleichermaßen. Im Marburger Masterstudiengang mussten innovative Lehrmethoden entwickelt werden, um zukünftige Therapeuten auf ihre klinische Berufspraxis vorzubereiten
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94 körper-- tanz-- bewegung 9. Jg., S. 94-97 (2021) DOI 10.2378/ ktb2021.art13d © Ernst Reinhardt Verlag Forum: Aus der Praxis Willkommen beim Online-Seminar „Praxis der Körperpsychotherapie“! Der Marburger Masterstudiengang Motologie & Psychomotorik unter Corona-Bedingungen Benajir Wolf Körperpsychotherapie ist in Corona-Zeiten sowohl für praktizierende Therapeuten eine Herausforderung als auch für die, die es werden wollen: Der Wunsch nach Präsenztreffen, die Angst vor Ansteckung, das Zuviel und Zuwenig in der Online-Lehre beschäftigen Lehrende und Studierende gleichermaßen. Im Marburger Masterstudiengang mussten innovative Lehrmethoden entwickelt werden, um zukünftige Therapeuten auf ihre klinische Berufspraxis vorzubereiten. Schlüsselbegriffe Masterstudiengang Motologie, Psychomotorik, Online-Lehre Welcome to the Online-Class “Body Psychotherapy Practice”! The Master Program Motology & Psychomotricity in Marburg in Times of Corona Body psychotherapy in times of corona poses a challenge not only for practicing therapists, but also for those, who are still in training: The longing for live meetings, the fear of infection, the too-much and not-enough in online-classes concern teachers and students alike. The master program in Marburg had to develop innovative teaching methods to prepare future therapists for their professional future. Key words master program, motology, psychomotricity, online courses „I ch bin an Ihrem Schwerpunkt „Körper- und Bewegungspsychotherapie“ interessiert. Kann man bei Ihnen auch ein Fernstudium machen? “ Vor Ausbruch der Pandemie war die Vorstellung eines Distanzstudiums schlicht nicht vorstellbar. Doch die zwangsläufige Modifikation unserer Lehrpraktik erweiterte meinen Blick darauf, wie therapeutisches Handeln erlernt und gelehrt werden kann. Das erste „Corona-Semester“ war von der ganz banalen Frage beherrscht: „Was geht überhaupt-…-technisch und räumlich? “ Inzwischen haben wir beachtliche Kompetenzen im virtuellen Raum und Hygienemanagement erworben: „Asynchrone Lehre“ und „Break- Out-Room“ sagen sich inzwischen fast so flüssig wie „Hörsaal“. Wir haben gelernt, wie sich die Quadratmeterzahl unserer Institutsräume in Teilnehmerzahlen übersetzen lässt Online-Seminar „Praxis der Körperpsychotherapie“ 95 2 | 2021 und wie man die TeilnehmerInnen mit Mindestabstand in einen Raum und wieder herausbekommt. Unsere Premiere war die Einführungsveranstaltung für Erstsemester, die dankbar angenommen wurde, wenn sie auch an Evakuierungsszenen aus Katastrophenfilmen erinnerte: Lange Schlangen von Mund- Nasen-Schutz-Vermummten, aufgereiht neben dem Desinfektionsmittelspender, die nach Einlass in die leere Turnhalle in exakt vermessenen Stuhlreihen Platz nahmen. Wie passt ein Studium, das zur Hälfte von Praxisveranstaltungen lebt, in diese Rahmenbedingungen? Wunsch nach Nähe versus Angst vor Ansteckung Äußere Widrigkeiten sind zwar problematisch, inter- und intrapsychische Dynamiken stellen aber zuweilen die größere Herausforderung dar. Auch in unserem Institut manifestiert sich die weltweit zu beobachtende Angst vor der Bedrohung durch Covid-19 in Form einer latenten Spannung. Der Widerspruch zwischen dem Wunsch nach Nähe, der besonders in Online-Seminaren geäußert wird, und der Angst vor Ansteckung in Präsenzveranstaltungen ist nicht lösbar. Während die Erstsemester eher dankbar für jede Gelegenheit zur wirklichen Begegnung sind, kündigen Studierende des letzten Semesters vorzeitig ihre Studentenzimmer und sind froh über Online-Lehre. Studierende mitten im Studium fragen sich, wie sie ihr klinisches Praktikum absolvieren und Therapieprozesse im Studium üben sollen, ohne ihre eigene Gesundheit und die ihrer Familien zu gefährden. Natürlich bemühen wir uns-- bei größtmöglicher Sicherheit- - so viele praktische Lehrinhalte wie möglich auch in Praxis zu lehren. Keiner unserer AbsolventInnenjahrgänge wird ein reines Online-Studium durchlaufen haben, dennoch werden sie anders und auch Anderes gelernt haben als die Jahrgänge vor ihnen. Das Zuwenig und Zuviel des Online-Kontakts Das Setting der Online-Lehre schafft eine verwirrende Gleichzeitigkeit von räumlicher und körperlicher Distanz einerseits und Einblicken in ein sonst unsichtbares Privatleben andererseits: Längst verlassene und wiederbezogene Kinderzimmer von Studierenden, beeindruckende Bücherwände von KollegInnen, kleine Kinder und WG-MitbewohnerInnen, die überraschend im Bild auftauchen. Dieses „Zuwenig und Zuviel“ entspricht den Erfahrungen mit Online-Therapie: „Analytiker dringen mit dieser Technik in die Lebenswelt ihrer Patienten ein, sind zu Gast in deren Wohnung, die sie zu sehen bekommen. Sie bleibt nicht länger Gegenstand der Fantasie. Es wird berichtet von Therapien aus Schlafzimmern in Betten und unter Bettdecken, aus Wohnzimmern, Büros, aus Autos auf Parkplätzen, von Parkbänken und Liegestühlen und aus Schwimmbädern. In der Stunde mit einer Patientin kam plötzlich die Mutter ins Bild, die offenbar im Raum anwesend gewesen war, um die Aussagen ihrer Tochter zu korrigieren.“ (Teising 2020, 13) Ein Seminarraum der Online-Uni besteht entsprechend aus 30 unbekannten, sehr privaten bis sehr öffentlichen Orten, und in jedem Austausch über die persönliche Biographie stellt sich für Studierende die Frage, ob der Raum wirklich sicher ist. Wir Lehrende fragen uns dahingegen häufig, ob das, was wir dozieren, irgendwo ankommt, denn die überforderte digitale Infrastruktur der Universität macht jede größere Veranstaltung zu einem einsamen Monolog vor dem eigenen Kamerabild. In Theorieveranstaltungen sorgt dies für Ermüdung und erschwert Gespräche. Andererseits erweitert es den Raum zum selbstbestimmten, interessensgeleiteten Studieren: Im Gegensatz zur Präsenzlehre können Studierende Kamera und Mikrofon ausstellen und sich mit ganz anderen Sachen beschäftigen 96 Benajir Wolf 2 | 2021 oder wieder ins Bett legen. Sie können sichtbar vor der Kamera sitzen und an irgendeiner Hausarbeit arbeiten oder sich wegen „technischer Probleme“ komplett ausklinken. Kreative Lehrformen: Chancen und Grenzen In Veranstaltungen zur therapeutischen Praxis ist die Erwartung der Studierenden hoch, in einer kontaktarmen Studienzeit „etwas zu erleben“, und fordert von den Lehrenden viel Kreativität. Ulfried Geuter hat für seine Online-Praxisseminare innovative Lehrformen entwickelt, welche Selbst- und Fremderlebenserfahrungen eröffnen, die in Präsenzveranstaltungen nicht möglich wären: ● Im Seminar „Praxis der Körperpsychotherapie“, in welchem die Eigenerfahrung (d. h. die PatientInnenperspektive) im Vordergrund steht, werden die Erstsemester eingeladen, persönlich bedeutsame Sätze in der Gruppe zu äußern oder ihre Stimme einzusetzen, während ihr Mikrofon ausgeschaltet ist. Sie erleben, wie die Distanz eine „Entschämung“ ermöglicht. ● Studierende im Seminar „Therapeutisches Arbeiten“, die ihr Gegenübertragungserleben für szenisches Verstehen einsetzen sollen, werden zu zweit auf Break-Out-Rooms verteilt. Dort erzählt der/ die „PatientIn“ von etwas ihn / sie aktuell Bewegendem, aber mit ausgeschaltetem Mikrofon. Die „Therapeut- Innen“ schauen zu, achten auf die eigene Wahrnehmung, auf körperliche Empfindungen, innere Bilder und daraus entstehende Ahnungen, um welches Thema es gehen könnte. Häufig liegen sie richtig. Der zwischenleibliche Dialog, der den Zugang zu tieferen Ebenen eines Themas eröffnet, ist jedoch zwangsläufig eingeschränkt. Als meine Gruppenanalyse-Fortbildung im Jahr 2020 erstmals online stattfinden musste, erlebte ich dies „am eigenen Leib“. In den Selbsterfahrungssequenzen saß ich plötzlich mit meinen FortbildungskollegInnen in einem virtuellen Gruppenraum, in dem ich immer allen ins Gesicht sehen konnte (und musste), einschließlich mir selbst. Das war das „Zuviel“. Das „Zuwenig“ zeigte sich erst im Verlauf dieses Ausbildungswochenendes. In mir entstanden nur mühsam und wenige innere Bilder und Ahnungen darüber, welche Themen und Dynamiken unter dem aktuellen Gruppenthema und -geschehen liegen. Wichtige Informationen für den Verstehensprozess fehlten: Die veränderte Atmung des einen, die unruhigen Füße des anderen, der wandernde Blick gegenüber, ein leichtes Schwitzen hier und ein Frösteln dort erzählen eine Geschichte unter der Geschichte. Den Studierenden in meinen Gruppendynamik-Seminaren geht es offensichtlich ähnlich, wenn sie wiederholt in die Runde fragen, „wo denn alle in der Gruppe jetzt gerade stehen“. Was nehmen unsere AbsolventInnen in die Berufspraxis mit? Unsere Studierenden werden- - wie ihre zukünftigen PatientInnen- - eine Zeit des Ausnahmezustandes erlebt haben. Eine Zeit, die zu Verunsicherung, Depressionen, Aggressionen und Angst geführt hat. Im Studium geben wir viel Raum, um das eigene Erleben in der Pandemie zu thematisieren und zu analysieren: beengte Wohnverhältnisse, das Erleben von Getrenntsein, aber auch Entschleunigung und Zur-Ruhe-Kommen im Alleinsein. Das körperliche Erleben ist ein großes Thema und darf es auch sein. Das nehmen unsere Absolvent- Innen als fachliche Kompetenz mit. Selbst auszuprobieren, was damit in der Therapiepraxis gemacht werden kann, kommt derzeit definitiv zu kurz. Auch anderen bei der Arbeit zuzuschauen- - Sinn und Zweck der Praktikumswochen-- ist vielen aufgrund der Klinik- Online-Seminar „Praxis der Körperpsychotherapie“ 97 2 | 2021 einschränkungen nicht möglich. Dennoch sehe ich die fehlende Praxis gelassen. Was die Studierenden mitnehmen, ist das Fundament einer selbstreflexiven, anwendungsorientierten, akademischen Ausbildung. Auf diesem baut ihre Therapiepraxis auf und entwickelt sich weiter-- ein Leben lang. Literatur Teising, M. (2020): Covid 19: Dichtmachen und dichte Kontakte vermeiden. Psychoanalytische und sozialpsychologische Überlegungen zur Metapher der Kontaktschranke in Zeiten von Corona. Vortrag im Rahmen der 13. Sommeruniversität Psychoanalyse, 31.8.-4.9.2020 Dr. Benajir Wolf Diplom-Sportlehrerin, Diplom- Motologin, HP Psychotherapie, Körperpsychotherapie (DGK / EABP). Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Philipps-Universität Marburg im Arbeitsbereich und Masterstudiengang Motologie & Psychomotorik. ✉ Dr. Benajir Wolf Philipps-Universität Marburg Institut für Sportwissenschaft und Motologie Barfüßerstraße 1 | D-35037 Marburg wolfb@staff.uni-marburg.de
