körper tanz bewegung
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2195-4909
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Selbstregulation im tanztherapeutischen Kontext
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Linda Eichbaum
Selbstregulation ist eine Lebensaufgabe. Sie begleitet uns vom ersten Tag unseres Lebens und dient dazu, uns als „System Mensch“ in einem ausbalancierten Zustand zu halten. Bei psychischen Krankheiten ist eben dieses Gleichgewicht aus der Balance geraten. Dieser Artikel untersucht, welche Faktoren die Entstehung von Selbstregulationsfähigkeit bedingen und beeinflussen, aus welchen zentralen Bestandteilen Selbstregulation besteht und wie Tanztherapie konkret zur Stärkung oder Wiederfindung der selbstregulatorischen Kompetenzen eingesetzt werden kann.
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Fachbeitrag 183 körper-- tanz-- bewegung 9. Jg., S. 183-192 (2021) DOI 10.2378/ ktb2021.art26d © Ernst Reinhardt Verlag Selbstregulation im tanztherapeutischen Kontext Linda Eichbaum Selbstregulation ist eine Lebensaufgabe. Sie begleitet uns vom ersten Tag unseres Lebens und dient dazu, uns als „System Mensch“ in einem ausbalancierten Zustand zu halten. Bei psychischen Krankheiten ist eben dieses Gleichgewicht aus der Balance geraten. Dieser Artikel untersucht, welche Faktoren die Entstehung von Selbstregulationsfähigkeit bedingen und beeinflussen, aus welchen zentralen Bestandteilen Selbstregulation besteht und wie Tanztherapie konkret zur Stärkung oder Wiederfindung der selbstregulatorischen Kompetenzen eingesetzt werden kann. Schlüsselbegriffe Selbstregulation, Tanztherapie, psychische Krankheit, Neurobiologie, Bindung Self-regulation in the Context of Dance Therapy Self-regulation is a lifelong process. From the beginning of life and every day from then on, it helps to preserve a balanced state within the human system of each individual. In mental disorders, this homeostasis is out of balance. This article examines the determining or influencing factors for the development of self-regulation skills, the different modules which self-regulation consists of and how dance therapy can be used to reinforce or rediscover self-regulating skills in practice. Key words self-regulation, dance therapy, mental disorder, neurobiology, attachment D ie Allgegenwärtigkeit des Themas Selbstregulation beeindruckt mich sowohl in meinem beruflichen als auch in meinem privaten Alltag. Der innere und äußere Rhythmus, die Balance von Ja-- Nein, Nähe-- Distanz, Anspannung- - Entspannung bestimmt unser Leben. Das Bild einer rhythmischen Abfolge schlägt eine erste Brücke zur Tanztherapie, welche Rhythmus als zentrales Therapieelement versteht und nutzt. Denn wie Sir Simon Rattle so schön sagte: „Rhythmus ist kein Luxus. Die Leute brauchen ihn. Wie die Luft, die sie atmen.“ (Christensen / Chang 2018, S. 9) Was ist Selbstregulation? In gewisser Weise kann jegliche Form der Selbstbeeinflussung eines Individuums als Selbstregulation bezeichnet werden. Dies kann kognitive, emotionale oder physiologische Aspekte betreffen, die entweder autonom oder selbstgesteuert ablaufen (Bleicher 2003). Bewusste Selbstregulation und ihr Erlernen bezieht sich somit auf die Beeinflussung bzw. Bewusstwerdung von Wahrnehmung, Denken, Bewertungen und Erinnern des Einzelnen- - also auf „alle Auslöser, Reaktionen und vermit- 184 4 | 2021 Linda Eichbaum telnden Prozesse, die ihren Ursprung innerhalb des Individuums haben“ (Kanfer et al. 2012, 34). Die Wahrnehmung von und Reaktion auf externe Reize oder auf biologische Aspekte gehören hier ebenso dazu wie das Planen von Handlungen und die Entscheidung zur Umsetzung. Diese Zielausrichtung von Selbstregulation wird in vielen Definitionsversuchen genannt. Selbstregulation wird damit verstanden als Steuerung des eigenen Verhaltens für die Erreichung selbstgesetzter Ziele (Bleicher 2003; Kanfer et al. 2012). Unabdinglicher Bestandteil von Selbstregulation sind zudem selbstkorrigierende Verhaltensweisen. Selbstregulation bedarf somit kognitiver Prozesse und ist dabei sowohl durch Übung als auch durch individuelle biologische Voraussetzungen beeinflusst. Auf kognitiver Ebene ist folglich eine kontrollierte Informationsverarbeitung notwendig, die im Gegensatz steht zur automatischen Reproduktion vieler pathologischer Reaktionsmuster (Bleicher 2003). Wehowsky (2004, 165) fasst Selbstregulation folgendermaßen zusammen: Selbstregulation „umfasst hauptsächlich die drei Funktionen bzw. Komponenten der Selbstbestimmung (Bildung selbstkongruenter Ziele), der Selbstmotivierung (Motivationskontrolle) und der Selbstberuhigung. Eine weitere Differenzierung schließt darüber hinaus die Mikrokomponenten der Entscheidungssteuerung (selbstkongruentes Entscheiden), der Selbstaktivierung, der Zielorientierung oder Aufmerksamkeitssteuerung, des Stimmungsmanagements (Emotionskontrolle) und die Ablenkungsresistenz mit ein.“ Als Teilaspekt nennt er zudem die Impulskontrolle. Es zeigt sich, dass Aufmerksamkeitslenkung in allen für diesen Beitrag untersuchten Definitionsansätzen als wichtiger Aspekt genannt wird. Weitere Ansätze betonen den Faktor Bindung als zentralen Moment der Entwicklung von Selbstregulation, worauf im nachfolgenden Abschnitt eingegangen wird (Hartmann / Lohmann 2004). In meiner ausführlichen Auseinandersetzung mit entsprechender Fachliteratur haben sich zusammenfassend folgende Aspekte der Selbstregulation ergeben: Selbstregulation bezeichnet im Kern die individuelle Einflussnahme auf das eigene Erregungsniveau, genauer gesagt das individuelle Gestalten einer Balance zwischen Über- und Untererregung. Selbstregulation wird für diesen Artikel somit verstanden als „die Beibehaltung eines individuell als kontrollierbar empfundenen Spannungsniveaus, welches trotz unterschiedlicher Umwelteinflüsse beibehalten werden kann. […] Sie dient dazu, flexibel und responsiv auf innere und äußere Zustände zu reagieren.“ (Hartmann / Lohmann 2004, 41 f ) Gemeint sind für diesen Artikel zudem funktionale selbstregulatorische Strategien in Abgrenzung zu dysfunktionalen Lösungsversuchen bei psychischer Dysbalance. Diese Definition bildet die Grundlage der im weiteren Verlauf folgenden tanztherapeutischen Interventionen, da es ihr gelingt, die Komplexität des Begriffes auf die zentralen Aspekte zu reduzieren, und sie sich unabhängig macht von explizit zu nennenden Variablen. Der Begriff des Spannungsniveaus knüpft zudem an die der Tanztherapie zugrundeliegenden bewegungsanalytischen Theorien an. Neurobiologische Aspekte der selbstregulatorischen Entwicklung In der neurobiologischen Disposition und der weiteren neurobiologischen Entwicklung selbstregulatorischer Kompetenzen gibt es drei Aspekte, die besonders relevant scheinen: Stressreaktivität, selektive Aufmerksamkeit und soziale Interaktion, wobei Letzteres die vorhergehenden beeinflusst. Die individuelle Stressreaktivität ist ein entscheidender Moment für die Notwendigkeit Selbstregulation im tanztherapeutischen Kontext 4 | 2021 185 von Selbstregulation. Stressreaktivität meint eine Disposition, die interindividuell stabile Unterschiede hinsichtlich des Ausmaßes erklären soll, in dem eine Person auf Belastungen mit Stressreaktionen antwortet (Schüz 2004). Die Stressbewältigungssysteme sind in der rechten Gehirnhälfte lokalisiert. Auch bei Affektregulation und beim Umgang mit Unsicherheit ist die rechte Gehirnhemisphäre dominant. Angesichts einer vermeintlichen Notsituation, die innerpsychisch entsprechend unterschiedlich definiert ist, wird der Körper auf Energiemobilisierung und Muskelaktion vorbereitet. Sogenannte somatische Marker, also körperliche Signale, teilen dem Gehirn körperliche Veränderungen und Empfindungen mit- - und werden ebenso unmittelbar rechtshemisphärisch verarbeitet (Thielen 2009). Frühe Erfahrungen erzeugen dabei grundlegende Muster, wie der Umwelt begegnet wird, die fest in die Stressphysiologie des autonomen Nervensystems eingeschrieben sind. Der bewusst reflektierenden Steuerung der linken Gehirnhemisphäre sind diese Muster nur schwer zugänglich (Geuter 2009). Dies belegt, wie sinnhaft ein körperbezogener Zugang im therapeutischen Setting und zum Erkennen und Verändern dysfunktionaler Selbstregulation ist: Der körperorientierte Ansatz der Tanztherapie ermöglicht zum einen erlebnisorientierte Unterstützung und zum anderen kinästhetisches Spüren, einschließlich affektiver Empfindungen, einer Selbstwahrnehmung, die direkten Zugang zum rechten präfrontalen Kortex hat. Das ist insofern relevant, als die rechte Gehirnhemisphäre und dabei vor allem der rechte präfrontale Kortex als zentrale neurologische Verortung des Selbstregulationssystems angenommen wird (Wehowsky 2004). Die Amygdala als Teil des limbischen Systems spielt eine Schlüsselfunktion im Erleben von affektiven Zuständen. Die in der Amygdala stattfindenden Prozesse haben Einfluss auf Wahrnehmung und kognitive Vorgänge. Dabei ermöglichen erst die von ihr vermittelten körperlichen Reaktionen, die somatischen Marker, dass eine Emotion tatsächlich als solche erlebt wird. Körperliche Empfindungen nehmen daher eine entscheidende Rolle für die Wahrnehmung und schließlich auch die Regulation von Emotionen ein (Geißler 2004). Bindung als maßgeblicher Faktor Abhängig von frühen (Beziehungs-) Erfahrungen bilden sich individuelle Hirnstrukturen aus. Sie sind die neurobiologische Grundlage von Selbstregulation. Es wird angenommen, dass dieser Prozess bereits pränatal beginnt. Später regulieren Stillen und Körperkontakt das infantile zentrale Nervensystem, nachweisbar durch Veränderungen des Aktivitätsniveaus, der Körpertemperatur und des Herzrhythmus. Die späteren selbstregulatorischen Strategien des Erwachsenen sind nicht unerheblich von seinen entwicklungspsychologisch frühen unbewussten Bindungserfahrungen strukturiert. Besonders Verlusterfahrungen können zu langanhaltenden neurochemischen Veränderungen führen und wirken sich durch eine chronische Cortisol-Erhöhung endokrinologisch relevant aus. „Der Bindungsperson kommt somit eine herausragende Funktion in der Regulierung der kindlichen Emotionen zu“ (Hartmann / Lohmann 2004, 54) und somit auch eine zentrale Rolle für die späteren selbstregulatorischen Kompetenzen des Erwachsenen. Durch die Affektspiegelung der primären Bezugspersonen, also die Externalisierung der (negativen) Affekte, erlebt der Säugling die Regulation dieser emotionalen Zustände als durch ihn beeinflussbar. Damit das Kind sich später aus dieser „Regulierungs-Abhängigkeit“ lösen kann, „müssen die Bezugspersonen weitgehend die Ansätze des Kindes zur Selbstregulierung aufgreifen, sich seinem Rhythmus und seinem Erregungsniveau anpassen und sie gemeinsam ausgestalten“ (Grimmer 2004, 24). 186 4 | 2021 Linda Eichbaum In der Terminologie der Tanztherapie findet sich hier das Äquivalent in der Technik des Spiegelns, insbesondere im Spiegeln der Spannungsflusseigenschaften. Freier und gebundener Spannungsfluss sind die Basis der Bewegungsanalyse nach Laban und Kestenberg. Spannungsfluss gilt dabei als der emotionale Faktor, das „Wie bin ich“. Auf das komplexe Thema Bewegungsanalyse und Spannungsflusseigenschaften kann im Rahmen dieses Artikels nicht weiter eingegangen werden. Weiterführende Literatur findet sich u. a. bei von Laban 1981 und Bender 2014. Dysfunktionale Selbstregulationsmuster entwickeln sich zumeist aus einer chronischen Überforderung durch ein Erregungsniveau, das lange Zeit oder in hoher Frequenz über dem für den Säugling tolerierbaren Stresslevel liegt (Grimmer 2004). Dabei muss es sich nicht um traumatische Erlebnisse im klassischen Sinne handeln. Die Säuglingsforschung beschreibt immer mehr die Relevanz der interaktionellen Bewegungen und Berührungen zwischen Säugling und Bezugsperson. Dieser gemeinsame Tanz oder die Choreografie werden präverbal als basale Erlebnisspuren im Gedächtnis des Säuglings eingeschrieben. In der entscheidenden frühen Entwicklungsphase des Kindes ist folglich das Körpererleben und -gedächtnis, welches die einhergehenden körperlichen Veränderungen im vegetativen System und der willkürlichen Muskulatur abspeichert, der zentrale Modus für das Speichern und Wiederabrufen relevanter Erfahrungen (von Arnim 2009). Zentrale Aspekte von Selbstregulation Sucht man im Duden nach Synonymen für das Wort „selbst“, so findet sich unter anderem folgende Beschreibung: „allein, aus eigener Kraft, ohne Unterstützung, selbstständig“ (Duden 2019). Die genauere Untersuchung des Bezugs der Selbstregulation zur Autonomie ist daher nicht nur naheliegend, sondern unumgänglich. Um von einer Idee zur tatsächlichen Umsetzung zu gelangen, benötigt es einer individuell wirksamen Motivation, also dem eigenen Willen, durch Handeln oder der Entscheidung zum Nicht-Handeln ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Jeder Form der Selbstregulation, auch bis dato destruktiven Lösungsansätzen wie Suchtverhalten, liegt somit eine individuelle Motivation zugrunde, ein individuelles „das will ich durch mein Verhalten erreichen, sichern, etc.“. Selbstwirksamkeit als weiterer Aspekt ist sowohl Ergebnis von als auch Weg zur Selbstregulation. Autonomie Selbstregulierung beinhaltet in jeglichem anwendbaren Kontext (auch dem der Ökonomie) stets „den Gegensatz zur Fremdregulierung und somit Aspekte der Autonomie und der Selbstverantwortung“ (Grimmer 2004, 23). Dennoch kann der Mensch als soziales Wesen nicht völlig losgelöst von seiner ihn beeinflussenden Umwelt verstanden werden. Autonomie beinhaltet somit eine Verbundenheit und Interaktion mit der Umwelt, aber keine (empfundene oder reale) ohnmächtige Abhängigkeit von ihr. Das Individuum entwickelt sich im Spannungsfeld psychosozialer Bedingungen, die Unabhängigkeit oder Zugehörigkeit begünstigen, bis im Idealfall „interdependente Selbstbestimmung möglich wird“ (Korbei 2004, 139). Der autonome Einzelne ist somit von seiner (psychosozialen) Umwelt beinflussbar, aber nicht steuerbar. Wie äußere Gegebenheiten aufgegriffen werden und wie auf sie reagiert wird, ist bei gelungener Verinnerlichung von Autonomie individuell entscheidbar. Autonomie und Selbstregulation scheinen zu einem solchen Grad verknüpft zu sein, dass der Versuch, sie gleichzusetzen, auf den ersten Blick durchaus legitim erscheint. Hier muss jedoch differenziert werden: Denn auch Personen, die sich von externen Faktoren ab- Selbstregulation im tanztherapeutischen Kontext 4 | 2021 187 hängig machen, regulieren sich (dadurch). Selbstregulation geschieht also dennoch, allerdings weiter in einer kindlich-abhängigen, pseudoautonomen Art und oftmals mit schädigenden Konsequenzen (bspw. bei Süchten). Man scheint vielmehr sagen zu können: Um positive, selbstfürsorgliche Selbstregulation gestalten zu können, bedarf es eines innerpsychisch fundierten Autonomieerlebens. Motivation und individueller Wille Ein ausschlaggebendes Element in der psychotherapeutischen Arbeit mit KlientInnen, die dysfunktionale (selbstregulatorische) Muster verändern möchten, ist die dem bisherigen Verhalten unterliegende Motivation. Hierbei liegt diesem Artikel die Annahme zugrunde, dass jedes scheinbar ungünstige Verhaltensmuster per se eine individuelle Lösungsstrategie darstellt, die nicht (mehr) funktional ist. Grundsätzlich liegt darin aber der Versuch, zentrale und unverhandelbare Bedürfnisse zu erfüllen, beispielsweise das Bedürfnis nach Sicherheit, nach Gesehenwerden oder Genährtsein. Oftmals ist diese innere Not, diese „intrinsische Motivation“ zunächst nicht oder kaum verbalisierbar, da sie aus präverbalen Erfahrungen resultiert oder noch nicht bewusst ist. Wird diese Motivation nicht klar erkannt und werden nicht entsprechend neue Möglichkeiten gefunden, die zugrundeliegenden, zu Handlung motivierenden Willensimpulse zu befrieden, wird kein neues Verhalten dauerhaft Bestand haben. Wille-- oder Volition-- als zentraler Aspekt, um Selbstregulation anzuwenden, braucht bereits in sich selbstregulatorische Momente: Sowohl mangelnde positive Affekte als auch nicht regulierte negative Affekte (bspw. durch zuvor erfahrenen Misserfolg) können die Willensbildung, die der intrinsischen Motivation bedarf, verhindern. Es bedarf somit einerseits des Verstehens der intrinsischen Motivation und gleichzeitig einer Aktivierung des freien Willens, um dysfunktionale, oft automatisierte Muster der Selbstregulation zu verändern. Selbstwirksamkeit Selbstwirksamkeit definiert sich als die Überzeugung einer Person, herausfordernde Situationen und Schwierigkeiten aus eigener Kraft konstruktiv bewältigen zu können (Bandura 1997). Relevant ist somit zunächst vor allem die Überzeugung, nicht die tatsächlich erfolgreiche Handhabung. Bandura bezeichnet dies schlüssiger Weise als Selbstwirksamkeitsüberzeugung. Ist sie nicht vorhanden, so wird eine Handlung oder die Handhabung einer Herausforderung in den meisten Fällen gar nicht erst versucht (Bandura 1997). Ausschlaggebend für die eigene Selbstwirksamkeit sind insbesondere wieder die frühen Entwicklungsphasen. Dennoch kann Selbstwirksamkeit auch später entwickelt und etabliert werden. Unterstützend sind hier in erster Linie Erfolgserlebnisse und die Reduzierung von wiederholten Misserfolgen, deren Ursache der eigenen Person zugeschrieben werden (Bandura 1997). Individuell angepasste kleine Therapieziele, die für die KlientInnen bei Erreichung „fühlbar“ sind, sind daher von zentraler Wichtigkeit. Die Ausrichtung der Tanztherapie auf Ressourcen anstatt auf Defizite gewinnt unter diesem Blickwinkel zusätzlich Relevanz. Auch ein positiver Zugang zum eigenen Körper und eine geschulte Wahrnehmung von Empfindungen und Emotionen können unterstützen. Es ist zudem ein Ziel von Psychotherapie, die KlientInnen darin zu unterstützen, ihre eigene Akteurrolle anzuerkennen. Nur im Anerkennen des eigenen Gestaltungspotenzials kann Selbstwirksamkeit erlebt werden (Grimmer 2004). 188 4 | 2021 Linda Eichbaum Selbstregulation in der tanztherapeutischen Praxis Dieses Kapitel zeigt eine Auswahl praxisbezogener Interventionsmöglichkeiten auf. Es gibt zahlreiche Ansatzpunkte, um Interventionen zum Thema Selbstregulation abzuleiten. Insbesondere die zuvor genannte Bewegungsanalyse bietet sich an. Es bedarf jedoch einer Einführung in diese spezielle Thematik, welche dieser Artikel nicht leisten kann. Die getroffene Auswahl ergibt sich daher aus den im vorhergehenden Kapitel erschlossenen zentralen Aspekten von Selbstregulation: Autonomie, Motivation und Selbstwirksamkeit. Manche Übungen wurden aus Seminaren ausgewählt, welche die Autorin im Laufe ihrer Ausbildung absolvierte. Die Interventionen sind entsprechend dem klinischen Alltag der Autorin für Depressions- und Borderline-Gruppen mit ca. acht erwachsenen TeilnehmerInnen ausgelegt, können teilweise aber ebenso für Einzeltherapien angepasst werden. Grundsätzlich sind die Übungen keinesfalls auf diese psychopathologischen Diagnosen beschränkt. Bei psychotischen TeilnehmerInnen, wie auch generell, ist immer die Passung zum Einzelfall abzuwägen. Intervention Autonomie Es wurde bereits deutlich gemacht, dass für eine funktionale Selbstregulation eine Mitbestimmung der Beziehungsgestaltung und eine darin erlebte Autonomie ausschlaggebend sind. Tanztherapie ermöglicht es, diesbezüglich wichtige selbstbestimmte Erfahrungen „nachzuholen“ oder zu verstärken. Seil-Übung Dauer: 30-50 Minuten mit Nachbesprechung Medien: Filzseile, mind. 2 Meter Länge Musik: Mischrhythmen, Musik die viele Impulse ermöglicht, ggf. Saug- und Beiß-, Verdreh- oder auch Hüpfrhythmus Die PatientInnen gehen zu zweit zusammen und suchen sich gemeinsam ein Seil aus. Dieses Seil stellt für die Dauer der Übung symbolisch die Verbindung, das „Beziehungsseil“ zwischen beiden Übungspartnern dar. Die Gruppe wird angeleitet, mit Führen und Folgen zu experimentieren. Eine Partnerin beginnt zu führen, wichtig ist dabei die Anleitung: „Nehmen Sie dabei für sich wahr, wie Sie das Führen gestalten möchten.“ Derselbe Impuls wird auch den Folgenden gegeben: „Nehmen Sie für sich wahr, wie Sie das Folgen gestalten möchten.“ Erlaubt ist alles im Raum Mögliche, das keine Fremd- oder Selbstgefährdung darstellt. Die Rollen werden anschließend gewechselt. In einer dritten Phase kann die Rollenzuteilung aufgelöst werden und ein Musikstück gemeinsam (weiterhin mit Seil) gestaltet werden. Hierbei liegt der Fokus besonders auf Empfindungen und Präferenzen zu Nähe-Distanz und Anspannung oder einen lockeren Bezug über das Beziehungsseil. Einer aufmerksamen TherapeutIn kann diese Übung in vielerlei Hinsicht Aufschluss über Nähe-Distanzgestaltung und Hypothesen zu Autonomie und Abhängigkeitserleben der PatientInnen in Beziehung geben. Die freie Gestaltungsmöglichkeit auch im Folgen ist für viele PatientInnen selbst innerlich keine Option. Der Führende, die „Autorität“, gibt vor, man hat zu folgen. Das Erleben einer neuen Beziehungsgestaltung, in welcher auch die eigenen Impulse und somit Bedürfnisse gelten dürfen, die Beziehung aber dennoch nicht abbricht, ist oftmals eine heilsame, korrigierende Erfahrung. Funktionale Selbstregulation in Beziehung ist Selbstregulation im tanztherapeutischen Kontext 4 | 2021 189 möglich. So kann die folgende Person der führenden hüpfend und tanzend folgen, das Seil verlängern oder verkürzen, wenn dies ihrem Bedürfnis entspricht, auch wenn dies nicht „vorgegeben“ wird- - und dennoch bricht die Beziehung nicht ab, das Seil verbindet weiterhin. Manche TeilnehmerInnen erkennen in der Übung auch, dass sie viel Spannung in Beziehung benötigen, um sich ihr vermeintlich sicher zu sein und die Beziehung tatsächlich zu spüren. Intervention Wille und Motivation Im Abschnitt „Zentrale Aspekte von Selbstregulation“ wurde ersichtlich, wie wichtig das Erkennen der bisherigen Motivation, also des (vermeintlichen) inhärenten Nutzens für eine erfolgreiche Veränderung bisheriger dysfunktionaler Selbstregulationsmuster ist. Manches Mal gilt es auch anzuerkennen, dass der Nutzen aktuell noch zu groß und wichtig ist und neue Strategien noch nicht tragend genug sind, als dass das bisherige Verhalten aufgegeben werden kann. Die folgende Intervention soll das Erleben wichtiger Elemente des bisherigen Verhaltens / Symptoms unterstützen, da diese Vorteile oftmals keine Beachtung bekommen, obwohl sie das Symptom unbewusst aber stabilisieren oder gar bedingen. Tanz mit dem Symptom Dauer: 30-40 Minuten Medien: eine große Auswahl verschiedenster Tücher Musik: frei, möglichst wenig spezifische Impulse vorgebend Diese Intervention habe ich oftmals auch für Einzelstunden angewandt. Einführung des Tuchs als Symbol für Symptome oder ein bestimmtes Verhalten Jede/ r nimmt sich ein Tuch. Hier können zwei Versionen aufschlussreich sein: Einmal wird die Bedeutung des Tuches erst nach der Auswahl, bei der anderen Version schon vor der Auswahl benannt. Je Version zeigt sich, welche Charakteristika die TeilnehmerInnen bewusst oder eben unbewusst ihrem Symptom zusprechen. Die TeilnehmerInnen gehen anschließend mit ihrem Tuch in Bewegung und explorieren es: „Nehmen Sie wahr, wie es ist, dieses Tuch bei sich zu haben. Wie bewegt mich mein Tuch? “ In angemessenem Abstand werden nach und nach weitere Impulse gegeben: „Was entstehen für Bewegungen? Was ermöglicht das Symptom mir, was verhindert es? Wie ist es, damit mit anderen in Kontakt zu gehen? Wie viel von mir will ich zeigen, wie viel verbergen, wie hilft mir das Tuch dabei? Was verbirgt das Tuch für mich? “ Dann schließt die nächste Phase an. Experimentieren mit dem Abstand Diese Phase gibt oft wichtige Aufschlüsse darüber, wie „unersetzlich“ das Symptom / Verhalten für den Moment noch scheint bzw. welche unbewussten und meist grundlegend wichtigen Bedürfnisse darin verborgen sind (Sicherheit, Struktur, Erlaubnis, Identität, Zuwendung). Verbale Impulse können sein: „Wie geht es mir, wenn ich das Symptom ablege? Wie wichtig ist es/ wie weit möchte ich davon weg sein, wie nah? Was fehlt, wenn es weg ist? Was ist NICHT MEHR, wenn das Symptom weg ist? Was ist gut daran, mich ohne das Symptom zu bewegen? “ Abschlussrunde Das Nachbesprechen ist hier wichtig, um das Erlebte greifbarer zu machen. Fällt das noch zu schwer, kann auch angeboten werden, Wichtiges aufzuschreiben oder zu zeichnen. Viele PatientInnen sind nach dieser Intervention sehr bewegt durch die Erkenntnis, dass ihr bisheriges, so „unliebsames“ Verhalten auf vielerlei Ebenen oft „gute Dienste“ leistet, einen wichtigen Bewältigungsmechanismus darstellt und sie sich nun die Frage stellen 190 4 | 2021 Linda Eichbaum können: „Wie kann ich diese Bedürfnisse stattdessen stillen? “ Intervention Selbstwirksamkeit Die Überzeugung bezüglich der eigenen Selbstwirksamkeit bedingt zu einem Teil gelingende Selbstregulation und entsteht gleichzeitig aus ihr. Die Betonung eigener Ressourcen in der Tanztherapie kann das Gefühl, selbstwirksam sein zu können, stärken. Luftballonübung Dauer: 30-40 Minuten Medien: Luftballons, Stifte und Papier Musik: bspw. Hüpfrhythmus, auch leichte, beschwingte Musik ist möglich Jeder Teilnehmer nimmt sich einen Ballon und ein Blatt, auf welches er seinen Namen schreibt. Die Gruppe bekommt Zeit, damit jeder sich einer Ressource bewusst werden und diese ebenfalls auf dem Blatt und auf dem Ballon notieren kann. Fällt einer TeilnehmerIn nichts ein, kann angeboten werden, die Gruppe um Unterstützung zu bitten. Die TherapeutIn gibt leichte Musik oder einen Hüpfrhythmus in die Gruppe, die sich daraufhin mit ihrem Ressourcen-Ballon bewegt. Dabei werden die Teilnehmer gebeten wahrzunehmen, wie es sich anfühlt, diese Ressource an ihrer Seite zu haben, was sie ihnen ermöglicht, wie sie sie bewegt, ob es Bewegungen gibt, die immer wieder kommen. Nach geraumer Zeit geben die PatientInnen, sofern es ihnen möglich ist, ihren Ballon in den Raum und experimentieren mit allen anderen Ressourcen-Ballons aus der Gruppe. Alle Ressourcen, die ebenfalls als eigene erfahren werden, werden zusätzlich auf dem eigenen Blatt notiert. Anschließend bewegen sich die Einzelnen nun ohne Ballon von Blatt zu Blatt und ergänzen bei ihren MitpatientInnen deren Ressourcen, die sie über die vorhergehenden Wochen kennenlernen durften. Zum Abschluss kommt die Gruppe im Kreis zusammen, um jeweils die eigene Ressourcensammlung in Ich-Form laut auszusprechen: „Ich bin humorvoll. Ich bin einfühlsam.“ Ist der Zeitrahmen länger, kann zusätzlich eine vermeintlich negative Eigenschaft notiert werden, die später in Gruppenarbeit mithilfe der anderen umgedeutet wird-- im Sinne eines Benennens der positiven Anteile daran. Ressourcen-Parcours Dauer: 20-30 Minuten Medien: unterschiedlichste Medien als „Hindernisse“ Eine weitere spielerische Art, eigene Ressourcen und bisher Erreichtes wieder zu spüren, ist der „Ressourcen-Parcours“. Hierfür werden alle vorhandenen Medien, sofern von ihnen keine Verletzungsgefahr ausgeht, ohne bestimmte Vorgabe im Raum verteilt, sodass ein ungeordneter Bereich voller „Hindernisse“ entsteht. Die PatientInnen stehen auf einer Raumseite und beginnen, sich mit geschlossenen Augen (sofern individuell aushaltbar) durch den Parcours zu bewegen. Die Raumebene ist dabei frei wählbar. Wenn möglich oder gewünscht, können die TeilnehmerInnen sich vorab einige Male im Kreis drehen, um auch den Orientierungssinn und das Leistungsdenken- - „Ich muss an Punkt XY ankommen“- - loszulassen. Jede/ r bewegt sich so weit, wie es sich stimmig anfühlt, bis die Person das Gefühl hat, für heute angekommen zu sein. Verbale Impulse unterstützen den positiven Fokus: „Was haben Sie erlebt, welche Hindernisse haben Sie auf Ihrem Weg erfolgreich überwunden, welche Hindernisse haben sich eventuell als nützlich herausgestellt, welche Parallelen gibt es zu Ihrem Lebensweg, was ist gut dort, wo Sie jetzt gerade angekommen sind? “ Anschließend haben die TeilnehmerInnen Zeit, (gegebenenfalls) bewusst einen Weg in Selbstregulation im tanztherapeutischen Kontext 4 | 2021 191 den Stand zu finden, dabei wahrzunehmen, wie sie das machen und wie es sich anfühlt, auf den eigenen zwei Beinen zu stehen. Es folgt eine Nachbesprechung des Erlebten, ggf. auch die Möglichkeit des Aufzeichnens. Fazit Die Fähigkeit, sich durch funktionale Strategien positiv selbst zu regulieren und damit das eigene System in Balance zu halten, kann als zentraler Baustein psychischer Gesundheit gelten bzw. ihre Abwesenheit als Ausdruck psychischer Störungen. Vielleicht könnte man sogar so weit gehen, Selbstregulationsfähigkeit und innerpsychische Resilienz nahezu gleichzusetzen. In dieser Annahme müsste Selbstregulation Hauptfokus jedes psychotherapeutischen Verfahrens sein. Tanztherapie ermöglicht mit ihrer körper-, beziehungs- und erfahrungsbezogenen Ausrichtung besonders wirksame Momente zur Arbeit mit Selbstregulation. Die hier aufgezeigten Interventionen bilden nur einen Bruchteil der Möglichkeiten von Tanztherapie ab. Weitergehend kann insbesondere die von Laban entwickelte und später von Kestenberg weiter differenzierte Bewegungsanalyse betrachtet und die in ihren einzelnen Bewegungsfaktoren (Spannungsflusseigenschaften, Antriebe etc.) enthaltenen selbstregulatorischen Aspekte genutzt werden. Literatur von Arnim, A. (2009): Funktionelle Entspannung. In: Thielen, M. (Hrsg.): Körper-- Gefühl-- Denken. Körperpsychotherapie und Selbstregulation. Psychosozial-Verlag, Gießen, 123-134 Bandura, A. (1997): Self-efficacy: the exercise of control. W. H. Freeman, New York Bender, S. (2014): Die psychophysische Bedeutung der Bewegung. Ein Handbuch der Laban Bewegungsanalyse und des Kestenberg Movement Profiles. 4. überarb. Aufl. Logos, Berlin Bleicher, M. (2003): Physiologische und emotionale Selbstregulation. Entwicklung und Evaluation eines Interventionsprogramms für Jugendliche. Waxmann, Münster u. a. Christensen, J. F., Chang, D.-S. (2018): Tanzen ist die beste Medizin: Warum es uns gesünder, klüger und glücklicher macht. Rowohlt, Reinbek Duden (2019): Selbstregulation. In: www.duden. de/ rechtschreibung/ Selbstregulation, 15.9.2019 Geißler, P. (2004). Beiträge der Neurowissenschaften und der Evolutionstheorie zum Verstehen der Bedeutung von Emotionen. Zusammenfassende Darstellung emotionstheoretischer Überlegungen von A. R. Damasio und J. Panksepp. In: Geißler, P. (Hrsg.): Was ist Selbstregulation? Eine Standortbestimmung. Psychosozial-Verlag, Gießen, 195-218 Geuter, U. (2009): Emotionsregulation und Emotionserkundung in der Körperpsychotherapie. In: Thielen, M. (Hrsg.): Körper-- Gefühl-- Denken. Körperpsychotherapie und Selbstregulation. Psychosozial-Verlag, Gießen, 69-94 Grimmer, B. (2004): Selbstregulierung und Kreditierung in der kindlichen Entwicklung und in der therapeutischen Beziehung. In: Geißler, P. (Hrsg.): Was ist Selbstregulation? Eine Standortbestimmung. Psychosozial-Verlag, Gießen, 23-40 Hartmann, H.-P., Lohmann, K. (2004): Selbstregulation. In: Geißler, P. (Hrsg.): Was ist Selbstregulation? Eine Standortbestimmung. Psychosozial-Verlag, Gießen, 41-68 Kanfer, F., Reinecker, H., Schmelzer, D. (2012): Selbstmanagement-Therapie. Ein Lehrbuch für die klinische Praxis. 5. Aufl. Springer, Heidelberg, https: / / doi.org/ 10.1007/ 978-3-662- 09848-6 Korbei, L. (2004): Selbstregulation in der Klientenzentrierten / Personenzentrierten Psychotherapie. In: Geißler, P. (Hrsg.): Was ist Selbstregulation? Eine Standortbestimmung. Psychosozial-Verlag, Gießen, 137-152 von Laban, R. (1981) Der moderne Ausdruckstanz. Heinrichshofen, Wilhelmshaven Schüz, B. (2004): Einführung in die Psychologie des Gesundheitsverhaltens. In: www.userpage.fu-berlin.de/ ~schuez/ folien/ 290404.pdf, 4.5.2019 Thielen, M. (2009): Selbstregulationskonzepte in der Körperpsychotherapie. In: Thielen, M. 192 4 | 2021 Linda Eichbaum (Hrsg.): Körper-- Gefühl-- Denken. Körperpsychotherapie und Selbstregulation. Psychosozial-Verlag, Gießen, 35-52 Wehowsky, A. (2004): Zum Kompetenzenkompass der Selbststeuerung. In: Geißler, P. (Hrsg.): Was ist Selbstregulation? Eine Standortbestimmung. Psychosozial-Verlag. Gießen, 153-178 Linda Eichbaum Tanztherapeutin (BTD), Yogalehrerin (IKYTA), Heilpraktikerin für Psychotherapie, M.A. Interkulturelle Kommunikation, Sinologie und Mongolistik, tätig an einer psychosomatischen Klinik und einer Demenzklinik in München sowie in selbstständiger Praxis. ✉ Linda Eichbaum Teutoburgerstraße 3 | D-81543 München linda.eichbaum@beweggründe.com www.beweggründe.com
