eJournals körper tanz bewegung12/4

körper tanz bewegung
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2195-4909
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/ktb2024.art22d
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Fachbeitrag: Der Einfluss der Bewegungsanleitung auf das Körperbild-Erleben

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Michelle Köster
Marianne Eberhard-Kaechele
Die positive oder negative Ausprägung des Körperbildes wirkt sich auf diverse Gesundheitsvariablen aus. In dieser Studie wird das positive Körperbild als eigenständiges Konstrukt in Abgrenzung zum negativen Körperbild vorgestellt und Yoga als Beispiel für bewegungsorientierte Maßnahmen zur Förderung dessen untersucht. Speziell die Formulierung der Bewegungsanleitung – ob aussehens- oder achtsamkeitsfokussiert – wird untersucht und praktische Empfehlungen aus den Ergebnissen abgeleitet. Der Nutzen von Erhebungsinstrumenten für die klinische Praxis und nicht nur für die Forschung werden thematisiert.
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Fachbeitrag 134 körper-- tanz-- bewegung 12. Jg., S. 134-148 (2024) DOI 10.2378/ ktb2024.art22d © Ernst Reinhardt Verlag Der Einfluss der Bewegungsanleitung auf das Körperbild-Erleben Eine Studie am Beispiel Yoga Michelle Köster und Marianne Eberhard-Kaechele Die positive oder negative Ausprägung des Körperbildes wirkt sich auf diverse Gesundheitsvariablen aus. In dieser Studie wird das positive Körperbild als eigenständiges Konstrukt in Abgrenzung zum negativen Körperbild vorgestellt und Yoga als Beispiel für bewegungsorientierte Maßnahmen zur Förderung dessen untersucht. Speziell die Formulierung der Bewegungsanleitung-- ob aussehens- oder achtsamkeitsfokussiert-- wird untersucht und praktische Empfehlungen aus den Ergebnissen abgeleitet. Der Nutzen von Erhebungsinstrumenten für die klinische Praxis und nicht nur für die Forschung werden thematisiert. Schlüsselbegriffe positives Körperbild, Bewegungsanleitung, Yoga, Embodiment, subjektives vs. objektives Erleben des Körpers The Influence of Movement Instructions on Body Image Experience. A Study Using Yoga as an Example The positive or negative manifestation of body image affects various health variables. In this study, the positive body image is presented as an independent construct, in contrast to the negative body image, and yoga is examined as an example of movement-oriented measures to promote it. In particular, the formulation of the movement instructions-- whether appearanceor mindfulness-focused-- is studied, and practical recommendations derived from the results. The benefits of survey instruments for clinical practice, and not only for research, are discussed. Key words positive body image, movement instruction, yoga, embodiment, subjective vs. objective experience of the body Aus der Forschung für die Praxis lernen D ie vorliegende Studie wurde in einer Arbeitsgruppe zum Körperbild unter der Leitung von Annette Degener an der Sporthochschule in Köln entwickelt. Mit Zustimmung von Anne Cox lehnt sich diese Untersuchung an eine vorangegangene Studie von Cox und ihrem Team aus dem Jahr 2020 an. Der Artikel strebt in folgenden drei Bereichen einen Transfer von Wissenschaft in die Praxis an: Erstens wird auf das Konzept des positiven Körperbildes als eigenes Konstrukt neben dem neutralen oder negativen Körperbild aufmerksam gemacht. Zweitens wird ver- Bewegungsanleitung und Körperbild-Erleben 135 4 | 2024 deutlicht, wie wichtig die Anleitung und Wahrnehmungslenkung ist, und zwar für die positive oder negative Wirkung von Bewegungsinterventionen allgemein, nicht nur Yoga. Drittens werden Erhebungsinstrumente vorgestellt, die in der Praxis gut zu verwenden sind, um die Wirkung von Bewegungsinterventionen für Klient: innen zu intensivieren und darüber hinaus die Selbstreflexion der Therapeut: in zu stärken und den Austausch mit Kolleg: innen zu dokumentieren. Das positive Körperbild-- mehr als der Gegenpol vom Negativen Das Körperbild wurde über fast ein Jahrhundert auf unterschiedliche Art und Weise beschrieben, seit Schilder (1935) es als „Vorstellungsbild, das jeder von sich selber hat“ definierte. Eine moderne Auslegung ist die Konzeption des Körperbildes von Martin und Svaldi (2015) als psychische Repräsentanz des Körpers, die verschiedene Dimensionen des subjektiven Erlebens wie Wahrnehmung, Kognition, Affekt und Verhalten miteinbezieht. Allerdings wurde die Auseinandersetzung mit dem Körperbild durch eine pathologische Perspektive dominiert, welche das negative Körperbild zu verstehen und behandeln versuchte, ohne das positive Körperbild in Betracht zu ziehen, was die Entwicklung adäquater Behandlungen verhinderte (Smolak/ Cash 2011). Tylka und Wood-Barcalow (2015b) postulierten nach umfassendem Literaturreview und eigener quantitativer und qualitativer Forschung, dass das positive Körperbild als eigenes Konstrukt angesehen werden sollte, da multiple Studien zeigten, dass es sich nicht als Gegenpol auf demselben Kontinuum wie das negative Körperbild abbilden lässt, sondern parallel zu negativen Körperbildaspekten vorhanden sein kann und eigene Wirkungen auf diverse psychologische Parameter entfaltet. Laut ihrer weiterentwickelten, empirisch fundierten Definition ist ein positives Körperbild das multidimensionale Konzept einer übergreifenden Liebe und Achtung für den Körper, das Folgendes enthält: 1. Körper-Wertschätzung für die einzigartigen Eigenschaften des eigenen Körpers, die Funktionen, die er erfüllt, und seine Gesundheit 2. Körper-Akzeptanz und Liebe gegenüber dem Körper, einschließlich der Aspekte, die idealisierten Bildern widersprechen: also die Vorzüge des Körpers zu betonen, anstatt sich mit dessen Unvollkommenheiten zu befassen 3. Eine breite Konzeptualisierung von Schönheit, die Vielfalt sowie innere Werte wie Selbstbewusstsein oder Authentizität in ihrer Wirkung auf die äußere Erscheinung umfasst 4. Adaptives Investieren in das Aussehen, welches die regelmäßige Selbstfürsorge und Pflege des Aussehens in einer Form meint, die den eigenen Stil und die Persönlichkeit hervorhebt, ohne zerstörerische Methoden der Körpermodifikation anzuwenden 5. Innere Positivität, also die Verbindung zwischen positivem Körperbild, positiven Emotionen (wie Körper-Selbstbewusstsein, Wohlbefinden, Optimismus, Glück) und adaptiven Verhaltensweisen (wie die Pflege, Fürsorge, Genuss, Spaß), was sich oft in einer äußeren Ausstrahlung oder einem „Strahlen“ widerspiegelt 6. Reizverarbeitung in körperschützender Weise, d. h. Informationen so zu interpretieren, dass die meisten positiven Informationen verinnerlicht und die meisten negativen Informationen zurückgewiesen oder umgedeutet werden 7. Holistische Wechselwirkungen, d. h. die gegenseitige Beeinflussung und Ko-Regulation innerhalb interner Systeme (wie Gedanken, Emotionen und Physiologie) sowie zwischen internen und externen Systemen (wie Familie, Gesellschaft, Kultur) 8. Stabilität und Plastizität durch Trait (Eigenschafts-) und State (Zustands-)Qualitäten 9. Protektive Wirkung insofern, dass sich ein positives Körperbild schützend auf die physi- 136 Köster, Eberhard-Kaechele 4 | 2024 sche Gesundheit und das psychische Wohlbefinden auswirkt, statt dass sich Menschen nicht weiter um ihre Gesundheit kümmern, weil es ihnen gut geht 10. Koppelung an die subjektive Wahrnehmung der Körper-Akzeptanz anderer, wobei indirekte und implizit vermittelte Akzeptanz eher wirksam ist als explizite Komplimente zum Aussehen 11. Formung durch soziale Identitäten, z. B. haben Kultur, Alter, Gender und Body-Mass-Index einen Einfluss auf das positive Körperbild Diese Dimensionen eigenen sich als Ansatzpunkte für die Entwicklung von Interventionen im präventiven und kurativen Bereich. Zur Gestaltung der spezifischen Intervention dieser Studie sollten weitere theoretische Fundamente zum Konstrukt des positiven Körperbildes hinzugezogen werden. Relevante Theorien für die Förderung des positiven Körperbildes Der Körper als Objekt vs. Der Körper als Prozess Laut der „Body Conceptualisation Theory“ (Franzoi 1995) kann der eigene Körper aus zwei Perspektiven betrachtet werden: als Objekt oder als Prozess. Aus der Perspektive „Körper als Objekt“ wird der Körper auf seine äußere Erscheinung reduziert. Bei der Perspektive „Körper als Prozess“ steht vor allem die Funktionalität des Körpers, wie körperliche Fähigkeiten oder innere Prozesse, im Vordergrund, wodurch die Einstellung zum Körper aus dieser Perspektive erheblich positiver ausfällt (Franzoi 1995). Verschiedene Untersuchungen bestätigen, dass Frauen aufgrund von Gender-Sozialisierung eine stärker ausgeprägte Orientierung zur Sichtweise „Körper als Objekt“ aufweisen als Männer (Calogero / Thompson 2010). Diese Genderdifferenz wurde in der „Objectification Theory“ von Fredrickson und Roberts (1997) zum zentralen Faktor erklärt. Jedoch zeigen aktuelle Forschungen, dass die Selbstobjektivierung ein messbares Problem unter allen Geschlechtern darstellt (Alleva / Tylka 2021). Für die Praxis ergibt sich der Imperativ, die Betrachtung des Körpers als Prozess statt als Objekt zu fördern. Die „Developmental Theory of Embodiment“ Eng verbunden mit dem Körperbildkonstrukt ist außerdem der Embodiment-Ansatz, welcher besagt, dass Körper und Psyche untrennbar miteinander verbunden sind und ihr Zusammenspiel wichtig für die Wahrnehmung, Deutung und das Erleben der Welt ist. Aufbauend auf dem Embodiment-Ansatz von Merleau-Ponty (1962) beschrieb Piran (2016) die „Experience of Embodiment“ als multidimensionales Konstrukt, das sowohl positiv als auch negativ ausgeprägt sein kann. Die Ausrichtung hängt davon ab, wie positiv oder negativ die folgenden fünf Dimensionen ausgeprägt sind: 1) Verbindung zum Körper und Komfort, 2) Handlungsfähigkeit und Funktionalität, 3) abgestimmte Selbstfürsorge, 4) subjektives vs. objektives Erleben des Körpers und 5) Erfahrung und Ausdruck körperlicher Wünsche (Piran / Neumark- Sztainer 2020). Auf diesen Überlegungen baut die „Developmental Theory of Embodiment“ (Piran 2016) auf, welche Risiko- und Schutzfaktoren und Prozesse herausstellt, die eine positive oder negative „Experience of Embodiment“ im physischen, mentalen und sozialen Bereich erzeugen. Zu den physischen Schutzfaktoren und -prozessen zählen die vertiefte und freudige Beschäftigung mit körperlichen Aktivitäten (nicht objektivierend / sexualisierend; nicht die Erreichung idealisierter Körper), Sicherheit, Gelegenheiten zum Ausüben von Selbstfürsorge dem Körper gegenüber und Erfahrungen, die Bedürfnisse befriedigen und unterstützen. Mentale Schutzfaktoren und -prozesse liegen in der kritischen Haltung gegenüber Stereotypen über Geschlecht, Rasse bzw. ethnischer Zugehörigkeit und anderen sozialen Dimensio- Bewegungsanleitung und Körperbild-Erleben 137 4 | 2024 nen, sodass der Widerstand gegen Erfahrungen, in denen der Körper als mangelhaftes Objekt erlebt wird, und gegen fügsame Verhaltensweisen (unterwürfig, zurückhaltend, klein, nicht zu mächtig / laut / durchsetzungsfähig, kontrolliert, nicht selbstorientiert) ermöglicht werden kann. Auf sozialer Ebene befinden sich folgende Schutzfaktoren und -prozesse: Freiheit von vorurteilsbehafteter Behandlung, nicht-aussehensbezogene Quellen sozialer Macht, das Vorhandensein von Beziehungen (insbesondere zu Personen mit ähnlicher sozialer Lage) und die Zugehörigkeit zu Gemeinschaften von Gleichberechtigten (Piran / Neumark-Sztainer 2020). Laut Menzel und Levine (2011) gibt es erhebliche Überschneidungen zwischen dem Körperbild- und dem Embodiment-Konstrukt, da eine verbundene und intime Beziehung zum eigenen Körper mit dem Erkennen und Nachgehen körperlicher Bedürfnisse und der Wertschätzung des Körpers korreliert. Außerdem würde eine Person mit positiver „Experience of Embodiment“ den eigenen Körper als einen wichtigen Teil der Identifikation mit sich selbst und der Beziehung zur Welt betrachten und das Selbstwertgefühl mehr darauf stützen, was der Körper leisten kann, anstatt wie er aussieht oder auf andere wirkt. Somit kann davon ausgegangen werden, dass eine positive „Experience of Embodiment“ als Schutzfaktor in Bezug auf potentielle Herausforderungen für das Körperbild dient und zur Förderung einer positiven Ausprägung des Körperbildes beitragen kann (Menzel/ Levine 2011). Außerdem steht die „Experience of Embodiment“ in Verbindung mit der Körperwertschätzung (Tylka / Wood-Barcalow 2015a), der Wertschätzung der Körperfunktionalität (Alleva et al. 2017) und einer Reduzierung der Selbstobjektivierung (Menzel/ Levine 2011). Gesundheitliche Auswirkungen der Körperbildausprägung Das Körperbild prägt übergeordnet unser alltägliches Leben, da es Gefühle, Gedanken, Verhaltensweisen, Beziehungen und die Lebensqualität beeinflussen kann (Tomas-Aragones / Marron 2016). Dass die Ausprägung des Körperbildes auch direkte Auswirkungen auf viele Gesundheitsvariablen hat, wird durch einen Blick auf die umfassende Studienlage deutlich. Ein negatives Körperbild kann sich stark auf den Gesundheitszustand der Betroffenen auswirken. Eine hohe Selbstobjektivierung verbunden mit einem nicht erreichbaren Körperideal belastet die mentale Gesundheit durch Schamempfinden für den eigenen Körper, Angstzuständen bezüglich Aussehen und Sicherheit, verminderter Konzentration und einer reduzierten Wahrnehmung für Körpersignale und Emotionen (Calogero 2012). Ein wiederkehrendes Auftreten dieser Symptome kann zu depressiven Störungen, sexuellen Funktionsstörungen und Essstörungen führen (Calogero 2012). In schweren Fällen kann eine Körperbildstörung entstehen, wie die körperdysmorphe Störung und die Essstörung (Kollei et al. 2013). Die körperdysmorphe Störung geht mit einer häufigen Beschäftigung mit selbst wahrgenommenen aussehensbezogenen Mängeln einher (Gieler / Brähler 2016). Sie ist in hohem Maße mit schweren depressiven Störungen, Alkohol- oder Substanzkonsumstörungen, sozialen Angststörungen, Zwangsstörungen und Selbstmordgedanken assoziiert (Hardardottir et al. 2019). Essstörungen weisen ebenfalls viele Komorbiditäten mit anderen Erkrankungen, wie klinischem Unter- oder Übergewicht, affektiven Störungen, Depressionen, Angststörungen, Substanzkonsumstörungen, Zwangsstörungen, posttraumatischen Belastungsstörungen und Psychosen, auf (Hudson et al. 2007). Ein positives Körperbild wird nach wissenschaftlichen Untersuchungen hingegen mit einer 138 Köster, Eberhard-Kaechele 4 | 2024 höheren Lebenszufriedenheit, einem höheren Selbstwertgefühl, einem gesünderem Essverhalten und einer besseren Selbstfürsorge assoziiert (Swami et al. 2018). Außerdem kann eine positive Ausprägung des Körperbildes mit vielen Faktoren für psychisches Wohlbefinden, wie z. B. Optimismus, Selbstbewusstsein, positive Stimmung, Lebenszufriedenheit und emotionale Intelligenz in Verbindung gebracht werden (Tylka 2018). Befragte mit einem positiveren Körperbild berichten über weniger Depressionen, ein höheres Selbstwertgefühl, weniger ungesundes Diätverhalten, ein geringes Bestreben, den Körper zu verändern, und eine höhere Bereitschaft, sich selbst zu schützen (Gillen 2015). Wertschätzende Körperwahrnehmung wird mit einem reduzierten Substanzkonsum und selbstfürsorgendem Verhalten assoziiert (Andrew et al. 2016). Zusammenfassend kann hervorgehoben werden, dass die Auswirkungen der Körperbildausprägung in vielerlei Hinsicht für die Gesundheit bedeutend sind und die Förderung eines positiven Körperbildes unbedingt empfohlen wird. Interventionen zur Förderung eines positiven Körperbildes Bewegung enthält mehrere Faktoren, die einen positiven Einfluss auf das Körperbild ausüben. Sie zählt laut Stand der Forschung zu den wirksamen Interventionen für die Förderung eines positiven Körperbildes und als Prävention gegen die Ausprägung eines negativen Körperbildes (Menzel/ Levine 2011). Bewegung verbessert das Körperbewusstsein, die Verbundenheit mit dem Körper und das Gefühl von Kompetenz und Empowerment (Piran 2016). Auch bei der Entwicklung der Körperwertschätzung und Wertschätzung von Körperfunktionalität spielt Bewegung eine wichtige Rolle (Alleva / Tylka 2021). Marschin und Herbert (2021) zeigten, dass Studienteilnehmer: innen, die keinen Sport trieben, unzufriedener mit dem eigenen Körper waren als alle, die regelmäßig Sport trieben. Freudige körperliche Aktivitäten gehören auch laut „Developmental Theory of Embodiment“ zu den Schutzfaktoren für eine positive „Experience of Embodiment“ (Piran 2016). Das hohe Potential von Yoga als spezifische Bewegungsmethode zur Förderung eines positiven Körperbildes belegen eine Vielzahl von Studien (Halliwell et al. 2018). Yoga-Praxis steht im Einklang mit einer positiven „Experience of Embodiment“, da sie Ganzkörper-Haltungen, Entspannungstechniken und Atemübungen enthält, die Körper und Psyche ansprechen und verbinden (Butzer et al. 2016). Außerdem hilft Yoga, die Praktizierenden mehr auf sich selbst, Gefühle und Körperfunktionalität zu fokussieren als auf Aussehen und externe Bewertungen (Alleva / Tylka 2021). Doch ein differenziertes Verständnis davon, wie Yoga- Kurse gestaltet werden sollten, um das positive Körperbild zu stärken, fehlt (Neumark- Sztainer et al. 2018). Mehrere Studien deuten darauf hin, dass die Art der Bewegungsanleitung einen großen Einfluss darauf hat, inwieweit körperliche Aktivität ein positives Körperbild fördert oder nicht. Cox et al. (2020) haben besonders komplex untersucht, welche Auswirkungen a. aussehensfokussierte, b. neutrale und c. achtsamkeitsfokussierte Bewegungsanleitung im Yoga auf eine Vielzahl von Körperbildvariablen hat. Sie folgten Tanay & Bernsteins (2013) Definition von Achtsamkeit als die offene, akzeptierende und nicht wertende Aufmerksamkeit für das, was im gegenwärtigen Moment geschieht. Das Ziel der vorliegenden Studie war zu untersuchen, welche Effekte unterschiedliche Bewegungsanleitungen (a. aussehens- und c. achtsamkeitsfokussiert) während einer Yoga Stunde auf verschiedene Körperbildvariablen haben und ob die Ergebnisse von Cox et al. (2020) durch eine Replikation bestärkt und erweitert werden können. Bewegungsanleitung und Körperbild-Erleben 139 4 | 2024 Hypothesen 1. Die momentane Wertschätzung des Körpers steigt in einer Yogaeinheit mit achtsamkeitsfokussierter Anleitung mehr an als in einer Einheit mit aussehensfokussierter Anleitung. 2. Die momentane objektivierende Betrachtung des eigenen Körpers ist nach einer Yogaeinheit mit aussehensfokussierter Anleitung höher als nach einer Einheit mit achtsamkeitsfokussierter Anleitung. 3. Die Affektveränderung in Richtung einer Verbesserung des momentanen Affekts tritt nach einer Yogaeinheit mit achtsamkeitsfokussierter Anleitung stärker ein als nach einer aussehensfokussierten Anleitung. 4. Eine Yogaeinheit mit achtsamkeitsfokussierter Anleitung führt zu mehr erlebter Freude als mit aussehensfokussierter Anleitung. 5. Die prognostizierte Freude bei einer erneuten Teilnahme an einer Yogaeinheit in der Zukunft ist nach einer Einheit mit achtsamkeitsfokussierter Anleitung höher als nach einer Einheit mit aussehensfokussierter Anleitung. Methode Design der Studie In Abstimmung mit Anne Cox lehnt sich diese Untersuchung an eine Studie von Cox et al. (2020) an, die drei parallellaufende Gruppen verglich. Hier wurde stattdessen ein Cross- Over-Design genutzt, um der Heterogenität der Teilnehmer: innen gerecht zu werden, zufällige Gruppeneffekte auszuschließen und die Wirkmechanismen der Art der Bewegungsanleitung innerhalb einer Person zu untersuchen. Alle Proband: innen nahmen im Jahr 2022 an zwei Yoga-Stunden mit jeweils gleichen Übungen teil. Zwei Gruppen begannen mit der achtsamkeitsfokussierten Bewegungsanleitung und endeten mit der aussehensfokussierten Bewegungsanleitung, während in zwei weiteren Gruppen die Intervention in umgekehrter Reihenfolge durchgeführt wurde. Untersuchungsgruppe Für die Intervention wurde eine Gelegenheitsstichprobe gesunder Menschen bestehend aus 40 Probandinnen (85,1 %) und 7 Probanden (14,9 %) auf sozialen Plattformen rekrutiert. Einschlusskriterien waren ein Mindestalter von 18 Jahren und kein Vorliegen psychosomatischer Erkrankungen oder sonstiger kontraindizierter Erkrankungen, wie akute oder schwerwiegende orthopädische Erkrankungen. Die Proband: innen wurden zufällig in vier Gruppen mit zwischen 10 und 13 Teilnehmenden eingeteilt. Nach der ersten Stunde betrug der Drop-Out 12 Teilnehmer: innen (25,5 %), so dass insgesamt 35 Proband: innen, 31 weibliche und vier männliche, in die Datenauswertung eingeschlossen wurden. Intervention-- Beschreibung der Yogastunde und der Anleitungen Die Intervention sollte die Effekte von zweierlei Bewegungsanleitungen auf verschiedene Körperbildvariablen während einer Yogastunde untersuchen. Alle Yoga-Stunden wurden von der Erstautorin, einer qualifizierten Yogalehrerin (200h AYA), angeleitet und in einer Turnhalle mit ausreichend Platz und ohne Spiegel oder weitere Materialien als eine Bodenmatte durchgeführt. Jede / r Teilnehmer: in absolvierte zwei inhaltlich gleiche Yoga-Einheiten mit einer Woche Zwischenzeit. Der Fokus der Anleitung der zwei Einheiten war verschieden. Inhalte und verbale Instruktionen wurden von der amerikanischen Forscherinnengruppe um Anne Cox (2020) aus einer Kombination der Yogastile Hatha und Vienyasa entwickelt. Der Ablauf der Stunde und der Sprachstil wurden für die aktuelle Studie an die Kenntnisse und Stil der ausführenden Yogalehrerin und den deutschen Sprachgebrauch angepasst. Dabei war es nicht der Anspruch, Achtsamkeit an sich zu vermit- 140 Köster, Eberhard-Kaechele 4 | 2024 teln, sondern die Wirkung der zwei verschiedenen Arten der Anleitung zu untersuchen. Die Yoga-Einheit umfasste 37 statische und dynamische Übungen, die in 40 Minuten durchgeführt wurden. Nach einem kurzen gedanklichen Ankommen im Schneidersitz wurde die Wechselatmung praktiziert. Es folgten Mobilisationsübungen im Sitzen und Knien (z. B. Rotation im Schneidersitz, Katze-Kuh). Zur Ganzkörper-Erwärmung wurde dreimal der Sonnengruß wiederholt, bevor statische Übungen (z. B. Krieger 1, Seitlicher Winkel, Eidechse, Sitzende Vorbeuge, Schulterbrücke) mit dynamischen Sonnengruß-Elementen als Übergang durchgeführt wurden. Die Übungen sprachen den ganzen Körper an und wurden im Stehen, Sitzen und Liegen praktiziert. Modifikationen wurden angeboten, damit jede / r Teilnehmer: in unabhängig von der sportlichen Fähigkeit oder Yoga-Erfahrung partizipieren konnte. Abgeschlossen wurde mit einer traditionellen Schlussentspannung (Savasana): sich auf den Rücken legen und sich in der Stille auf die Atmung oder die Wirkung der vorangegangenen Haltungen auf den Körper konzentrieren. Die ausführliche Intervention mit achtsamkeits- und aussehensfokussierten Bewegungsanleitungen bzw. -kommentaren sind unter https: / / reinhardt-journals.de/ index.php/ ktb/ issue/ archive einsehbar, Tab. 1 zeigt einen Ausschnitt als Beispiel. Kritisch anzumerken ist, dass Cox und Team in ihre achtsamkeitsbasierte Anleitung nicht nur offene, wertfreie Aussagen, sondern auch positive Suggestionen einbezogen, um das positive Körperbild zu fördern. Da die vorliegende Studie als Replikation durchgeführt wurde, wurden diese Formulierungen nicht verändert. Vor und nach jeder Sitzung füllten die Proband: innen einen Fragebogen aus, der sich aus Items aus diversen validierten Fragebögen zusammensetzte (s. u.). Im Folgenden werden die Komponenten der Fragebögen beschrieben. Yoga-Übung Achtsamkeitsfokussierte Bewegungsanleitung Aussehensfokussierte Bewegungsanleitung Krieger 1 Nimm deinen Atem wahr, wie er sich in und aus deinem Körper bewegt. Hebe deine Brust, und fühl dich stark und kraftvoll. Spann die Muskeln an-- denk an die schöne Figur, für die du arbeitest. Seitlicher Winkel Spür die Verbindung zu deinem Körper in dieser Position. Spüre in deine rechte Seite deines Körpers hinein. Bleib dabei stabil in der Körpermitte und spann deine Mitte an. Je mehr Muskelaktivität, desto mehr Kalorien verbrennen wir. Sitzende Vorbeuge Schließ deine Augen, und nimm das Gefühl wahr, wie sich dein Herz öffnet. Nimm die Empfindungen an den Rückseiten deiner Beine wahr, und atme in sie hinein. Konzentrier dich während dieser ruhigen Posen darauf, wie du deinen Körper verändern möchtest-- was möchtest du verändern? Tab. 1: Beispiele der Yoga-Übungen mit achtsamkeits- und aussehensfokussierten Bewegungsanleitungen Bewegungsanleitung und Körperbild-Erleben 141 4 | 2024 Erhebungsinstrumente und Wahrnehmungslenkung Personenbezogene Variablen Personenbezogene Daten und der Ist-Zustand der Proband: innen wurden durch eine eigens erstellte Befragung erhoben. Erfasst wurden Alter, Geschlecht, Yoga-Erfahrung, Regelmäßigkeit des Sporttreibens und Regelmäßigkeit der Yoga-Praxis. Regelmäßiges Sporttreiben wurde definiert als „mindestens 3x pro Woche für mindestens 20 Minuten“ und die regelmäßige Ausübung von Yoga mit „mindestens 2-3x im Monat“. Allgemeine und momentane Wertschätzung Daten zur allgemeinen Körperwertschätzung wurden durch die deutsche Version der Body Appreciation Scale für überdauernde Eigenschaften (BAS-2-Trait) (Behrend / Warschburger 2022; Tylka / Wood-Barcalow 2015a) erhoben. Die BAS-2-Trait umfasst 10 Items (z. B. „Ich achte auf die Bedürfnisse meines Körpers“, „Ich fühle mich wohl in meinem Körper“) und erfragt, wie oft diese Items allgemein zutreffen. Die momentane Körperwertschätzung wurde mit einer deutschen Version der BAS-2-State (Behrend / Warschburger 2022; Tylka / Wood- Barcalow 2015a; Homan 2016) ermittelt. Es enthält die gleichen Items wie die zur allgemeinen Körperwertschätzung, nur wird das Erleben in diesem Moment erfragt. Die momentane Körperwertschätzung wurde zudem mit einem zusätzlichen Item aus der Experience of Embodiment Scale (EES) von Piran, Teall und Counsell (2020) ergänzt. Verwendet wurde Item 9 „Während der Yogastunde war ich stolz darauf, was mein Körper leisten kann“. Momentane objektivierende Betrachtung Der Grad der momentanen Körperüberwachung während der Yoga-Stunde als ein Teil der objektivierenden Betrachtung wurde durch eine deutsche Version der Subskala für Körperüberwachung der Objectified Body Consciousness Scale (OBCS; McKinley / Hyde 1996; Rezar 2020) gemessen, ergänzt mit dem Hinweis „Bitte beantworten Sie folgende Fragen bezogen auf die Yoga-Stunde“. Die ursprüngliche Subskala der OBC-Scale besteht aus acht Items (z. B. „Im Laufe des Tages denke ich mehrmals darüber nach, wie ich aussehe“, „Ich habe mein Aussehen kaum mit dem Aussehen anderer Leute verglichen“). Zusätzlich wurde die Erfassung der momentanen objektivierenden Betrachtung des eigenen Körpers um die ersten beiden Items der Experience of Embodiment Scale (Piran et al. 2020) ergänzt. Sie wurden ins Deutsche übersetzt und auf die absolvierte Yoga-Stunde bezogen. Die beiden Items lauteten somit: „Während der Yogastunde fühlte ich mich im Einklang mit meinem Körper“ und „Während der Yogastunde fühlte ich mich eins mit meinem Körper“. Es entspricht den empirisch basierten Empfehlungen von Neumark-Sztainer et al., (2018), dass die Betonung der Verbindung mit dem Körper im Yoga-Kontext das positive Embodiment fördert. Affektveränderung Die Veränderung des Affekts bzw. der Stimmung wurde anhand der deutschen Version der Feeling Scale (FS, Hardy / Rejeski 1989; Maibach et al. 2020) erfasst, indem vor und nach der Yoga-Einheit auf der 11-stufigen Skala angegeben wurde, wie man sich in diesem Moment fühlt. Für die Feststellung der Affektveränderung wurde eine Differenz der Werte vor und nach der Stunde gebildet. Erlebte und prognostizierte Freude Die rückblickend erlebte Freude während der Yoga-Stunde wurde mit einer eigenen Übersetzung der Remembered Pleasure Scale (RPS) von Zenko et al. (2016) erhoben. Eine Zahl sollte angekreuzt werden, die am besten beschreibt, wie angenehm oder unangenehm die Erfahrung in der Yoga-Stunde empfunden wurde. 142 Köster, Eberhard-Kaechele 4 | 2024 Die Forecasted Pleasure Scale (FPS, Lishner et al. 2008; Zenko et al. 2016), welche ebenfalls übersetzt wurde, sollte die prognostizierte Freude für zukünftige Yoga-Einheiten bewerten. Gefragt wurde nach der vorgestellten Erfahrung bei Wiederholung der gleichen Yoga-Stunde in der Zukunft. Kontrollitems Um zu prüfen, ob den Teilnehmer: innen der Fokus der Yoga-Bewegungsanleitungen auf das Aussehen bzw. auf die Achtsamkeit gegenüber seinem Körper aufgefallen ist, wurden sie gebeten, folgende Aussage zu bewerten: „Die Anleiterin in der Yoga-Stunde, die ich gerade beendet habe, legte den Schwerpunkt darauf, wie man durch Yoga seinen Körper wahrnehmen kann / sein Aussehen verändern kann“. Außerdem wurde für die Überprüfung eines möglichen Carry-Over-Effekts eine Frage erstellt, bei der beantwortet werden sollte, wie oft man sich in der zweiten Stunde an Kommentare, die die Aufmerksamkeit auf den bestimmten Fokus der Stunde lenken sollten, erinnert hat. Zum Schluss wurde noch nach der subjektiven Präferenz der Proband: innen gefragt. Hier sollte auf die Frage „Welche der beiden Yoga- Stunden fanden Sie persönlich besser? “ entweder mit „die heutige Stunde“ oder „die vorherige Stunde“ geantwortet werden. Ergebnisse Die Daten der Teilnehmer: innen wurden mittels SPSS und ggf. abhängige T-Tests ausgewertet. Personenbezogene Variablen Das Alter der Untersuchungsgruppe lag zwischen 19 und 57 Jahren (M = 29.17; SD = 10.34). Bei der Frage zum Sporttreiben antworteten 23 mit „Ja“ (65,7 %) und 12 mit „Nein“ (34,3 %). Yoga-Erfahrung wurde auf einer Skala von 1 (keine Erfahrung) bis 5 (sehr viel Erfahrung) durchschnittlich mit 2.17 (SD = 0.92) bewertet. Sieben Teilnehmer: innen (20 %) praktizierten Yoga regelmäßig und 27 (80 %) nicht regelmäßig. Die allgemeine Wertschätzung des Körpers (BAS-2-Trait) lag im durchschnittlichen Gesamtscore bei 3.59 (Min = 2.5; Max= 4.3; SD = 0.44), wobei auf einer Antwortskala von 1 bis 5 ein hoher Wert für eine hohe Körperwertschätzung steht. Ergebnisse bezogen auf das Design Die Frage zum Carry-Over-Effekt (wie oft sich die Teilnehmer: innen in der zweiten Stunde an die Kommentare der ersten Stunde erinnert haben) wurde mit einer Häufigkeitsverteilung von 3 % mit „niemals“, von 27 % mit „selten“, 38 % mit „manchmal“ und zu 32 % mit „häufig“ beantwortet. Mit „immer“ wurde gar nicht geantwortet. Die Berechnung der MANOVA mit Messwiederholung zeigte keinen statistisch signifikanten Effekt der Reihenfolge der Anleitungsformen auf die kombinierten abhängigen Variablen (F(5,260) = 4.055, p = .007, Wilk’s Λ =.562). Die subjektive Präferenz der Teilnehmer: innen lag bei 29 Personen (90,6 %) für die achtsamkeitsfokussierte Stunde und drei Personen (9,4 %) für die aussehensfokussierte. Ergebnisse zu den Körperbild- Konstrukten Die Werte der momentanen Körperwertschätzung (BAS-2-State) waren in den Yogaeinheiten mit achtsamkeitsfokussierter Anleitung signifikant höher als in den Einheiten mit aussehensfokussierter Anleitung (t(33) = −2.98, p = .005, d = 0.52). Die Effektstärke kann als mittelstarker Effekt eingestuft werden (Cohen 1988). Auch die Mittelwerte der drei Items aus der „Experience of Embodiment Scale“ fielen bei den achtsamkeitsfokussierten Einheiten mit einer mittelhohen Effektstärke Bewegungsanleitung und Körperbild-Erleben 143 4 | 2024 (t(34) = −3.26, p = .003, d = 0.55) signifikant höher aus. Somit ist die erste Forschungshypothese, dass die momentane Wertschätzung des Körpers in einer Yogaeinheit mit achtsamkeitsfokussierter Anleitung mehr ansteigen wird als in einer Einheit mit aussehensfokussierter Anleitung, im vollen Umfang bestätigt. Der Vergleich der Mittelwerte der OBC-Scale zur Objektivierung des Körpers ergab, dass die Ergebnisse nach einer Yogaeinheit mit aussehensfokussierter Anleitung geringer ausgefallen sind als nach achtsamkeitsfokussierter Anleitung. Der Unterschied zwischen den beiden Yoga-Einheiten mit verschiedenen Bewegungsanleitungen erwies sich jedoch nicht als signifikant (t(34) = −1.92, p = .064, d = 0.32). Hinsichtlich der beiden Items der Experience of Embodiment Scale ergab sich hingegen eine signifikante Verbesserung bei der achtsamkeitsfokussierten Bewegungsanleitung im Gegensatz zur aussehensfokussierten (t(33) = −2.90, p = .007, d = 0.49). Diese Ergebnisse zur momentanen objektivierenden Betrachtung des eigenen Körpers fallen daher widersprüchlich in Hinblick auf die Hypothese aus, dass bei den aussehensfokussierten Yoga-Einheiten von einer höheren selbstobjektivierenden Betrachtung des eigenen Körpers ausgegangen wurde. Die zweite Hypothese hat sich somit nur zum Teil, jedoch nicht vollständig bewahrheitet. Die Mittelwerte für die Differenz der Prä- Post-Daten der Feelings Scale zeigen, dass die Werte bei der achtsamkeitsfokussierten Yoga- Stunde höher ausfielen als bei der aussehensfokussierten Stunde. Dieser Unterschied war jedoch nicht signifikant (t(32) = −1.53, p = .136, d = 0.26). Somit wurde auch die Hypothese, dass sich die Affektveränderung hin zu einer stärkeren Verbesserung des momentanen Affekts nach einer Yogaeinheit mit achtsamkeitsfokussierter Anleitung im Vergleich zu einer Einheit mit aussehensfokussierter Anleitung entwickelt, nicht bestätigt, da keine Signifikanz festgestellt werden konnte. Die Yogaeinheit mit achtsamkeitsfokussierter Anleitung führte zu höheren Werten der Remembered Pleasure Scale als die Stunde mit aussehensfokussierter Anleitung. Dieser Effekt konnte statistisch als signifikant mit einer mittelhohen Effektstärke eingestuft werden (t(31) = −3.09, p = .004, d = 0.55). Die Forschungshypothese 4, die eine höhere erlebte Freude bei der Achtsamkeitsstunde voraussagte, wurde also vollständig bestätigt. Ähnliche Ergebnisse lagen bei der Erhebung durch die Forecasted Pleasure Scale mit Einschätzung der empfundenen Freude bei einer erneuten Teilnahme an einer Yogaeinheit in der Zukunft vor. Nach der Einheit mit achtsamkeitsfokussierter Anleitung fielen die Werte signifikant höher aus als nach der Einheit mit aussehensfokussierter Bewegungsanleitung (t(31) = −2.62, p = .014, d = 0.46). Somit hat sich auch die fünfte Forschungshypothese zur prognostizierten Freude im Zusammenhang mit achtsamkeitsfokussierter Anleitung bewahrheitet. Diskussion Nach Überprüfung der Forschungshypothesen können folgende Aussagen getroffen werden: Alle Ergebnisse können als verlässlich eingestuft werden, da bei allen Berechnungen eine mittelhohe Effektstärke nach Cohen (1988) vorliegt und alle Voraussetzungen für die Berechnungen der Mittelwertvergleiche gründlich geprüft wurden. Insgesamt konnten die drei Körperbildvariablen „Momentane Körperwertschätzung“, „Erlebte Freude“, „Prognostizierte Freude“ und die drei Items aus der Experience of Embodiment Scale einen signifikanten Unterschied in den Mittelwerten aufweisen. Da die untersuchten Körperbildvariablen eng mit der Ausprägung des Körperbildes im Ganzen in Verbindung stehen, kann geschlussfolgert werden, dass eine achtsamkeitsfokussiert angeleitete 144 Köster, Eberhard-Kaechele 4 | 2024 Yoga-Praxis insgesamt zu einer stärkeren Förderung eines positiven Körperbildes beiträgt als eine Ausübung von Yoga, die den Fokus auf das Aussehen lenkt. Anders als erwartet führten die achtsamkeitsfokussierten Yoga-Einheiten im Durchschnitt zu einer stärkeren objektivierenden Beobachtung des Körpers bzw. Körperüberwachung als die aussehensfokussierten Yoga- Einheiten. Das bedeutet ein Risiko eines negativ ausgeprägten Körperbildes durch die achtsamkeitsfokussierten Instruktionen und Kommentare während der Yoga-Stunde. Mögliche Gründe und Wege, damit umzugehen, werden im Folgenden näher diskutiert. Hervorzuheben ist, dass sich alle genannten Effekte bereits nach der geringen Dosis von zwei Stunden innerhalb von zwei Wochen gezeigt haben, was für die starke Wirkung der konzipierten Stunde spricht. Laut Halliwell et al. (2018) ist eine deutliche Wirkung nach geringer Dosis für die Dissemination von Bewegungsinterventionen für Körperbildstörungen von Bedeutung, sofern die Wirkung anhält. Für langfristigere Effekte lassen sich geeignete Wirkmechanismen ausmachen. Die verbesserten Werte der Affektveränderung, erlebten Freude und prognostizierten Freude nach der Achtsamkeitsstunde im Vergleich zur Aussehensstunde stehen laut Paulsen und Kauffeld (2016) in einem engen Zusammenhang mit der intrinsischen Motivation für Bewegung und tragen somit auch zu einer langfristigen Teilnahme bei. Auch die subjektive Präferenz der Teilnehmer: innen für die achtsamkeitsfokussierte Stunde steht im engen Zusammenhang mit einer wiederholten Teilnahme und dementsprechend auch den langfristigen positiven Effekten auf das Körperbild. Aus diesem Grund kann aufgrund der Ergebnisse erneut bekräftigt werden, dass eine achtsamkeitsfokussierte Bewegungsanleitung eher zur langfristigen Ausübung von Bewegungsinterventionen wie Yoga führen kann. Dass die Teilnahme an der Achtsamkeitsstunde im Durchschnitt zu einer erhöhten momentanen objektivierenden Beobachtung bzw. Überwachung des Körpers führte, stand im Widerspruch zu den Forschungshypothesen. Eine bereits diskutierte Erklärung ist, dass eine starke Konzentration auf Körperfunktionalität zu einem Empfinden von Leistungsdruck führen kann, aber auch zu der Assoziation mit einem athletisch aussehenden Körper und dem übermäßigen Wunsch, die Funktionalität des Körpers zu steigern (Alleva / Tylka 2021). Daher ist besondere Vorsicht bei der Fokussetzung der verbalen Instruktionen zur Körperwertschätzung geboten, um keine negative Ausprägung des Körperbildes zu provozieren. Dadurch, dass die Teilnehmer: innen mit unterschiedlich großen Yoga-Erfahrungen und -Fähigkeiten gemeinsam an den Yoga-Stunden teilgenommen haben, sind ebenfalls negative Auswirkungen auf die Betrachtung des Körpers und der Körperfunktionalität durch Vergleiche mit anderen denkbar (Neumark-Sztainer et al. 2018). Schließlich ist es möglich, dass die positiven Suggestionen wie „fühl dich stark und kraftvoll“ im Widerspruch zur nicht-wertenden Definition der Achtsamkeit stehen und die Teilnehmer: innen unter Druck gesetzt haben könnten, etwas zu fühlen, das ihrem wahren Gefühl nicht entsprach. Labroo, Mukhopadhyay & Dong (2014) zeigten z. B., dass Proband: innen, die lächeln sollten und glaubten, sich deshalb wohler fühlen zu müssen, obwohl ihr Befinden dem nicht entsprach, noch weniger Wohlbefinden als zuvor empfanden. Insgesamt lassen sich im Vergleich zu Cox et al. (2020) nahezu alle Aussagen und Erkenntnisse bezogen auf eine effektive Gestaltung von yogabasierten Maßnahmen zur Förderung eines positiven Körperbildes bestätigen. Diese befürworten eine achtsame und wertschätzende Gestaltung der Bewegungsanleitung. Bewegungsanleitung und Körperbild-Erleben 145 4 | 2024 Limitationen Die Verlässlichkeit der Ergebnisse ist u. a. durch folgende Faktoren eingeschränkt: kleine bis mittelgroße Stichprobengröße; geringe Streuung im Alter der Stichprobe; Akquise vornehmlich aus dem Bekanntenkreis der Erstautorin und Yogalehrerin (wobei keine: r der Teilnehmer: innen zuvor an ihrem Yogaunterricht teilnahm), die wertebedingt normalerweise nicht aussehensfokussiert unterrichtet. Die beiden letzten Faktoren werden als besonders schwerwiegend eingestuft, da sie möglichweise die Ergebnisse der aussehensfokussierten Stunden verfälscht haben könnten, was den Widerspruch in der Forschungshypothese zur momentanen objektivierenden Betrachtung erklären könnte. Künftige Studien sollten genauer differenzieren zwischen genuiner achtsamer Anleitung und positiven Suggestionen. Längere Interventionen als nur zwei Sitzungen würden die Möglichkeit eröffnen, die philosophischen Grundlagen und die geistige Praxis von Yoga zu vermitteln und ihre Wirkung auf das Körperbild zu untersuchen, was in dieser kurzen Maßnahme nicht möglich war. Empfehlungen für die Praxis Aufgrund der Ergebnisse dieser Studie sprechen wir folgende Empfehlungen aus, um positive Effekte für das Körperbild zu erzielen: ● Hinterfragen Sie bei der Gestaltung einer bewegungsorientierten Intervention, ob die Maßnahme und deren Gestaltung im Sinne einer Körperbildstärkung ausfällt. ● Berücksichtigen Sie bei der Anleitung die verschiedenen empirisch gesicherten Komponenten, die das Körperbild beeinflussen, z. B. a. die Körperwahrnehmung b. Schutzfaktoren der „Experience of Embodiment“, wie Einssein mit dem Körper c. die wertschätzende Betrachtung des eigenen Körpers d. die Wertschätzung der Körperfunktionalität e. die positive Stimmung bzw. Freude während der Ausübung von Bewegungsinterventionen. ● Setzen Sie geeignete Fragebögen als Teil einer Bewegungsintervention in der Praxis ein, da diese die Wahrnehmung für bestimmte Konzepte sensibilisieren, somit die Wirkung von Bewegungsinterventionen auf das Körperbilderleben steigern und die Effekte für den kollegialen Austausch dokumentieren (Lausberg 2012). Fazit: Achtsamkeit und Wertschätzung fokussieren Die Konzipierung und Durchführung dieser Studie erfolgte aufgrund des Bedarfs an weiterführenden Untersuchungen zur optimalen Gestaltung von präventiven und therapeutischen bewegungsbezogenen Interventionen für die Förderung eines positiven Körperbildes. Es konnten, unter Berücksichtigung der genannten Limitationen, weitere empirische Belege für die Relevanz der achtsamen und wertschätzenden Gestaltung der Anleitung von yoga- und bewegungsorientierten Maßnahmen zur Förderung eines positiven Körperbildes sowie Hinweise für die Praxis generiert werden. Literatur Alleva, J. 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Marianne Eberhard-Kaechele Ausbilderin, Supervisorin und Lehrtherapeutin BTD. Lehrbeauftragte der Deutschen Sporthochschule Köln am Institut für Bewegungstherapie und bewegungsorientierte Prävention und Rehabilitation. Eigene Praxis für Tanz- und Ausdruckstherapie. ✉ mail@marianne-eberhard.de Zenko, Z., Ekkekakis, P., Ariely, D. (2016): Can you have your vigorous exercise and enjoy it too? Ramping intensity down increases postexercise, remembered, and forecasted pleasure. Journal of Sport and Exercise Psychology 38 (2), 149-159, https: / / doi.org/ 10.1123/ jsep.2015-0286