eJournals körper tanz bewegung13/1

körper tanz bewegung
9
2195-4909
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/ktb2025.art04d
9_013_2025_1/9_013_2025_1.pdf11
2025
131

Fachbeitrag: Berührungsorientierte Psychotherapie

11
2025
Marek Szczepanski
Patka Gödeke-Krebs
Das Arbeiten mit Berührung ist traditionell eine Domäne der Körperpsychotherapie. Hier wird kritisch diskutiert, welchen Beitrag die dabei gewonnenen Erfahrungen zum möglichen Spektrum einer pantheoretischen Psychotherapie leisten können. Es wird vorgeschlagen, den berührungsorientierten Ansatz weiter zu fassen und nicht zwingend an taktile Berührung zu koppeln. Ein bewusster Umgang mit Berührungen, die ohnehin immer stattfinden, wird als wertvolle Orientierung für die Steuerung therapeutischer Prozesse angesehen. Da Sprache als Mittel der Berührung betrachtet wird, gelten hiesige Überlegungen auch für die rein sprachvermittelte Psychotherapie als relevant.
9_013_2025_1_0005
Fachbeitrag 26 körper-- tanz-- bewegung 13. Jg., S. 26-34 (2025) DOI 10.2378/ ktb2025.art04d © Ernst Reinhardt Verlag Berührungsorientierte Psychotherapie Exportbemühungen Marek Szczepański und Patka Gödeke-Krebs Das Arbeiten mit Berührung ist traditionell eine Domäne der Körperpsychotherapie. Hier wird kritisch diskutiert, welchen Beitrag die dabei gewonnenen Erfahrungen zum möglichen Spektrum einer pantheoretischen Psychotherapie leisten können. Es wird vorgeschlagen, den berührungsorientierten Ansatz weiter zu fassen und nicht zwingend an taktile Berührung zu koppeln. Ein bewusster Umgang mit Berührungen, die ohnehin immer stattfinden, wird als wertvolle Orientierung für die Steuerung therapeutischer Prozesse angesehen. Da Sprache als Mittel der Berührung betrachtet wird, gelten hiesige Überlegungen auch für die rein sprachvermittelte Psychotherapie als relevant. Schlüsselbegriffe Berührung, Körperpsychotherapie, Integrative Psychotherapie, Sprache Touch-oriented psychotherapy. Export efforts Working with touch is traditionally a domain of body psychotherapy. Here, it is critically discussed what contribution the experiences gained from this work can make to the potential spectrum of pantheoretical psychotherapy. It is suggested to broaden the touch-oriented approach and not necessarily link it exclusively to tactile touch. Mindful use of touch, which inevitably always takes place, is seen as a valuable orientation for the management of therapeutic processes. Since language is regarded as a means of touch, these considerations are also deemed relevant for purely language-mediated psychotherapy. Key words touch, body psychotherapy, integrative psychotherapy, language Berührung: ein körperpsychotherapeutischer Exportartikel A rbeiten mit Berührung in der Psychotherapie ist längst kein Tabu mehr. Mit der Berührung zu arbeiten, hat bereits eine lange Geschichte, die an vielen Stellen ausführlich erzählt worden ist (u. a. Geuter 2019, 247 ff; Westland 2023, 540 ff; Swade 2020). Die Körperpsychotherapie (KPT), die Berührungsarbeit als Alleinstellungsmerkmal in ihrem Methodenarsenal schon immer fest verankert sah, hat eine bunte Vielfalt an Ideen, Techniken, Methoden, Prinzipien und vor allem Erfahrungen über Jahrzehnte um diese Behandlungsmöglichkeit herum gesammelt. Berührungsorientierte Psychotherapie 1 | 2025 27 Lange Jahre wurde sie- - nicht zuletzt deswegen- - aus Sicht anderer Therapierichtungen sehr misstrauisch beäugt. Erst der body turn in der Wissenschaft (Geuter 2023, 10 ff ), in der Psychologie wohl am prominentesten durch Damasios „Descartes‘ Error“ (Damasio 1994) markiert, scheint der Psyche etwas Materialität und damit Berührbarkeit verliehen zu haben. Die Idee, die KPT könnte aufgrund der Erfahrungen mit der Berührung einen genuinen Beitrag zur Allgemeinen bzw. Integrativen Psychotherapie (Grawe 1999; Norcross / Goldfried 2019) leisten, erscheint somit folgerichtig: ein angemessener, handwerkgerechter Umgang mit Berührung im Rahmen der psychotherapeutischen Arbeit als Exportartikel der KPT. Doch versucht man als Körperpsychotherapeut bei Workshops oder Vorträgen die Arbeit mit Berührung an Therapeut: innen der großen etablierten Therapieschulen zu vermitteln, erlebt man auch heute noch nicht selten eine Art culture clash. Nach unseren (nicht standardisierten) Befragungen kann bzw. will sich mehr als die Hälfte der Psychotherapeut: innen ein systematisch-methodisches Arbeiten mit Berührung gar nicht vorstellen (siehe auch Stenzel/ Rupert 2004). Eine weitere große Gruppe ist zwar neugierig, bleibt aber in ihrer Grundhaltung dem Ansatz gegenüber skeptisch. Wiederum andere finden diese Art zu arbeiten für sich selbst sehr spannend und besuchen gerne Selbsterfahrungsworkshops, trauen sich jedoch nur sehr selten zu, sie bei eigenen Klient: innen anzuwenden. Einige wenige entscheiden sich, Workshops oder gar eine Ausbildung in Körperpsychotherapie zu absolvieren, erleben aber dort eine sie mitunter befremdende Andersartigkeit der Handwerkvermittlung, die hohe Bereitschaft für Öffnung und Selbsterfahrung abverlangt. Der Zweifel ist angebracht. Neben den zu Recht diskutierten Einwänden, wie z. B. Gefahren der Grenzverletzung, der Retraumatisierung oder der sexuellen Verstrickung (Zur / Nordmarken 2021), bleiben sich die zwei „Geschäftspartner: innen“-- Therapeut: in und Patient: in-- in den meisten Fällen doch ein großes Stück weit fremd (siehe etwa die pantheoretische, therapieschulübergreifende Evolution der therapeutischen Beziehung beschrieben bei Bordin 1979; Norcross 2002; Horvath 2005; Hermer / Röhrle 2008). Eine Berührung unter Fremden darf, und das nicht nur aus kulturellen Gründen, eine Überwindung darstellen. Das Fehlen einer allgemeinpsychologischen Rahmentheorie der Berührung macht die Skepsis nicht kleiner. Die Studienlage ist zwar überwältigend klar: Berührung spielt für die Psyche in fast jedweder Hinsicht eine fundamentale Rolle (u. a. Montagu 1980; Böhme 2019). Doch ist die Gesamtlandschaft der Studien zur Rolle der Berührung noch recht fragmentiert und von neurobiologischem Vokabular dominiert. Der Psychotherapie hilft das nur begrenzt. Dort erweist sich eine erlebensnahe, phänomenologische Sprache als viel produktiver und der Komplexität des psychischen Erlebens gerechter (Geuter 2019, 371 ff ). Die Ausführungen der Philosophen zum Thema Berührung (siehe etwa Merleau-Ponty 1986; Schmitz 2007; Derrida 2007; Nancy 2010), so inspirierend sie sein mögen, erreichen den praktisch-psychotherapeutisch Aktiven jedoch kaum. Die Sprache der Körperpsychotherapeut: innen, die meist vielfältigen experimentierfreudigen Traditionen weitgehend unabhängiger Schulen entstammen, blieb zudem nie einheitlich. So beschert das heterogene Feld der körperpsychotherapeutischen Strömungen mit ihren „unterschiedlichsten Dialekten“ (Marlock et al. 2023, 44) manchem Lernwilligen letztlich nicht selten ein Fremdsprachen-Gefühl. Hinzu kommt, dass an vielen Stellen, etwa in der Gindlerschen Tradition (Ludwig 2015), postuliert wird, dass Berührungsarbeit sinnvollerweise individuell, experimentell und auch weitgehend präverbal ablaufen sollte. Auf klare Anweisungen, Manuskripte, gar Techniken braucht der desorientierte Anfänger also ebenfalls nicht zu hoffen. 28 1 | 2025 Szczepański, Gödeke-Krebs An dieser Stelle gibt es noch einen weiteren wichtigen Grund, den die Kolleg: innen für ihre Skepsis anführen: Die allgemeine Wahrnehmung des „Produktes“ Psychotherapie sei in ihrem Kern mit den Vorstellungen von Abstinenzgebot und reflektiertem, sprachlichem Dialog verbunden (siehe z. B. Bauriedl 1998). Ganz im Geiste von Simmel (1907, 540) suche man in der Therapie nach „einer überschauenden Distanz“ ohne „alle Unruhe des Nahewirkenden“. Ein Aufweichen dieser Kernmerkmale, so die Befürchtungen, könne das Selbstverständnis und damit die Identität des Berufsbildes schwächen. Exportartikel? Mit Reklamationen zurückgeschickt Eine schnelle Behebung der Reklamationen ist nicht in Sicht. Die Debatte ist so alt wie die Psychotherapie selbst (z. B. Freud 1919). Sie wird auch heute leidenschaftlich geführt (Leikert 2022; Zur/ Nordmarken 2021; Swade 2020). Für eine zusammenfassende Darstellung der bis dato ausgetauschten Argumente und Gegenargumente ist hier nicht genügend Platz. Eine sehr fundierte Zusammenfassung der zuletzt diskutierten Formen und Funktionen von Berührung in der Psychotherapie findet man bei Geuter (2019, 247 ff ). Seine Vorschläge zum Umgang mit Berührung in der Psychotherapie sind moderat. Er hält diese Arbeit nicht für obligatorisch (S. 251 f ) und meist auf kleinere „Experimente“ (S. 255) des therapeutischen Prozesses begrenzt. Wie Kepner (1987) spricht er zwar davon, dass wir „nicht einen Körper, sondern einen Menschen“ berühren, beschränkt sich aber letztendlich wie die meisten auf diesem Feld auf die an die „taktile Berührung“ gekoppelte Arbeit, in salopper Formulierung also anfassende Berührung (Geuter 2019, 250). Das Zentrum der Psychotherapie sieht er immer noch im anschließenden sprachlichen Reflektieren der Bedeutung der Berührung (S. 254). Reklamationen bearbeiten Denkt man den Menschen von der Berührung her, erscheint sie einem als Analyseinstrument so produktiv, dass man geneigt ist, ihr ein Paradigma-Potential zu attestieren (Erwig / Ungelenk 2021). Nancy (2010), von Derrida (2007) zum „Philosophen der Berührung“ erhoben, sieht in der Berührung die grundlegendste Erfahrung, aus der alles andere folgt. Die Seele wird dort als die Berührbarkeit des Leibes verstanden. Selbst das Denken ist bei ihm materialisiert, verräumlicht und verzeitlicht und damit genuine Berührungsarbeit. Im Kontext dieser These überrascht z. B. nicht, dass Lakoff und Johnson (1999) selbst beim abstrakten Denken nachweisen konnten, wie es sich aus konkreten körperlichen Erfahrungen ableitet und durch die in der Berührungswelt erworbenen Schemata gesteuert wird. Das menschliche Erleben ist durchsetzt von Berührungsprozessen. Ontogenetisch kommen wir aus einer unmittelbaren Berührungswelt (Grunwald 2017). Doch die Berührung ausschließlich an den Tastsinn zu koppeln, ist aus unserer Sicht irreführend. Berührung darf und soll größer gedacht werden als eine an sinnlich-physiologische Vorgänge gekoppelte Erfahrung. „Die Haut ist nicht die Grenze des Leibes“, wie Thiel (2017) es formuliert. Für Nancy (2010) begrenzt die Haut nicht die Berührbarkeit. Für ihn ist der Leib „enthäutet“ (Ex-peau-sition verweist auf viele berührbare Oberflächen), „porös“ (besitzt viele berührungsrelevante Öffnungen) und damit bis ins Tiefste affizierbar (siehe auch z. B. Waldenfels 2002). Man kann über das Auge (siehe De Santos 2016 über The Artist is Present von Marina Abramović im MoMA), oder das Ohr (z. B. durch Musik) fundamental berührt werden. In der Proxemik beginnt die Berührung schon weit vor der Hautberührung. Nach Hall (1966) ist der zwischenmenschliche Raum voll mit berührbaren Grenzen. Die Haut ist nur eine davon. Berührungsorientierte Psychotherapie 1 | 2025 29 Arbeit mit Körperräumen Selbst wenn wir an dem klassischen psychotherapeutischen Setting-- zwei Stühle und ein kleiner Tisch- - festhalten möchten, kann in der Detailanordnung dieser „Szene“ Berührungsarbeit geschehen: Hier begegnen sich zwei „Körperarchitekturen“, die sich bereits weit vor den jeweiligen Körpergrenzen berühren. Sofern wir gemeinsam mit unserem Patienten bewusst aushandeln, wie die präzise Anordnung der Möbel und damit der Körper im Raum für diese Stunde sein soll, sind wir bereits mitten in der bewussten Spürarbeit bezogen auf Berührung. Entwicklungspsychologisch betrachtet fasziniert die These der Desomatisierung des Menschen im Laufe der individuellen Entwicklung (Malatesta / Haviland 1985). Die Dominanz der unmittelbaren Berührung scheint in den Hintergrund zu treten, um den geistig-mentalen Tätigkeiten Platz zu machen. Holodynski (2006) sieht einen Internalisierungsprozess des Somatischen im Gange, der sich bei der Sprachentwicklung besonders deutlich manifestiert. Wir möchten dies um eine Medialisierungsthese ergänzen: Die unmittelbare Berührbarkeit wird in einem mehrstufigen Prozess in eine vermittelte Berührbarkeit überführt. Man stelle sich vor, dass Berührungen zum großen Teil nur noch sozusagen über ein Medium-- quasi prothetisch-- stattfinden. Als Folge werden die Berührungen in ihrer Qualität zwar modifiziert, nicht jedoch in der Grundnatur. Es handelt sich weiterhin um Berührungen (frei nach Watzlawick et al. 1967: One cannot not touch). Zum Neuversenden vorbereiten Will man den Exportartikel „Berührungsarbeit“ für den zweiten Zustellungsversuch vorbereiten, braucht man mehr als die bisherigen theoretischen Ausführungen. Für die Kolleg: innen interessierende Fragen der praktischen Anwendung benötigt es einer Systematisierung, die sich einer sinnvollen Didaktik zugänglich zeigt und damit erlernbar wird. Das Thema Berührung auf eine objektivierbare und systematisierbare Grundlage zu stellen, ist ein Groß-Projekt. Die menschlichen Berührungen sind sehr komplex, einfache Werkzeuge und Techniken kontraproduktiv. Im Folgenden stellen wir eine skizzenhafte Auswahl an Annäherungsversuchen an das Thema vor, die wir in unserer Praxis als produktiv erfahren haben: Sensibilität für Berührung: Eine Sprache für Berührungsprozesse zu entwickeln, fällt naturgemäß schwer. Die Berührung ist der Sprache vorgelagert und größer sowie meist feiner als diese. Komplexe Prozesse werden meist eher intuitiv erfasst. Eine solche Intuition ist zum Glück ein großes Stück weit trainierbar. Schon einfache Fragen an den inneren Spürsinn können sehr hilfreich sein: Was berührt mich an dem Patienten? Wie berühre ich ihn? Was will sich entwickeln? Aufmerksames Spüren Will man eine Idee dafür entwickeln, wo der therapeutische Prozess weitergehen könnte, wo die nächsten tektonischen Verschiebungen stattfinden könnten, ist manchmal ein „seismografisches“ Hinspüren hilfreich: Wo kulminiert Spannung im Leib meines Gegenübers; möchte sich z. B. etwas stützen, auflösen oder entladen? Wo kollabiert etwas oder möchte zur Expansion bewegt werden? Wo wirken leibliche Anteile fragmentiert und suchen nach Anbindung? Wo scheinen Anteile nach Begrenzung zu suchen? Von hier aus entsteht eine konkrete Berührungsidee, die als Einladung den weiteren Prozess einleiten kann. Sprache finden: Ein Begriffssystem, das die Welt der Berührung beschreibt, kann die dort 30 1 | 2025 Szczepański, Gödeke-Krebs stattfindenden Phänomene nur begrenzt einfangen, aber wäre dennoch wünschenswert. Eine Art „berührungspathologischer Befund“, mit dem sich die Grundmuster der jeweiligen Berührungsstile und auch der Berührbarkeitsstile beschreiben ließen, könnte den Blick auf manche Grundkategorien der Berührungsstrukturen öffnen und einen besseren Austausch unter Therapeut: innen ermöglichen. Individuelle Berührungshistorie Jeder Lebenslauf weist Situationen oder Momente auf, die sich durch ein hohes Maß an Berührungsbedeutung auszeichnen. Da sie ihre Bedeutsamkeit durch das Maß der emotionalen Ladung erhalten, mit der sie verknüpft sind, ist deren Exploration ein zügiger, sicherer und effektiver Zugang zu dem, „was uns im Kern berührt“. In dem vielen Weinen eines drei Monate alten Jungen erkennt man viel Wut. Bei seiner Geburt wurde eine Saugglocke eingesetzt. Über den Druck auf den Bauch seiner Mutter wurde er gleichzeitig vorwärts geschoben und damit mit dem Kopf vermehrt gegen die Beckenknochen der Mutter gedrückt. Die behutsam erkundende Berührung in der Region des Kopfes ist für ihn erkennbar nicht angenehm. Sie fühlt sich trotzdem stimmig an. Sie wird von ihm mit einer kraftvollen wegschiebenden Armbewegung beantwortet, ohne Angst, ohne Weinen, mit deutlichem Nachdruck. Die Reaktion der Therapeutin, seine Kraftwirkung spielerisch zu übertreiben und durch sie halb umzufallen, wird von ihm mit glucksendem Lachen belohnt. Er und die Therapeutin haben nicht darüber gesprochen, aber sie wissen beide, dass eine Veränderung stattgefunden hat: So eine Tortur wie seine Geburt wird er nicht nochmal mitmachen. Ein sonst sehr lebensfroher Familienvater von Anfang 50 muss seit etlichen Jahren jeden Morgen, bevor er zu seiner eigentlich geliebten Praxisarbeit als Arzt geht, bis hin zum Bewusstseinsverlust minutenlang würgen. Bei einer Nachinszenierung des anamnestisch bekannten Kaiserschnitts reagiert er auf die sich nähernde Greifhand mit genau dem bekannten Würgen, und das immer wieder. Berührt die Greifhand seinen Hals, verfällt er jedes Mal wie auf Knopfdruck in einen dissoziativen Zustand. Es fühlt sich für ihn sehr evident an, „Das ist es! “, verkündet er erregt. In wenigen Wochen erlernt er, die sich nähernde Hand selbst zu greifen und wegzuschieben. Er entdeckt, dass manche seiner unangenehmsten Patient: innen sich für ihn genauso anfühlen, als würden sie nach ihm greifen. Nachdem er ihnen persönlich kündigt, verschwinden die Würgattacken. Anamnese: Eine gute Berührungsanamnese dürfte die vielen Prägestationen umfassen, die die Berührungsgeschichte eines Menschen ausmachen. Wir sind davon überzeugt, dass prä- und perinatale Phasen eine fundamentale Rolle für die Herausbildung der jeweiligen Berührungsprofile spielen. Körperorientierte Babypsychotherapeut: innen liefern hierzu wertvolle Vorschläge (Appleton 2024). Innerfamiliäre Berührungen-- vor allem in den ersten Lebensjahren- - stehen schon länger im Fokus und sind bereits ein Teil der allermeisten Anamnesen. Doch auch dort ist eine weitere Ausdifferenzierung möglich und würde ein besseres Ansetzen in den therapeutischen Behandlungen möglich machen. Bei vielen Biografien lohnt der Blick auf andere berührungsintensive Orte, wie Schulhof, Internat, Sportverein, Krankenhaus, Altersheim u. a.m. Letzte Berührung Der Tod von wichtigen Bezugspersonen kann sehr schmerzhaft sein. Die letzte Berührung wird oft Jahre später erinnert. Wird der Abschied als nicht abgeschlossen oder mit Ambivalenzen beladen thematisiert, bietet diese letzte Berührung einen guten Ausgangspunkt für weitere Berührungsprozesse. Ein Patient nimmt das Herz seines verstorbenen Vaters symbolisch in die Hand. Erst dann kann er die Gefühle, die er in der Tiefe empfin- Berührungsorientierte Psychotherapie 1 | 2025 31 det, zulassen und sich mit seinem Vater versöhnen. Polaritäten: Die Nähe steht in der Literatur zum Thema Berührung mehr im Fokus als die Distanz. Ein Grundbedürfnis nach Nicht-(So-) Berührung kann schnell übersehen werden. Es muss nicht mal pathologische Gründe haben. Ein Distanzbedürfnis ist genauso grundlegend wie das Nähebedürfnis. Für die Qualität eines Kontakts ist das Wissen darum, wie jemand die Nähe gestalten möchte, genauso wichtig wie das Wissen, wie er Distanz gestalten möchte. In einer Paartherapie-Sitzung werden beide Partner gebeten, sich mit den Rücken zueinander auf den Boden zu setzen mit einem Abstand zwischen ihren Rücken, der es theoretisch erlauben würde, sich aneinander anzulehnen- - jedoch soll der Abstand in der Übung beibehalten werden, das heißt, gezielt keine Berührung erfolgen. Der Abstand zwischen ihren Körpern (und der Umstand, dass sie sich nicht in die Augen schauen können / müssen) öffnet einen „Präzisionsspürraum“, in dem beide in Ruhe und Langsamkeit ausprobieren können, erspürend bei sich / im Wechsel oder vielleicht zeitgleich bei der anderen Person zu sein. So kann erfasst werden, wo ein Empfinden von z. B. Sehnsucht, Druck, Frustration, Wärme o.a. entsteht und wie sich darin grundlegende Themen ihrer Beziehung verdeutlichen. Zugriff suchen: Auf der Interventionsebene darf bei so hochkomplexen, stark intuitiv gesteuerten Vorgehensweisen keine einfache, manualisierte Bedienungsanleitung erwartet werden (siehe auch Geuter 2019, 254). Es handelt sich oft um vorsichtige, fragile Prozesse, die gerne stocken, abreißen, auch mal die Beteiligten überfordern. Ein guter, tragender Umgang mit diesen Brüchen ist ein fundamentaler Bestandteil dieser Art von Arbeit. Es entsteht ein Experimentalraum, in dem auch schwachen Impulsen und zweifelnden Hypothesen behutsam nachgegangen werden darf. Das Spüren, ein felt sense, ist meist das wichtigste Regulativ, das über den Ablauf bestimmt. Berührungsarten: Goodman und Teichler (1988) teilen die Berührungen in provozierende und haltende Berührungen ein. Geuter (2019, 256 ff ) zählt auch eine sondierende Berührung hinzu. Wir unterscheiden zudem die eröffnende, begrenzende und führende Berührung. Solche Einteilungen sind höchstens als grobe Ansammlung von Heuristiken zu verstehen. In der Therapie werden Entscheidungen eher intuitiv getroffen. Eingebettete Berührung: Wir arbeiten mit unseren Patient: innen gerne szenisch. Auf der Bühne lassen sich schnell vielfältige Kontaktkonstellationen kreieren bzw. nachinszenieren. Es ist eher ein armes Theater (Grotowski 2000). Ein Akteur und seine Vorstellungskraft reichen meist. Der Therapeut wechselt zwischen verschiedenen Rollen jenseits und auf der Bühne: Regie, Publikum, Szenenbildner, Requisiteur, Souffleur, Mit-Akteur. Es kann sich um sehr kleine Mini-Szenen, eine Geste, eine Skulptur handeln. Die Augen der Mutter (zwei kleine Ringe) werden nachgebaut und im Kontakt erkundet. Das Herz des verstorbenen Vaters (ein Reissäckchen) wird in die Hand genommen. Es können aber auch ganze Schlüsselszenen aus der Biografie sein. Ein gemeinsames Erspüren von solchen Szenen, ein Suchen nach der Dramatik der (So-)Berührung oder (So-)Nicht-Berührung, macht berührungssensitives Arbeiten zum Arbeiten am eigentlichen Punkt. Unsere These lautet, dass alle Probleme der Patient: innen sich szenisch-verraumt verdichten lassen. Die Dramatik der Berührungs- / Nicht-Berührungs-Architekturen bekommt dadurch ein Format, in dem innere Prozesse gut in Gang kommen können. Unser Ansatz: Die Berührung wollen wir sehr weit verstehen, noch weiter als z. B. solche Konzepte wie emotionaler Kontakt oder Resonanz. Die wichtigsten problematischen Berührungs- 32 1 | 2025 Szczepański, Gödeke-Krebs punkte definiert der Patient, seine Geschichte, sein aktuelles Erleben. Er geht bei der Arbeit in Kontakt mit diesen dichten Stellen. Der Therapeut kann, muss aber nicht, in direkten Kontakt mit dem Patienten treten. Tut er das, ist die Arbeit meist verstrickter und hochkomplex. Da ist viel Vorsicht vonnöten. Schnell vermengt sich die therapeutische mit der realen Beziehung oder der Gegenübertragung. Häufig genug ist der Therapeut aber nur eine gute Hebamme, die zwar die Dramatik der Situation kennt, aber nur punktuell, wenn überhaupt, eingreift. Ein wichtiger anderer Aspekt bei Berührungsarbeit ist, dass unterschiedliche Menschen sich sehr unterschiedlich berühren. Auch der Therapeut hat ein Berührungs- und Berührbarkeitsprofil. Es ist gut, eigene Stärken und auch Begrenzungen zu kennen. Manches, aber nicht alles, lässt sich szenisch oder imaginativ kompensieren. Auf diesem Gebiet gilt mehr denn je, dass es passen muss. Jenseits der Rollen kommen sich hier zwei Menschen näher; mit ihren jeweiligen Wesensarten, Prägungen und Haltungen. Berühren mittels Sprache: Die meisten Kolleg: innen arbeiten im klassischen Zwei-Stühle- Gespräch-Setting. Die Kommunikation erfolgt dort fast ausschließlich über die Sprache. Nach unserer These „Man kann nicht nicht berühren“ findet jedoch auch in diesem Setting mehr oder weniger explizite Berührungsarbeit statt. Die Diskussion der Vor- und Nachteile der Berührungsarbeit unter diesen Restriktionen müsste von großem Interesse sein. Für uns stellt sich die Frage nach der Verfremdung der Berührung durch die Sprache, die man sich ja (s.o.) als ein prothetisches Medium oder gar Werkzeug der Berührung vorstellen kann. Wir sind davon überzeugt, dass Sprache ein gutes Distanzierungsmittel sein kann, was die oben beschriebene Desomatisierungsthese partiell stützen würde. Wir sind aber auch davon überzeugt, dass über die Sprache, entsprechend eingesetzt, auch gegenteilige Effekte erzielt werden können. Eine sprachlich vermittelte Berührung kann all das, was eine unmittelbare Berührung auch kann. Sie kann provozierend, haltend, sondierend, eröffnend, begrenzend und führend sein. Sie kann auch zutiefst berühren (Geuter 2019, 371 ff ). Sie kann übrigens auch all das, was man in der Debatte gegen den Einsatz von Berührung anführt: Sie kann verletzen, retraumatisieren, erotisch verstricken. Warum sollte sie das nicht können? Eine berührungsorientierte Arbeit, die ausschließlich über das Medium Sprache abläuft, erfordert aus unserer Erfahrung viel mehr Geschick und Sensibilität seitens des Therapeuten. Sowohl der Patient als auch der Therapeut können beim Ausbleiben von wichtigen Feedback-Kanälen die Prozesse viel schlechter spüren und deuten. Schlussbemerkungen Für manchen kann sich die Arbeit mit dem Berührungsparadigma wie alter Wein in neuen Schläuchen anhören. Die Abgrenzung zur Arbeit mit Emotionen im Allgemeinen ist nicht sehr scharf. Für das Konzept spricht, dass es für Patient: innen und Therapeut: innen intuitiv fassbar und spürbar ist. Beide merken es meist sehr direkt, wenn es gelingt, in berührende Prozesse zu kommen. Solche Prozesse sind in ihrer Einmaligkeit der tiefen Affizierung, Bezogenheit und Materialität nicht einfach zu beschreiben und zu systematisieren. Ein solcher Versuch würde u.E. die Therapiekunst enorm bereichern. Den Menschen von der Berührung her zu denken verspricht, seiner Komplexität mehr gerecht zu werden. Literatur Appleton, M. (2024): Impulse zur Ganzheit. Die Synthese pränataler, transpersonaler und somatischer Psychologie. Psychosozial-Verlag, Gießen Berührungsorientierte Psychotherapie 1 | 2025 33 Bauriedl, T. (1998): Ohne Abstinenz stirbt die Psychoanalyse. Forum der Psychoanalyse 14, 342- 363, https: / / doi.org/ 10.1007/ s004510050027 Bender, S. (2020): Grundlagen der Tanztherapie. Geschichte, Menschenbild, Methoden. Psychosozial-Verlag, Gießen, https: / / doi. org/ 10.30820/ 9783837927658 Böhme, R. (2019): Human touch. Warum körperliche Nähe so wichtig ist. C. H. Beck, München, https: / / doi.org/ 10.17104/ 9783406725913 Bordin, E. S. (1979): The generalizability of the psychoanalytic concept of the working alliance. Psychotherapy: Theory, Research & Practice 16 (3), 252-260, https: / / doi.org/ 10.1037/ h0085885 Damasio, A. (1994): Descartes’ error: Emotion, reason, and the human brain. Putnam, New York Derrida, J. (2007): Berühren. Jean-Luc Nancy. Brinkmann & Bose, Berlin De Santos, E. (2016): Marina Abramovic in the MoMA and Ulay. In: www.youtube.com/ watch? v=2TlZjFGriLw, 14.10.2024 Erwig, A., Ungelenk, J. (Hrsg.) (2021): Berühren Denken. Kulturverlag Kadmos, Berlin Freud, S. (1919): Wege der psychoanalytischen Therapie. In: Gesammelte Werke 12, 183-194 Geuter, U. (2023): Körperpsychotherapie. Grundriss einer Theorie für die klinische Praxis. 2. Aufl. Springer, Berlin, https: / / doi. org/ 10.1007/ 978-3-662-66153-6 Geuter, U. (2019): Praxis Körperpsychotherapie. 10 Prinzipien der Arbeit im therapeutischen Prozess. Springer, Berlin, https: / / doi.org/ 10.1007/ 978-3-662-56596-4 Goodman, M., Teichler, A. (1988): To touch or not to touch. Psychotherapy 25, 492-500 Grawe, K. (1999): Gründe und Vorschläge für eine Allgemeine Psychotherapie. Psychotherapeut 44, 350-359, https: / / doi.org/ 10.1007/ s002780050190 Grotowski, J. (2000): Für ein armes Theater. Alexander, Berlin, https: / / doi.org/ 10.17192/ ep2001.1.2627 Grunwald, M. (2017): Homo hapticus. Warum wir ohne Tastsinn nicht leben können. Droemer, München Hall, E. T. (1966): The hidden dimension. Doubleday, New York Harms, T. (2023): Eltern-Baby-Körperpsychotherapie im Spannungsfeld von Trauma und Bindung. In: Marlock, G., Weiss, H., Grell-Kamutzki, L., Rellensmann. D. (Hrsg.): Handbuch Körperpsychotherapie. Schattauer, Stuttgart, 880-897 Hermer, M., Röhrle, B. (Hrsg.) (2008): Handbuch der therapeutischen Beziehung. dgvt-Verlag, Tübingen Holodynski, M. (2006): Emotionen-- Entwicklung und Regulation. Springer, Berlin / Heidelberg, https: / / doi.org/ 10.1007/ 3-540-30974-8 Horvath, A. O. (2005): The therapeutic relationship: Research and theory: An introduction to the Special Issue. Psychotherapy Research 15 (1-2), 3-7, https: / / doi.org/ 10.1080/ 105033005 12331339143 Kepner, J. I. (1987): Body process. A Gestalt approach to working with the body in psychotherapy. Gardner, New York Lakoff, G., Johnson, M. (1999): Philosophy in the flesh. The embodied mind and its challenge to Western thought. Basic Books, New York Leikert, S. (Hrsg.) (2022): Das körperlich Unbewusste in der psychoanalytischen Behandlung. Brandes & Apsel, Frankfurt/ M. Ludwig, S. (2015): Elsa Gindler-- von ihrem Leben und Wirken. Wahrnehmen, was wir empfinden. 2. Neuaufl. Elsa-Gindler-Stiftung, BoD Verlag, Borsdorf Malatesta, C. Z., Haviland, J. M. (1985): Signals, symbols, and socialization. The modification of emotional expression in human development. In: Lewis, M., Saarni, C. (Hrsg.): The socialization of affect. Plenum, New York, 89-116, https: / / doi.org/ 10.1007/ 978-1-4613-2421-8_5 Marlock, G., Weiss, H., Grell-Kamutzki, L., Rellensmann. D. (Hrsg.) (2023): Handbuch Körperpsychotherapie. Schattauer, Stuttgart Merleau-Ponty, M. (1986): Das Sichtbare und das Unsichtbare. Wilhelm Fink Verlag, München Merleau-Ponty, M. (1966): Phänomenologie der Wahrnehmung. De Gruyter, Berlin, https: / / doi. org/ 10.1515/ 9783110871470 Montagu, A. (1980): Körperkontakt. Klett-Cotta, Stuttgart Nancy, J.-L. (2010): Ausdehnung der Seele. Diaphanes, Zürich / Berlin Norcross, J. C. (2002): Psychotherapy relationships that work. Oxford University Press, New York, https: / / doi.org/ 10.1093/ medpsych/ 9780190690465.003.0001 Norcross, J. C., Goldfried, M. R. (Hrsg.) (2019): Handbook of psychotherapy integration. 3.-Aufl. Oxford University Press, Oxford 34 1 | 2025 Szczepański, Gödeke-Krebs Schmitz, H. (2007): Der Leib, der Raum und die Gefühle. Aisthesis, Bielefeld / Locarno Simmel, G. (1907): Philosophie des Geldes. 2.-verm. Aufl. Duncker & Humblot, Leipzig Stenzel, C. L., Rupert, P. A. (2004): Psychologists’ use of touch in individual psychotherapy. Psychotherapy: Theory, Research, Practice, Training 41 (3), 332-345, https: / / doi.org/ 10.1037/ 0033-3204.41.3.332 Swade, T. (2020): The touch taboo in psychotherapy and everyday life. Routledge, London, https: / / doi.org/ 10.4324/ 9780429279690 Thiel, D. (2017): Die Haut ist nicht die Grenze des Leibes. Exzentrische Tastempfindung bei Ernst Marcus und Jacques Derrida. In: Harrasser, K. (Hrsg.): Auf Tuchfühlung. Eine Wissensgeschichte des Tastsinns. Campus, Frankfurt/ M., 173-187 Waldenfels, B. (2002): Bruchlinien der Erfahrung. Phänomenologie-- Psychoanalyse-- Phänomenotechnik. Suhrkamp, Frankfurt/ M. Watzlawick, P., Beavin-Bavelas, J., Jackson, D. (1967): Pragmatics of human communication-- A study of interactional patterns, pathologies and paradoxes. W. W. Norton, New York Westland, G. (2023): Berührung in der Körperpsychotherapie. In: Marlock, G., Weiss, H., Grell-Kamutzki, L., Rellensmann. D. (Hrsg.): Handbuch Körperpsychotherapie. Schattauer, Stuttgart, 540-561 Zur, O., Nordmarken, N. (2021): To touch or not to touch: Exploring the myth of prohibition on touch in psychotherapy and counseling. In: https: / / drzur.com/ touch-in-therapy/ , 18.7.2024 Marek Szczepański Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut (VT), Körperpsychotherapeut, Dozent, Supervisor. Patka Gödeke-Krebs Osteopathin (FO), Körperpsychotherapeutin (HP) Schwerpunkt perinatale Psychologie, Dozentin, Supervisorin. ✉ Marek Szczepański und Patka Gödeke-Krebs Privatpraxis Mainauer Straße 7 | D-12161 Berlin Patka_Marek@mail.de