eJournals körper tanz bewegung13/3

körper tanz bewegung
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2195-4909
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/ktb2025.art19d
9_013_2025_3/9_013_2025_3.pdf71
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Forum: Die Begleitung von Menschen mit Dissoziativer Identitätsstörung

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2025
Cornelia Jakob-Krieger
Auf der Grundlage theoretischer Konzepte der Integrativen Therapie, dem Leibkonzept, der Intersubjektiven Korrespondenz und dem komplexen Bewegungsbegriff werden in diesem Beitrag der Stellenwert der therapeutischen Beziehung und eine exemplarische Vorgehensweise des Beziehungsaufbaus und der Beziehungsgestaltung in der Begleitung von Menschen mit einer Dissoziativen Identitätsstörung (DIS) aus der Sicht der Integrativen Leib- und Bewegungstherapie (IBT) beschrieben.
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Forum: Aus der Praxis 130 körper-- tanz-- bewegung 13. Jg., S. 130-136 (2025) DOI 10.2378 / ktb2025.art19d © Ernst Reinhardt Verlag Die Begleitung von Menschen mit Dissoziativer Identitätsstörung Grundsätze aus Sicht der Integrativen Leib- und Bewegungstherapie Cornelia Jakob-Krieger Auf der Grundlage theoretischer Konzepte der Integrativen Therapie, dem Leibkonzept, der Intersubjektiven Ko-respondenz und dem komplexen Bewegungsbegriff werden in diesem Beitrag der Stellenwert der therapeutischen Beziehung und eine exemplarische Vorgehensweise des Beziehungsaufbaus und der Beziehungsgestaltung in der Begleitung von Menschen mit einer Dissoziativen Identitätsstörung (DIS) aus der Sicht der Integrativen Leib- und Bewegungstherapie (IBT) beschrieben. Schlüsselbegriffe Körper- / Leib-Begriff, Intersubjektive Ko-respondenz, komplexer Bewegungsbegriff, Stellenwert der therapeutischen Beziehung The Support of People with Dissociative Identity Disorder. Principles from the Perspective of Integrative Body and Movement Therapy Based on theoretical concepts of integrative therapy, the lived body, intersubjective correspondence, and the complex movement term, this article describes the importance of the therapeutic relationship and an exemplary approach to relationship building and relationship development in supporting people with dissociative identity disorder (DID) from the perspective of integrative body and movement therapy (IBT). Key words body / body concept, intersubjective correspondence, complex movement, importance of the therapeutic relationship M enschen müssen massive Gewalt erlebt haben, dass der Organismus eine solch extreme „Rettungsaktion“ wie eine Dissoziative Identitätsstörung (DIS) entwickelt, um das Unaushaltbare aushaltbar zu machen im Dienste des Überlebens / Weiterfunktionierens. Meist geschehen diese Gewalterfahrungen im sozialen Nahraum oder in Verbindung mit dem sozialen Nahraum, also dort, wo eigentlich Geborgenheit, Sicherheit, Wohlwollen, Schutz, Fürsorge usw. in Beziehung und Bindung stattfinden sollte. Bei einer DIS geht es nicht um eine bloße Sequestrierung von traumatischen Inhalten, sondern um das Herausbilden unterschiedlicher Identitäten in einem Menschen (Van der Hart et al. 2008; Nijenhuis 2016). In einem Körper stehen sie in sehr unterschiedlichen Weisen zur Umwelt und zu sich selbst in Beziehung. Oft gibt es kaum eine Beziehung untereinander im Inneren, kein oder nur ein sehr eingeschränktes Bewusstsein darüber, dass alle in demselben Körper sind. Und- - besonders wichtig für uns als Leib- und Bewegungstherapeut: innen-- Grundsätze aus Sicht der Integrativen Leib- und Bewegungstherapie 3 | 2025 131 das Wahrnehmen, das Spüren dieses Körpers (also Interozeption, Exterozeption, Propriozeption), das emotionale Fühlen, das Wahrnehmen eines großen Teils der Gefühle ist in unterschiedlichem Ausmaß bei den unterschiedlichen Identitäten ausgeschaltet- - auch eine Maßnahme, um Unerträgliches zu überleben (Van der Kolk 2015). Ich greife diese Aspekte aus einer großen Komplexität heraus, weil sie aus meiner Erfahrung die basal notwendigen Vorgehensweisen in der therapeutischen Arbeit mit Menschen aufzeigen, die mit einer Dissoziativen Identitätsstörung leben und an ihr/ an sich selbst in diesem Zustand leiden. An erster Stelle steht hier die Beziehungsarbeit und der Beziehungsaufbau zwischen Patient: in und Therapeut: in. Das betrifft auch den Raum, die Orientierung im Raum, in dem die therapeutische Arbeit stattfindet, und den Beziehungsaufbau der Patient: in zu sich selbst in ihrer Vielheit als ganzer Mensch, als Leibsubjekt: der Beziehungsaufbau zum eigenen Körper/ Leib. An dieser Stelle erscheint mir ein kurzer theoretischer Exkurs zum Begriff „Leib“ und zum Beziehungskonzept der Integrativen Therapie, der Intersubjektiven Ko-respondenz, wichtig. Leibkonzept der Integrativen Therapie Der Begriff „Leib“ überschreitet den Begriff Körper: Er umfasst den materiellen Körper, der die organismische Basis des Leibes bildet. Der Leib, das Leib-Subjekt, ist der Mensch mit seinen Regungen, Empfindungen, Gefühlen, Gedanken, seinem Glauben, seinem Willen und seinen Handlungen, eingebettet in seine Lebenswelt, in ständigem wechselseitigem Austausch mit ihr und seinen Mitmenschen (embodied and embedded; Petzold/ Sieper 2012). Der Mensch, das Leib-Subjekt, ist mit seinem Leib und in seinem Leib auf die Welt gerichtet (Merleau-Ponty 1966) und in der Welt verankert. Intersubjektive Ko-respondenz Das Konzept der Intersubjektiven Ko-respondenz schließt konsequent an das oben genannte Leibkonzept an. Intersubjektivität bedeutet hier die Zugehörigkeit zwischen Menschen im wechselseitigen Respekt ihrer Würde. Dies impliziert das bewusste gegenseitige Anerkennen der Andersheit des Anderen (Petzold 1996), dass der Andere anders wahrnimmt, denkt, fühlt, bewertet als ich und möglicherweise auch etwas anderes will. Auf dem Boden einer solchen inneren Haltung von gegenseitiger Wertschätzung kann für alle Beteiligten eine die Entwicklung fördernde und sinnstiftende Begegnung, ein Sich-Austauschen und Miteinanderbzw. Voneinander-Lernen von Menschen stattfinden-- eine Ko-respondenz, die zu konstruktivem Zusammenleben, Zusammenarbeiten, Zusammensein führen kann. Es geht um die Begegnung von Menschen, Leibsubjekten, die sich im Intersubjektiven Ko-respondenzprozess (Petzold 2003) wahrnehmen, erfassen, verstehen und erklären. Bedeutung für die Praxis-- eine ganzheitliche Betrachtung Gerade bei DIS ist es therapeutisch sehr wirksam, wenn wir als Therapeut: in den ganzen Menschen, das Leibsubjekt, in unserem „Blick“ anschauen und bewahren, ohne die vorhandene Zersplitterung auszublenden. Das ist oft eine Herausforderung, z. B. wenn ein Agens (Nijenhuis 2016) oder Anteil sehr viel Raum einnimmt und andere sich entsprechend unzureichend wahrgenommen, gesehen, berücksichtigt erleben. Sind wir in unserer inneren Haltung klar bezogen auf den ganzen Menschen, so teilt sich das über die nonverbalen 132 3 | 2025 Cornelia Jakob-Krieger Kommunikationskanäle, über Atmosphären in der Zwischenleiblichkeit (Petzold 2003; Fuchs 2015) dem / den Anderen mit und ist damit ein nicht zu unterschätzender Wirkfaktor für den Prozess des Zueinanderkommens der unterschiedlichen Anteile / Agenzien im Inneren unserer Patient: innen, so dass sie wieder Verbindungen zwischen den einzelnen Anteilen in ihrem Inneren entwickeln können. Doch wie bauen wir ausgehend von dieser inneren Haltung eine Beziehungsbasis auf? Dies ist möglich durch einen akzeptierenden Umgang mit Wechsel der Anteile oder Agenzien: ● Das, was sich bei der/ dem Patient: in zeigt, aufnehmen, annehmen: Wir vermitteln die Botschaft „Das, was zu Ihnen gehört, ist willkommen und hat hier seinen Platz“. ● Dazu gehört auch, den Wechsel von Agenzien / Anteilen zu akzeptieren, in Kontakt mit ihnen zu gehen und darum zu wissen, dass solche Wechsel einen Grund haben. Es ist hilfreich, die Ruhe zu bewahren, anzusprechen, dass vielleicht jemand anderer da ist, zu fragen, ob es in Ordnung ist zu wissen, wer da ist. Den Grund für den Wechsel im gemeinsamen Austausch / Ko-respondenzprozess zu erfahren, kann eine wichtige Information sein bzw. einen wichtigen Schritt im Entwicklungsprozess bedeuten: Es liegt z. B. eine aktuelle Irritation vor, oder ein Anteil fühlt sich sicher genug, um etwas zu berichten, was bisher nicht möglich gewesen ist, was wiederum auch für das Miteinander im Inneren wichtig sein kann. Werden solche Wechsel seitens des/ r Therapeut: in abgelehnt, kann das zu Blockaden im Prozess führen. ● Oft wird ein Wechseln der Anteile von Therapeut: innen als Vermeidung interpretiert. Das muss jedoch nicht stimmen. Ein Umgang mit einer solchen Situation im Sinne der gegenseitigen Wertschätzung, also Beziehung auf Augenhöhe, wäre das gemeinsame Explorieren, Erkunden: wer tut was warum-- ohne vorweg genommene Unterstellungen (was unhinterfragte Interpretationen gut sein können)- - im Sinne der oben genannten Intersubjektiven Ko-respondenz. ● Den Wechsel in der Therapie nicht zu erlauben, entspricht zudem der Haltung von Anteilen, die andere Anteile nicht haben wollen, sie vielleicht hassen oder Angst vor ihnen haben, und würde die Verbesserung der inneren Kommunikation ver- / behindern. ● Den Wechsel in der Therapie oder auch in Institutionen zu verbieten, kann auch als täteranaloges Verhalten erlebt werden, in dem Sinne: Auch hier muss ich anderen zu deren Zwecken gehorchen und darf nicht selbst bestimmen, was mich betrifft (Fremdbestimmung). Flexibilität Je ausgeprägter die Dissoziation ist, je mehr Anteile es gibt, umso mehr sind Therapeut: innen gefordert, flexibel auf die unterschiedlichsten Beziehungsanfragen (z. B. Anteile in unterschiedlichen Lebensaltern oder unterschiedlichen emotionalen Zuständen) zu antworten. Wenn sich Widerstand, Blockaden zeigen, kann es sein, dass der/ die Therapeut: in sich zu schnell, zu forsch oder in eine nicht passende Richtung bewegt. Auch solche Situationen sollten gemeinsam in der Beziehung untersucht und geklärt werden, in gegenseitigem Verstehen, z. B. von welchem Anteil kommt der Widerstand, was ist sein Anliegen? Was für einen Anteil gut ist, kann für einen anderen sehr bedrohlich sein. Soweit wie möglich sollten Interventionen vor der Ausführung angesprochen, beschrieben und mit einem möglichst großen Einverständnis im Gesamtsystem abgestimmt werden. Selbstbestimmung Ein ganz wesentlicher Punkt in der Beziehungsgestaltung ist der Respekt vor der Selbstbestimmung des/ r Patient: in. Menschen mit Grundsätze aus Sicht der Integrativen Leib- und Bewegungstherapie 3 | 2025 133 einer DIS sind extrem traumatisiert in einer Weise, die ihre Selbstbestimmung zu zerstören suchte. Viele sind dadurch „sich selbst abhanden“ gekommen. Anpassung haben sie als Teil der Traumatisierung gelernt, das sollte in der therapeutischen Beziehung nicht verstärkt werden. Deshalb ist das Erleben von Selbstbestimmung von so zentraler Bedeutung. Wir wollen einen gastlichen Raum schaffen, in dem die Menschen sich in ihrem Sosein anerkannt, wertgeschätzt und geschützt erleben. Erreichbarkeit Ein besonderer Beziehungsaspekt in der Begleitung von Menschen mit einer DIS ist die Absprache über eine Erreichbarkeit des/ r Therapeut: in außerhalb der Therapiesitzungen. Zu Beginn der Therapie kann es sein, dass der / die Therapeut: in der einzige „Anker“, der einzige nicht bedrohliche Außenkontakt ist. Dann sind zusätzliche Kontaktaufnahmeangebote notwendig. Dies gilt im Besonderen bei Menschen, die in bestimmten Kontexten traumatisiert wurden, für die es z. B. höchstbedrohliche Daten wie Weihnachten, Ostern, Fronleichnam etc. gibt. Dann können nach meiner Erfahrung Kontaktangebote lebensrettend sein. Diese Kontaktangebote sollten sehr sorgfältig, besonders von Seiten der Therapeut: innen, verabredet werden. Es ist nicht sinnvoll bzw. schädigend, wenn das Angebot von der/ dem Therapeut: in nicht eingehalten wird/ werden kann. Die Angebote sollten sicher leistbar, konkret verabredet und damit für die / den Patient: in berechenbar und zuverlässig sein, im größtmöglichen Kontrast zu Tätern, die unberechenbar, plötzlich kommen, wann sie wollen. Auch diese Angebote sollten eine Form haben, die die Selbstbestimmung der Patient: in sichert und fördert. Selbstüberforderung seitens der Therapeut: in ist hier niemandem dienlich. In diesen Zusammenhang gehört ein weiterer wesentlicher Teil der therapeutischen Arbeit (im Integrativen Verfahren gehört auch dieser Aspekt zur Begleitung von Menschen in Not): der Aufbau eines professionellen Netzwerkes, wenn noch nicht vorhanden. Die Begleitung von Menschen mit DIS ist so komplex in ihren Anforderungen, dass sie eine / n einzelne / n Therapeuten: in oft überfordert. D. h. sinnvoll ist der Aufbau eines kollegialen Netzes zwischen Hausarzt, Psychiater, Ergotherapie, Osteopathie, Physiotherapie (viele leiden unter unterschiedlichsten Schmerzzuständen), evtl. auch ambulant betreutes Wohnen- - bzw. wie es heute heißt: Assistenz in eigener Häuslichkeit. Integrative Leib- und Bewegungstherapie (IBT) Kleiner Exkurs zum komplexen Bewegungsbegriff in der IBT In der IBT verstehen wir Bewegung nicht nur als motorische Fortbewegung, motorisches Sich- Bewegen im Raum. Bewegung bedeutet Entwicklung auf allen Leibebenen. Wir gehen Wege zu uns selbst, zu anderen, in die Welt. Die IBT ist eine systematische methodische Suchbewegung. Wir arbeiten an der geistigen, emotionalen, sozialen und motorischen Beweglichkeit, an der Bewegung als Entschluss- und Willenskraft, im Verlauf der Zeit, ein Auf-dem- Weg-Sein und das auch in der Bewegung mit Mitmenschen, im Miteinander in wechselseitiger Beeinflussung (Höhmann-Kost 2009). Bedeutung des komplexen Bewegungsbegriffs für die Praxis Das bedeutet, dass vom ersten Moment der Kontaktaufnahme leib- und bewegungstherapeutische Interventionen stattfinden. Wie gehen wir aufeinander zu, verbal und nonverbal? Stimme, Aussprache, Wortwahl, Mimik, Blickqualität, Atmung, Haltung, Gestik, Spannungsgrad, Bewegungsdynamik- - all das wirkt von Patient: in und Therapeut: in auf Patient: in und Therapeut: in, wirkt auf die Beziehungsgestaltung und gibt gleichzeitig diagnostische Anhaltspunkte. 134 3 | 2025 Cornelia Jakob-Krieger Welche Phänomene wir aufgreifen und in ihrer Wirkung auf die Lebensgestaltung unserer Patient: innen mit ihnen gemeinsam erkunden, in ihrer Bedeutung erfassen, verstehend ausloten und im besten Fall einer für die Patient: in konstruktiven Veränderung zuführen können, hängt von vielen Faktoren ab. Beziehung ist Bewegung Typische bewegungstherapeutische Angebote sind oft gar nicht möglich, bleiben bei DIS-Patient: innen in der Regel ohne anhaltende Wirkung, auch wenn die Patient: innen in ihrem erlernten Anpassungsverhalten mitmachen. Wie oben beschrieben, ist das eigenleibliche Spüren aus guten Gründen gemindert bis hin zu „abgeschaltet“. Da hilft auch ein Wiederholen / Üben erst einmal nicht viel, da die fehlende Wahrnehmung ein wichtiger Schutz ist. Am Anfang steht der Beziehungsaufbau, die Beziehungsgestaltung, die eine Bewegung ist: eine Bewegung aufeinander zu und dann auch wieder voneinander weg, eine ständige Nähe- / Distanzregulation in Bezogenheit. Und hier findet, ohne dass es explizit benannt wird (das könnte zu gefährlich sein und wieder abgeblockt werden), ein Sich-und-den-Anderen-Spüren statt. Je geduldiger und sorgfältiger dieser Phase Zeit gewidmet wird, umso tragfähiger wird der Beziehungsboden zu sich selbst, dem Gegenüber und der weiteren Umwelt, auf dem dann auch mehr und anderes möglich werden kann. Imitationslernen Über das Erfahren und Erlernen der Beziehungsgestaltung zum / zur Therapeut: in kann sich über den Weg des Imitationslernens auch die Beziehung zu sich selbst, zum eigenen Innenleben, verbessern. Das Erkennen und das eigene Anerkennen der inneren Vielgestaltigkeit macht im Verlauf die Wahrnehmungsblockierung überflüssig. Diesen Schutz braucht es dann nicht mehr. Exemplarisches Vorgehen in der ersten Sitzung Wie kann ein Anfang sein? ● Die folgenden beiden Angebote können dazu dienen, eine Sicherheit aufzubauen im Hinblick darauf, die eigene Kontrolle zu behalten, Dinge, die nicht passen, verändern zu können und auch zu dürfen mit dem ausgesprochenen Satz „Hier passiert nur, wozu Sie zustimmen.“ ● Da, wo sich das Bedürfnis zeigt, geben wir die Möglichkeit, den Raum, in dem wir uns befinden und zusammen arbeiten werden, kennenzulernen, abzuschreiten, in die Ecken zu schauen, den eigenen Platz zu finden (bewegungstherapeutische Angebote, die uns schon einige diagnostische Informationen geben können: Wie bewegt sich der Mensch im Raum, tut er es überhaupt oder schaut er sich sofort, vielleicht ängstlich, nach einem Platz zum Sitzen um; setzt er sich überhaupt; wenn ja, wie, zögerlich, langsam, schnell, auf die Stuhlkante oder nimmt er Platz; beobachtet er mich; ist es ein Schauen oder ein „Scannen“; ist Blickkontakt überhaupt möglich, wenn ja, wie; etc.). ● Überprüfen des Settings der Plätze (Patient: in- - Therapeut: in) und gemeinsames Finden der bestmöglichen Konstellation zueinander (und auch hier wieder: welche Phänomene können wir wahrnehmen). ● Der nächste Schritt kann dann die Frage nach dem Anliegen sein. ● Der/ die Therapeut: in sollte im Sinn haben, dass vieles triggern kann (z. B. Blicke, Worte, unsere Kleidung, Schmuck; auch Gegenstände im Raum etc.). Das kann sich z. B. darin zeigen, dass der/ die Patient: in plötzlich in einer Bewegung stoppt oder auch erstarrt oder dass der Blick starr und/ oder schreckgeweitet auf etwas Bestimmtes gerichtet wird. Das sollte dann unbedingt aufgegriffen und eine Möglichkeit angeboten werden, dies zu verändern: Der Gegenstand kann aus dem Raum entfernt wer- Grundsätze aus Sicht der Integrativen Leib- und Bewegungstherapie 3 | 2025 135 den, Schmuck kann abgelegt werden, Worte, Blicke, Gesten können von der Therapeut: in angesprochen und behutsam mit dem / der Patient: in exploriert und ausgehandelt werden, was wie möglich ist, ohne sofort die Quelle des Triggers suchen oder benennen zu wollen. Dafür gibt es zu diesem Zeitpunkt noch keinen Beziehungsboden. Wir bleiben am Phänomen und versuchen, gemeinsam einen Weg zu finden, auszuhandeln, der für den / die Patient: in erträglich ist. Der weitere Verlauf ist sehr unterschiedlich. Bei Menschen, die mit einer DIS leben, sind die Ausprägungen und individuellen Innenwelten so verschieden, dass sich im Konkreten keine Handlungsabläufe anregen oder anleiten lassen. Wesentlich ist aus meiner Erfahrung, darauf zu achten, dass der „locus of control“ (Rotter 1966) bei den betroffenen Menschen bleibt und dass unser Beziehungsangebot eines auf Augenhöhe ist. Ist eine relativ tragfähige Beziehung entwickelt (wir müssen damit umgehen können, dass diese immer wieder auch über belastendes Verhalten seitens der Patient: innen überprüft werden kann), hat sich in der Praxis der Einsatz von Gegenständen bewährt. Auch hier ist es wichtig, im Miteinander sorgfältig Triggerpotenziale zu überprüfen und auszuschalten. Sind Gegenstände unbelastet, können sie sehr gute Arbeitsmaterialien sein, da sie implizit Distanzierungsmöglichkeiten enthalten: zum Beispiel mit einem Tuch oder einem Seil einen Raum legen, in dem dann durch Gegenstände symbolisiert Personen dargestellt, in Beziehung zueinander gesetzt werden, Szenen entstehen und so einer Bearbeitung zugänglich gemacht werden können (für eine detaillierte Beschreibung dieser Interventionsmöglichkeit siehe Eberhard-Kaechele in dieser Ausgabe). Gute Erfahrungen habe ich auch mit Bewegungsangeboten in der Natur gemacht: gemeinsames Spazierengehen, Nordic Walking, Fahrradfahren, Klettern-- als Einstimmung, um es dann in eigener Regie weiterzuführen. Enden möchte ich mit der Weitergabe einer Information, die mir viele meiner Patient: innen in der Reflexion unseres gemeinsamen therapeutischen Weges gegeben haben: Das, was ihnen am meisten und tiefgreifendsten heilsam auf ihrem Weg geholfen habe, sei unsere gemeinsame Beziehungserfahrung gewesen. Die oben beschriebenen Konzepte kann ich als essentiell für die eigene Grundhaltung nennen, als unterstützend für die Beziehungsgestaltung mit so komplex lebenden und leidenden Menschen. Literatur Eberhard-Kaechele, M. (2025): Objekt-Installationen zur Förderung der Persönlichkeitsintegration bei Dissoziativen Identitätsstörungen in der Tanztherapie / Körperpsychotherapie. körper-- tanz-- bewegung 13 (3), https: / / doi. org/ 10.2378/ ktb2025.art18d Fuchs, T. (2015): Wege aus dem Ego-Tunnel. Zur gegenwärtigen Bedeutung der Phänomenologie. Deutsche Zeitschrift für Philosophie 63 (5), 801-823, https: / / doi.org/ 10.1515/ dzph-2015- 0059 Höhmann-Kost, A. (2009): Der komplexe Bewegungsbegriff. In: Waibel, M. J., Jakob-Krieger, C. (2009): Integrative Bewegungstherapie. Störungsspezifische und ressourcenorientierte Praxis. Schattauer, Stuttgart, 21-25 Merleau-Ponty, M. (1966): Phänomenologie der Wahrnehmung. Walter de Gruyter & Co, Berlin, https: / / doi.org/ 10.1515/ 9783110871470 Nijenhuis, E. (2016): Die Trauma-Trinität. Ignoranz-- Fragilität-- Kontrolle. 3 Bände. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, https: / / doi. org/ 10.13109/ 9783666402616 Petzold, H. G. (2003): Integrative Therapie. 3 Bände. Überarb. Neuaufl. Junfermann, Paderborn Petzold, H. G. (1996): Der „Andere“-- der Fremde und das Selbst. Tentative, grundsätzliche und persönliche Überlegungen für die Psychotherapie anlässlich des Todes von Emmanuel Lévinas (1906-1995). Integrative Therapie 22 (2-3), 319-349 136 3 | 2025 Cornelia Jakob-Krieger Petzold, H. G., Sieper, J. (2012): „Leiblichkeit“ als „Informierter Leib“ embodied and embedded. Körper-Seele-Geist-Welt-Verhältnisse in der Integrativen Therapie. Quellen und Konzepte zum „psychophysischen Problem“ und zur leibtherapeutischen Praxis. In: www.fpi-publikation. de/ polyloge/ 21-2012-petzold-h-g-sieper-j- 2012aleiblichkeit-als-informierter-leibembodied-and, 8.3.2025 Rotter J. B. (1966): Generalized expectancies for internal vs. external control of reinforcement. Psychological Monographs: General and Applied 80 (1), 1-28, https: / / doi.org/ 10.1037/ h0092976 Van der Hart, O., Nijenhuis, E. R. S., Steele, K. (2008): Das verfolgte Selbst. Strukturelle Dissoziation und die Behandlung chronischer Traumatisierung. Junfermann, Paderborn Van der Kolk, B. (2015): Verkörperter Schrecken. Traumaspuren in Gehirn, Geist und Körper und wie man sie heilen kann. G. P. Probst, Lichtenau Cornelia Jakob-Krieger Dipl. Supervisorin (DGSv), Integrative Leib- und Bewegungstherapeutin, Lehrtherapeutin (EAG-FPI, Hückeswagen), Körperpsychotherapie, Traumatherapie, seit 35 Jahren niedergelassen in eigener Praxis. ✉ Cornelia Jakob-Krieger Westwall 31 | D-47608 Geldern praxis.jakob-krieger@t-online.de