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Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Aktuelles aus der Forschung: Aktuelle Studien zur Förderung und Entlastung von Kindern
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Iris Bräuninger
In dieser Ausgabe zu aktuellen Studien werden zwei Arbeiten präsentiert, welche sich mit Interventionsangeboten für Kinder befassen: Die erste Studie wurde als ambulantes Gruppen-Psychomotoriktherapie-Angebot zwischen 2017 und 2019 an einer griechischen Universität für Kinder mit und ohne ADHS durchgeführt. Das zweite Projekt entstand als Kooperation einer Stiftung, eines Verbandes, mehrerer Hochschulen und lokaler Organisationen nach der hundertjährigen Hochwasserkatastrophe im deutschen Ahrtal im Juli 2021.
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Aktuelles aus der Forschung 152 körper-- tanz-- bewegung 13. Jg., S. 152-154 (2025) DOI 10.2378 / ktb2025.art21d © Ernst Reinhardt Verlag Aktuelle Studien zur Förderung und Entlastung von Kindern Iris Bräuninger Einführung In dieser Ausgabe zu aktuellen Studien werden zwei Arbeiten präsentiert, welche sich mit Interventionsangeboten für Kinder befassen: Die erste Studie wurde als ambulantes Gruppen- Psychomotoriktherapie-Angebot zwischen 2017 und 2019 an einer griechischen Universität für Kinder mit und ohne ADHS durchgeführt. Das zweite Projekt entstand als Kooperation einer Stiftung, eines Verbandes, mehrerer Hochschulen und lokaler Organisationen nach der hundertjährigen Hochwasserkatastrophe im deutschen Ahrtal im Juli 2021. Wirksamkeit der Gruppen-Psychomotoriktherapie bei Vorschulkindern mit und ohne ADHS Kambas und Kolleg: innen (2025) untersuchten in einer Interventionsstudie, ob sich nach einer 27-wöchigen Gruppen-Psychomotoriktherapie (G-PMT) die motorischen und sozial-emotionalen Kompetenzen bei Vorschulkindern verbesserten. An der Studie nahmen 54 Kinder teil (M- Alter = 61.80 Monate + / −5.40 Monate, 31 Jungen, 23 Mädchen), davon 19 mit ADHS-Diagnose und 35 ohne ADHS. Ausgeschlossen wurden Kinder, falls sie zuvor an einem physischen Aktivierungsprogramm teilgenommen hatten oder ADHS-Medikation erhielten. Im Vor- Test/ Nach-Test wurden anhand eines motorischen Screeningtests für Vorschulkinder die motorischen Kapazitäten (MK) (DEMOST-PRE) und anhand zweier Subskalen die Soziale Kompetenz (SK) und die Emotionale Kompetenz (EK) des „Psychosocial Adjustment Tests“ geprüft (within-group). Die G-PMT-Interventionen wurden an Zimmers (2006) Prinzipien ausgerichtet (Erlebnisse zwischen Körper, sozialer Interaktion und Material), und die Lektionen setzten sich aus drei Komponenten zusammen: a) Aufwachphase zur Bildung der Gruppenkohäsion, b) therapeutischer Kern zur Entwicklung motorischer, kognitiver, sozialer und emotionaler Fähigkeiten und c) abschließende Entspannungsrituale. Die Ergebnisse konnten aufzeigen, dass sich in beiden Gruppen im Prä-Test/ Post- Test-Vergleich alle drei Kompetenzen signifikant verbesserten (aufgeführt werden nur Post- Test-Ergebnisse: motorische Kapazitäten ADHS: t = 6.39, p < .001, d = 2.01, Nicht-ADHS: t = 8.33, p < .001, d = 2.08; soziale Kompetenz ADHS: t = 5.68, p < .001, d = 1.8, Nicht-ADHS: t = 2.45, p <. 05., d = .61; emotionale Kompetenz ADHS: t = 15.76, p < .001, d = 3.94, Nicht-ADHS: t = 11.11, p < .001, d = 3.52). Der Between-Group-Vergleich ergab darüber hinaus, dass sich die emotionale Kompetenz der ADHS-Gruppe im Vergleich zur Nicht-ADHS-Gruppe in der Nachuntersuchung signifikant weniger verbesserte (t = 8.76, Aktuelles aus der Forschung 153 3 | 2025 p < .001, d = 3.53). Insgesamt konnte nachgewiesen werden, dass sich in beiden Gruppen alle drei Kompetenzen MK, SK und EK nach einer Gruppen-Psychomotoriktherapie signifikant verbesserten. Theatertherapie zur Stärkung der Resilienz bei Kindern nach der Flutkatastrophe Die Studie von Koch und Kolleg: innen (2025) untersuchte die Wirksamkeit eines Theater- Workshops auf die Resilienz von Kindern nach der Flutkatastrophe im Ahrtal in Deutschland im Juli 2021. Insgesamt nahmen etwa 600 Kinder an den Workshops teil, wovon 238 Kinder im Alter von drei bis 11 Jahren in die Hauptauswertung einbezogen wurden. Die Workshops dauerten fünf Tage lang (Montag bis Freitag) je drei Stunden täglich: An vier Tage nahmen die Kinder teil, am letzten Tag das pädagogische Personal. Folgende Hypothesen wurden überprüft: „H1a: Vom Zeitpunkt vor und nach der Überschwemmung nimmt die Resilienz der Kinder ab (im Nachhinein beobachtet). H1b: Vom Vortest bis zum Nachtest der Workshopwoche nimmt die Resilienz der Kinder zu; mit einem signifikanten Unterschied im Vergleich zur Veränderung während der Kontrollwoche [Effekt zwischen der Interventionsbzw. Experimentalgruppe (EG) und der Kontrollgruppe (KG)]. H1c: Vom Nachtest nach dem Workshop bis zur Nachuntersuchung nimmt die Resilienz der Kinder zu. Wir haben außerdem die Hypothese aufgestellt, dass H1d die Intervention (aus Sicht der Pädagogen) durchführbar und akzeptabel ist.“ (Koch et al. 2025, 3 f, Übersetzung durch die Autorin). Die Assessments erfolgten durch das pädagogische Personal, die die Resilienz der Kinder anhand einer 10-Punkte-Skala an fünf verschiedenen Zeitpunkten bewertete: vor der Flut, unmittelbar nach der Flut (im Rückblick), vor und nach den Workshops sowie sechs Wochen im Anschluss an den Workshop. Zur Messung wurde eigens die Child Resilience Scale (CRS) mit sechs Dimensionen entwickelt: Entspannung, Freude, Kontaktverhalten, Ausdrucksfähigkeit, Resilienz und Aufmerksamkeit. Zusätzlich wurden Kontrollgruppen beobachtet, die vor den Workshops eine Woche am regulären Schulunterricht teilnahmen. Die Workshops wurden von ausgebildeten Drama-Therapeut: innen durchgeführt und folgten einem festen Manual, das zum Ziel hatte, die Kinder durch Geschichten, Spiele, kreative Aktivitäten und Reflexionen in ihren Ressourcen, ihrer Resilienz und ihrer psychosozialen Gesundheit zu stärken, ohne direkt auf das Trauma der Flut einzugehen. Die Teilnahme am Workshop war freiwillig und kostenlos, die Akzeptanz des Programms hoch. Die Ergebnisse zeigten: Alle vier Hypothesen wurden bestätigt. Zwar schwankte die Resilienz der Kinder im Verlauf der Studie signifikant: Vor der Flut war die Resilienz relativ hoch, sank unmittelbar danach und vor den Workshops, stieg aber nach den Workshops deutlich an und erhöhte sich noch weiter im Follow-Up-Zeitraum. Der Vergleich zwischen der EG und der KG zeigte weiter, dass die EG-Teilnehmenden während der Workshop-Woche eine signifikant stärkere Zunahme ihrer Resilienz aufwiesen im Vergleich zur KG. Die Veränderung war moderat, aber statistisch bedeutsam. Zudem wurden Unterschiede in der Wirkung durch Alter, Schulart (Kindergarten vs. Schule) und den Schweregrad der Betroffenheit festgestellt: Ältere Kinder, Schulkindergartenkinder und weniger stark Betroffene profitierten vom Angebot mehr. Zusammenfassung Die Ergebnisse der Interventionsstudie von Kambas und Kolleg: innen (2025) sind vielversprechend, zeigen sie doch eine nicht-medikamentöse Option oder Ergänzung für die Behandlung von Vorschulkindern mit ADHS durch eine Gruppen-Psychomotoriktherapie auf. Of- 154 Iris Bräuninger 3 | 2025 fene Fragen gegenüber der Belastbarkeit der Ergebnisse bleiben, weitere Studien mit Kontrollgruppen-Design (RCT) sind indiziert, um differenziertere Schlussfolgerungen ziehen zu können. Das Hauptergebnis der Studie von Koch und Kolleg: innen (2025) konnte zeigen, dass sich schon ein viertägiger wissenschaftlich fundierter manualisierter Theatertherapie-Workshop als erfolgreich erwies, die Resilienz von Kindergarten- und älteren Kindern nach einer Naturkatastrophe zu stärken. Für die Unterstützung jüngerer Kinder empfehlen die Autor: innen weitere Studien mit angepassten Inhalten und vermutlich einer längeren Interventionsdauer. Literatur Kambas, A., Venetsanou, F., Kelaraki, D., Karageorgopoulou, M. (2025): Group psychomotor therapy improves socio-emotional and motor competence of pre-school aged children, with and without attention deficit hyperactivity disorder. Body, Movement and Dance in Psychotherapy (Preprint), 1-17, https: / / doi.org/ 10.108 0/ 17432979.2025.2483278 Koch, S. C., Stange, S., Ernst, N., Kinnen, J., Juhart, M., Gruber, H., Schlüter, M., Schwab de Ribaupierre, U., Merschmeyer, B., Klees, S., Junker, J., Hues, H. (2025): „Strong Kids“: Effects of drama therapy on child resilience after the 2021 German flood disaster. The Arts in Psychotherapy 92 (11), 10225, https: / / doi.org/ 10.1016/ j.aip.2025.102254 Zimmer, R. (2006): Handbuch der Psychomotorik: Theorie und Praxis der psychomotorischen Förderung von Kindern. Herder, Freiburg i. B. Dr. Iris Bräuninger Senior Researcher (Hochschule für Heilpädagogik Zürich IVE), Tutorin MA Tanztherapie UAB Barcelona, BTD-Supervisorin / Ausbilderin / Lehrtherapeutin, KMP-Notatorin, Praxis Tanztherapie Supervision Bodensee. ✉ Dr. Iris Bräuninger dancetherapy@mac.com oder iris.braeuninger@hfh.ch
