körper tanz bewegung
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2195-4909
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/ktb2025.art27d
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Aktuelles aus der Forschung: Aktuelle Studien zu Tanz und Tanztherapie im Schulsetting zur Reduktion emotionaler Probleme
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Iris Bräuninger
Diese Ausgabe stellt die Ergebnisse von drei Studien zur Reduktion emotionaler Probleme durch Tanz und Tanz-, Bewegungstherapie (TT) im Bildungsbereich vor: einen Systematischen Review mit Metaanalyse von Huang (2025), einen Scoping Review von Du et al. (2025) sowie eine Mixed-Methods-Studie zur Wirksamkeit von Tanz-, Bewegungstherapie gegen ethnisches Mobbing (Prakash et al. 2024).
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Aktuelles aus der Forschung 203 körper-- tanz-- bewegung 13. Jg., S. 203-206 (2025) DOI 10.2378 / ktb2025.art27d © Ernst Reinhardt Verlag Aktuelle Studien zu Tanz und Tanztherapie im Schulsetting zur Reduktion emotionaler Probleme Iris Bräuninger D iese Ausgabe stellt die Ergebnisse von drei Studien zur Reduktion emotionaler Probleme durch Tanz und Tanz-, Bewegungstherapie (TT) im Bildungsbereich vor: einen Systematischen Review mit Metaanalyse von Huang (2025), einen Scoping Review von Du et al. (2025) sowie eine Mixed-Methods- Studie zur Wirksamkeit von Tanz-, Bewegungstherapie gegen ethnisches Mobbing (Prakash et al. 2024). Systematischer Review mit Metaanalyse zu Tanz und Tanztherapie zur Förderung emotionalen und sozialen Wohlbefindens Der Systematische Review mit Metaanalyse und qualitativer Auswertung von Huang (2025) untersuchte die Rolle des Tanzes als therapeutisches Mittel zur Förderung des emotionalen Wohlbefindens, der sozialen Interaktion sowie die Wirksamkeit von TT-Programmen in Bildungseinrichtungen. Die Recherche erfolgte unter anderem in den Datenbanken JSTOR, Web of Science, Google Scholar, ResearchGate und PubMed. Einschlusskriterien waren Peer-reviewte Artikel, Dissertationen und Berichte ab 2017, qualitative Studien, systematische Übersichtsarbeiten, Fallstudien und Interventionen, englischsprachige Literatur, Studien zu Tanztherapie im schulischen Kontext und Studien zu emotionalem Wohlbefinden oder sozialen Beziehungen. Anhand des PRISMA-Flussdiagramms wurden 80 Artikel identifiziert, die im Abstract und Volltext geprüft wurden. In die abschließende Analyse gingen neun Studien ein. Mit einer gezielte Stichprobenauswahl wurde sichergestellt, dass nur hochwertige und relevante Arbeiten berücksichtigt wurden, welche die Bedeutung von TT im schulischen Kontext thematisierten. Die Autorin schlussfolgert, dass Tanz und Tanztherapie ein wirksames Mittel zur Verbesserung der emotionalen und sozialen Entwicklung von Schüler: innnen darstellt, und empfiehlt, Tanz als Intervention in den Schulalltag einzubeziehen, da Tanz darin unterstützt, verschiedene Emotionen auszudrücken und die soziale Persönlichkeitsentwicklung zu fördern. Scoping Review zu Tanz zur Förderung des Wohlbefindens Der Scoping Review von Du et al. (2025) beschäftigte sich mit der Frage, ob Tanz als Intervention zur Förderung des Wohlbefindens im Bildungskontext beitragen kann. Zur Überprüfung der Frage orientierte sich die Scoping- Analyse an der Methodik des Joanna Briggs Institute (JBI) für Scoping-Reviews (Peters et 204 Iris Bräuninger 4 | 2025 al., Version 2020) und PRISMA-ScR-Richtlinien. Eingeschlossen wurden englischsprachige Studien. Population: Kinder, Jugendliche, Erwachsene; Intervention: Tanz als therapeutische Intervention im Bildungskontext zur Förderung psychologischen Wohlbefindens. Ausgeschlossen wurden Studien, welche nur körperliche Ergebnisse erhoben oder Tanz mit anderen Interventionsarten kombinierten. Die Suche erfolgte in zehn elektronischen Datenbanken. Von 1168 identifizierten Artikeln wurden nach Entfernung der Duplikate 962 gescannt und davon 112 im Volltext untersucht. Es erfüllten 46 die Einschlusskriterien. Zwei Autor: innen extrahierten unabhängig voneinander die Volltexte mithilfe eines standardisierten Formulars (Covidence) und übertrugen in Excel die Titel, Autor: innen, Publikationsjahr, Forschungsdesign, Intervention (Tanzmodalitäten, Beschreibung experimenteller und Kontrollinterventionen, Lektionsdauer, Follow-Up), Population (inkl. Länder), spezifische Ergebnisse und Messungen zum psychischen Wohlbefinden und Wirksamkeit der Tanzinterventionen. Die Ergebnisse bildeten alle Bildungsstufen ab: Tertiärstufe (32,6 %, inkl. Universitäten), Sekundarstufe (32,6 %), Grundschule (23,9 %) und frühkindliche Bildung (4,2 %). Die Altersspanne der Teilnehmer: innen lag zwischen 3 und 47 Jahren, davon waren 67,7 % weiblich. Die Ergebnisse ergaben: 1. Seit 2017 zeichnet sich ein deutlicher Anstieg an wissenschaftlicher Forschungstätigkeit zu Tanzinterventionen mit Fokus auf das psychische Wohlbefinden in Bildungseinrichtungen ab (dennoch ist die Anzahl jährlicher Publikationen nach wie vor gering). 2. Ort: Zwei Drittel der Forschung wurde in Europa durchgeführt (mit Großbritannien an erster Stelle: 30,4 %), gefolgt von Asien (21,7 %.) 3. Methode: Etwa vier von fünf Studien waren quantitative (58,6 %) oder Mixed Methods Studien (19,5 %), 21,7 % waren qualitative Studien. 4. Intervention: Tanztherapie wurde als Intervention am häufigsten genannt (43,4 %), gefolgt von Fitness / Wellness / Tanz (etwa 1/ 5) und Tanz-Performance (etwa 1/ 5), das restliche Fünftel verteilt sich auf Tanzprojekte, Gesellschaftstänze und andere. 5. Interventionsdauer: Knapp die Hälfte der Studien (n=21) führten 6-12 Wochen als Dauer auf, gefolgt von weniger als 6 Wochen (n=15). 6. Messungen: Am Häufigsten wurde psychisches Wohlbefinden (n=41) erhoben, gefolgt von sozialem (n=19) und physischem Wohlbefinden (n=12). Die fünf häufigsten eingesetzten Messinstrumente hierfür waren EQ-5D-Y, SDQ, ESCQ, PSS und der Kidscreen-52-Fragebogen. Fazit: 1. Es konnten positive Effekte durch tanzbasierte Interventionen auf das psychische Wohlbefinden in verschiedenen Bildungsphasen nachgewiesen werden. 2. Es existieren nur begrenzte Belege für deren langfristige Wirksamkeit. 3. Es besteht Bedarf an theoriegeleiteten Interventionen, einem ausgewogenen Geschlechterverhältnis der Teilnehmer: innen und langfristiger Wirksamkeitsforschung in diesem Bereich. Eine Mixed-Methods-Studie zur Wirksamkeit von Tanz-, Bewegungstherapie auf Empathie, Beziehungen zu Gleichaltrigen und kultureller Selbstwirksamkeit in der Mittelstufe Ziel der 10-Mixed-Methods-Interventionsstudie von Prakash et al (2024) war es, die Wirkung von TT auf Empathie, Peer-Beziehungen und kulturelle Selbstwirksamkeit bei ethnisch diver- Aktuelles aus der Forschung 205 4 | 2025 sen Schüler: innengruppen der Mittelstufe zu untersuchen, um ethnisches Mobbing zu reduzieren. Teilnehmen konnten Schüler: innen aller Geschlechter und ethnischer Zugehörigkeit mit Interesse an Diversitätsfragen und interkultureller Kompetenz. Schüler: innen mit körperlichen oder kognitiven Einschränkungen oder oppositionellem Trotzverhalten oder Verhaltensstörungen wurden ausgeschlossen. In einer ersten Screening-Runde via datengeschützter Zoom-Plattform wurden die Teilnehmer: innen rekrutiert. Insgesamt nahmen 21 Schüler: innen aus drei verschiedenen Schulen (die meisten in der 5. oder 6. Klasse) nach schriftlicher Einverständniserklärung teil, sieben Teilnehmende brachen die Studie vorzeitig ab (Durchschnittsalter: 10,4 Jahre; 52 % weiblich, 43 % männlich; 57 % weiß, 29 % schwarz, 14 % gemischte Herkunft). Anhand standardisierter Messzeitpunkte wurde Empathie, Peer-Beziehungen und kulturelle Selbstwirksamkeit in Woche 1, 5 und 10 erhoben. Die qualitativen Daten wurden durch kurze wöchentliche Feedbacks (5-10 Minuten) und halbstrukturierte Abschlussinterviews (15-20 Minuten) zu körperlichen und emotionalen Erfahrungen erhoben. Jede der wegen Covid von 12 auf 10 gekürzten 50-minütigen Therapiestunden bestand aus einem verbalen Check-in mit bewegungsbasierter Darstellung der aktuellen Stimmung, einem angeleiteten Warm-up, einer Hauptphase mit kreativen, ausdrucksstarken Bewegungsinteraktionen sowie einem Cooldown und abschließender Gruppendiskussion (10 Themen: 1. Sich kennenlernen, 2. Körperwahrnehmung, 3. Selbstmitgefühl, 4. meine Emotionen verstehen, 5. räumliche Wahrnehmung, 6. Kontakt aufnehmen, Verbindungen schaffen, 7. emotionales Ausdrucksverhalten anderer verstehen, 8. Respektvoller Austausch, 9. Mitgefühl zeigen / Gemeinsamkeiten finden, 10. Gegenseitige Unterstützung). Die Ergebnisse sind uneinheitlich: Während die quantitativen Ergebnisse keine signifikante Verbesserung zeigten, lassen die qualitativen Rückmeldungen auf einen positiven Einfluss bei Empathie, Peer-Beziehungen oder kultureller Selbstwirksamkeit schließen. Zusammenfassung Das Interesse scheint zu wachsen, Tanz und Tanztherapie als Intervention in Bildungseinrichtungen zu nutzen, um das psychische Wohlbefinden von Schüler: innen zu stärken. Die Ergebnisse der ersten beiden Studien konnten die Wirksamkeit tanzbasierter Interventionen auf das psychische Wohlbefinden in verschiedenen Bildungsphasen nachweisen. Insbesondere wiesen Du et al. (2025) die positive Wirkung von TT als Intervention im Schulsetting nach, um Wohlbefinden zu fördern. Hingegen sind die Ergebnisse der Mixed-Methods- Studie gegen ethnisches Mobbing durch TT uneinheitlich (Prakash et al. 2024). Zukünftige Forschungsarbeiten können neben der kurzfristigen Wirksamkeitsüberprüfung auch Langzeiteffekte überprüfen. Tanz- und insbesondere tanztherapeutische Interventionen sollten neben empirischer Fundierung auch vermehrt theoriegeleitet begründet werden. Literatur Du, M., Hancox, J. E., Hooper, O., Sandford, R., Huang, C. (2025): Dancing towards wellbeing: a scoping review of dance interventions for therapeutic purposes in educational settings. International Review of Sport and Exercise Psychology, 1-37, https: / / doi.org/ 10.1080/ 1750984X.2025.2471759 Huang, M. (2025): Dance as a therapeutisc tool: Enhancing emotional and social well-being in educational settings. Arts Educa 43, 2, https: / / orcid.org/ 0009-0002-2025-6495 Peters, M. D., Godfrey, C., McInerney, P., Munn, Z., Tricco, A. C., Khalil, H., Munn, Z. (2020): JBI manual for evidence synthesis, 406-451. In: synthesismanual.jbi.global, https: / / doi. org/ 10.46658/ JBIMES-24-09 206 Iris Bräuninger 4 | 2025 Prakash, N., Goodill, S., Sood, S., Vader, D. T., Moore, R. H., Beardall, N., Shim, M. (2024): Examining the impact of dance / movement therapy on empathy, peer relationships, and cultural self-efficacy in middle school: A mixed methods study. Social Sciences & Humanities Open 10, https: / / doi.org/ 10.1016/ j.ssaho. 2024.100998 Dr. Iris Bräuninger Senior Researcher (Hochschule für Heilpädagogik Zürich IVE), Tutorin MA Tanztherapie UAB Barcelona, BTD-Supervisorin / Ausbilderin / Lehrtherapeutin, KMP-Notatorin, Praxis Tanztherapie Supervision Bodensee. ✉ Dr. Iris Bräuninger dancetherapy@mac.com oder iris.braeuninger@hfh.ch Liebe Abonnentinnen und Abonnenten, der Bezugspreis der Zeitschrift körper - tanz - bewegung (ktb) für private Direktkunden erhöht sich ab 2026 minimal auf € 57,-. Für Nicht-Private / Institutionen wird der Preis für das Jahres- Einzelabonnement auf € 78,- angehoben, jeweils zuzüglich Versandkosten. Wenn Universitäten mit bisherigem Einzelabo auf eine Campuslizenz aufstocken wollen, bitten wir um Nachricht an vertrieb@reinhardt-verlag.de. 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