eJournals körper tanz bewegung14/1

körper tanz bewegung
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2195-4909
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/ktb2026.art02d
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Fachbeitrag: Somatische Ressourcen in der ­kunsttherapeutischen Praxis

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Johanna Schimkowitsch
Die vorliegende qualitative Studie untersucht körperbezogene Aspekte der Kunsttherapie bei Kindern in Trennungs- und Scheidungssituationen. Anhand von vier leitfadengestützten Expert:inneninterviews wird aufgezeigt, wie somatisch orientierte Kunsttherapie zur Verarbeitung von Trennungserfahrungen beiträgt. Die Ergebnisse deuten an, dass körper­orientierte kunsttherapeutische Methoden zu Veränderungen in der Emotionsregulation beitragen. Dabei sind taktile Erfahrungen, Bewegung und Atemarbeit zentrale Wirkelemente. Die Studie gibt Hinweise, wie körperbezogene Kunsttherapie - eingebettet in entsprechende Rahmenbedingungen, therapeutische Haltung und eine tragfähige Therapeut:in­Klient:in-Beziehung - einen geschützten Raum für die somatische Verarbeitung familiärer Krisen schaffen kann.
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Fachbeitrag 2 körper-- tanz-- bewegung 14. Jg., S. 2-8 (2026) DOI 10.2378/ ktb2026.art02d © Ernst Reinhardt Verlag Somatische Ressourcen in der kunsttherapeutischen Praxis Johanna Schimkowitsch Die vorliegende qualitative Studie untersucht körperbezogene Aspekte der Kunsttherapie bei Kindern in Trennungs- und Scheidungssituationen. Anhand von vier leitfadengestützten Expert: inneninterviews wird aufgezeigt, wie somatisch orientierte Kunsttherapie zur Verarbeitung von Trennungserfahrungen beiträgt. Die Ergebnisse deuten an, dass körperorientierte kunsttherapeutische Methoden zu Veränderungen in der Emotionsregulation beitragen. Dabei sind taktile Erfahrungen, Bewegung und Atemarbeit zentrale Wirkelemente. Die Studie gibt Hinweise, wie körperbezogene Kunsttherapie-- eingebettet in entsprechende Rahmenbedingungen, therapeutische Haltung und eine tragfähige Therapeut: in- Klient: in-Beziehung-- einen geschützten Raum für die somatische Verarbeitung familiärer Krisen schaffen kann. Schlüsselbegriffe Kunsttherapie, Körperpsychotherapie, Kinder, Scheidung, somatische Verarbeitung, Emotionsregulation Somatic Resources in Art Therapy Practice This qualitative study examines body-related aspects of art therapy for children in separation and divorce situations. Based on four guided expert interviews, the study demonstrates how somatic oriented art therapy contributes to processing separation experiences. Results indicate that body-oriented art therapy methods support changes in emotional regulation. Tactile experiences, movement, and breath work are central therapeutic elements. The study provides information on how bodyrelated art therapy-- embedded in appropriate frameworks, a therapeutic approach, and a supportive therapist-client relationship-- can create a-safe space for the somatic processing of family crises. Key words art therapy, body psychotherapy, children, divorce, somatic processing, emotion regulation K inder in Trennungs- und Scheidungssituationen zählen zu einer besonders vulnerablen Gruppe. In Österreich waren 2023 über 18.000 Kinder von elterlicher Scheidung betroffen, die Hälfte davon jünger als 14 Jahre (Statistik Austria 2024). Der Verlust des vertrauten Familiensystems kann zu innerer Desorientierung, Loyalitätskonflikten, Bindungsunsicherheit und emotionaler Überforderung führen. Somatische Ressourcen in der Kunsttherapie 3 1 | 2026 Ressourcen und Kommunikationswege verstanden und gezielt in der Beziehungsgestaltung genutzt. In der kunsttherapeutischen Arbeit mit Kindern wird der Körper zunehmend als Träger von Erinnerung, Affekt, Beziehung und Handlung verstanden. In der neurobiologischen Fundierung der Kunsttherapie wird aufgezeigt, dass kunsttherapeutische Interventionen strukturelle Veränderungen im Gehirn bewirken (Hass- Cohen / Carr 2021). Auch in Bezug auf Multisensorik wurde nachgewiesen, dass die Integration verschiedener Sinneskanäle die kognitive und emotionale Entwicklung bei Kindern signifikant unterstützt, was mit den hier identifizierten körperbezogenen Verarbeitungswegen bei Trennungskindern korrespondiert (Blau 2024). Aus Sicht der Bindungstheorie können körperbasierte Interaktionen korrigierende Beziehungserfahrungen ermöglichen, insbesondere wenn verbale Ausdrucksformen noch nicht verfügbar oder blockiert sind (Bowlby 1982; Brisch 2020). Die Erkenntnisse der modernen Neurowissenschaften zeigen, dass traumatische Erfahrungen besonders bei Kindern zunächst im impliziten Körpergedächtnis gespeichert werden, bevor sie kognitiv verarbeitet werden können. Kunsttherapie wirkt in diesem Kontext nicht nur symbolisch, sondern somatisch-regulatorisch. Im Malen, Formen, Reißen, Bewegen und Bauen können Impulse verarbeitet, Sicherheit erfahren und Selbstwirksamkeit gespürt werden. Der Körper ist dabei aktiv über Materialerfahrung, Gesten, Raumverhalten, Tempo und Atem eingebunden. Die verkörperte Erfahrung von Trennung und Verlust manifestiert sich bei Kindern in charakteristischen somatischen Mustern wie Kopf- und Bauchschmerzen, veränderten Bewegungsmustern, erhöhter Muskelspannung oder körperlicher Erstarrung sowie dysregulierten Atem- und Stimmfunktionen. Kinder erschließen sich ihre Welt primär über sinnliche Wahrnehmung. Beziehungserfahrungen werden durch taktile, visuelle, auditive und kin- Diese Prozesse manifestieren sich nicht nur auf emotionaler, sondern auch auf körperlicher Ebene, etwa in Unruhe oder Rückzug. Unter Unruhe werden dabei motorische Bewegungsmuster verstanden, die sich in rastlosem, unkoordiniertem Bewegungsverhalten äußern. Rückzug bezeichnet den sozialen und emotionalen Rückzug von Interaktionen und Aktivitäten. Häufige körperliche Symptome sind zudem Schlaf- und Verdauungsprobleme sowie Veränderungen in der Körperhaltung, die sich in Form von erhöhter Muskelspannung, eingezogenen Schultern oder veränderten Bewegungsmustern zeigen. In diesem Kontext kann Kunsttherapie-- eingebettet in entsprechende räumliche, zeitliche und institutionelle Rahmenbedingungen sowie getragen von einer vertrauensvollen therapeutischen Beziehung und professioneller therapeutischer Haltung-- einen geschützten Raum schaffen, in dem kindliche Körperlichkeit nicht nur wahrgenommen, sondern aktiv in die Beziehungsgestaltung eingebunden wird. Während die Forschung zur Kunsttherapie bei Kindern in Trennungssituationen bereits etabliert ist, fehlt bislang eine systematische Untersuchung der körperbezogenen Aspekte dieses therapeutischen Ansatzes. Der folgende Beitrag basiert auf der Masterarbeit der Autorin (Schimkowitsch 2025) und untersucht, wie Kunsttherapeut: innen körperliche Ausdrucksformen von Trennungskindern im kreativen Prozess wahrnehmen, begleiten und therapeutisch nutzen. Theoretischer Hintergrund Unter körperbezogener Kunsttherapie versteht die Autorin einen integrativen Ansatz, der bewusst somatische und sinnliche Dimensionen in den kunsttherapeutischen Prozess einbezieht. Dabei werden körperliche Ausdrucksformen, Bewegung, Atmung, taktile Erfahrungen und räumliches Verhalten als therapeutische 4 Johanna Schimkowitsch 1 | 2026 ästhetische Kanäle aufgenommen und im Körper gespeichert (Ayres 2021). Die Trennung der Eltern wird daher nicht nur kognitiv, sondern vor allem körperlich-sinnlich erlebt. Kunsttherapeutische Interventionen, die an den Sinnen ansetzen, ermöglichen einen direkten Zugang zu den gespeicherten Trennungserfahrungen und eröffnen alternative Verarbeitungswege jenseits verbaler Reflexion. In der aktuellen Forschung wird das sogenannte somatische Gedächtnis als neurobiologische Grundlage für diese gespeicherten Erfahrungen angenommen. Körperlich-emotionale Erinnerungen werden u. a. in subkortikalen Hirnstrukturen wie dem limbischen System, z. B. Amygdala, Hippocampus und dem Kleinhirn, gespeichert und sind eng mit vegetativen und sensomotorischen Vorgängen verknüpft (Hass- Cohen / Carr 2021). Sie können in kreativen Prozessen nonverbal aktiviert werden. Methodik Für die zugrunde liegende Studie wurden vier leitfadengestützte Interviews mit vier erfahrenen Kunsttherapeutinnen in Wien und Niederösterreich durchgeführt, die regelmäßig mit Trennungskindern in institutionellen Kontexten arbeiten, etwa in der Kinder- und Jugendhilfe oder Schulsozialarbeit. Die Therapeutinnen arbeiten mit Jungen und Mädchen im Grundschulsowie Jugendlichenalter, jeweils im Einzelsetting. Die Auswahl der Interviewpartnerinnen erfolgte über gezielte Recherche und Kontaktaufnahme über den Österreichischen Bundesverband für Kunsttherapie. Einschlusskriterium war nachweisbare Erfahrung in der kunsttherapeutischen Arbeit mit betroffenen Kindern und mehr als 2 Jahre Berufserfahrung im kunsttherapeutischen Feld. Die Interviews wurden zwischen Juni und September 2024 durchgeführt, wobei zwei Gespräche in Wien persönlich und zwei online stattfanden. Die Gesprächsdauer variierte zwischen 50 Minuten und eineinhalb Stunden. Der entwickelte Interviewleitfaden umfasste sechs thematische Kategorien mit zwölf offenen Fragen, die flexibel an den Gesprächsverlauf angepasst werden konnten. Die Datenauswertung erfolgte mittels strukturierender qualitativer Inhaltsanalyse nach Mayring (2022). Der Fokus lag dabei auf dem Erleben körperlicher Prozesse und deren Rolle in der therapeutischen Beziehungsgestaltung. Besonderes Augenmerk wurde auf die Erfragung körperbezogener Methoden, somatischer Veränderungen während des therapeutischen Prozesses und der Integration von Bewegung, Atmung und sinnlichen Erfahrungen gelegt. Zentrale Ergebnisse Der Körper als Resonanzfläche für innere Konflikte Die befragten Therapeutinnen schilderten einheitlich, dass sich emotionale Themen wie Angst, Wut oder Ohnmacht bei Trennungskindern häufig körperlich ausdrücken. Diese Manifestationen zeigen sich etwa in Unruhe, charakteristischen Spannungsmustern, sozialem Rückzug oder impulsivem Verhalten. Der kreative Raum wurde dabei als ein besonderer Ort erlebt, an dem der kindliche Körper non- und präverbal in Kontakt treten konnte. Eine Therapeutin beschreibt diese Erfahrung folgendermaßen: „Das Kind hat sich erst über den Körper verständlich gemacht- - durch Stampfen, Verstecken, Hauen. Erst dann kam man ins kreative Tun.“ Diese Beobachtung verdeutlicht, dass der körperliche Ausdruck häufig noch vor der Sprache und der bewussten Reflexion als unmittelbare Reaktion auf innere Spannungszustände fungiert und die Basis für weitere therapeutische Prozesse legen kann. Besonders bei Kindern und Jugendlichen ist dieser Spannungsabbau oft direkt körperlich spürbar, etwa durch Bewegung, Gestik oder Mimik. Während bei Erwachsenen häufig kontrollierende oder Somatische Ressourcen in der Kunsttherapie 5 1 | 2026 zurückgehaltene Muster zu beobachten sind, können solche körperlichen Ausdrucksreaktionen bei Kindern sehr direkt erfolgen. Dies kann-- abhängig von der individuellen Lerngeschichte-- auch eine Triggergefahr beinhalten, weshalb eine traumasensible und achtsame Begleitung durch die kunsttherapeutische Fachkraft zentral ist (Brisch 2020; Blau 2024). Kreatives Handeln als somatische Regulation Das Tun mit Farbe, Ton oder Papier wurde von allen Befragten als Form somatischer Selbstregulation beschrieben. Besonders grobmotorisches Arbeiten oder rhythmisches Gestalten wie Reißen, Kneten oder Schichten wurde als effektive Spannungsabfuhr erlebt, die anschließend verbalen Austausch ermöglichte. Diese körperliche Aktivierung scheint eine Grundvoraussetzung für emotionale Öffnung zu schaffen. Eine Interviewpartnerin erläutert diesen Zusammenhang: „Wenn sie körperlich ins Tun kommen, reguliert sich etwas. Danach wird oft gesprochen- - vorher war das nicht möglich.“ Die Integration von Bewegung zeigt sich als zentrales Element erfolgreicher kunsttherapeutischer Intervention. Eine andere Therapeutin betont: „Ich arbeite auch ganz gern mit Sand und mit Ton. Also das bringt auch viel ins Fließen und bringt so viel Bewegung mit ein und führt auch wiederum zur Ruhe.“ Diese scheinbar paradoxe Beobachtung, dass Bewegung zur Ruhe führt, spiegelt die regulative Funktion körperlicher Aktivität in der Traumaverarbeitung wider. Je nach Indikation kann Bewegung zunächst Spannungsabbau und Lockerung ermöglichen und in Folge zu Entspannung und Ruhe führen. Gleichzeitig ist zu berücksichtigen, dass das Gegenteil ebenfalls möglich ist-- insbesondere bei Störungsbildern wie PTBS, KPTBS, ADHS oder Essstörungen kann Bewegung auch innere Anspannung verstärken oder Zustände der Übererregung triggern (Brisch 2020; Blau 2024). Entscheidend sind hierbei die begleitende therapeutische Haltung und eine achtsame Beobachtung der individuellen Reaktionen der Kinder. Erfahrungen aus der Praxis und aktuelle Forschung zeigen zudem, dass es oft die bei der Bewegung geübte körperliche Gleichgewichtsregulierung ist, die auch seelisch stabilisierend wirkt und innere Balance fördert. Die bewegungsbasierten Interventionen umfassen sowohl grobmotorische als auch feinmotorische Elemente und dienen gleichzeitig der zeitlichen Strukturierung der Sitzungen sowie dem emotionalen Containment. Insbesondere das Zusammenspiel aus rhythmischen, dosierten Aktivitäten und bewusst gesetzten Ruhephasen trägt dazu bei, die emotionale Regulation zu unterstützen. Körperbezogene Kunsttherapie bei Trennungskindern Die Rolle der Therapeutinnen wurde als körperlich-mitregulierend beschrieben, manifestiert durch bewusste Gestaltung von Ruhe, Haltung, Atmung und räumlicher Positionierung. Die nonverbale Co-Regulation erwies sich als zentrales Werkzeug für den Beziehungsaufbau, wobei die therapeutische Präsenz selbst zu einem regulierenden Faktor wird. Eine Therapeutin beschreibt ihre Arbeitsweise: „Ich arbeite viel mit meiner Atmung, setze mich tief, bleibe langsam. So findet das Kind oft zu sich zurück.“ Diese bewusste körperliche Gestaltung der therapeutischen Beziehung ermöglicht es Kindern, über Resonanz und Spiegelung ihre eigene Regulation zu finden. Die therapeutische Beziehung wird damit zu einer embodied experience, die über verbale Kommunikation hinausgeht. Gemeint ist damit eine unmittelbar über den Körper vermittelte und erlebte Erfahrung, die das kognitive Verstehen ergänzt oder auch erst möglich macht. Solche Erfahrungen sind meist multisensorisch vermittelt und betreffen Bewegungen, Körperhaltungen, sinnliche Wahrnehmungen sowie das Spüren von Körpergrenzen. 6 Johanna Schimkowitsch 1 | 2026 Sinnliche Verarbeitungswege und taktile Erfahrungen Die befragten Kunsttherapeutinnen betonten die besondere Bedeutung sinnlicher Verarbeitungswege in der Arbeit mit Kindern aus Trennungsfamilien. Eine Interviewpartnerin erläutert: „Der Vorteil ist, dass die Kinder wirklich sehr unmittelbar sinnlich Dinge auch verarbeiten können, in Prozesse gehen können. Und da wir auch über unsere Sinne erleben und auch in unserem Körper alle Erlebnisse und Erfahrungen speichern, ist es naheliegend, dass über den Körper und über die Sinne auch verarbeitet wird.“ In der praktischen Umsetzung kommen vielfältige sinnliche Materialien zum Einsatz. Besonders bewährt hat sich die Arbeit mit unterschiedlichen Texturen wie Sand und Ton, die taktile Stimulation bietet und gleichzeitig formgebende Gestaltung ermöglicht. Die Integration verschiedener Sinneskanäle schafft einen multidimensionalen Zugang zu den traumatischen Trennungserfahrungen. Gleichzeitig besteht insbesondere im klinischen Kontext und bei Trauma-Material die Gefahr einer Überflutung; deshalb ist eine schrittweise, achtsame Herangehensweise essenziell. Im stationären oder klinischen Setting sind intensive multisensorische Methoden nur mit besonderer Sorgfalt und geeigneter Krisenintervention zu empfehlen (Blau 2024). Regulation von Aggression und körperlicher Spannung Besonders bedeutsam erweist sich die körperliche Kanalisierung von Aggressionen in der kunsttherapeutischen Arbeit. Eine Interviewpartnerin betont: „Das Aggressive, das muss halt ausgelebt werden. Das ist nicht schlecht, dass man dann etwas findet, wie sie das rauslassen können. Ob das jetzt mit Steinen ins Wasser hauen ist oder den Ton auf den Boden oder mit geschlossenen Augen die Leinwand malträtieren, das ist essenziell in der Therapie.“ Aggressionen sind kein negativer Zustand per se, sondern eine natürliche und wichtige Emotion. Heute werden sie in der therapeutischen Arbeit reguliert ausgedrückt und bewusst gemacht, was zur inneren Balance beiträgt und destruktive Ausdrucksweisen reduziert. Diese therapeutische Haltung steht im Kontrast zu häufigen gesellschaftlichen Tabuisierungen aggressiver Gefühle, insbesondere bei Kindern in Krisen. Die kunsttherapeutische Arbeit ermöglicht es betroffenen Kindern, angestaute körperliche Spannungen in einem sicheren Rahmen zu entladen, ohne sich selbst oder andere zu verletzen. Dabei werden destruktive Impulse in konstruktive Gestaltungsprozesse transformiert, wodurch eine positive Bewältigungserfahrung entsteht. Atmung und Stimme als Regulationsinstrumente Die Beobachtung und gezielte Arbeit mit Atemregulation erwiesen sich als wichtiger Indikator für therapeutischen Fortschritt. Die Interviewpartnerinnen berichteten übereinstimmend von charakteristischen Veränderungen der Atemfrequenz während des therapeutischen Prozesses. Eine Therapeutin beschreibt: „Die Atmung verlangsamt sich dann, oder sie beginnen auch plötzlich zu singen, so dass sie auch wirklich für sich sein können beziehungsweise auch im gemeinsamen Tun sich erholen können.“ Die Integration von Stimmarbeit eröffnet zusätzliche Möglichkeiten der emotionalen Regulation. Eine Interviewpartnerin schildert eine konkrete Intervention: „Ich habe es darstellend gemacht, mit einem Mikrofon. Und da konnte das Kind singen und sich das alles raussingen oder rausschreien.“ Diese Form der vokalen Entladung ermöglicht eine direkte körperliche Freisetzung eingeschlossener Emotionen und verbindet Atem-, Stimm- und Ausdrucksarbeit miteinander. Unmittelbare somatische Veränderungen Alle befragten Therapeutinnen berichteten von unmittelbar beobachtbaren körperlichen Ver- Somatische Ressourcen in der Kunsttherapie 7 1 | 2026 änderungen während und nach den kunsttherapeutischen Sitzungen. Eine Interviewpartnerin beschreibt diese Transformation detailliert: „Es ist oft schon so merkbar, wenn sie in eine Stunde kommen und gehen. Ich merke dann oft einen anderen körperlichen Ausdruck. Sie kommen manchmal schon sehr angespannt und halten irgendwie fest, und dann gehen sie so gelöst und gefühlt einen halben Meter größer. Das ist spürbar. Auch der Gesichtsausdruck wird weicher und entspannter.“ Diese somatischen Veränderungen manifestieren sich sowohl in der Körperhaltung als auch im Gesichtsausdruck der Kinder. Die beschriebene Aufrichtung des Körpers und die Weichheit der Gesichtszüge deuten auf eine tiefgreifende Entspannung des autonomen Nervensystems hin. Langfristig beobachten die Therapeutinnen den Rückgang psychosomatischer Beschwerden, verbesserte Konzentrationsfähigkeit in der Schule sowie eine Normalisierung von Schlaf- und Essverhalten. Institutionelle Rahmenbedingungen Die befragten Therapeutinnen benannten gleichzeitig strukturelle Hindernisse für körpertherapeutisches Arbeiten. Enge Räume, Zeitdruck und starre institutionelle Abläufe erschweren oft die körperorientierte Arbeit. Gleichzeitig betonten sie die Wichtigkeit von ausreichenden Freiräumen für körperliches Explorieren und kreative Bewegung. Diese Erkenntnisse verdeutlichen, dass erfolgreiche körperbezogene Kunsttherapie entsprechende räumliche und zeitliche Rahmenbedingungen benötigt. Diskussion Die Ergebnisse belegen eindrücklich, dass die Kunsttherapie bei Trennungskindern projektivsymbolisch wirkt. Dies beschreibt in der Kunsttherapie den Prozess, bei dem innere Konflikte indirekt über künstlerische Ausdrucksformen sichtbar und bearbeitbar werden. Die Einbindung körperlicher Prozesse ermöglicht den Aufbau sicherer Beziehungen und stärkt die kindliche Regulationsfähigkeit nachhaltig. Damit sind vielfältige physiologische Abläufe und Systeme gemeint, die am therapeutischen Geschehen beteiligt sind, wie Atemverhalten, Muskelspannung und Bewegungsverhalten. Durch das Körpererleben im Tun, Spüren, Atmen und Halten entsteht eine neue Beziehungsqualität zwischen Therapeut: in und Kind. Es besteht dadurch die Möglichkeit, Bindungsunsicherheiten verändern zu können. Dies ist besonders im Kontext früher Bindungsunsicherheiten sowie Bindungsstörungen, wie sie bei Trennungskindern häufig auftreten, von zentraler Bedeutung. Die körperbezogene Kunsttherapie durchzieht alle drei Bereiche der therapeutischen Beziehung und schafft ein komplexes Beziehungsgeflecht somatischer Interaktion. Die von den Therapeutinnen berichteten Veränderungen in Atmung, Muskelentspannung und Bewegungsmustern korrespondieren mit neurobiologischen Erkenntnissen zur Traumaverarbeitung. Die Bottom-up-Regulation über körperliche Interventionen wie Atemübungen, Bewegung und Berührung, die direkt das Nervensystem beruhigen und emotional berühren, ermöglicht den Kindern, ihre oft dysregulierten Stress-Systeme zu beruhigen- - noch bevor kognitiv reflektierende Prozesse wie Gespräche und gedankliche Neubewertung möglich werden. Die beobachtete Verlangsamung der Atmung deutet auf eine Aktivierung des Parasympathikus hin, was eine Grundvoraussetzung für emotionale Regulation und Lernen darstellt. Fazit Die körperzentrierte Perspektive der kunsttherapeutischen Beziehungsgestaltung eröffnet ein vertieftes Verständnis für die Bedürfnisse und Ausdrucksformen von Trennungskindern. Die Ergebnisse der Masterarbeit zeigen deut- 8 Johanna Schimkowitsch 1 | 2026 lich, dass der kreative Raum auch ein körperlicher Raum ist, in dem nonverbale Begegnung, Regulation und Transformation geschehen. Für die kunsttherapeutische Praxis bedeutet dies, dass körperliche Prozesse bewusst wahrgenommen und individuell gefördert werden sollten. Dabei ist es wichtig, dem kindlichen Bewegungsdrang ausreichend Raum zu geben und die therapeutische Co-Präsenz aktiv über körperliche Haltung und Resonanz zu gestalten. Zudem sollten institutionelle Rahmenbedingungen so gestaltet werden, dass sie die körperorientierte Arbeit bestmöglich unterstützen. Welche konkreten körperlichen Prozesse im therapeutischen Setting gefördert werden, hängt von der jeweiligen Fachrichtung und den Methoden der Therapeut: innen ab und sollte flexibel an die Bedürfnisse der Klient: innen angepasst werden. Die therapeutische Arbeit über den Körper bietet Kindern einen direkten und entwicklungsangemessenen Zugang zu ihren Emotionen und entwickelt nachhaltige Selbstregulationsfähigkeiten. Diese Erkenntnisse unterstreichen die Bedeutung einer körperbewussten kunsttherapeutischen Praxis und eröffnen neue Perspektiven für die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Kunsttherapie und Körperpsychotherapie. Diese Perspektiven umfassen die Integration unterschiedlicher Techniken und Sichtweisen, die Entwicklung gemeinsamer Behandlungsstandards und die Förderung von Weiterbildungen, um den ganzheitlichen Zugang zu Körper, Geist und seelischer Verarbeitung bei Kindern und Jugendlichen weiterhin zu stärken. Literatur Ayres, A. J. (2021): Bausteine der kindlichen Entwicklung: Sensorische Integration verstehen und anwenden. Springer, Berlin Blau, C. (2024): Multisensorik in der Kunsttherapie. Masterarbeit, Alanus Hochschule, Alfter Bowlby, J. (1982): Bindung: Eine Analyse der Mutter-Kind-Beziehung. Suhrkamp, Frankfurt/ M. Brisch, K. H. (2020): Bindungsstörungen: Von der Bindungstheorie zur Therapie. 4. Aufl. Klett- Cotta, Stuttgart Hass-Cohen, N., Carr, R. (Hrsg.) (2021): Art therapy and clinical neuroscience. 2. Aufl. Jessica Kingsley Publishers, London Mayring, P. (2022): Qualitative Inhaltsanalyse: Grundlagen und Techniken. 13. Aufl. Beltz, Weinheim, https: / / doi.org/ 10.1007/ 978-3-658- 37985-8_43 Schimkowitsch, J. J. (2025): Kunsttherapie als Ressource für Kinder in Trennungs- und Scheidungssituationen. Eine qualitative Untersuchung der Erfahrungen von Kunsttherapeutinnen. Masterarbeit an der Sigmund Freud PrivatUniversität, Wien Statistik Austria (2024): Ehescheidungen 2023. Statistik Austria, Wien Zartler, U., Schmid, E. (2017): Trennungskinder im Spannungsfeld der Systeme. Springer VS, Wiesbaden Johanna Schimkowitsch Lehrerin und Kunsttherapeutin, tätig in freier Praxis mit Schwerpunkt Kinder und Jugendliche in Trennungs- und Scheidungssituationen in Wien, familienzentrierte Sozialarbeiterin in Ausbildung. ✉ Johanna Schimkowitsch, M.A. Wallrißstraße 1 / 9 | A-1180 Wien johanna.schimkowitsch@gmx.at