eJournals körper tanz bewegung14/1

körper tanz bewegung
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2195-4909
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/ktb2026.art04d
9_014_2026_1/9_014_2026_1.pdf11
2026
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Forum: Von Atemlosigkeit und langem Atem

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2026
Christina Igelmund
Der Artikel gibt nach einer physiologischen und historischen Übersicht einen Einblick in die Atemtherapie im Integrativen Verfahren. Der Atem ist fortwährend in Resonanz nach innen zum Menschen und nach außen zur Welt und kann so als bio-psycho-sozio-ökologisches Resonanzphänomen verstanden werden, das zum Erkenntnisgewinn verhilft. Integrativ verstanden bewegt sich die Atemtherapie im Spannungsfeld zwischen Zulassen und Lenken / Verstärken des Atems. Beide Herangehensweisen werden nutzbar gemacht und je nach situativer Erfordernis eingesetzt. Den Atem geschehen zu lassen, kann u. a. zu Selbstberuhigung, Regeneration oder Wohlbefinden führen, den Atem willentlich zu beeinflussen hingegen u. a. zu einer Erhöhung des psychophysischen Aktivierungsniveaus, zum Erleben von Selbstwirksamkeit oder zur emotionalen Regulierung, z. B. bei Wut.
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Forum: Aus der Praxis 27 körper-- tanz-- bewegung 14. Jg., S. 27-34 (2026) DOI 10.2378/ ktb2026.art04d © Ernst Reinhardt Verlag Von Atemlosigkeit und langem Atem Atem in Resonanz und zur aktiven leiblichen Umstimmung im Integrativen Verfahren Christina Igelmund Der Artikel gibt nach einer physiologischen und historischen Übersicht einen Einblick in die Atemtherapie im Integrativen Verfahren. Der Atem ist fortwährend in Resonanz nach innen zum Menschen und nach außen zur Welt und kann so als bio-psycho-sozio-ökologisches Resonanzphänomen verstanden werden, das zum Erkenntnisgewinn verhilft. Integrativ verstanden bewegt sich die Atemtherapie im Spannungsfeld zwischen Zulassen und Lenken / Verstärken des Atems. Beide Herangehensweisen werden nutzbar gemacht und je nach situativer Erfordernis eingesetzt. Den Atem geschehen zu lassen, kann u. a. zu Selbstberuhigung, Regeneration oder Wohlbefinden führen; den Atem willentlich zu beeinflussen hingegen u. a. zu einer Erhöhung des psychophysischen Aktivierungsniveaus, zum Erleben von Selbstwirksamkeit oder zur emotionalen Regulierung, z. B. bei Wut. Schlüsselbegriffe Atemtherapie, Integrative Verfahren, Integrative Leib- und Bewegungstherapie, Resonanz, Selbstberuhigung, Umstimmung On Breathlessness and Long Breath. Breathing in Resonance and for Active Physical Retuning in the Integrative Method After a physiological and historical overview, the article provides an insight into the breath therapy in the integrative method. The breath is constantly in resonance, inwards to the human being and outwards to the world and can thus be understood as a bio-psycho-socio-ecological resonance phenomenon that helps to gain knowledge. From an integrative perspective, breath therapy moves in the field of tension between allowing and directing / strengthening the breath. Both approaches are facilitated and applied depending on the situational requirements. Allowing the breath to happen can lead to self-calming, regeneration or well-being; whereas deliberately influencing the breath can lead to an increase in the psychophysical activation level, the experience of self-efficacy or emotional regulation, e. g. of anger. Key words breath therapy, integrative method, integrative body and movement therapy, resonance, self-calming, change of mood 28 1 | 2026 Christina Igelmund D er Atem ist in der bewegungstherapeutischen Arbeit immer „irgendwie dabei“ und ist oft indirekter Teil des leibtherapeutischen Zugangs. Erfahrungsgemäß haben Patient: innen häufiger Schwierigkeiten mit oder Ängste vor der Arbeit mit dem Atem oder nehmen ihn kaum wahr. Manchmal kann es hilfreich sein, Übungsangebote nicht explizit als Atemtherapie zu benennen, um Erwartungsdruck herauszunehmen. Da die Arbeit mit dem Atem uns im Inneren berührt, ist die freiwillige Teilnahme besonders wichtig sowie die Ermutigung, kreativ für sich auszuprobieren zu dürfen und jederzeit Anpassungen an Übungsvorschläge machen zu können. Die Atemarbeit stößt gleichzeitig auch auf großes Interesse und wird in ihrem unmittelbaren Zugang zum Menschen oft als heilsam erlebt, auch als eine Art Verbindung von Innen- und Außenwelt. Manchmal sind Erwartungen an die Atemarbeit als Allheilmittel anzutreffen; dann kann eine Erinnerung helfen: Wie jedes Medikament und jede Therapie kann die Beschäftigung mit dem Atem oder Atemübungen nicht alles heilen. Wichtig ist hier, mit den Patient: innen zusammen eine reflektierte, kritische Haltung zu erarbeiten, die Allheilsversprechen anderer oder eigene Allheilserwartungen hinterfragt und zu einer realistischen Einschätzung gelangen kann. Der Atem kann als Hilfe zur Selbstregulation des vegetativen Nervensystems (Entspannung, Aktivierung) sowie der Emotionen (Stressreduktion, Gelassenheit) und der Aufmerksamkeit (Konzentration) genutzt werden und insgesamt zu einer bewussteren Lebensführung verhelfen (Nestor 2021; Ott/ Epe 2018; Wölfle et al. 2023). Einzelne Übungsangebote, die im Verlauf dargestellt werden, entfalten ihre volle therapeutische Wirksamkeit erst durch ihren Zusammenhang, in den sie gestellt werden. Dazu gehört neben der Haltung der Beteiligten das Gesamtsetting des Therapierahmens einschließlich der gestalteten Atmosphären, die Zielsetzung, die therapeutische Ermutigung, auftauchende Gefühle, innere Bilder, Erinnerungen, Wünsche, Ängste zuzulassen und ernst zu nehmen und die gemeinsame Reflexion im Gespräch (Höhmann-Kost 2018, 171 f ). Physiologisches In der Sprache ist die feinsinnige Verbindung von körperlichen Vorgängen und Emotionen oft zu spüren, so auch bei Redewendungen zu Atem und der Luft: einen langen Atem haben; vor Wut schnauben; es verschlägt mir den Atem; Atem schöpfen; Luft für jemanden sein; Luftsprünge machen; da ist noch Luft nach oben; es gibt dicke Luft und viele mehr. In der Zeitung „Die Zeit“ titelte jüngst der Newsletter: „Der US-Überblick: Ein Land hält die Luft an“. Diese Metaphern können in vielerlei Hinsicht benutzt werden und zeigen die große Bedeutung des Atems. Unbestritten ist der Atem eine der zentralen Lebensquellen. Giulia Enders beschreibt in ihrem neuen Buch anschaulich, wie in der Hierarchie des Körpers der Atem an erster Stelle steht und wie nach einer Minute ohne Atemzug das Verlangen danach größer wird als Durst nach einer stundenlangen Wanderung. Ein erwachsener Mensch atmet etwa 20.000-mal pro Tag, Kinder etwa 35.000-mal (Enders 2025, 19). Die Atemwege teilen sich ab der Luftröhre 22-mal, zuerst in die rechte und linke Lunge und danach pro Lungenflügel noch mindestens 21 weitere Male. Auf diese Weise entsteht die Gestalt eines Bronchialbaumes mit einer faszinierenden Architektur mit einem Streckennetz von 2400 km Länge, durch das die Atemluft passiert. In Zusammenarbeit mit Nasenhärchen, Rachen und Bronchialbaum wird der Mensch so am Ende mit körperwarmem, sehr sauberem und feuchtem Atem versorgt (Enders 2025, 20 f ). Die Nase dient dabei als erste Barrierefunktion; aus diesem Grund wird in der Regel, außerhalb starker körperlicher Anstrengung, die Nasenatmung empfohlen (Ehlers 2022; Nestor 2021; Lang / Saatweber 2020). Atem im Integrativen Verfahren 1 | 2026 29 Mit jedem Atemzug gelangt ca. ein halber Liter Luft in die Lungen. In der Summe atmet der Mensch also täglich ca. 10.000 Liter Luft ein und aus. Dieses System funktioniert automatisch ab der Geburt und muss nicht erst erlernt werden. Auch die zigmilliarden Moleküle, die bei jedem Atemzug aufgenommen werden, spielen eine bedeutende Rolle. Sie beeinflussen fast sämtliche innere Organe und wirken auf Herzschlag, Verdauung, Stimmung und Einstellung des Menschen. Der Mensch hat etwa 300 Millionen Lungenbläschen. Obgleich jedes davon mikroskopisch klein ist, führt die hohe Anzahl von luftgefüllten Bläschen zu einer Gasaustauschfläche von ca. 100 Quadratmetern. Auch die Atmung der Tiere hat das gleiche zum Ziel wie die der Menschen, nämlich Sauerstoff in die Zellen hinein und Kohlendioxid wieder heraus zu transportieren. Die Mittel dazu sind im Tierreich jedoch vielfältig: Geatmet wird durch Kiemen, Lungen, Haut, Tracheen oder Kombinationen davon (Ehlers 2022; Ott/ Epe 2018; Nestor 2021). Solch interessante Fakten, die einen Überraschungs- oder Aha-Effekt auslösen können, eignen sich in der Arbeit mit Patient: innen gut für „Minilectures“ oder spielerische Übungen wie mündliche oder schriftliche Ratespiele. Dieses Wissen ist insbesondere deshalb wichtig, da eine direkte Verbindung von Information zu Motivation vorliegt. Wer informiert ist, motiviert sich leichter. Wer physiologisch-psychologische Zusammenhänge und Wirkungen begriffen hat, ist eher bereit, Veränderungen anzugehen. Oft macht es Sinn, erst eigene Erfahrungen mit der Atmung machen zu lassen, bevor es an das kognitive Verstehen geht. Patient: innen können dann das Wissen mit der zuvor gemachten Erfahrung in enger Theorie-Praxis-Verschränkung in Verbindung bringen. Hervorzuheben ist ebenso, dass der Atem eine singuläre Stellung unter den Leibesfunktionen hat, er ist autonom gesteuert und kann dennoch bewusst kortikal geführt werden. So kann der Mensch seinen Atem im Vergleich z. B. zur Verdauungstätigkeit sehr bewusst erleben. Er kann ihn beobachten, verlangsamen, beschleunigen oder willkürlich unterbrechen. Jedoch übernimmt das autonome Nervensystem wieder die Führung, sobald die Aufmerksamkeit an andere Stelle gelenkt wird, „wie ein gutes Pferd, das dem Reiter gehorcht, solange er es am Zaume hält, ihn aber weiterträgt und den Weg allein findet, wenn er träumt und die Zügel hängen lässt“, so beschreibt es die frühe Atem- und Leibpädagogin Heyer-Grote (1953, 100) in einem anschaulichen Vergleich. Historisches In etwas späteren Schriften von Heyer-Grote findet sich auch eine erste Unterscheidung der Atemarbeit in zwei Bereiche. Zum einen gibt es die psychologisch orientierte Arbeit am Atem, die einen psychischen Prozess in Gang bringen soll, zum anderen die naturwissenschaftlich orientierte Arbeit, die die Heilung eines Organschadens oder die Verbesserung einer Körperfunktion zum Ziel hat (Heyer-Grote 1970). Eine ähnliche Unterscheidung findet sich auch z. B. in Wikipedia (2025), in der letzteres unter der Begrifflichkeit „Atemgymnastik“ oder „Atemphysiotherapie“ zusammengefasst wird und physiotherapeutisch-pflegerische Verfahren meint, z. B. zur Vorbeugung und Hilfe bei Fehlatmung, bei Erkrankungen wie Asthma und chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD). In der Praxis finden sich oft Überschneidungen dieser beiden Bereiche und auch unscharfe Unterscheidungen in der Benennung. Der Begriff der Atemtherapie wird häufig für beide Bereiche verwendet. Die später folgende Darstellung der Atemtherapie im Integrativen Verfahren befasst sich mit der Atemtherapie im psychotherapeutischen Bereich. Schaut man zurück auf die lange Historie der Atemarbeit, so sieht man, dass der Atem für die Menschen immer schon bedeutsam war. Seit vielen Jahrhunderten und auf der ganzen Welt 30 1 | 2026 Christina Igelmund hat der Atem eine sehr wichtige Rolle in Schöpfungsmythen, Heilritualen und bewusstseinserweiternden Erfahrungen gespielt. In vielen Kulturen war das Atmen starke Medizin (Höhmann-Kost 2011; Nestor 2021). Der Atem als entscheidendes Symbol für den lebendigen Menschen findet sich in vielen dichterischen Bildern und in verschiedenen Sprachen. In China, Japan und Indien sind die ältesten Quellen von Atem- und Körperübungen zu finden, z. T. über 2000 Jahre alt. Die Atem- und Bewegungskunst des Taijiquan, eine Zusammensetzung aus Kampfkünsten und Qi-Übungen, und buddhistische Meditationspraktiken wie das Zen wurden bekannt; und insbesondere durch den Yoga wurden die Aspekte von Atem in Verbindung mit Bewegung nach Europa und Amerika gebracht. All das hatte Einflüsse auf die Entwicklung der europäischen und deutschen Atem- und Leibpädagogik. Anfang des 20. Jahrhunderts begann in Deutschland eine eigenständige Entwicklung der Atemarbeit (von Steinaecker 2000). Integratives Blickt man auf die heutige Landschaft der Atemtherapie im psychotherapeutischen Bereich, fallen vor allem die verschiedenen Zugangsweisen auf, die sich grob in zwei Strömungen unterteilen lassen. Da sind zum einen die Schulen, die sich mit dem Geschehen-Lassen, dem bewussten Zulassen des Atems beschäftigen, ohne ihn willentlich zu beeinflussen. Eine der bekanntesten Schulen stammt von der deutschen Atemtherapeutin Ilse Middendorf, die auch Einfluss auf weitere Entwicklungen der Atemarbeit nahm. Sie prägte ebenso die Entwicklung der Atemtherapie im Integrativen Verfahren. Ihrerseits war die Atemlehre nach Middendorf beeinflusst von anderen Atemströmungen ihrer Zeit, wie der Atemarbeit von Schlaffhorst und Andersen, die bis heute in der Ausbildung zum Atem-, Sprech- und Stimmlehrer gelehrt wird, sowie der Atemarbeit nach Veening (Middendorf 2007). Zum anderen gibt es eine Fülle an Atemschulen, die sich mit dem gelenkten oder verstärkten Atem beschäftigen, den Atem also willentlich beeinflussen. Das Pranayama, die Atemtechniken des Yoga, sind ein bekanntes Beispiel dafür. Hier wird der Atemkontrolle große Bedeutung beigemessen und vor allem der Ausatem oft verlangsamt und vertieft. Großer Bekanntheit erfreut sich, zum Teil durch mediales Interesse begründet, die Atemtechnik des Niederländers Wim Hof. Diese hat Rückbezüge zur über 1000 Jahre alten tibetanischen Meditationstradition Tummo. Hof macht seit Anfang der 2000er Jahre Schlagzeilen mit seiner Atemtechnik, die zwischen heftiger Atmung und längeren Atempausen wechselt und die ihm zu Weltrekorden bei wagemutigen Extremsportleistungen verhilft (Nestor 2021). Verbreitet ist auch die heftige, forcierte Atemtechnik des Holotropen Atmens nach Grof, die zu Hyperventilation führt und teilweise stundenlang ausgeführt wird (Nestor 2021). Bei diesen Ansätzen kann es aufgrund des übermäßigen Atems zu Nebenwirkungen kommen. Bei bestehender Herzerkrankung, Epilepsie, auch bei der Neigung zu Panikattacken wird von diesen Zugangsweisen abgeraten. Es besteht die Gefahr des Hyperventilationssyndroms sowie starker Verschiebungen in den Blutgaswerten- - dem Kohlendioxid- und Sauerstoffgehalt im arteriellen Blut (Ott/ Epe 2018; Nestor 2021). Aufgrund der Stärke der Wirkung bei forcierter übermäßiger Atmung, die auch Angst und Kontrollverlust auslösen kann, ist der Einsatz dieser Übungen im psychiatrischen Kontext sehr kritisch zu sehen. Übungen mit sanfter Aktivierung und Verstärkung hingegen sind durchaus geeignet. Die Atemtherapie im Integrativen Verfahren, die eine Methode im Rahmen der Integrativen Leib- und Bewegungstherapie darstellt, greift auf beide Zugangsweisen-- zugelassener Atem und gelenkter/ verstärkter Atem- - zurück und nutzt so verschiedene Aspekte der Atemthera- Atem im Integrativen Verfahren 1 | 2026 31 pie. Diese werden nicht als Antagonisten verstanden, sondern als Zugänge zu verschiedenen Erfahrungsräumen. Die Möglichkeiten, die daraus erwachsen, können spezifisch und situationsbezogen eingesetzt werden, wie weiter unten erläutert wird. Hier zeigt sich das Potential des Integrativen. Atem in Resonanz Doch erst einmal zurück zur Basis: dem eigenleiblichen Spüren. Ohne die genaue Wahrnehmung von sich selbst ist auch eine gezielte Umstimmung nicht möglich. Es geht darum, den Atem feiner wahrnehmen zu lernen, wie er von selbst reagiert, wenn sich etwas innerlich oder äußerlich verändert. So kann die Atemwahrnehmung zum Aha-Erlebnis werden über sich selbst und in Folge auch zur Richtschnur des eigenen Handelns. Ebenso kann die bewusste Wahrnehmung des Atems den im therapeutischen Kontext Tätigen wichtige diagnostische Hinweise über das Gegenüber geben. Ist beispielsweise phänomenologisch eine Atemstockung des/ der Patient: in wahrzunehmen, so kann dies ins Bewusstsein gebracht werden und ggf. damit weitergearbeitet werden. Entscheidend dabei ist, was der/ die Patient: in über sich selbst erfährt. Ein wesentlicher Teil der Atemtherapie im Integrativen Verfahren besteht darin, dem Gegenüber seinen eigenen Atem bewusst werden zu lassen. Ebenso gibt eine feine Wahrnehmung der eigenen Atmung, die in Resonanz auf das Therapiegeschehen spürbar ist, den therapeutisch Tätigen bei dichten therapeutischen Prozessen die Möglichkeit, die eigene Atmung als Regulationshilfe zu nutzen. „Wie einer atmet, so ist er“, sagte schon Lily Ehrenfried (1967), eine Schülerin der bekannten Gymnastiklehrerin Elsa Gindler. Der Atem gibt im Zusammenspiel mit Körperhaltung und individueller Bewegungsqualität immer unmittelbaren Aufschluss über die gesamte Person. Die Atembewegung wird als situative Ausdrucksbewegung verstanden, in welcher die Resonanz auf die aktuelle Affektlage, auf die sinnlich-sensorische wahrgenommene (Außen-) Welt und auf die lebensgeschichtlich entstandene intrapsychische Welt des Individuums einfließt. In diesem Sinne kann der Atem als bio-psychosozio-ökologisches Resonanzphänomen betrachtet werden (Höhmann-Kost 2011). Den meisten Menschen, die beginnen, sich mit ihrem eigenen Atem zu beschäftigen, gelingt es oft nicht, den Atem nur zu beobachten, ohne dass er sich verändert. Es ist wichtig, dies zu normalisieren und darauf hinzuweisen, dass ein anfängliches Stolpern des Atems sich mit längerer Übung legt. Mit der Zeit wird es leichter, die Atmung bei gleichzeitiger Beobachtung einfach geschehen zu lassen. Für den Beginn ist es für die Patient: innenarbeit hilfreich, Phasen der Atembeobachtung auf wenige Atemzüge zu begrenzen und danach auszuruhen, ohne alle Selbstwahrnehmung. Dabei können sich unbewusste Reaktionen zeigen, Zeichen situativer Entspannung wie Gähnen, Husten, tiefes Ausatmen oder Seufzen. Physisches und Psychisches ist eng miteinander verbunden. Ein lebendig bewegter, aufrechter Stand ist nur möglich, wenn die Atmung frei fließend, ohne Blockierungen den gesamten Leib durchströmen kann. Hochgezogene Schultern fixieren den Atem im oberen Brustbereich. Der Atem kann in die unteren Körperregionen nicht frei durchfließen, wenn das Becken übermäßig nach vorne gekippt ist. Haltung wirkt auf Atmung, aber Atmung wirkt auch auf Haltung. Die Kraft der Einatmung kann als Hilfe zur Aufrichtung genutzt werden; das Ausatmen zum Loslassen, z. B. die Schultern absinken zu lassen (Höhmann-Kost 2018, 98, 106). Ausgehend vom Atemgeschehen als Resonanzphänomen steht die emotionale Situation in Wechselwirkung zur Atmung. Ist die Atmung beispielsweise durch Stress eingeengt und die am Atemgeschehen beteiligte Muskulatur chronisch verspannt, so kann sich auch der Affekt nicht frei entfalten. Eine eingeschränkte emotionale 32 1 | 2026 Christina Igelmund Situation wirkt wiederum auf die Atmung zurück (Petzold 2003, 655 f ). Viele Patient: innen in psychiatrischer Behandlung haben oft gestörte Atemmuster. Die Atmung ist flach und vorwiegend im Brustraum. Eine eingeschränkte Atmung ist oft mit einer Reduzierung der emotionalen Erlebnis- und Ausdrucksmöglichkeiten verbunden. Ziel von Atemarbeit ist ein Atemrhythmus mit Tiefe, Fülle und Kraft sowie situationsangemessener Flexibilität. Eine Grundannahme der Atemtherapie im Integrativen Verfahren ist jedoch, dass es kein „Standard-Atemmuster“ gibt: Jeder Mensch hat seine ganz eigene Atemdynamik, die die gesamte Sozialisation des Menschen widerspiegelt. Therapeut: innen können beim Wahrnehmen, Vergleichen, Ausprobieren begleiten. Wie reagiert der eigene Atem bei Stille, wie verändert er sich bei verschiedenen Aktivitäten, was geschieht mit der Atmung, wenn sich jemand nähert oder beim Übertreten der Türschwelle nach draußen? Übungen und Techniken können lediglich einen Impulseffekt haben. So wie Bewegungs- und Haltungsmuster oft über Jahre oder Jahrzehnte habitualisiert sind, so sind es auch die Atemmuster. Atemarbeit ist ein Lern- und Entwicklungsprozess, der viele Jahre dauern kann und auf seelisches und körperliches Gleichgewicht zielt (Höhmann-Kost 2018, 95 f; Petzold 1996, 129). Atemtherapie im integrativen Verständnis: zwischen Zulassen und Verstärken Einerseits ist da der Zugang mit dem Ziel der Selbstberuhigung und dem Finden einer „Grundruhe“ im Sinne einer souveränen Gelassenheit. Mit zunehmender Übung gelingt es immer besser, den Atem geschehen zu lassen und ihn zuzulassen in seinen verschiedenen Phasen einschließlich der Atempause. Dies wirkt auf das autonome Nervensystem und den Herzrhythmus und fördert tiefe Ruhe, Regeneration, Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden. Den Atem voll und ruhig zu erleben, kann zu tiefer Versenkung und dem Erleben von beglückender Fülle führen. Andererseits nutzt die Atemtherapie im Integrativen Verfahren auch den Zugang der gezielten Veränderung des Atems. Da der Atem zum einen unwillkürlich abläuft, zum anderen aber auch willentlich beeinflussbar ist, kann damit beispielsweise an einer Tonusregulation gearbeitet werden und einhergehend an einer emotionalen Regulierung. Bei dieser verändernden Arbeit kann es um die Senkung von psychophysischen Spannungszuständen gehen und/ oder um Hilfen zur Vitalisierung und Erstarkung von zu schlaffem Tonus, um das Aktivierungsniveau zu erhöhen. Diese kontrastierenden Maßnahmen werden häufig kombiniert. Neben körperlichen Veränderungen kann dadurch auch ein positiverer Selbstbezug gefördert werden sowie das Erleben von Selbstwirksamkeit, Stärkung der Ich-Funktionen, die Zunahme von Bewältigungsmöglichkeiten und als allgemeines Ziel eine situationsangemessene Reaktionsfähigkeit (Höhmann-Kost 2011). In der Integrativen Leib- und Bewegungstherapie wird in der Regel nicht willentlich in die Einatmung eingegriffen. Wenn willentlich eingegriffen wird, dann betrifft dies den Ausatem. Dies kann beispielsweise durch eine verlangsamte Ausatmung geschehen, z. B. mithilfe von Lippenflattern oder Tönen oder auch durch rhythmische Schwünge oder große kreisende Bewegungen. Dies wirkt als (unwillkürlicher) Einatemreiz und bahnt daher die-- dann vertiefte-- unwillkürliche Einatmung an (Höhmann-Kost 2018, 96 f; Petzold 1996, 128 ff ). Der Ausatem in Verbindung mit Kraft ist ebenso ein wichtiges Thema. Um die eigene Kraft zu erspüren, kann kräftig in den Boden hinein gestampft werden, auch Bälle oder Tennisbälle eignen sich, die mit zielgerichteter Kraft weggeschleudert werden können. Menschen oder Gegenstände können unter Kraft- Atem im Integrativen Verfahren 1 | 2026 33 einsatz in Verbindung mit dem Ausatem weggedrückt werden. Die Arbeit mit dem Atem kann auch Linderung und Hilfe bei Schmerzen bringen, wenn es gelingt, im schmerzhaften Gebiet mit dem Ausatmen Spannungen loszulassen (Höhmann-Kost 2018, 99). Mit Hilfe des Atems kann Schmerzerleben positiv beeinflusst und Entspannung und Regeneration möglich werden. Eine verstärkte Zwerchfellatmung ist dabei hilfreich, eine psychophysische Regulierung anzubahnen. Es kann oft auch hilfreich sein, die Aufmerksamkeit auf die „guten“ Stellen des Körpers zu richten und zu verstärken. Im Zuge dieser Übung kann also die Wahrnehmung unterschiedlicher Atemräume erforscht, der Atemfluss gespürt und der Atem bewusst auf schmerzfreie Stellen gelenkt werden. Sich dem Atem zuzuwenden, bedeutet auch, sich selbst zuzuwenden. Durch Berührung, Bewegung und mit imaginativen Bildern können Atemräume stimuliert und die Atemqualität verbessert werden (Bauder/ Waibel 2009, 195 f ). Zentral in der Atemtherapie im Integrativen Verfahren ist auch das Experimentieren mit der eigenen Stimme. Die meisten atemtherapeutischen Schulen arbeiten mit Summen, Brummen, Zischen und dem Bilden von Lauten und Tönen. Stimme hängt also mit dem ganzen Menschen zusammen und ist ebenso eng verwoben mit dem Atem: Sprechen und Singen geschieht in Verbindung mit dem Ausatmen. Die Stimme stellt das Ausdrucksorgan der ganzen Person dar. Viele psychisch erkrankten Menschen sprechen leise oder gepresst, die Stimme ist ebenso wie der Atem nach innen gerichtet, und sie haben Angst, ihre Stimme laut und deutlich zu erheben. Dies betrifft insbesondere Menschen mit depressiver und ängstlicher Symptomatik. Neben der gezielten Atemarbeit können Übungen aus der Sprecherziehung und dem Gesang genutzt werden. Kombinationen mit Bewegungen sind besonders förderlich. Diese Arbeit wird von vielen Patient: innen als herausfordernd erlebt, als ein Heraustreten aus der Komfortzone. Die Stimmarbeit in der Gruppe kann für manche einen Schutz darstellen, und häufig ist auch zu beobachten, wie sich durch diese spielerischen Übungen die Stimmung in der Gruppe hebt. Eine verlangsamte Ausatmung kann z. B. mit Hilfe von Strömungskonsonanten wie dem „F“ oder Halbklingern wie dem „M“, „N“ oder „L“ oder mit Vollklingern, d. h. Vokalen, unterstützt werden. Die Arbeit mit der Atmung und der Stimme kann auch förderlich sein für eine Willensarbeit. Manche Laute, wie das „K“, ein sogenannter Explosionslaut, eignen sich besonders gut dafür, da Kraft und Wille spürbar werden können. So können gemeinsam mit einer aufgerichteten Haltung, z. B. Wörter mit dem Anfangsbuchstaben „K“ geschmettert werden, bis zur gegenüberliegenden Wand oder in Verbindung mit einem kräftigen Stampfen des Fußes (Höhmann-Kost 2018, 99 ff; Lang / Saatweber 2020, 135, 144 f ). Es kann auch die Verbindung von Atem, Stimme und Bewegungsabläufen, wie z. B. bei den asiatischen Kampfkünsten mit Schlagen oder Stoßen, hinzugenommen werden (Petzold 1996, 399). Mit Hilfe des Atems kann so direkter Einfluss auf das leibliche Befinden genommen werden. Und im besten Fall kann verinnerlicht werden, was in den Zeilen der Atemtherapeutin Herta Richter zu lesen ist: dass der Atem ein Freund ist, der uns hält und trägt (2007). Literatur Bauder, M., Waibel, M. (2009): Somatoforme Schmerzstörungen. In: Waibel, M. J., Jakob-Krieger, C. (2009) (Hrsg.): Integrative Bewegungstherapie. Störungsspezifische und ressourcenorientierte Praxis. Schattauer, Stuttgart, 187-201 Ehlers, M. (2022): Neustart für die Lunge. 2. Aufl. riva, München Ehrenfried, Lily (1967): Körperliche Erziehung zum seelischen Gleichgewicht. Somato-Therapie, ein vergessener Heilfaktor. 2. überarb. und erw. Aufl. Heenemann, Berlin 34 1 | 2026 Christina Igelmund Enders, G. (2025): Organisch: Was es wirklich bedeutet, auf unseren Körper zu hören. Ullstein, Berlin Heyer-Grote, L. (1970) (Hrsg.): Atemschulung als Element der Psychotherapie. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt Heyer-Grote, L. (1953): Atemtherapie. In: Heyer- Grote, L. (1970): Atemschulung als Element der Psychotherapie. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 97-114 Höhmann-Kost, A. (2018) (Hrsg.): Integrative Leib- und Bewegungstherapie (IBT). Theorie und Praxis. 3. akt. und ergänzte Aufl. Hogrefe, Bern, https: / / doi.org/ 10.1024/ 85760-000 Höhmann-Kost, A. (2011): Atemtherapie. In: Stumm, G. (2011): Psychotherapie. Schulen und Methoden. Eine Orientierungshilfe für Theorie und Praxis. Falter Verlag, Wien Lang, A., Saatweber, M. (2020): Stimme und Atmung. Kernbegriffe und Methoden des Konzeptes Schlaffhorst-Andersen und ihre anatomisch-physiologische Erklärung. 3. Aufl. Schulz-Kirchner, Idstein Middendorf, I. (2007): Der Erfahrbare Atem. Eine Atemlehre. 9. Aufl. Junfermann, Paderborn Nestor, J. (2021): Breath. Atem. Neues Wissen über die vergessene Kunst des Atmens. 10. Aufl. Piper, New York Ott, U., Epe, J. (2018): Gesund durch Atmen. Ein Neurowissenschaftler erklärt die Heilkraft der bewussten Yoga-Atmung. O. W. Barth, München Petzold, H. G. (2003): Integrative Therapie. Ausgewählte Werke. Überarb. Neuaufl. Junfermann, Paderborn Petzold, H. G. (1996): Integrative Bewegungs- und Leibtherapie. Ausgewählte Werke. In: www.fpipublikation.de/ e-books/ petzold-h-g-1988n3integrative-bewegungs-und-leibtherapieein-ganzheitlicher-weg-leibbezogenerpsychotherapie, 28.9.2025 Richter, H. (2007): Vom Wesen des Atems. Herta Richter im Gespräch mit Dieter Mittelsten Scheid. Reichert, Wiesbaden Von Steinaecker, K. (2000): Luftsprünge. Anfänge moderner Körpertherapien. Urban & Fischer, München Wikipedia (2025): Atemtherapie. In: de.m.wikipedia. org/ wiki/ Atemtherapie, 14.9.2025 Wölfle, C. F., Petzold, H. G., Mathias-Wiedemann, U. (2023): Unterwegs zu „komplexer Achtsamkeit“. Integrative Perspektiven auf die mindfulnessbased cognitive therapy (MBCT) und Achtsamkeitsmeditation. In: www.fpi-publikation.de/ polyloge/ 03-2023-woelfle-c-f-petzold-h-gmathias-w-u-unterwegs-zu-komplexer-achtsamkeit-integrative-perspektiven-auf-die-mindfulness-based-cognitive-therapy, 28.9.2025 Christina Igelmund Dipl. Sozialpädagogin und verschiedene Ausbildungen in körpertherapeutischen Methoden, Ausbildung zur Integrativen Leib- und Bewegungstherapeutin. Seit 20 Jahren arbeitet sie in der Sozialpsychiatrie und war am Aufbau des Bereiches Körpertherapie beteiligt. Referentin u. a. für Mind-Body-Medizin und Atemtherapie. ✉ Christina Igelmund Am Latterbach 13 | D-86971 Peiting christina.igelmund@herzogsaegmuehle.de