eJournals körper tanz bewegung14/1

körper tanz bewegung
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2195-4909
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/ktb2026.art05d
9_014_2026_1/9_014_2026_1.pdf11
2026
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Forum: Wie Tanztherapeut:innen männliche Patienten ins (Tanz-)Boot holen ­können

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Undine Uhlig
Männliche Patienten mit psychosomatischen Krankheitsbildern zeigen in den Tanztherapiestunden oftmals Widerstände, die auf einer Vorliebe für ankämpfende Bewegungsmuster begründet sein können. Ankämpfende Bewegungsmuster finden sich in den Antrieben nach Labans Kategorien der Bewegung (direkt, stark und schnell) sowie in den Spannungsflussrhythmen nach Kestenberg (z. B. Beiß- und Pressrhythmus). Tanztherapeut:innen sollten diese Vorliebe berücksichtigen und männlichen Patienten immer wieder ankämpfende Bewegungsmuster anbieten, damit sie sich bestätigt fühlen. Genießende Bewegungsmuster können dann sukzessive eingebaut werden. Dieser Artikel beschreibt zwei Methoden für die Aufwärmung und eine tanztherapeutische Intervention, die dieses Prinzip verdeutlichen.
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Forum: Aus der Praxis 35 körper-- tanz-- bewegung 14. Jg., S. 35-40 (2026) DOI 10.2378/ ktb2026.art05d © Ernst Reinhardt Verlag Wie Tanztherapeut: innen männliche Patienten ins (Tanz-)Boot holen können Undine Uhlig Männliche Patienten mit psychosomatischen Krankheitsbildern zeigen in den Tanztherapiestunden oftmals Widerstände, die auf einer Vorliebe für ankämpfende Bewegungsmuster begründet sein können. Ankämpfende Bewegungsmuster finden sich in den Antrieben nach Labans Kategorien der Bewegung (direkt, stark und schnell) sowie in den Spannungsflussrhythmen nach Kestenberg (z. B. Beiß- und Pressrhythmus). Tanztherapeut: innen sollten diese Vorliebe berücksichtigen und männlichen Patienten immer wieder ankämpfende Bewegungsmuster anbieten, damit sie sich bestätigt fühlen. Genießende Bewegungsmuster können dann sukzessive eingebaut werden. Dieser Artikel beschreibt zwei Methoden für die Aufwärmung und eine tanztherapeutische Intervention, die dieses Prinzip verdeutlichen. Schlüsselbegriffe Patienten, Psychosomatik, Tanztherapie, Widerstände, Antriebe, Spannungsflussrhythmen, Kestenberg Movement Profile How Dance Therapists Can Get Male Patients on (Dance-)Board Male patients with psychosomatic illnesses often exhibit resistance in dance therapy sessions, which may be due to a preference for fighting movement patterns. Those patterns can be found in the efforts according to Laban’s categories of movement (direct, strong, and fast) and Kestenberg’s category of tension flow rhythms (e. g., biting and pressing rhythms). Dance therapists should consider this preference and repeatedly offer male patients fighting movement patterns so that they feel validated. Indulging movement patterns can then be gradually incorporated. This article describes two warm-up methods and a dance therapy intervention that illustrate this principle. Key words patients, psychosomatics, dance therapy, resistance, efforts, tension flow rhythms, Kestenberg Movement Profile M ännliche Patienten mit psychosomatischen Krankheitsbildern zeigen in den Tanztherapiestunden oftmals Widerstände, die sich unter anderem folgendermaßen zeigen können: ● Bewegungslosigkeit ● vor der Brust verschränkte Arme ● aggressives und/ oder provozierendes Verhalten ● abwertende Bemerkungen ● die Tanztherapie ins Lächerliche ziehen 36 1 | 2026 Undine Uhlig In diesem Artikel möchte ich Tanztherapeut: innen einladen, diese Widerstände als Bewältigungsstrategien zu verstehen und wertzuschätzen. Somit kann rasch eine Beziehung zwischen Therapeut: in und Patient aufgebaut werden und der therapeutische Prozess in Gang kommen. Aus meinen Erfahrungen zeigen Patienten mit überwiegend ankämpfenden Bewegungsmustern die meisten Widerstände. Ankämpfende Bewegungsmuster finden sich in den Antrieben nach Laban, z. B. direkt, stark und schnell oder in den Spannungsflussrhythmen nach Kestenberg, wie z. B. der Beiß- oder der Pressrhythmus. Diese Bewegungsmuster können von der Tanztherapeut: in angeboten und/ oder gespiegelt und dann sukzessive in genießende Bewegungsmuster umgewandelt werden. In diesem Artikel stelle ich zwei Methoden für die Erwärmung und eine tanztherapeutische Intervention im Gruppensetting vor, die dieses Prinzip verdeutlichen sollen. In den Gruppen sind in der Regel sowohl männliche als auch weibliche Patient: innen vertreten. Bewegungsanalytisches Hintergrundwissen Die Antriebe nach Laban gehen auf den Tänzer, Choreografen, Maler und Bewegungsforscher Rudolf von Laban (1879-1958) zurück. Die Laban-Bewegungsanalyse beinhaltet unter anderem die drei Antriebsfaktoren Raum, Schwerkraft und Zeit. Jeder Antriebsfaktor hat ein genießendes und ein ankämpfendes Element, die Gegensätze darstellen (Kennedy 2014; Bender 2014; siehe auch Tab. 1). Die Spannungsflussrhythmen (SFR) wurden von Judith Kestenberg, einer Kinderpsychiaterin, entdeckt. Sie begann 1953 eine 20-jährige Langzeitstudie zu Bewegungsmustern von drei Kindern (Bender 2020). Kestenberg entdeckte die SFR, als sie Linien malte, während sie sich in die Körperspannung eines Kindes, das sie beobachtete, kinästhetisch einstimmte (Bender 2014). Kestenberg fand heraus, dass alle SFR von Geburt an zu beobachten sind, dass sie aber zu bestimmten Zeiten häufiger auftreten. Die SFR werden fünf Körperzonen zugeordnet, die in der jeweiligen Entwicklungsstufe energetisch Antriebsfaktor Antriebe Pole Lebensjahr Raum indirekt direkt genießend ankämpfend erstes Schwerkraft leicht stark genießend ankämpfend zweites Zeit getragen schnell genießend ankämpfend drittes Tab. 1: Die Antriebe nach Laban bezüglich Raum, Schwerkraft und Zeit (in Anlehnung an Kennedy 2014 und Bender 2014) Männliche Patienten in der Tanztherapie 37 1 | 2026 besetzt sind: oral, anal, urethral, innergenital und außergenital. Diese fünf Grundrhythmen sind jeweils in einen genießenden und einen ankämpfenden Rhythmus aufgeteilt (Bender 2014; siehe Tab. 2). Genießende und ankämpfende Bewegungsmuster sind gleichberechtigt und notwendig für eine gesunde Entwicklung und fortlaufende Alltagsbewältigung. Bei der Interpretation eines Kestenberg Movement Profiles sowie im therapeutischen Prozess sollte daher auf die Verhältnismäßigkeit von genießenden und ankämpfenden Bewegungsmustern geachtet werden (Eberhard-Kaechele 2007). Männer bevorzugen häufig die ankämpfenden Bewegungsmuster. Bender (2014) beschreibt eine Untersuchung nonverbaler Kommunikation in gemischtgeschlechtlichen Arbeitsteams: Männer zeigten den Beißrhythmus 48 % häufiger als die Frauen, den Pressrhythmus 151 % häufiger und den Stopprhythmus 72 % häufiger. Frauen zeigten in Arbeitsteams die genießenden Spannungsflussrhythmen häufiger, hingegen waren bei den Männern die ankämpfenden Spannungsflussrhythmen häufiger zu sehen (Baumgartner 2010). In der Tanztherapie sollten wir diese Vorliebe berücksichtigen und in guter tanztherapeutischer Tradition ressourcenorientiert vorgehen (Eberhard-Kaechele 2007). Tanztherapeut: innen sollten den männlichen Patienten immer wieder ankämpfende Bewegungsmuster anbieten, damit sie sich gespiegelt und bestätigt fühlen. Die neuen genießenden Bewegungsmuster können dann nach und nach mit eingebaut werden. Beispiele für die Erwärmung Erwärmung mit den Antrieben nach Laban (im Stehkreis) ● direkt: Alle marschieren in die Kreismitte und wieder zurück. ● indirekt: Seit- und Überkreuzschritte nach rechts, dann nach links ● stark: mit den Füßen am Platz aufstampfen, als würden wir Walnüsse knacken Körperzone SFR genießend hauptsächliches Alter SFR ankämpfend hauptsächliches Alter oral Saugrhythmus in den ersten 5 bis 6 Monaten Beißrhythmus 4. bis 9. Monat anal Verdrehrhythmus beginnt im 9. bis 10. Monat Pressrhythmus 2. Lebensjahr urethral Fließrhythmus 3. Lebensjahr Stopprhythmus beginnt mit 2,5 Jahren innergenital Wiegerhythmus 4. Lebensjahr Wogerhythmus 4. Lebensjahr außergenital Hüpfrhythmus 5. Lebensjahr Stoßrhythmus im 6. Lebensjahr Tab. 2: Die zehn Spannungsflussrhythmen (SFR) nach Kestenberg, unterteilt in genießend und ankämpfend (in Anlehnung an Bender 2014) 38 1 | 2026 Undine Uhlig ● leicht: mit den Füßen ganz leicht auftreten, so als würden wir auf rohen Eiern laufen ● schnell: Wir wollen den Bus schaffen und rennen daher so schnell wie möglich am Platz. ● getragen: Wir bewegen uns in Zeitlupe. Musik: „Up“ von Inna Erwärmung mit den Spannungsflussrhythmen nach Kestenberg (im Stehkreis), „Spaziergang zum Strand“ ● Saugrhythmus: Mit den Füßen vorsichtig und leicht auftreten, der Sand ist weich. ● Beißrhythmus: Sand weht von hinten auf unsere Haut; wir klopfen mit der flachen Hand den Sand ab. ● Verdrehrhythmus: Wir bemerken, dass unsere Schultern ganz verspannt sind; daher verdrehen wir diese nach vorn und nach hinten, machen sie beweglich. ● Pressrhythmus: Es ist früh am Morgen, und wir dehnen und strecken uns; dehnen beide Arme nach oben, verbinden unsere Hände und halten die Spannung etwas. ● Fließrhythmus: Wir fahren den Sonnenaufgang mit unseren Händen und Armen von unten nach oben nach (gern mehrfach). ● Stopprhythmus: Wir gehen ins Meer, stellen fest, dass das Wasser eiskalt ist, und erstarren. ● Wiegerhythmus: Langsam gewöhnen wir uns an die Kühle des Wassers und lassen uns von den Wellen leicht hin und her bewegen. Wir nehmen diese Bewegung mit unseren Armen auf und bewegen diese wellenförmig hin und her. ● Wogerhythmus: Plötzlich kommt eine Riesenwelle. Wir nehmen zu unseren Armen noch unseren Körper hinzu und verdeutlichen so die Riesenwelle. ● Hüpfrhythmus: Nun kommen wir aus dem Wasser, schütteln die Wassertropfen ab und hüpfen ein wenig. ● Stoßrhythmus: Wir klopfen unsere Sandalen kräftig auf den Boden, damit der Sand rauskommt. Musik: „Oxygene, Pt. 4“ von Jean-Michel Jarre Eigene Erfahrungen: Bei beiden Erwärmungen wechseln sich ankämpfende und genießende Bewegungsmuster ab. Die heiteren Bilder und die dazugehörigen Bewegungen werden gern angenommen, und die männlichen Patienten werden bereits mit den genießenden Bewegungsmustern vertraut gemacht. Tanztherapeutische Intervention mit Zeitschriftenrollen Bei dieser Intervention werden Zeitschriften zusammengerollt und mit Tesa stabilisiert. Somit sind diese Zeitschriftenrollen kleine, spielerische Stöcke. Männliche Patienten können sie fest in die Hand nehmen, ihre Stärke zeigen und ihre Kinesphäre in der Breite und nach oben erweitern. Sie können damit aber auch spielerisch umgehen und Beziehungen zu ihrem inneren Kind aufbauen. Ablauf ● Die Tanztherapeut: in legt die Stöcke sternförmig in die Mitte des Raumes. ● Die Patient: innen bilden einen Stehkreis um diese Mitte. ● Die Tanztherapeut: in lädt die Patient: innen ein, sich eine Zeitschriftenrolle auszuwählen und damit frei im Raum zu explorieren (Musik im Saugbis Beißrhythmus, z. B. „Lemon Tree“ von Fools Garden). ● Die Tanztherapeut: in lädt die Patient: innen ein, eine Lieblingsbewegung zu finden. ● Die Gruppe kommt im Stehkreis zusammen, und jede/ r zeigt ihre / seine Lieblingsbewegung, die anderen machen diese möglichst genau mit. Männliche Patienten in der Tanztherapie 39 1 | 2026 ● Die Tanztherapeut: in lädt die Patient: innen ein, sich eine/ n Partner: in zu suchen, die / der eine ähnliche Lieblingsbewegung wie sie / er selbst hat. ● Beim nächsten Musikstück können sich die Patient: innen die Zeitschriftenrollen zuwerfen. Ihrer Kreativität sind dabei keine Grenzen gesetzt (Musik im Beißrhythmus, z. B. „Yellow Submarine“ von den Beatles). ● Anschließend ermutigt die Tanztherapeut: in die Patient: innen, mit den Zeitschriftenrollen Kreise und Achten im Körper zu finden, z. B. Verdrehungen im Handgelenk oder Armkreise (Musik im Verdrehrhythmus, z. B. „Aicha“ von Khaled). ● Danach gehen die Partner: innen wieder zusammen, verbinden sich mit einer Zeitschriftenrolle und versuchen, sich gegenseitig wegzuziehen (Musik im Pressrhythmus, z. B. „Gangsta’s Paradise“ von Coolio). ● Beim nächsten Musikstück bleiben die Patient: innen mit der Zeitschriftenrolle verbunden und gehen gemeinsam im Raum. Wenn die Musik stoppt, frieren die Paare ihre Bewegung ein (Musik im Fließbis Stopprhythmus, z. B. „Coultergeist“ von Phil Coulter). ● Die Tanztherapeut: in lädt die Gruppe ein, sich insgesamt mit den Zeitschriftenrollen zu verbinden und beim nächsten Musikstück mal zu schauen, was passiert (Musik im Beißbis Stopprhythmus, z. B. „Dschinghis Khan“ von Dschinghis Kahn). ● Zum Schluss können die Patient: innen die Rollen in Fetzen zerreißen, aufknallen, das Papier verstreuen und in der Kreismitte ein gemeinsames Kunstwerk erschaffen … Eigene Erfahrungen: Die Zeitschriftenrollen werden von allen Patient: innen gern angenommen. Zu Beginn wird freudvoll exploriert, dann gehen die Patient: innen in Beziehungen und bauen auf freudvolle Art und Weise nonverbale Kontakte auf. Beim gemeinsamen Kreistanz am Ende zeigt sich fast immer eine deutliche Stimmungsaufhellung und eine Antriebssteigerung in der gesamten Gruppe. Diese Intervention kann auch auf ähnliche Art und Weise mit Bällen, Seilen oder Tüchern durchgeführt werden. Fallbeispiel Herr K., 50 Jahre alt und Führungskraft in einem großen Automobilunternehmen, kam mit einer mittelgradigen Depression und Burnout-Symptomatik in die Klinik. In der ersten Stunde saß er mit verschränkten Armen und versteinerter Miene da. Auf den Wechsel von ankämpfenden und genießenden Bewegungsmustern konnte er sich jedoch gut einlassen, und er machte im Laufe seines Aufenthaltes immer interessierter und engagierter mit. Immer mehr ging er auch mit seinen Mitpatient: innen in Kontakt und übernahm bald in der Gruppe die „Führung“. In jeder Stunde konnte er etwas für sich herausholen und riss seine Mitpatient: innen mit seiner Begeisterung mit. Zusammenfassung Tanztherapeut: innen sollten sich von männlichen Patienten mit psychosomatischen Krankheitsbildern nicht provozieren lassen und viel Geduld haben. Zumeist steckt hinter dem Widerstand großes seelisches Leid, das wir in der Tanztherapie lindern können. Mir ist es ein wichtiges Anliegen, dass sich Tanztherapeut: innen nicht an den Widerständen aufarbeiten, ihre eigenen Ressourcen schonen, ihre Kreativität behalten und freudvoll in die Stunden gehen. Literatur Baumgartner, A. (2010): Nonverbale Kommunikation in gemischtgeschlechtlichen Arbeitsteams-- Eine empirische Untersuchung. In: Bender, S. (Hrsg.): Bewegungsanalyse von Interaktionen. Logos, Berlin, 155-170 40 1 | 2026 Undine Uhlig Bender, S. (2020): Grundlagen der Tanztherapie. Geschichte, Menschenbild, Methoden. Psychosozial, Gießen, https: / / doi.org/ 10.30820/ 9783837927658 Bender, S. (2014): Die psychophysische Bedeutung der Bewegung. Ein Lehrbuch der Laban Bewegungsanalyse und des Kestenberg Movement Profiles. 3. Aufl. Logos, Berlin Eberhard-Kaechele, M. (2007): Tabellarische Arbeitshilfen zur Diagnostik und Interventionsplanung mit dem KMP. In: Koch, S. C., Bender, S. (Hrsg.): Movement Analysis. Bewegungsanalyse. The Legacy of Laban, Bartenieff, Lamb and Kestenberg. Logos, Berlin Kennedy, A. (Hrsg.) (2014): Bewegtes Wissen. Laban / Bartenieff-Bewegungsstudien verstehen und erleben. 2. Aufl. Logos, Berlin Dr. rer. nat. Undine Uhlig Promovierte Paläontologin, Tanztherapeutin BTD, Heilpraktikerin für Psychotherapie. Tätig als Tanztherapeutin und Körperpsychotherapeutin in der Klinik Windach für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und in privater Praxis. ✉ Dr. Undine Uhlig Rosenweg 49 | D-82538 Geretsried www.undine-uhlig.de undine.e.uhlig@gmail.com