eJournals körper tanz bewegung14/1

körper tanz bewegung
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2195-4909
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/ktb2026.art06d
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Medien&Materialien: Elli Kutscha: Embodiment entdecken - körperliche Ressourcen nutzen

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2026
Peter Geißler
Mit „Embodiment entdecken - körperliche Ressourcen nutzen“ legt Elli Kutscha ein Werk vor, das sich um eine seltene Doppelbewegung bemüht: Es will sowohl informieren als auch anleiten, sowohl aufklären als auch erfahrbar machen. Die Autorin - ausgebildete Physiotherapeutin, Trainerin und Psychologin - vereint in diesem Buch ihre Erfahrungen aus verschiedenen beruflichen Feldern und eröffnet Leser:innen aus Therapie, Beratung, Coaching oder pädagogischen Kontexten einen Zugang zu einem psychologisch fundierten, praxisorientierten Embodiment-Verständnis.
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Medien & Materialien 44 körper-- tanz-- bewegung 14. Jg., S. 44-45 (2026) © Ernst Reinhardt Verlag Elli Kutscha: Embodiment entdecken-- körperliche Ressourcen nutzen Psychosozial-Verlag, 2025, Gießen, 236 Seiten, 29,90 € (D) M it „Embodiment entdecken- - körperliche Ressourcen nutzen“ legt Elli Kutscha ein Werk vor, das sich um eine seltene Doppelbewegung bemüht: Es will sowohl informieren als auch anleiten, sowohl aufklären als auch erfahrbar machen. Die Autorin- - ausgebildete Physiotherapeutin, Trainerin und Psychologin-- vereint in diesem Buch ihre Erfahrungen aus verschiedenen beruflichen Feldern und eröffnet Leser: innen aus Therapie, Beratung, Coaching oder pädagogischen Kontexten einen Zugang zu einem psychologisch fundierten, praxisorientierten Embodiment-Verständnis. Dabei schlägt sie eine Brücke zwischen theoretischer Rahmung und konkreter körperlicher Praxis- - und lädt zugleich zu einer Haltung ein, in der Körper, Geist und Umwelt nicht länger getrennte Ebenen, sondern kooperierende Partner menschlicher Erfahrung sind. Das Buch gliedert sich in zwei große Teile: Einem kompakten Theorieteil mit fünf Kapiteln folgt ein umfangreicher Praxisteil mit über 100 Übungen. Im ersten Abschnitt führt Kutscha in zentrale Begriffe des Embodiment-Diskurses ein-- darunter somatische Marker, Interozeption, Neuroplastizität, verkörperte Emotion, Embodied Cognition. Sie betont die wechselseitige Beeinflussung von Körper und Psyche, erweitert das Verständnis um die Bedeutung des Kontexts (Umwelt, soziale Beziehungen) und rahmt Embodiment als ein dynamisches Zusammenspiel aus Innen- und Außenwelt. Dabei greift sie sowohl auf klassische Bezugsautoren (z. B. Antonio Damasio, Wilma Bucci, Paul Ekman) als auch auf aktuelle Erkenntnisse der Kognitionswissenschaften (z. B. 4-E-Ansatz) zurück. Theoretische Passagen sind verständlich, aber nicht vereinfachend geschrieben, und stets mit Blick auf ihre Relevanz für die psychotherapeutische Praxis. Kutschas Stärke liegt dabei in ihrer klaren Haltung: Sie präsentiert Embodiment weder als Heilsversprechen noch als Methode im engeren Sinne, sondern als Erfahrungsfeld. Im Kapitel „Was Embodiment nicht ist“ grenzt sie sich deutlich von populären Verzerrungen ab- - etwa vom „Power Posing“ als Allzwecktechnik oder von suggestiver Körperrhetorik. Auch die Vorstellung, man müsse lediglich eine bestimmte Haltung einnehmen, um automatisch einen bestimmten emotionalen Zustand zu erreichen, wird als unangemessen simplifizierend zurückgewiesen. Diese kritische Reflexionsfähigkeit zieht sich wohltuend durch das gesamte Werk. Den deutlich umfangreicheren Praxisteil nutzt die Autorin, um den Leser: innen eine große Bandbreite körperzentrierter Übungen, Mini- Rituale und Reflexionsimpulse zur Verfügung zu stellen. Diese sind thematisch gegliedert: Sie reichen von Achtsamkeit, Atmung, Balance und Körperwahrnehmung über kreative Bewegung und Körperausdruck bis hin zu emotionaler Selbstregulation, Entscheidungsunterstützung, Kommunikation oder auch Sexualität. Gerade Letzteres-- oft ein Randthema in Fachbüchern- - wird hier nicht tabuisiert, sondern mit viel Sensibilität als ebenfalls verkörperter Teil des psychischen Erlebens mitbedacht. Die Übungen sind didaktisch ausgesprochen gut aufbereitet. Jedes Kapitel beginnt mit einer kurzen Einleitung zur theoretischen Einbettung, dann folgt eine konkrete Schritt-für- Schritt-Anleitung mit Variationen, Anpassungen oder Transferhinweisen. Besonders hilfreich: Viele Übungen können ohne Vorwissen oder Material durchgeführt werden und lassen sich Medien & Materialien 45 1 | 2026 direkt in den Alltag oder in therapeutische Settings integrieren. Kutscha vermeidet es, die Übungen als festes Programm zu präsentieren; vielmehr versteht sie sie als Impulse zur individuellen Anpassung-- im Sinne eines Werkzeugkoffers, der modular genutzt werden kann. Dabei greift sie wiederholt auf Konzepte des Zürcher Ressourcen Modells (ZRM) zurück- - etwa bei der Arbeit mit Bildern, inneren Haltungen oder der „Affektbilanz“ zur Entscheidungsfindung. Der explizite Bezug zum ZRM stellt eine Besonderheit des Buches dar. Während viele Embodiment-Publikationen sich entweder auf somatische Verfahren oder auf kognitive Modelle konzentrieren, integriert Kutscha beides. Das macht ihre Praxisvorschläge anschlussfähig für eine Vielzahl von Therapie- und Beratungsansätzen- - von verhaltenstherapeutisch orientierten Verfahren über systemische oder körpertherapeutische Kontexte bis hin zu Coaching-Settings. Stärken des Buches liegen in seiner Zugänglichkeit, Anwendungsfreundlichkeit und systematischen Struktur. Besonders Psychotherapeut: innen, die bislang eher kognitiv arbeiten, finden hier motivierende Argumente und konkrete Ideen, wie körperbasierte Interventionen in ihr Repertoire integriert werden können- - etwa zur Affektregulation, als Sitzungsauftakt, zur Stimmungsstabilisierung oder zur Stärkung von Selbstwirksamkeit und Präsenz. Auch für die psychotherapeutische Ausbildung oder für Supervisions- und Selbsterfahrungsgruppen bietet das Buch eine Fülle von erprobten Zugängen. Kritisch anzumerken ist, dass Kutschas Darstellung zwar wissenschaftlich fundiert ist, aber nicht vertieft theorieorientiert. Leser: innen, die sich eine systematischere Einordnung in die neurobiologische oder philosophische Embodiment-Debatte erhoffen, werden eher auf weiterführende Literatur verwiesen. Auch die klinische Anwendung bleibt generalistisch: Zwar lassen sich viele Übungen auf Therapieprozesse übertragen, doch gibt es keine störungsspezifische Ausarbeitung (z. B. Embodiment bei Angst, Depression oder Trauma). Dies ist angesichts der Breite des Buches nachvollziehbar, könnte jedoch für spezifisch klinisch interessierte Leser: innen eine Leerstelle darstellen. Nicht jede Übung ist gleichermaßen überzeugend: Einige wirken eher illustrativ, andere sind sehr basal. Doch genau hier liegt die didaktische Klugheit des Buches: Die Übungen werden als Vorschläge verstanden, nicht als Vorgaben. Die Einladung zum Experimentieren- - ein Begriff, den Kutscha häufig verwendet-- zieht sich wie ein roter Faden durch das Werk. Die Leser: innen sollen nicht konsumieren, sondern aktivieren, nicht übernehmen, sondern aneignen. Insgesamt ist „Embodiment entdecken- - körperliche Ressourcen nutzen“ ein ausgesprochen nützliches Buch- - fundiert, offen, methodisch reflektiert. Es richtet sich an Praktiker: innen mit Neugier auf den Körper und an jene, die es werden wollen. Besonders für Psychotherapeut: innen, die ihre methodischen Zugänge um körperbasierte Elemente erweitern möchten, bietet es ein reiches Repertoire. In Ausbildungskontexten kann es als Arbeitsgrundlage für Selbsterfahrung und Methodentraining dienen, in der Fortbildung als Inspirationsquelle für körperbezogene Interventionen. Dass es zugleich für interessierte Laien lesbar bleibt, spricht für die didaktische Kompetenz der Autorin. Dass es sich nicht in Übungen erschöpft, sondern einen theoretisch verankerten Zugang zur therapeutischen Beziehung zwischen Körper, Psyche und Umwelt vermittelt, macht es fachlich anschlussfähig. Und dass es ohne Allüren, ohne Heilsversprechen und ohne technizistische Verkürzungen auskommt, ist sein größter Vorzug. Peter Geißler DOI 10.2378/ ktb2026.art06d