eJournals körper tanz bewegung14/1

körper tanz bewegung
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2195-4909
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Aktuelles aus der Forschung: Aktuelle Studien zur Wirksamkeit körperorientierter Psychotherapie in der Behandlung von Soldaten mit PTBS

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Ulfried Geuter
Im deutschsprachigen Bereich kann man den Eindruck gewinnen, dass in der Psychotherapie an den Hochschulen vor allem dazu geforscht wird, Verfahren, die Forscher kennen und befürworten, durch Studienergebnisse zu legitimieren, und weniger darüber, welche Behandlungswege bei welchen Störungen besonders helfen. Das trägt dazu bei, dass kaum Studien zur Körperpsychotherapie durchgeführt werden. In anderen Ländern ist das anders. Überraschend dürfte dabei sein, dass kürzlich sowohl von einer dänischen als auch von einer tunesischen Forschergruppe zwei randomisierte kontrollierte klinische Studien zur Wirksamkeit körperpsychotherapeutischer Methoden in der Behandlung von posttraumatischem Stress bei Mitarbeitern des Militärs vorgelegt wurden.
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Aktuelles aus der Forschung 46 körper-- tanz-- bewegung 14. Jg., S. 46-48 (2026) DOI 10.2378/ ktb2026.art07d © Ernst Reinhardt Verlag Aktuelle Studien zur Wirksamkeit körperorientierter Psychotherapie in der Behandlung von Soldaten mit PTBS Ulfried Geuter I m deutschsprachigen Bereich kann man den Eindruck gewinnen, dass in der Psychotherapie an den Hochschulen vor allem dazu geforscht wird, Verfahren, die Forscher kennen und befürworten, durch Studienergebnisse zu legitimieren, und weniger darüber, welche Behandlungswege bei welchen Störungen besonders helfen. Das trägt dazu bei, dass kaum Studien zur Körperpsychotherapie durchgeführt werden. In anderen Ländern ist das anders. Überraschend dürfte dabei sein, dass kürzlich sowohl von einer dänischen als auch von einer tunesischen Forschergruppe zwei randomisierte kontrollierte klinische Studien zur Wirksamkeit körperpsychotherapeutischer Methoden in der Behandlung von posttraumatischem Stress bei Mitarbeitern des Militärs vorgelegt wurden. Militärangehörige sind in besonderer Weise dem Risiko einer Entwicklung von PTBS ausgesetzt. Studien zufolge kann bis zu rund ein Drittel von ihnen entsprechende Symptome entwickeln. 10 Prozent der dänischen Soldaten, die aus einem Einsatz in Afghanistan zurückkehrten, litten zweieinhalb Jahre später an PTBS und wurden vielfach pharmakologisch und psychotherapeutisch behandelt-- psychotherapeutisch meist mit kognitiv-behavioralen Methoden, die zu wenig die verstörenden körperlichen und emotionalen Empfindungen berücksichtigen. Das schreiben Andersen et al. (2024) von der University of Southern Denmark. Sie untersuchten daher die Wirkung einer hands-on mindbody therapy im Vergleich zu treatment as usual (TAU). 42 Patienten eines militärpsychiatrischen Zentrums des Mental Health Service in Dänemark wurden zufällig auf zwei Gruppen verteilt. Über sechs Monate hinweg erhielt die eine Gruppe TAU, bestehend aus Medikation (SSRI oder SNRI), Psychoedukation und kognitiver Therapie oder Konfrontationsbehandlung. Die andere Gruppe erhielt zusätzlich Behandlungen, bei denen die Therapeuten mit den Händen am Körper der Patienten versuchten, eine körperliche, interozeptive Aufmerksamkeit zu wecken und die Fähigkeit zu stärken, schmerzhafte Empfindungen zu beobachten, bei ihnen zu bleiben und Spannungen in den berührten Muskeln zu lösen. Die Therapeuten suchten dabei im Körper diejenigen Stellen auf, an denen die Patienten ihre Spannungen spüren oder die Therapeuten Spannungen bemerken, um durch Massieren und Drücken die Aufmerksamkeit für diese Bereiche zu fördern. Die Therapeuten wurden angehalten, nicht nur technisch zu arbeiten, sondern durch Körpersprache und Aktuelles aus der Forschung 47 1 | 2026 Stimmlage den Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung zu unterstützen. Außerdem wurde den Patienten in den Sitzungen ein Meditationsprogramm für zuhause vermittelt. Innerhalb der sechs Monate erhielten sie ferner die Chance, sich zwei- oder dreimal mit anderen Veteranen auszutauschen. Von den 20 Teilnehmern der Experimentalgruppe nahmen 17 an mindestens 21 der 24 Sitzungen statt. Die Erfolge wurden mit einer speziell für das Militär erarbeiteten PTBS-Checkliste überprüft. Werte wurden zu Beginn, in der Mitte der Behandlung nach drei Monaten, am Ende nach sechs Monaten und in einem Follow-Up nach 12-Monaten untersucht. Bei den Teilnehmern des mind-body treatment kam es im Laufe der Behandlung zu einem signifikant größeren Rückgang der Symptome. Im Follow-Up war dieser Unterschied nicht mehr signifikant. Allerdings zeigte die genauere Untersuchung, dass bei 25 % der Teilnehmer des mind-body treatment die PTBS nach 12- Monaten remittiert war, im Unterschied zu 0 % in der Kontrollgruppe. Die Forscher beobachteten speziell eine Abnahme von emotionaler Erstarrung und Hyperarousal. Die Autor: innen verweisen darauf, dass sich auch in anderen Studien bei US-Soldaten eine Kombination von Achtsamkeit mit Berührung als hilfreich erwies. Sie führen die Effekte nicht nur auf die angewandten Techniken zurück, sondern auch darauf, dass die körperliche Berührung die therapeutische Allianz und das Vertrauen in die Behandlung gestärkt haben könnte. Unterstützung finden diese Ergebnisse durch eine Studie, bei der eine Forschergruppe in Tunesien „the impact of Reich’s vegetotherapy on emotional regulation and postural balance in military personnel“ untersuchte (Khadhrani et al. 2025). Die Autor: innen verweisen darauf, dass in Kampfsituationen, vor allem im Nahkampf, die Aktivität des sympathischen Nervensystems ansteigt und dadurch die Emotionsregulation und das statische Haltungsgleichgewicht beeinträchtigt werden-- als Zusammenspiel von emotionalen und physischen Auswirkungen der Belastung. Körperpsychotherapeutische Methoden könnten sowohl die Emotionsregulation als auch die Haltungsbalance verbessern. In der randomisierten, kontrollierten und multizentrischen Studie wurden 29 Angehörige der „Ecole Militaire du Sport“, die schon mindestens 4 Jahre Soldaten waren, auf eine Experimental- und eine Kontrollgruppe aufgeteilt. Die Mitglieder der Kontrollgruppe gingen ihren üblichen Aktivitäten nach, die Experimentalgruppe nahm an einem 6-Wochen-Programm in Vegetotherapie teil. In strukturierten Sitzungen wurden die Teilnehmer angehalten, entspannt auf dem Rücken zu liegen, sich auf die Reduktion von Stress und Spannung im Körper zu konzentrieren und eine Bauchatmung zu praktizieren, bei der sie durch den Mund vertieft einatmen und durch die Nase zeitlich verlängert ausatmen sollten. Hinzu kamen Bewegungsübungen und emotionaler Ausdruck in Form eines „war cry“, um auch dadurch Spannung abzubauen. Vor und nach dem Interventionszeitraum wurden mit Hilfe von Fragebögen Daten zu Angst, Wut, Verwirrung, Depression, Erschöpfung und interpersonalen Beziehungen erhoben, ferner Daten aus einem Gleichgewichtstest. Im Vergleich zur Kontrollgruppe nahm Angst signifikant ab. Auch kam es zu Verbesserungen im Umgang mit Ärger und interpersonalen Beziehungen, die allerdings im Vergleich zur Kontrollgruppe nicht signifikant ausfielen. Deutliche Verbesserungen zeigten sich in den Variablen Verwirrung („confusion“) und Depression. Außerdem zeigten die Teilnehmer der Experimentalgruppe ein verbessertes Gleichgewichtsempfinden, vor allem bei geschlossenen Augen. Wie es in der Studie heißt, stehe das Ausmaß von Ärger auch anderen Untersuchungen zufolge in Verbindung mit dem Gleichgewichtsempfinden, weil es durch die Bedrohungen zu Veränderungen der inneren Erregung, der Angst und der Furcht zu fallen komme. 48 Ulfried Geuter 1 | 2026 Die deutlichste Veränderung im Verlauf der Gruppenarbeit habe sich im Bereich der Angstreduktion gezeigt. Das sei nicht nur für die Gesundheit der Soldaten wichtig, sondern auch für ihre Leistungsfähigkeit, da diese unter Angst signifikant abnehme. Der spezifische Nutzen von Vegetotherapie in der therapeutischen Behandlung von Soldaten, schreiben die Autor: innen, sei bisher zu wenig beachtet worden. Ihrer Studie zufolge aber könnten ängstliche Soldaten davon profitieren. In einem neueren Artikel legen Gerbarg und Brown (2024) eine Übersicht dazu vor, wie schon ein von ihnen „breath-focused mind-body therapy“ genanntes dreitägiges Programm zur Stressregulation über den Atem helfen kann, traumainduzierte Erregung zu reduzieren. Das Programm, das auf klassische Heilmethoden zurückgreift, wurde speziell für Massenkatastrophen entwickelt und unter anderem in der Arbeit mit Überlebenden des Genozids in Ruanda, mit Nahost-Flüchtlingen in Berlin und mit ukrainischen Zivilisten im Krieg Russlands gegen die Ukraine erprobt. Ethische Fragen werden in den Studien zur Behandlung traumatisierter Soldaten von beiden Autor: innenteams nicht erörtert. So bleibt offen, im Kontext welcher Art von Einsätzen die Soldaten traumatisiert wurden oder ob durch entsprechende therapeutische Programme die Resilienz in fragwürdigen Kampfeinsätzen erhöht werden soll, wozu achtsamkeitsorientierte Therapieansätze schon seit Längerem herangezogen werden (Wang 2014). Wirksamkeit oder Effektivität ist ein rein technologischer Wert, der nichts damit zu tun hat, wozu dasjenige dient, dessen Effektivität untersucht wird. Literatur Andersen, S., Andersen, H. S., Ahrensberg, H., Lazar, I., Tjørnhøj-Thomsen, T., Ahlmark, N. G. (2025): Effects of hands-on mind-body therapy on posttraumatic stress disorder among Danish military veterans: A randomized clinical trial. Mental Health Science 2 (2), e52, https: / / doi. org/ 10.1002/ mhs2.52 Gerbarg, P. L., Brown, R. P. (2024): Breath-focused mind-body therapy for global mental health: War and other mass disasters. Academia Mental Health and Well-Being 1 (1), https: / / doi. org/ 10.20935/ MHealthWellB6198 Khadhrani, S., Touhemi, I., Hammami, A., Goumni, C., Khalfoun, J., Omar, M., Haithem, R., Abderrahman, A. B. (2025): The impact of Reich’s vegetotherapy on emotional regulation and postural balance in military personnel: A non-pharmacological approach to combat stress. American Journal of Men’s Health 19 (1), 15579883241309041, https: / / doi.org/ 10.1177/ 15579883241309041 Wang, R. A. (2014): The benefit of positive visualization on the U.S. army. Thesis, Master of Military Art and Science, Fort Leavenworth, Kansas Prof. Dr. Ulfried Geuter Psychotherapeut in Berlin, Lehrtherapeut, Lehranalytiker und Dozent in der psychotherapeutischen Aus- und Weiterbildung, Leiter des Instituts für körperpsychotherapeutische Weiterbildung, Berlin; von 2010-2023 lehrte er Körperpsychotherapie an der Universität Marburg. ✉ Prof. Dr. Ulfried Geuter Otto-von-Wollank-Str. 57 | D-14089 Berlin u.geuter@gmx.de