eJournals körper tanz bewegung14/2

körper tanz bewegung
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2195-4909
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/ktb2026.art08d
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Editorial

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Ulfried Geuter
Liebe Leserinnen und Leser, wer in den letzten Jahrzehnten die Lindauer Psychotherapiewochen besucht hat, konnte mitbekommen, wie eng im deutschsprachigen Raum die Verbindung von Psychodynamischer Psychotherapie und Körperpsychotherapie ist. Seit Helmuth Stolze 1958 dort die Leitung übernommen hatte, waren Angebote zu Körperselbsterfahrung ein fester Bestandteil des Programms. Von Lindau aus kam es dazu, dass in Deutschland die Konzentrative Bewegungstherapie als körperorientiertes Verfahren innerhalb psychodynamischer Behandlungsprogramme in Kliniken etabliert wurde. Aber die Körperpsychotherapie blieb dabei eine Hilfsschwester neben dem Chefarzt Psychoanalyse.
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53 Editorial Liebe Leserinnen und Leser, körper-- tanz-- bewegung 14. Jg., S. 53-54 (2026) DOI 10.2378/ ktb2026.art08d © Ernst Reinhardt Verlag W er in den letzten Jahrzehnten die Lindauer Psychotherapiewochen besucht hat, konnte mitbekommen, wie eng im deutschsprachigen Raum die Verbindung von Psychodynamischer Psychotherapie und Körperpsychotherapie ist. Seit Helmuth Stolze 1958 dort die Leitung übernommen hatte, waren Angebote zu Körperselbsterfahrung ein fester Bestandteil des Programms. Von Lindau aus kam es dazu, dass in Deutschland die Konzentrative Bewegungstherapie als körperorientiertes Verfahren innerhalb psychodynamischer Behandlungsprogramme in Kliniken etabliert wurde. Aber die Körperpsychotherapie blieb dabei eine Hilfsschwester neben dem Chefarzt Psychoanalyse. Und der schaute manchmal mit Vorurteilen auf sie herab, etwa wenn Rainer Krause in seiner „Allgemeinen Psychoanalytischen Krankheitslehre“ schrieb, Körperpsychotherapie habe etwas „Gewalttätiges“ an sich, weil es ihr um ein „Knacken der Panzerung“ gehe. Ganz hergeholt waren die Vorurteile nicht. Denn wie sich die Psychoanalyse anfangs als ein Verfahren verstand, bei dem der wissende Arzt den Patient: innen seine Deutungen gab, so die reichianische Körperpsychotherapie als ein Verfahren, bei dem der wissende Therapeut sagt, welche Körpermethoden anzuwenden seien. Doch hier wie dort hat sich das rein technische Verständnis von Psychotherapie überlebt. Dieses Heft widmet sich der Verbindung von neuerer Psychodynamischer und Körperpsychotherapie. Margit Koemeda-Lutz zeigt uns, dass beide einer gemeinsamen Denktradition entstammen, erklärt uns das grundlegende Verständnis von Psychodynamik und verweist auf den lohnenden Weg einer Integration der Arbeit mit dem Wort und dem Körper. Jens Tasche zeigt die geschichtliche Verbindung beider Ansätze im Werk von Reich, stellt frühere Konzepte reichianischer Therapie in den Kontext des gesellschaftlichen Zeitgeistes und plädiert für eine moderne Bioenergetische Analyse, die psychoanalytische Konzepte mehr in sich aufnimmt. Auch Peter Geißler meint in seinem Beitrag, dass eine psychodynamisch begründete Körperpsychotherapie besser an zeitgenössische wissenschaftliche Konzepte angeschlossen werden kann, wendet sich aber gegen das von Tasche noch favorisierte Energiekonzept. Für Geißler ist Körperpsychotherapie eine Arbeit mit leiblich vermittelten intersubjektiven Resonanzprozessen. Wie Geißler schaut Sollmann im vierten Beitrag zum Thema auf die Bedeutung des Raums, in dem Therapie stattfindet, und fügt dabei das kulturelle Umfeld hinzu. Psychodynamik will er nicht nur als ein verkörpertes und relationales, sondern auch als ein „feldgebundenes Geschehen“ denken. 54 2 | 2026 Editorial Es gibt in diesem Heft also viel zum Nachdenken. Das Thema wird kontrovers diskutiert und führte auch unter den Herausgeber: innen zu strittigen Diskussionen über die Artikel in diesem Heft. Bilden Sie sich Ihre eigene Meinung, und vielleicht schreiben Sie uns etwas dazu. Nachdenken trägt ja manchmal mehr als Techniken zu einer guten Praxis bei. Viele Anregungen beim Lesen wünscht Ihnen Prof. Dr. Ulfried Geuter Mitherausgeber „körper-- tanz-- bewegung“