körper tanz bewegung
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Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Forum: Zur Dynamik von Veränderung und Entwicklung in der Körperpsychotherapie
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Margit Koemeda-Lutz
Psychodynamische Psychotherapie ist ein Sammelbegriff für therapeutische Methoden, die aus der Psychoanalyse nach Freud hervorgegangen sind und deren Grundannahmen teilen, aber meist kürzer, fokussierter und strukturierter sind als eine klassische Analyse. Eine tiefenpsychologisch fundierte Behandlung macht unbewusste Konflikte und Beziehungsmuster sichtbar und strebt Veränderung an, immer mit Blick auf die individuelle Lebensgeschichte und die aktuelle therapeutische Beziehung. Dieser Beitrag behandelt die Frage, welche anderen oder zusätzlichen Einflussgrößen körperpsychotherapeutische Ansätze berücksichtigen, die sich in einer psychodynamischen Tradition sehen. Diese Faktoren werden in einem Fallbeispiel veranschaulicht.
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55 Forum: Zur Diskussion körper-- tanz-- bewegung 14. Jg., S. 55-63 (2026) DOI 10.2378/ ktb2026.art09d © Ernst Reinhardt Verlag Zur Dynamik von Veränderung und Entwicklung in der Körperpsychotherapie Margit Koemeda-Lutz Psychodynamische Psychotherapie ist ein Sammelbegriff für therapeutische Methoden, die aus der Psychoanalyse nach Freud hervorgegangen sind und deren Grundannahmen teilen, aber meist kürzer, fokussierter und strukturierter sind als eine klassische Analyse. Eine tiefenpsychologisch fundierte Behandlung macht unbewusste Konflikte und Beziehungsmuster sichtbar und strebt Veränderung an, immer mit Blick auf die individuelle Lebensgeschichte und die aktuelle therapeutische Beziehung. Dieser Beitrag behandelt die Frage, welche anderen oder zusätzlichen Einflussgrößen körperpsychotherapeutische Ansätze berücksichtigen, die sich in einer psychodynamischen Tradition sehen. Diese Faktoren werden in einem Fallbeispiel veranschaulicht. Schlüsselbegriffe Psychodynamische Psychotherapie, psychodynamische Körperpsychotherapie, frühkindliche Beziehungserfahrungen, körperliche Reaktionsbildungen, ungelöste Bedürfniskonflikte, biopsychosoziales Modell Change and Development in Neoreichian Body Psychotherapy Psychodynamic psychotherapy is a collective term used for therapeutic methods that emerged from Freudian psychoanalysis and share its basic assumptions, but are usually shorter, more focused, and more structured than classical psychoanalysis. Psychodynamically based treatments make unconscious conflicts and relationship patterns visible and strive to transform them, always considering the individual’s life history and the current therapeutic relationship in the process. This article addresses the question of what other or additional influential factors body-psychotherapeutic approaches take into account, which see themselves within a psychodynamic tradition. These factors are exemplified in a case study. Key words psychodynamic psychotherapy, psychodynamic body psychotherapy, early relational experiences, somatic reaction patterns, unresolved conflicting needs, biopsychosocial model 56 2 | 2026 Margit Koemeda-Lutz Zum Begriff „Psychodynamik“ L eben ist ein Zusammenwirken und ein Wechselspiel unterschiedlicher Kräfte. In der Physik meint Dynamik die Lehre vom Einfluss von Wirkfaktoren auf die Bewegungsvorgänge von Körpern bzw. eine auf Veränderung oder Entwicklung gerichtete Triebkraft. Psychodynamik ist die psychoanalytische Lehre vom Wirken innerseelischer Kräfte und deren Wechselwirkungen zur Erklärung von Erleben und Verhalten. Der Begriff geht auf Sigmund Freud und Kurt Lewin zurück. Sie orientierten sich bei ihrer psychologischen Theoriebildung an den Naturwissenschaften, insbesondere an der Physik. Freuds dynamische Konzeption des Psychischen basiert auf der Annahme von Trieben und Triebkonflikten (Laplanche / Pontalis 1980, 125). Er beschreibt, wie unbewusste Motive, Konflikte und frühkindliche Erfahrungen das Verhalten und die Persönlichkeit formen. Freud verzichtete darauf, die Zusammenhänge zwischen Körperlichem und Seelischem wissenschaftlich zu untersuchen, da es ihm verfrüht erschien. Er deutete solche aber verschiedentlich an, wenn er zum Beispiel im Rahmen des ökonomischen Prinzips von Erregungsgrößen sprach (Freud 1976, 343). In einer Zeichnung von 1895 (Wikipedia 2025) skizziert er die Verbindung von Dynamik und Topik, indem er eingehende Nervenimpulse als dynamisches Movens für statisch vorhandene Neuronenketten betrachtete. So wie Gravitation und Fliehkraft den dynamischen Aspekt unseres Planetensystems ausmachen, bewegen Motivationen die „Strukturen“ des Psychischen, die Freud als das Unbewusste, Vorbewusste und Bewusste (1. Topik), das Es, das Ich und das Überich (2.- Topik) konzipierte, wobei diese Strukturen des psychischen Raums eine abstrakt-theoretische Gliederung darstellen und sich nicht an anatomischen Gegebenheiten orientieren. Freud sah voraus, dass er mit seinen beiden Behauptungen, dass Seelisches wesentlich mehr sei als das Bewusste, und dass Triebe, insbesondere der Sexualtrieb, an der Entstehung von psychischen Erkrankungen beteiligt seien (Freud 1976, 46 ff ), auf erheblichen Widerstand bei seinen Fachkolleg: innen stoßen würde. Dynamik figuriert bei Freud als eines von drei metapsychologischen Prinzipien (neben der Topik und der Ökonomie). Psychodynamik leitet sich ursprünglich von der Psychoanalyse und dem psychischen Instanzenmodell ab und umfasst heute eine Vielzahl psychoanalytisch begründeter Theorien und Therapien. Eine Reihe von körperpsychotherapeutischen Richtungen, u. a. die Bioenergetische Analyse (z. B. Lowen 1981; Koemeda- Lutz 2002; Heinrich-Clauer 2008; Schwenk/ Pechtl 2019; Holle / Tasche 2024), sehen sich in dieser Tradition. Zu den Kernaspekten der Psychodynamik zählen folgende: ● Innerseelische Kräfte: Psychodynamik betrachtet das psychische Geschehen als ein dynamisches Zusammenspiel von inneren Kräften. ● Unbewusste Prozesse: Psychodynamik geht davon aus, dass viele psychische Probleme und Verhaltensweisen auf unbewussten Konflikten, Trieben und Abwehrmechanismen basieren. ● Instanzenmodell: Ein zentrales Konzept ist Freuds Modell des Ichs im Spannungsfeld zwischen dem Es (Triebe) und dem Über-Ich (Ich-Ideal). ● Innere Konflikte: Psychische Symptome entstehen oft durch ungelöste Konflikte zwischen größtenteils unbewussten Wünschen, Motivationen und inneren Verboten. ● Entwicklung: Frühkindliche Erfahrungen und deren Verarbeitung spielen eine wichtige Rolle bei der Formung der Persönlichkeit. ● Übertragung und Gegenübertragung: Gefühle und Muster aus früheren Beziehungen wiederholen sich in der Beziehung zum / zur Therapeut: in- - diese Dynamik wird genutzt, um sie bewusst zu machen und zu bearbeiten. Veränderung und Entwicklung in der Körperpsychotherapie 2 | 2026 57 ● Psychodynamische Therapie: Diese Therapieformen zielen darauf ab, unbewusste Konflikte durch Klärung, Konfrontation und Deutung bewusst zu machen, um Symptome zu lindern oder zu beseitigen. ● Diagnostik: Die Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik (Arbeitskreis OPD-3 2024) ist ein vor allem im deutschsprachigen Raum verwendetes spezifisches Diagnosesystem, das psychodynamische Konzepte berücksichtigt, um psychische Störungen und deren Veränderbarkeit systematisch zu erfassen. Das Verdienst von Wilhelm Reich und den Vertreter: innen einer Reihe auf seinen Konzepten aufbauender Körperpsychotherapiemethoden war es, den Niederschlag frühkindlicher Beziehungserfahrungen auch im Körper, insbesondere in der Skelettmuskulatur in Form von Körperhaltungen und muskulären Abwehrmustern, erforscht zu haben. Hierzu sei auf das von Reich (1989), Lowen (1981, Bioenergetische Analyse), Keleman (1985, Formative Psychologie), Johnson (1994, Psychologe, US-amerikanischer Hochschullehrer) und anderen erarbeitete Konzept der Charakterstrukturen verwiesen. Am Beispiel von entwicklungstypischen Bedürfniskonflikten versuchten diese Autoren zu zeigen, wie sich bei wiederholter Bedürfnisfrustration Reaktionsbildungen einstellen, die sich auch körperlich „einfleischen“, d. h. zu chronifizierten Abwehrhaltungen im Sinne muskulärer Verspannungen und sichtbaren Mangelentwicklungen führen-- Abwehrhaltungen, um sich vor weiteren schmerzhaften Erfahrungen zu schützen. Neuere Theoriebildungen und Forschungsbefunde Ebenso wie sich „die Psychoanalyse“ seit Sigmund Freud weiterentwickelt hat, beziehen sich auch körperpsychotherapeutische Ansätze auf neuere Theoriebildungen und Forschungsbefunde (Geuter 2019, 2023). Neurowissenschaften Das von den Neurowissenschaften geprägte letzte Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts bestätigte Freuds Behauptung, dass das Unbewusste unser Handeln wesentlich mehr beeinflusst als das Bewusste (z. B. Roth 1997; Fuchs 2021; Jäncke 2024) und dass gegenwärtiges Verhalten von der Summe an Vorerfahrungen geprägt ist und gesteuert wird (z. B. Bauer 2002). Die dualistische Triebtheorie von Sigmund Freud wird ergänzt und oft ersetzt durch die Beschreibung von basalen Motivationsbzw. Emotionssystemen, die sich auf neuronale Strukturen und Prozesse beziehen lassen (z. B. Lichtenberg et al. 2000; Panksepp 2004, 2012), die für das Überleben und die Reproduktion notwendig sind. Zwei Dekaden eines starken neurowissenschaftlichen Interesses unserer psychotherapeutischen Zunft haben uns gelehrt, uns Bilder vom Zusammenspiel neuronaler Erregung und Hemmung bei der Verhaltenssteuerung zu machen. Bildgebende Verfahren haben uns eine Vorstellung von der Hämodynamik in Gehirnen vermittelt. Es wurden Versuche unternommen, Zusammenhänge zwischen diesen Vorgängen und Korrelaten auf der beobachtbaren oder subjektiv erlebbaren Verhaltensebene aufzuzeigen. Als Psychotherapeut: innen verfügen wir nur zum Teil über die Möglichkeit, zentral- und peripher-nervöse Vorgänge direkt zu beobachten oder zu beeinflussen. Körperpsychotherapeut: innen sind jedoch darin geschult, auf höheren Systemebenen z. B. eine Mehr- oder Minderdurchblutung der Gesichtshaut, ein subtiles Zittern bestimmter Muskelpartien, vermehrte Schweißabsonderung zu beobachten bzw. an sich selbst wahrzunehmen und durch gezielte Interventionen und Übungen Wirkungen auf der körperlich-emotionalen Ebene zu erzielen. Wie körperliche Regulationsmechanismen funktionieren, ist neben genetischen Disposi- 58 2 | 2026 Margit Koemeda-Lutz tionen auch von Erfahrungen und Prägungen seit Lebensbeginn individuell bestimmt. Eine Übersicht zu einschlägiger Forschung, insbesondere zum Einfluss von chronischem Stress, findet sich z. B. bei Bauer (2002). Systemtheorie Menschen, die in (körper-)psychotherapeutische Behandlung kommen, können als komplexe dynamische Systeme betrachtet werden, die mit Objekten, Menschen und anderen Systemen ihrer Umwelt interagieren (z. B. Schiepek et al. 2013; Boszormenyi-Nagy / Spark 2015). Psychotherapie ist meines Erachtens immer ein dynamischer Prozess. Bestimmungsgrößen, die diesen Prozess beeinflussen, sind- - wie bereits ausgeführt-- innerseelische Kräfte, unbewusste Konflikte, Inhalte und Prägungen des prozeduralen Gedächtnisses aus frühkindlichen Erfahrungen. Tiefenpsychologisch orientierte Körperpsychotherapeut: innen arbeiten mit Konzepten von Übertragung und Gegenübertragung, wobei sie in der therapeutischen Beziehung zusätzlich zu gedanklichen und emotionalen Aspekten die Körperwahrnehmung ihrer Patient: innen wie auch ihre eigene in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken (zu visueller Diagnostik siehe z. B. Koemeda-Lutz / Peter 2001; Koemeda-Lutz et al. 2003). Körperpsychotherapie und Entwicklungspsychologie Behandler: innen und Patient: innen achten auf physiologische Vorgänge in ihren Körpern, auf Bewegungsimpulse und Hemmungen, auf den sprachlichen, stimmlichen und gestischen Ausdruck sowie Interaktionsmuster innerhalb und außerhalb der therapeutischen Beziehung. Diese Variablen werden auf verschiedenen mikrobis makroskopischen Realitätsebenen wirksam. Sie können dort subjektiv erlebt und zum Teil von außen beobachtet werden. Andere spielen sich außerhalb der Wahrnehmung von Patient: innen und Behandler: innen und ohne Zugang zum Bewusstsein ab. Zur Beschreibung und Erforschung der involvierten Prozesse haben verschiedene Wissenschaftszweige etwas beizutragen. Die Psychotherapiewissenschaft fokussiert auf Erleben und Verhalten sowie auf interindividuelle Interaktionen, auf Austauschprozesse zwischen Individuum und Umwelt. Zum einen interessiert hier, was Menschen antreibt- - dabei geht es um basale Bedürfnisse und Motivationen-- und zum anderen, wie sich Erfahrungen mit Umweltbedingungen, insbesondere primären Bezugspersonen, als implizites und explizites Wissen in Persönlichkeitsstrukturen, Schutzmechanismen und anderen Denk-, Fühl- und Verhaltensneigungen niederschlagen und welche Fehlentwicklungen sich unter schwierigen Bedingungen herausbilden (z. B. Lowen 1981; Johnson 1994). Konfliktmodelle Die Dynamik einer Persönlichkeit zeigt sich häufig als innerpsychischer Konflikt zwischen zwei oder mehreren Persönlichkeitsanteilen (bei Freud war es das Instanzenmodell Es-- Ich und Über-Ich; bei Kohout und Kernberg sind es Konflikte zwischen Selbst- und Objektrepräsentanzen). Das können ein zu Höchstleistungen antreibender und ein erschöpft-überforderter Anteil sein oder ein sich nach Lob und Anerkennung sehnender und ein chronisch kritisch-entwertender Teil. Theoretische Konzeptionen und davon abgeleitete therapeutische Techniken für den Umgang mit solchen innerpsychischen Konflikten finden sich sowohl in der Objektbeziehungstheorie (z. B. Kernberg 2019) als auch in der Gestalttherapie, z. B. bei Stone & Stone (1994)), in jüngerer Zeit auch in der Ego-States- (Watkins/ Watkins 2003) sowie in der Schema-Therapie (Young et al. 2008). Eine körperpsychotherapeutische Variante wurde von Stamboliev (1992) entwickelt. Hier werden Patient: innen aufgefordert, ihre Persönlichkeitsanteile zu verkörpern, eine Position im Raum einzunehmen, die dem jeweiligen Anteil entspricht, und wahrzunehmen, wie sich Veränderung und Entwicklung in der Körperpsychotherapie 2 | 2026 59 dieser Teil fühlt, was er denkt. Anschließend sprechen, bewegen sie sich und handeln aus seiner Perspektive. Der/ die Therapeut: in interagiert mit solchen Persönlichkeitsanteilen, bevor er/ sie die Patient: innen auffordert, wieder zurück in die „Haut“ (Rolle) seiner Gesamtpersönlichkeit zu schlüpfen, zurück auf seinen ursprünglichen Platz zu gehen, um gemeinsam mit dem / der Therapeut: in Revue passieren zu lassen und zu evaluieren, was geschehen ist. Gegenüberstellung und Vorschlag zur Integration von traditionell psychodynamischer Psychotherapie und psychodynamisch orientierter Körperpsychotherapie Unter einer psychodynamisch orientierten Konzeption von Körperpsychotherapie verstehe ich die Behandlung von Störungen, die sich aus ungelösten Bedürfniskonflikten speisen (inter- Tab. 1: Eine Gegenüberstellung von traditionell psychodynamischer Psychotherapie und psychodynamisch orientierter Körperpsychotherapie Traditionelle psychodynamische Psychotherapie Psychodynamisch orientierte Körperpsychotherapie Kernidee Unbewusste Konflikte, verdrängte Wünsche & dysfunktionale Beziehungsmuster verursachen Symptome. Traumafolgen und ungelöste Bedürfniskonflikte aus früheren Beziehungserfahrungen zeigen sich unter anderem als „Muskelpanzerung“ im Körper. Interventionstechniken Freies Assoziieren, Gespräch, Deutung unbewusster Konflikte, Arbeit mit Übertragung & Gegenübertragung Arbeit mit dem Atem, mit der Stimme und chronisch angespannten Muskelpartien, Stresspositionen, Berührung, Handlungsinszenierungen, Arbeit am emotionalen Ausdruck Fokus Verstehen und Bearbeiten unbewusster Konflikte, Muster und Beziehungserfahrungen Wahrnehmen, Spüren und Erleben körperlicher & emotionaler Spannungen sowie muskulärer Blockierungen; emotional getragene Einsichten in deren Funktion kann zu Lösungen führen Rolle des Körpers Indirekt-- Körperwahrnehmungen können Thema sein, aber Arbeit erfolgt primär sprachlich. Zentral-- Körperarbeit als wichtiger Zugang zu Erinnerungen, unterdrückten Impulsen und Emotionen Rolle der Beziehung zum/ zur Therapeut: in Sehr zentral-- Beziehung dient als Spiegel für alte Muster („Übertragung“). Wichtig als sicherer Rahmen, Beziehungsgestaltung gibt Aufschluss über biografische Prägungen. Ziele Symptomlinderung, Einsicht in unbewusste Konflikte, stabile Beziehungsgestaltung Mehr Lebendigkeit, Integration verdrängter Gefühle, Wandlung von dysfunktionalen zu aktuell funktionalen Beziehungsmustern 60 2 | 2026 Margit Koemeda-Lutz individuell in der Vergangenheit, intraindividuell im Verlauf der persönlichen Entwicklung) und/ oder von strukturellen Störungen und Defiziten, die aus früheren Mangel- und Konflikterfahrungen resultieren (z. B. Rudolf 2020). Prägende Erlebnisse in der Biografie wirken sich nachhaltig auf gegenwärtiges Erleben und Verhalten aus. Körperpsychotherapie sucht sowohl körper- und erlebnisorientierte wie auch kognitiv-sprachliche Zugänge zu Patient: innen. Die (körper-)psychotherapeutische Kunst besteht darin, psychoanalytisch gesprochen, den in der Biografie geprägten Übertragungsanteil aus der therapeutischen Realbeziehung herauszufiltern und ihn vor dem Hintergrund der biografischen Informationen, die der Patient gibt, zu verstehen. Die Dynamiken, die wir Körperpsychotherapeut: innen beachten, sind bio-psycho-soziale (Egger 2017). Wir berücksichtigen dabei zusätzlich zu den o. g. tiefenpsychologischen folgende „Kräfte“ und deren Wechselwirkungen: ● Die somatischen Niederschläge von frühen Erfahrungen, d. h. chronifizierte Körperhaltungen und muskuläre Abwehrmuster ● Hinweise auf dysfunktional wirksame Repräsentanzen von früheren Beziehungserfahrungen (verinnerlichte Objektbeziehungen sensu Kernberg 2019, generalisierte Interaktionsmuster, RIGs, sensu Stern 2010) im impliziten Gedächtnis (Polanyi 1985) und die verkörperte Konfliktdynamik zwischen diesen (z. B. Stamboliev 1992). Nicht-Bewusstes ist ein fortwährender Mitspieler bei der Verhaltenssteuerung, d. h. in der Dynamik zwischen Bedürfnissen, Motivationen, Kommunikation und Handlungen. Dass nur ein Bruchteil menschlicher Verhaltens- und Erlebensdeterminanten bewusst wird, ist seit Sigmund Freuds Entdeckung des Unbewussten bekannt und, wie bereits erwähnt, inzwischen auch neurowissenschaftlich untermauert (z. B. Roth 1997; Fuchs 2021; Jäncke 2024). Was ist das übergeordnete Ziel (körper-)psychotherapeutischen Bemühens? Wo Es war, soll Ich werden? Unbewusstes bewusst zu machen? Die Fähigkeit zu lieben und zu arbeiten als Grundlage für ein psychisch gesundes und erfülltes Leben wiederherzustellen? Ursprünglich und unter widrigen Umständen dem Überleben dienende, inzwischen dysfunktional gewordene Denk-, Fühl- und Verhaltensmuster erkennen zu helfen und durch Bewusstwerden und Üben in funktionale zu verwandeln? Psychodynamische Psychotherapie wie auch reichianische Körperpsychotherapie wurzeln in der Freud’schen Tradition; sie setzen aber den Fokus unterschiedlich. Beide gehen davon aus, dass unbewusste Konflikte und verdrängte Gefühle aktuelles Erleben prägen. Reich war selbst Psychoanalytiker- - er hat die Idee der Abwehrmechanismen (z. B. Verdrängung) auch auf der körperlichen Ebene untersucht („Muskelpanzerung“). Psychodynamische Psychotherapie sucht den Zugang über Sprache, Symbole, Deutungen, was zum Verstehen von Konflikten führen soll. Reichianische Körperpsychotherapie sucht den Zugang außer im Gespräch auch über den Körper, den Atem, den Ausdruck, was zum Erleben und Durcharbeiten emotionaler Erfahrungen beitragen will. In Kombination führen Einsicht und körperliches Durchleben zu einer tieferen Integration. Psychodynamische Therapie nutzt Übertragung und Gegenübertragung. Reichianische Körperpsychotherapie legt mehr Gewicht auf körperliche Resonanz und Erleben im Hier und Jetzt. Wenn man beide Ansätze kombiniert, achtet der / die Therapeut: in auf somatische Signale (z. B. Atem, Muskelspannung, Körperhaltung) und generiert daraus Hypothesen hinsichtlich der Übertragungsaspekte in der therapeutischen Beziehung. In psychodynamischen Ansätzen wird analysiert, warum jemand Gefühle nicht zulässt (z. B. aus Schuld-, Angstund/ oder Schamgefühlen). Körperpsychotherapeut: innen helfen, unterdrückte Gefühle und Impulse freizusetzen (z. B. durch tieferes Atmen, Veränderung und Entwicklung in der Körperpsychotherapie 2 | 2026 61 Dehnen von Muskelstrukturen, Ermutigung von emotionalem Ausdruck und Handlungen). Eine Kombination aus Verstehen und Erleben führt zu verändertem Verhalten. Fallbeispiel Zum Abschluss soll im Folgenden ein Fallbeispiel skizziert werden, bei dem die im vorangegangenen Text erläuterten dynamischen Aspekte einer körperpsychotherapeutischen Behandlung konkret sichtbar werden: Eine 52-jährige Patientin wurde von ihrer Hausärztin arbeitsunfähig geschrieben, weil sie am Arbeitsplatz „plötzlich nicht mehr konnte“. Eine Psychotherapie wird empfohlen. Zum Erstgespräch erscheint eine sehr sympathische, gepflegte, auffallend freundliche Person. Sie setzt sich nur auf die Vorderkante ihres Sessels, lehnt sich nirgends an und schaut die Therapeutin erwartungsvoll und aufmerksam an. Im Lauf des Gesprächs äußert sie wie nebenbei und lächelnd, dass sie sich nur nicht umbringe, weil sie das ihren (bereits erwachsenen) Kindern nicht antun wolle. Ihr Mann lebt seit Jahren in einer neuen Partnerschaft. Nach einer Weile spiegelt die Therapeutin Frau P. ihre strahlende Erscheinung und erwähnt, dass ihr eine hohe Körperspannung auffalle. Sie fragt, ob die Patientin eine Vorstellung habe, was passieren könnte, wenn sie die Lehne ihres Sessels nutzen würde, um sich ein wenig körperliche Unterstützung zu gönnen, und ob sie wisse, was zu ihrer momentanen Anspannung beitrage-- ein Erstgespräch, man kenne einander ja noch gar nicht. Ob es vor allem das sei? Es kommen Tränen, die Patientin wirkt berührt, bemüht sich aber, indem sie ihren Atem drosselt, ein tieferes Weinen zu verhindern, sich nach Möglichkeit nichts anmerken zu lassen und weiter von der Situation am Arbeitsplatz zu berichten. Die Therapeutin spiegelt ihr auch diese Beobachtungen und lädt sie dazu ein, ihren Atem fließen zu lassen. Die Tränen seien aus ihrer Sicht vollkommen in Ordnung. Frau P. möge sich Zeit nehmen für ihr Berührtsein und ihre Gefühle. Das Gespräch ließe sich auch danach fortsetzen. Die Patientin kann diese Einladung nur ansatzweise annehmen, zu stark scheint ihre antrainierte Gewohnheit, sich nichts anmerken zu lassen und keine Schwäche zu zeigen. Dahinter verbirgt sich, wie sich in den folgenden Sitzungen herausstellen wird, eine langjährige Geschichte von Vernachlässigung und Misshandlung in ihrer Kindheit. Bereits in dieser ersten Sitzung wird eine Reihe von „Kräften“ sichtbar, die zu folgenden Hypothesen der hier wirksamen Dynamik führte: Psychosozial: Der Arbeitgeber erwartet Leistung, die die Patientin bisher eher im Übermaß erfüllt hat und „plötzlich“ nicht mehr erbringen kann. Eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung der Ärztin soll den finanziellen Beistand von Versicherungen bewirken, die ihrerseits ein nachvollziehbares Interesse daran haben, die Patientin möglichst bald wieder in den Arbeitsprozess zurückzubringen. Hilfe bei einer Psychotherapeutin wird gesucht. Die „Spieler“ auf diesem psychosozialen Feld haben zum Teil konfligierende Interessen-- rasche Wiederherstellung der Arbeitskraft versus Zeit für Heilung und Neuorientierung. Die Ärztin und die Psychotherapeutin agieren als „Anwältinnen“ für die Patientin. Sie wissen aus Erfahrung, dass Burnout-Zustände meist länger anhalten als für Nicht-Fachleute nachvollziehbar ist. Innerpsychisch: Die Patientin hat die Erinnerung an ihre schmerzhaften Kindheitserfahrungen stark verdrängt. Diese kommen im Lauf der Behandlung nach und nach zurück ins Bewusstsein und können bearbeitet werden. Somatopsychisch: Die emotionalen und körperlichen Schmerzen des Kindes wurden über viele Jahre nicht mehr gefühlt. Sie wurden durch eine starke Leistungsmotivation und damit verbundene Aktivitäten überdeckt, bis es 62 2 | 2026 Margit Koemeda-Lutz zum Zusammenbruch kam. Durch wiederholte in den Behandlungssitzungen angeleitete Entspannung- - psychovegetativ und muskulär- - sowie vertiefte Atmung kommt es zu unwillkürlichen Muskelzuckungen, die Hinweise auf chronisch unterdrückte aggressive Impulse (z. B. Schlagen, Wegstoßen) geben. Manchmal drücken die unkontrollierten Bewegungen auch ein Schaudern aus, wodurch die Patientin in Kontakt mit ihren Angstgefühlen kommt. Selbst- und objektbeziehungstheoretisch: Ein verinnerlichtes Vater-Introjekt wirkt weiterhin misshandelnd und demütigend, abweisend gegenüber Wünschen und Bedürfnissen der Patientin. Dem gegenüber stehen ein sehr geschwächtes, eingeschüchtertes und selbstunsicheres inneres Kind und gleichzeitig ein empörter und zorniger Selbstanteil, der in der Therapie gestärkt werden kann. Übertragung: Die Patientin setzt auch in der therapeutischen Beziehung das früh erworbene Muster des „Sich-Unsichtbarmachens“ ein. Damit „versteckte“ sie sich vor dem zu Gewalttätigkeiten neigenden Vater. Es braucht seitens der Therapeutin eine große Achtsamkeit, um sich von der Patientin nicht dazu verleiten zu lassen, deren Bedürfnisse zu übersehen, sondern wahrzuhaben, dass sich Depression und Suizidalität nicht rasch zum Verschwinden bringen lassen. Die Patientin bietet immer wieder an, an ihren Arbeitsplatz zurückzukehren, weil doch jetzt alles wieder gut sei. Stattdessen geht es aber um ein zeitweilig entmutigendes Ringen für die Freisetzung von vitalen Kräften der Patientin, nicht um eine oberflächliche Anpassung an die Erwartungen anderer. Es geht darum, der Neigung der Patientin zur Selbstbetäubung und Vermeidung von Verletztheitswahrnehmungen zu widerstehen und Gefühle von Angst, Wut und Schmerz ertragen zu lernen, damit sie zu Selbstbehauptung und Abgrenzungsfähigkeit weiterentwickelt werden können. Mit diesem Beitrag hoffe ich, gezeigt zu haben, dass eine Integration von psychodynamischen und körperpsychotherapeutischen Gesichtspunkten und Techniken ein möglicher und lohnender Weg sein kann. Von bioenergetischen Analytiker: innen (Körperpsychotherapeut: innen in der Tradition von Wilhelm Reich) in Deutschland, Österreich und der Schweiz durchgeführte Behandlungen haben sich in verschiedenen Studien als wirksam erwiesen (Koemeda-Lutz et al. 2006, 2016, 2026). Literatur Arbeitskreis OPD-3 (2024): Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik. Das Manual für Diagnostik und Therapieplanung. Hogrefe, Göttingen, https: / / doi.org/ 10.1024/ 86348-000 Bauer, J. (2002): Das Gedächtnis des Körpers. Eichborn, Frankfurt/ M. Boszormenyi-Nagy, I., Spark, G. (2015): Unsichtbare Bindungen. Die Dynamik familiärer Systeme. 10. Aufl. Klett-Cotta, Stuttgart Egger, J. W. (2017): Theorie und Praxis der biopsychosozialen Medizin. facultas, Wien Freud, S. (1976): Studienausgabe. Bd. 1: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. S. Fischer, Frankfurt/ M. Fuchs, T (2021): Das Gehirn-- ein Beziehungsorgan. Eine phänomenologisch-ökologische Konzeption. 6. Aufl. Kohlhammer, Stuttgart, https: / / doi.org/ 10.17433/ 978-3-17-039465-0 Geuter, U. (2023): Körperpsychotherapie: Grundriss einer Theorie für die klinische Praxis. 2.-vollst. überarb. Aufl. Springer, Berlin, https: / / doi.org/ 10.1007/ 978-3-642-04014-6 Geuter, U. 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Margit Koemeda-Lutz Psychotherapeutin in eigener Praxis, Dozentin, Lehrtherapeutin und Supervisorin. Fakultätsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Bioenergetische Analyse und Therapie (SGBAT) und des International Institute for Bioenergetic Analysis (IIBA). Veröffentlichung von Büchern und Fachbeiträgen, Forschungsarbeiten zur Wirksamkeit von Körperpsychotherapie. ✉ Dr. Dipl. Psych. Margit Koemeda-Lutz „Breitenstein“ Fruthwilerstrasse 70 | CH-8272 Ermatingen koemeda@bluewin.ch www.koemeda.ch
