körper tanz bewegung
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2195-4909
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Forum: Kann die Psychoanalyse die Bioenergetische Analyse retten?
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Jens Tasche
Ausgehend vom reichianisch-humanistischen Erbe der Bioenergetischen Analyse (BA) und ihrer Verbreitung im Kontext der 1968er-Jugendbewegungen aktualisiert der Autor veraltete Annahmen der BA im Lichte der Psychoanalyse (PA) und plädiert für eine Nutzung der PA als Bezugswissenschaft zur BA. Gleichzeitig werden die Stärken der BA bei der Arbeit mit vorsprachlichen Erfahrungen und beim Anheben des Vitalitätsniveaus herausgearbeitet. Es wird betont, dass die neuropsychoanalytische Forschung die Bedeutung des Körpers für die Genese und Behandlung psychischer Störungen deutlich bestätigt.
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64 Forum: Zur Diskussion Kann die Psychoanalyse die Bioenergetische Analyse retten? Jens Tasche Ausgehend vom reichianisch-humanistischen Erbe der Bioenergetischen Analyse (BA) und ihrer Verbreitung im Kontext der 1968er-Jugendbewegungen aktualisiert der Autor veraltete Annahmen der BA im Lichte der Psychoanalyse (PA) und plädiert für eine Nutzung der PA als Bezugswissenschaft zur BA. Gleichzeitig werden die Stärken der BA bei der Arbeit mit vorsprachlichen Erfahrungen und beim Anheben des Vitalitätsniveaus herausgearbeitet. Es wird betont, dass die neuropsychoanalytische Forschung die Bedeutung des Körpers für die Genese und Behandlung psychischer Störungen deutlich bestätigt. Schlüsselbegriffe Bioenergetische Analyse, Phänomenologie der Verkörperung, affektive Dysregulation, Energie, Vitalität Can Psychoanalysis Save Bioenergetic Analysis? Based upon the Reichian-humanistic legacy of Bioenergetic Analysis (BA) and its dissemination in the context of the 1968 youth movements, the author updates outdated assumptions of BA in the light of Psychoanalysis (PA) and advocates for the use of PA as a reference science for BA. At the same time, the strengths of BA in working with pre-verbal experiences and raising vitality levels are highlighted. It is emphasized that neuropsychoanalytic research confirms the importance of the body for the genesis and treatment of mental disorders. Key words Bioenergetic Analysis, phenomenology of embodiment, affective dysregulation, energy, vitality D ie Psychoanalyse (PA) lebt! Offenbar hat sie es über die vergangenen 130 Jahre hinweg geschafft, alle gesellschaftliche Moden, soziale Veränderungen und wissenschaftliche Fortschritte erfolgreich zu integrieren. Zumindest bei einer oberflächlichen Betrachtungsweise bietet sie uns heute einen zwar nicht widerspruchsfreien, aber dennoch lebendigen und belastbaren Theoriekorpus, der die psychodynamische Praxis mit zeitaktuellen Theorien versorgt, z. B. das Mentalisierungskonzept, ein die Intersubjektivität betonendes Behandlungsmodell, oder Erklärungen zur Entstehung bzw. Behandlung von narzisstischen und Borderline-Persönlichkeitsstörungen. Ihr Erfolgsrezept scheint mir in einem Theorieverständnis zu liegen, das ausreichend durchlässig für neue Einflüsse ist-- beispielsweise in Form des interdisziplinären Forschungsfelds der Neuropsychoanalyse-- und dennoch eine identitätsstiftende Eigenständigkeit durch historische Rückbezüge bewahrt. körper-- tanz-- bewegung 14. Jg., S. 64-75 (2026) DOI 10.2378/ ktb2026.art10d © Ernst Reinhardt Verlag 65 2 | 2026 Kann die Psychoanalyse die Bioenergetische Analyse retten? Im Vergleich dazu tut sich Bioenergetische Analyse (BA) trotz ihres vergleichsweise zarten Alters von etwa 75 Jahren deutlich schwerer mit der Anpassung an den gesellschaftlichen Wandel. Ähnlich wie die PA stand sie im Lauf ihrer Geschichte in ständigem Austausch mit ihrer Umwelt und ließ sich teils intensiv von sozialen Bewegungen, anderen psychotherapeutischen Ideen und philosophischen Moden beeinflussen. Leider ist es ihr jedoch nicht gelungen, eine ähnliche theoretische Vitalität zu entfalten wie die PA. Zwar wurde die Lehre innerhalb der institutionalisierten BA im Laufe der Jahrzehnte um einzelne, überwiegend der PA entstammende Konzepte ergänzt, doch trotz intensiver Bemühungen einiger Bioenergetischer Analytiker: innen ist es bisher nicht gelungen, ein neues integratives Störungs- und Behandlungsmodell zu entwickeln. Die Herausforderung Doch es gibt gegenläufige Trends. So hat sich zum Beispiel in den letzten Jahrzehnten in vielen körperpsychotherapeutischen Praxen ein wirkmächtiges „neues“ Verständnis der BA entwickelt, bei dem die Schwächen der ursprünglichen Konzeptualisierung durch eine flexible Nutzung psychodynamischen Wissens kompensiert werden. Diese Entwicklung scheint jedoch innerhalb der bioenergetischen Lehre auf wenig Resonanz zu stoßen. Nicht zuletzt die Kluft zwischen einer erfolgreichen modernen BA-Praxis und dem nach wie vor schwindenden Interesse an bioenergetischen Qualifizierungsangeboten hat meinen Kollegen Carsten Holle und mich dazu veranlasst, eine Initiative zu starten, die sich zum Ziel gesetzt hat, die neuen erweiterten Möglichkeiten in der BA-Praxis verfügbar zu machen (Holle / Tasche 2024). Unser Buch-- ein Werk von Praktiker: innen für Praktiker: innen- - behandelt zahlreiche dringlich-aktuelle Fragen der Körperpsychotherapie und zeigt innovative Wege zur sowohl theoretischen als auch methodischen Weiterentwicklung der BA auf. Zugleich bestehen signifikante Herausforderungen: ● Die BA muss fähig werden, ihr eigenes Behandlungsmodell zu hinterfragen. ● Sie muss sich so weiterentwickeln, dass die Leiden der Gegenwart behandelbar sind. ● Sie muss begründen können, wie sie als Methode wirkt, wo sie theoretisch verankert ist und von welchem Menschenbild sie sich in ihrem Handeln leiten lässt. Dabei ist zu bedenken, dass sich neue Forschungsergebnisse wie die Entdeckung der Spiegelneuronen, umstrittene Theorien wie die Polyvagal-Theorie und neue soziale Phänomene wie die LGBTQIA+-Bewegung nicht eins zu eins übernehmen lassen, sondern kritisch analysiert und hinsichtlich ihrer Kompatibilität mit den zentralen Elementen der BA-Lehre überprüft werden müssen. Auch eine kritische Auseinandersetzung mit der Frage, welche Konsequenzen die BA als eine in der Tradition Wilhelm Reichs stehende Methode aus dem erneuten Aufleben rechtspopulistischer, autoritärer Massenbewegungen ziehen sollte, scheint dringend geboten. Die Ursprünge Alexander Lowens Bücher sind vitale Schilderungen eines Heilungsverständnisses psychischer Leiden, das Körper und Psyche umfasst. Mit seiner Charakterlehre hat Lowen einen wichtigen Beitrag für die theoretische Fundierung der Körperpsychotherapie geleistet und eine bedeutsame Brücke von Sigmund Freuds ursprünglicher Triebpsychologie zu einer weltweit anerkannten körperpsychotherapeutischen Praxis geschlagen (Körper im Dialog 2026): „Die Bioenergetische Analyse wird weltweit angewendet. In 19 Ländern arbeiten mehr als 50 Gesellschaften an der Ausbildung hochqualifizierter Therapeut*innen / Berater*innen, der 66 2 | 2026 Jens Tasche weiteren Erforschung und der praktischen Umsetzung der Methode.“ Dabei bezog sich Lowen aber teilweise auf Erkenntnisse, die heute als überholt gelten und entsprechend der BA nicht mehr das nötige Grounding geben können, um ein eigenständiges Weiterbestehen zu gewährleisten. In der Folge möchte ich überlegen, was heutzutage die Kernthemen der BA sind bzw. sein könnten. Dazu beginne ich mit einer Betrachtung der historischen Entwicklung bzw. Verbreitung der Methode. Die BA versteht sich als neoreichianisches Verfahren. In ihrem Verständnis von Psycho- und Charakterneurosen beruft sie sich wesentlich auf Wilhelm Reich, der sich in seinem Frühwerk wiederum auf Freuds Triebpsychologie bezieht. Freud hatte bekanntlich im Jahr 1895 gemeinsam mit seinem Kollegen Josef Breuer die Studien über Hysterie (Breuer/ Freud 2011) veröffentlicht-- die erste sexualätiologische Klassifikation psychischer Störungen. Darin unterschied er zwischen Hysterie, Angst-, Zwangs- und Aktualneurose. Bei der Aktualneurose ging er davon aus, dass die mangelnde Abführung sexueller Triebenergie im Erwachsenenalter zu psychischen Störungen führen kann; bei den übrigen Neurosenformen nahm er hingegen an, dass diese ihren Ursprung in unaufgelösten Konflikten der frühen Kindheit haben. Mehr als ein Vierteljahrhundert später veröffentlichte Wilhelm Reich in den 1920er Jahren sein Buch „Die Funktion des Orgasmus“ (Reich 1927), in dem er das Konzept der Aktualneurose, das Freud nach 1895 nicht weiterverfolgt hatte, aufgriff und zum Kern seiner komplexen Theorie der Sexualökonomie machte. In diesem Verständnis hat jede Psychoneurose einen aktualneurotischen- - und damit körperlichen- - Unterbau. Umgekehrt hat jede Aktualneurose einen symptomatischen bzw. psychoneurotischen Überbau, dessen Ursachen sich in die frühe Kindheit zurückverfolgen lassen. Dieses Zusammenspiel von körperlichen und psychischen Vorgängen bezeichnete Reich als funktionelle Identität. Für Reich war klar, dass jede psychische Störung zu einer Beeinträchtigung der Körperwahrnehmung und des „vegetativen Strömens“, aber auch zu muskulären Blockaden und einer eingeschränkten Atmung führt: „Mit dem Begriff der (plasmatischen) Strömung beschrieb Wilhelm Reich ein Gefühl des Fließens im Gewebe des Körpers. 1934 entdeckte er, dass seine Klienten, wenn sich die Muskelpanzerung lockert und vegetative Energie, die nicht länger durch unterdrückte Gefühlszustände blockiert ist, aktiviert wird, prickelnde Gefühle, heiße und kalte Schauer, Erröten und ein Gefühl des Strömens erlebten. Er bezeichnete diese als vegetative Erregungsströme“ (Boadella 2000, 671). Zentral für sein diesbezügliches Denken ist das Konzept der orgastischen Potenz, d. h. die Fähigkeit des Menschen, sich dem „Strömen der biologischen Energie“ ungehemmt hingeben zu können. Für Reich ist diese Energie, die er zunächst als vegetative Energie und später als Orgonenergie bezeichnete, in chronischen Muskelverspannungen gebunden: „Das Körperorgon beginnt nach Auflockerung des Panzerringes nicht sofort frei zu strömen. Zunächst tritt klonisches Zittern, einhergehend mit dem Empfinden des Prickelns und „Ameisenlaufens“, auf. Daran erkennen wir klinisch, dass die Panzerung nachgibt und Körperorgon frei wird. Echte Empfindungen plasmatischer Erregungswellen treten erst dann auf, wenn eine Reihe von Panzersegmenten, etwa die Augen-, Mund-, Hals-, Brust- und Zwerchfellblocks, gelöst sind.“ (Reich 1933, 490) In Reichs sexualökonomischem Verständnis ist jede psychische Störung mit einer Stauung der Triebenergie verbunden. Erst wenn sich die Triebenergie vollständig entladen hat, hat das Symptom keine Energie mehr und verschwindet. Diese Fähigkeit zur vollständigen Entladung bezeichnet Reich als Orgasmusreflex. „Der Organismus [gibt sich] im Augenblick des Orgasmus völlig seinen Organempfindungen und den unwillkürlichen Körperzuckungen hin. Derart ist mit der Bewegung des Orgasmusreflexes unweigerlich der Ausdruck der ‚Hingabe‘ 67 2 | 2026 Kann die Psychoanalyse die Bioenergetische Analyse retten? verknüpft“ (Reich 1933, 482). Dieses gleichermaßen körperliche, emotionale und energetische Phänomen ist nach Reich eng mit einer für beide Partner: innen befriedigenden Sexualität verbunden. Der Orgasmusreflex spielt eine Schlüsselrolle bei der noch von Reich selbst entwickelten Vegeto-Therapie. Das Ziel dieser Therapieform besteht darin, muskulär-emotionale Blockaden aufzulösen und so einen Energiefluss in Gang zu setzen, der sich in einer organismischen Wellenbewegung frei durch die Brust, das Zwerchfell, den Bauch und das Becken der Klient: innen bewegen kann- - eine Art Urbewegung des Lebens, die gleichbedeutend mit einer Befreiung von neurotischen Belastungen sei (Heinfelder 1989). Ein zweites zentrales Konzept, das Reich parallel zu seiner Sexualökonomie entwickelte, ist das, was er als „(ich-syntone) Charakter-Neurose“ beschrieb. Das Konzept einer solchen Neurosenform diente Reich als Basis für seine Charakteranalyse, die er 1933 in Buchform veröffentlichte (Reich 1933). Der Text, der bis heute als Grundlagenwerk anerkannt ist, verweist darauf, dass psychische Störungen nicht als isolierte Symptome, sondern als organismisch verankerte komplexe Fehlentwicklungen verstanden und die damit verbundenen psychosomatischen Abwehrmechanismen- - von Reich als Körperpanzer bezeichnet-- ebenfalls zum Gegenstand der Analyse gemacht werden können. Spätestens durch dieses Werk hatte Reich eine theoretische Eigenständigkeit erreicht, die für alle sich später entwickelnden körperpsychotherapeutischen Methoden bestimmend sein sollte. Der große Sprung nach vorn Ihre eigentliche Sprengkraft erhielt die Verbindung zwischen dem sexualökonomischen und dem charakteranalytischen Konzept erst dadurch, dass Reich das Leiden der Menschen nicht als ein individuelles Schicksal, sondern als das Ergebnis der gesellschaftlichen Verhältnisse ansah. Von 1930 bis zu seinem Ausschluss 1933 gehörte er der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) an und galt als führender Vertreter des Freudomarxismus- - einer relativ kleinen Gruppe von Wissenschaftler: innen, die ideengeschichtlich eine starke Verbindung zur Kritischen Theorie aufweist. Zu ihnen gehörten Psychoanalytiker wie Erich Fromm (in der Frühphase seines Schaffens) und Otto Fenichel oder auch der Sozialwissenschaftler Herbert Marcuse. Aus Sicht des Freudomarxismus führen gesellschaftlich-kapitalistische Eigentumsverhältnisse zu Ausbeutung und Unterdrückung, was sich u. a. in kollektiven Neurosen widerspiegelt. Etwa 40 Jahre später flammte die reichianische Perspektive auf menschliches Leid erneut auf und übte einen starken Einfluss auf die 1968er-Jugend- und Studentenbewegung aus. Zwar wurde die Bewegung politisch von der Forderung nach mehr demokratischer Freiheit und einer größeren Teilhabe an der gesellschaftlichen Macht bestimmt, doch gleichzeitig war offensichtlich, dass hier eine ganze Generation gegen die autoritären Strukturen und die sexualfeindliche Erziehung der 1950er-Jahre rebellierte. Folgerichtig wurde ein weiteres Buch von Reich mit dem (englischen) Titel „Die sexuelle Revolution“ (Reich 1936) zu einem wichtigen Bestandteil der Bewegung. Lautstark riefen die jungen Menschen dazu auf, die überholte bürgerliche Sexualmoral zu überwinden und die durch die Anti-Baby-Pille neu entstandenen sexuellen Freiräume zu nutzen. Eine tabuisierte Sexualität, „kirchliches Pillenverbot“ und auch die Verleugnung kindlicher Sexualität sollten endlich der Vergangenheit angehören. Im Zeitgeist der 1970er-Jahre boten Reichs Schriften vielfältige Möglichkeiten, um individuelle Fragestellungen mit aktuellen politisch-gesellschaftlichen Themen zu verbinden. Psychische Störungen waren nicht länger persönliche Fehler, die schamhaft verborgen werden mussten, sondern galten nun als Formen 68 2 | 2026 Jens Tasche der Selbstentfremdung, die eine Folge der gesellschaftlichen Unterdrückung des Trieblebens-- also einer Störung der natürlichen Sexualökonomie-- waren und ihren Ausdruck in der Muskelpanzerung fanden. Aus dieser Verbindung des Leidens an der psychischen Innenwelt mit der sozialen Außenwelt entstand ein völlig neues Verständnis von persönlicher Schwierigkeit. Aus Psychotherapie wurde „Arbeit an sich selbst“, die als Befreiung von Unterdrückung verstanden wurde und wenig mit den traditionellen psychiatrischen Herangehensweisen gemein hatte. Es galt, das „wahre Selbst“ von internalisierten autoritären Strukturen zu befreien, um so zu einer authentischen, selbstregulierten und lustvollen Lebensgestaltung zu finden. Alles, was es dafür noch brauchte, waren die richtigen Instrumente und passende „Lehrer“. Wer wäre dafür besser geeignet gewesen als die ehemaligen Schüler Reichs, von denen einige mittlerweile bereits ihre eigenen Schulen gegründet hatten? Einer dieser Reich-Schüler war Alexander Lowen. Doch obwohl Lowens Grundverständnis, wonach die Ursachen für Psychopathologien vorrangig in der Verweigerung kindlicher Rechte (Recht auf Existenz, Recht auf Bedürfnisbefriedigung, Recht auf Unabhängigkeit, Recht auf Nähe / Sicherheit, Recht auf Freiheit/ Autonomie) zu suchen sind, den Zeitgeist trafen, entsprach die von ihm entwickelte BA nur bedingt dem Wunsch der damaligen Generation nach einer Befreiung von überholten Strukturen. Das humanistische Erbe „Der Mensch wird am Du zum Ich“-- dieser berühmte Satz von Martin Buber (1997) kann als Leitmotiv der Humanistischen Psychologie (HP) gelten. Die HP versammelt in sich verschiedene psychotherapeutische Methoden, die ab den 1970er-Jahren populär wurden und sich als Alternativen zur Psychoanalyse und der Verhaltenstherapie verstanden. Die bekanntesten Methoden sind die von Fritz Perls (auch ein ehemaliger Schüler Reichs) und Laura Perls entwickelte Gestalttherapie, die von Ruth Cohen begründete Themenzentrierte Interaktion und die auf Carl Rogers zurückgehende Nondirektive Gesprächspsychotherapie (Helferich 2024, 393- 410). Obwohl die Begründer: innen der HP teils ausgebildete Psychoanalytiker: innen waren, entwickelten sie ihre Methoden-- jenseits aller politisch-revolutionären Ideen- - in enger Abstimmung mit Bubers Dialogphilosophie und den Arbeiten von Abraham Maslow (Kriz 1994). Ihr Wirken wurde jedoch auch durch den einsetzenden gesellschaftlichen Wandel geprägt. „In der zweiten Hälfte der 1960er Jahre schnellten die Kirchenaustrittszahlen […] „über Nacht“ nach oben.“ (Pollack 2019, 26) Dieser Wandel fand unter anderem darin seinen Ausdruck, dass bis dahin dominante Werte wie Leistung, Gehorsam, Ordnung oder Disziplin durch individualistische Werte wie Selbstständigkeit, Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung abgelöst wurden (Pollack 2019, 47). Für das weltweit wachsende Bedürfnis nach einem neuen, säkularisierten Identitätsverständnis und dem damit verbundenen Wunsch nach Individuation bot die HP vielfältige Formen der Unterstützung. Eine Schlüsselrolle in dieser Bewegung, die auch als Human Potential Movement bekannt ist, spielt das 1962 gegründete Esalen-Institut. An der kalifornischen Pazifikküste beheimatet, entwickelte sich das Institut bald zum Zentrum einer neuen kulturellen Dynamik und war der Ausgangspunkt für vielfältige Formen von Selbsterfahrung und Bewusstseinsentwicklung (Sollmann 2024, 263-276). Der Psychoboom Das Menschenbild der HP, wonach wir nach Selbstverwirklichung, persönlichem Wachstum und authentischer Begegnung strebende Wesen sind, traf voll den Puls der Zeit. In der damaligem Bundesrepublik Deutschland löste die HP 69 2 | 2026 Kann die Psychoanalyse die Bioenergetische Analyse retten? einen immensen Interessensschub für psychologisches bzw. psychotherapeutisches Wissen aus. Psychologische Fragestellungen wurden in einer Weise popularisiert, dass sich dafür eigens der Begriff des Psychobooms einbürgerte. Psychoboom, sexuelle Revolution und 1968er- Bewegung-- diese drei Schlagworte stehen wie keine anderen für den tiefen gesellschaftlichen Wandel in der westlichen Welt der 1970er- und 1980er-Jahre. Ein Wandel, der alte autoritäre Strukturen aufweichte und dank seiner bis heute andauernden Wirkung zu mehr politischer, kultureller und mentaler Selbstbestimmung führte bzw. führt (siehe hierzu auch die Filmreihe „Das Jahrhundert des Selbst“ von Adam Curtis (2002)). Trotz zahlreicher Parallelen rechnete Lowen die von ihm entwickelte BA nie der HP zu. Auch hätte er sein Schaffen vermutlich nie als Ausdruck eines freudomarxistischen Theorieverständnisses gesehen. In der Tat gibt es auf der theoretischen Ebene signifikante Unterschiede zwischen den Herangehensweisen der HP und der BA. Beispielsweise ist in der HP die Idee eines in der Triebenergie verwurzelten Selbst nicht konzeptualisiert. Stattdessen geht die HP von einem biologisch bedingten Streben des Menschen nach Verwirklichung seiner Bedürfnisse und Potenziale aus. Aus ihrer Perspektive sind psychische Störungen vorrangig Störungen der Selbstentfaltungsmöglichkeiten, die jeder einzelne Mensch in einem heilenden therapeutischen Begegnungsprozess-- basierend auf Wertschätzung, Gleichberechtigung, Authentizität und einem emphatischen Miteinander-- überwinden kann. Auch die direkten Schüler: innen Lowens waren sicher keine 1968er-Aktivist: innen, standen jedoch in kontinuierlicher Verbindung mit den humanistischen Verfahren. Dabei zeigte sich, dass sich einige der Grundideen der HP-- z. B. Carl Rogers Forderung eines „Primats der persönlichen Erfahrungen“, die sich in seinem Satz „Erfahrungen sind für mich die höchste Autorität“ (Rogers 1961, 23; englisches Originalzitat: „Experience is, for me, the highest authority“) widerspiegelt- - sehr erfolgreich mit zentralen Konzepten der BA-- z. B. „vom Kopf in den Körper kommen“-- verbinden ließen. Dieses gemeinsame Verständnis beschreibt der französische Soziologe Alain Ehrenberg sehr trefflich: „Eine Erziehung, die Schuldgefühle erzeugt, bildet zusammen mit der Unterdrückung der Affekte durch die Gesellschaft den Ursprung der Krankheit. […] Indem der Mensch die tierische Empfindung in sich wiederentdeckt, findet er sich als wahrer Mensch. Das Wesentliche geschieht jenseits der Worte und der Kultur im Affekt und durch die Renaturalisierung des Körpers.“ (Ehrenberg 2008, 163 f ) Für die Teilnehmer: innen der verschiedenen Selbsterfahrungsworkshops-- einer damals extrem populären Vermittlungsform für die neuen psychotherapeutischen Ansätze- - waren die theoretischen Unterschiede ohnehin nicht von Belang. Schließlich stellten alle Angebote ein riesiges neues Experimentierfeld dar, in dem sie sich und die Welt erspüren, ihre tief im Körper verborgenen aggressiven, ängstlichen, traurigen und lustvollen Affekte entdecken bzw. zum Ausdruck bringen oder vielfältige sexuelle Begegnungen mit sich und anderen erleben konnten. So kam es, dass neoreichianische und humanistische Ansätze ein langanhaltendes und erfolgreiches „Bündnis“ miteinander und mit den sozialen Bewegungen der damaligen Zeit schlossen. Als Instrument sozialer Befreiungsvisionen verbreiteten sie ein neues Subjektverständnis und hatten einen weit über die Jugend- und Studentenbewegung hinausgehenden Einfluss auf den kulturellen Wandel der westlichen Welt. Die 1968er-Bewegung initiierte tiefgreifende soziale Transformationen und begründete eine neuartige politische Kultur, z. B. die gesteigerte Partizipation marginalisierter Gruppen am Diskurs, die Umgestaltung traditioneller Geschlechterverhältnisse oder die zunehmende öffentliche Akzeptanz homosexueller Identitäten (Kraushaar 2008, 286 ff ). 70 2 | 2026 Jens Tasche Die Gegenwart Der Psychoboom und auch der Boom der BA sind längst vorbei. Zwar eröffnete sich durch die politischen Veränderungen in Osteuropa ein neuer Markt für dort bislang unbekannte psychotherapeutische Methoden-- eine davon die BA. Dies kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Grundkonzepte der BA jegliche gesellschaftliche Aktualität verloren haben. Heutige Jugendbewegungen sind von Themen wie Klimawandel, Rassismus oder der Genderfrage geprägt und in ihren Widerstandsformen moralisch bis hypermoralisch (Grau 2017) orientiert. Ihre Attribuierung von Leiden ist eher auf gesellschaftliche Krisen oder die Neurodiversität bezogen. Mit Begriffen wie „orgastische Potenz“, „authentisches Selbst“, „Körperpanzer“ oder „Sexualökonomie“ können die jungen Menschen nichts mehr anfangen. Heutzutage reicht ein Versprechen auf Natürlichkeit und Freiheit nicht mehr aus, um ein körperpsychotherapeutisches Verfahren zu legitimieren. In der Folge ist die BA an den Rand des medizinischen Spektrums gerutscht und verfügt nur noch über einen recht begrenzten Bekanntheitsbzw. Wirkungsgrad. Dennoch tut sie sich mit einer möglichen Neuausrichtung sehr schwer. Obschon vermutlich die allermeisten bioenergetischen Therapeut: innen der These zustimmen würden, wonach gesellschaftliche Veränderungen immer auch zu einer Veränderung des menschliches Körperausdrucks führen, hat die BA ihre charakteranalytische Lehre nicht an den gesellschaftlichen Wandel angepasst- - trotz wichtiger Beiträge von einigen Bioenergetischen Analytiker: innen zu diesem Thema (z. B. Pechtl 2024, 155-189). Offenbar vertraut man lieber weiter auf die vor über 70 Jahren von Lowen geschaffene Charaktertypologie. Dabei wird verkannt, dass diese äußerst differenzierte psychosomatische Klassifikation es zwar zu Lowens Zeit möglich machte, lebensgeschichtliche Belastungen an der Körperhaltung der betreffenden Menschen zu erkennen, heute jedoch aufgrund der radikal veränderten pädagogischen Einstellungen in der westlichen Welt nicht mehr umfassend anwendbar ist. Früher gängige Forderungen nach Gehorsam und Affektunterdrückung sind weitgehend in den Hintergrund getreten; das heute typische elterliche Erziehungsverhalten lässt sich eher durch Begriffe wie Affektbejahung oder einer gewährenden Haltung charakterisieren. Leider hat diese Entwicklung nicht dazu geführt, dass jüngere Generationen von lebensgeschichtlichen Belastungen befreit sind, wohl aber zu einem veränderten Leidenserleben … und eben auch zum Verschwinden des manifesten klassisch-bioenergetischen Bezugs zwischen Körperhaltung und Charakterstruktur. Beispielsweise lässt sich der Körperausdruck des masochistischen Charakters, der seine Wurzeln in der Sauberkeitserziehung der 1950er- Jahre hat, heute bei jüngeren Menschen kaum noch finden. Gleichzeitig sind Persönlichkeitsthemen wie Nicht-Genügen, Zwanghaftigkeit oder Scham, die überwiegend durch Störungen auf der analen Entwicklungsstufe entstehen, auch in der heutigen bioenergetischen Praxis sehr präsent. Halten wir also fest: In einem Zeitalter, in dem „Helikopter-Eltern“ das gesamte Familiengeschehen um die Wünsche ihrer Kinder herum organisieren, hat das Konzept verweigerter kindlicher Rechte nicht mehr dieselbe Bedeutung wie früher. In der Folge führen psychische Störungen nicht mehr zum gleichen Körperausdruck bzw. Körperpanzer, der vor 70 Jahren für die jeweiligen Charakterpathologien typisch war. Eine unterdrückte Sexualität, die zu Angst und Schuldgefühlen führt, ist heute nicht mehr das zentrale Problem des Menschen. Zudem hat der wissenschaftliche Fortschritt z. B. im Bereich der Neuropsychologie gezeigt, dass sich Reichs ursprüngliche Annahme eines (befreibaren) natürlichen, selbstregulierten Primärselbst nicht länger aufrechterhalten lässt. So lässt sich aus klinischen / empirischen Daten und entwicklungspsychologischen Beob- 71 2 | 2026 Kann die Psychoanalyse die Bioenergetische Analyse retten? achtungen erkennen, dass „das Selbsterleben des Kindes, das heißt seine Wahrnehmung, eine Psyche oder ein psychisches Selbst zu besitzen, keine biologische Gegebenheit ist. Es ist vielmehr eine Struktur, die sich, beginnend mit dem Säuglingsalter, während der gesamten Kindheit entfaltet und deren Entwicklung entscheidend von der Interaktion mit reiferen Psychen abhängt, die benigne und reflexiv und auf die Psyche des Kindes adäquat abgestimmt sind.“ (Fonagy/ Target 2006, 364 f ) Die Psychoanalyse als Retterin? In seiner Besprechung des Buches „Psychodynamische Grundlagen der Bioenergetischen Analyse“ (Holle / Tasche 2024) stellt Peter Geißler recht kategorisch fest, dass eine Integration von Psychoanalyse und Bioenergetischer Analyse gescheitert sei (Geißler 2025). In einer persönlichen Mitteilung an uns präzisierte er, er sehe die BA von einer „anti-wissenschaftlichen Haltung“ bestimmt, die eine Kooperation mit seriösen psychoanalytischen Theoretiker: innen ausschließe. Angesichts der Historie und der zentralen Inhalte der BA ist solch ein Urteil-- das sicher auch von persönlichen Erfahrungen beeinflusst wurde-- durchaus nachvollziehbar: Die offizielle Lehre der BA wirkt erstarrt, ist theoretisch veraltet und erscheint wenig offen für grundlegende Veränderungen. Gleichzeitig ist in den letzten Jahrzehnten jedoch zu beobachten, wie sich eine nach neuen Verstehensmodellen für ihre körperpsychotherapeutische Arbeit suchende bioenergetische Praxis zunehmend der modernen psychoanalytischen Forschung annähert-- und umgekehrt. Als „Brückenbauer“ möchte ich hier den Neuropsychoanalytiker Allan N. Schore hervorheben, dessen Forschungen zum Triebgeschehen, zur Bedeutung des Körpers und zur Rolle der Affekte bei der Entwicklung bzw. Behandlung psychischer Störungen wesentliche theoretische Grundannahmen der BA in vielfältiger Weise bestätigt haben. Beispielsweise zieht Schore aus seinen Untersuchungen die Schlussfolgerung, dass der Körper in den Kern der Selbstpsychologie einzubauen sei (Schore 2007, 154), und er betont, dass die kognitiven und emotionalen Verarbeitungsprozesse, die durch die Interaktion des Menschen mit der Welt in Gang gesetzt werden, zu körperlichen Veränderungen führen (Schore 2007, 287). Weiter ist er der Ansicht, „dass das Triebkonzept, ein Phänomen im Grenzbereich zwischen Psyche und Soma, wieder in das zentrale Konzept der psychoanalytischen Theorie eingeführt werden sollte“ (Schore 2007, 44), und verweist darauf, dass Freuds Vorstellung von einer oralen, analen und phallischen Phase zwar unpräzise sein mag, aber durch neue neurobiologische Forschungsergebnisse, wonach das Gehirn in Stufen reift, gestützt wird (Schore 2007, 241). Auch die neueren wissenschaftlichen Erkenntnisse rund um das implizit-prozedurale Gedächtnis-- mittlerweile auch in der Psychoanalyse als Träger von früh erlernten Verhaltens- und Emotionsmustern anerkannt- - decken sich in vielerlei Hinsicht mit den klinischen Erfahrungen der BA. So schreibt Michael Ermann: „Die Inhalte des implizit-prozeduralen Gedächtnisses stammen zweifellos aus Erfahrungen. Es handelt sich aber um Erfahrungen, die als Zustände gespürt, erlebt, erlitten sind und nicht als Handlungen und Szenen. Sie hinterlassen ihre Spuren in der basalen Persönlichkeitsorganisation. Sie sind nicht in Begriffen gefasst, nicht mentalisiert, wie man heute sagt. Sie werden ‚niemals gedacht‘ und sind in diesem kognitiven Sinne auch niemals bewusst gewesen. Man kann daher vom ‚Niegewussten‘ sprechen.“ (Ermann 2014, 85) Auch der Psychiater Bessel van der Kolk kommt zu ähnlichen Ergebnissen wie die BA: „Wir lernen uns erst dann wirklich kennen, wenn wir unsere Körperempfindungen spüren und deuten können; wir müssen sie wahrnehmen und auf sie eingehen, um sicher durch das Leben gehen zu können.“ (van der Kolk 2018, 323) 72 2 | 2026 Jens Tasche Gemäß dem heutigen wissenschaftlichen Kenntnisstand kann die Bedeutung des Körpers für die Entstehung bzw. Behandlung psychischer Störungen nicht mehr ernsthaft bezweifelt werden-- eine eindrückliche Bestätigung nicht nur der klinischen Erfahrungen der BA, sondern auch des in der Körperpsychotherapie seit fast 100 Jahren bestehenden reichianischen Grundaxioms der funktionalen Identität von Körper und Geist. Die deutliche Annäherung von PA und BA hat dazu geführt, dass einige der-- vor allem neueren- - psychodynamischen Theorien auch die körperpsychotherapeutische Praxis vieler Bioenergetischer Analytiker: innen nachhaltig beeinflusst haben. So haben sich mit der Zeit neue Vorstellungen vom Selbst, von der Entstehung psychischer Störungen und von den Zielen einer körpertherapeutischen Behandlung entwickelt, die bisweilen stark von den ursprünglichen Konzepten der BA abweichen. Eben diese Entwicklung wollten die Herausgeber des oben genannten Buches dokumentieren und fördern. Das Anliegen war, einen Raum für ein innovatives bioenergetisches Behandlungs- und Störungsverständnis zu schaffen, das nicht mehr von den Vorstellungen eines Primärselbst, einer natürlichen Affektregulationsfähigkeit, verweigerten kindlichen Rechten, einer Sexualätiologie der Neurosen oder einem manifesten Zusammenhang zwischen Körperausdruck und Charakterpathologie bestimmt und begrenzt wird- …- und das psychodynamische Wissen wie z. B. die Einsichten, ● dass „das Ich bzw. Selbst aus einer ursprünglichen Matrix entsteht und durch seine realen Erfahrungen geprägt wird“ (Milch 2001, 86; mit Matrix sind u. a. die angeborenen Fähigkeiten des Sprechens, Symbolisierens und rationalen Denkens gemeint); ● dass Affektregulation eine intersubjektive, entwicklungspsychologische Aufgabe ist; ● dass sich die Ursachen psychischer Störungen als dysfunktionale Affektregulationsmuster verstehen lassen, die Klient: innen zum Zweck des Überlebens entwickelt haben (Schore 2007, 55); ● dass Psychopathologien in Trauma-, Defizit- und Konfliktstörungen unterschieden werden können (Rudolf 2010), ganz selbstverständlich miteinbezieht, um ein bestmögliches körperpsychotherapeutisches Behandlungsangebot für alle Klient: innen zu gewährleisten. Auch das auf Reich zurückgehende dreischichtige Heilungsverständnis der klassischen BA (d. h. 1. Durcharbeiten der angelernten Sozialität und 2. Befreiung von einer Schicht verdrängter irrationaler Impulse, um 3. zum „echten“ biologischen Kern des Menschen vorzudringen) ist nur noch dann als therapeutisches Ziel legitimierbar, wenn es klar mit dem Konzept der Aneignung bzw. des Ertragens der eigenen Geschichte verbunden wird (Glück/ Glück 2024, 67-94). Daran wird erneut deutlich, dass sich in der modernen, psychodynamisch orientierten BA überwiegend ein Verständnis durchgesetzt hat, wonach insbesondere bei Defizitstörungen die Verbesserung der affektregulatorischen Muster dadurch gelingt, dass die im Rahmen der bioenergetischen Prozesse mobilisierten Affekte von einer primitiven, präsymbolischen, sensomotorischen Erfahrungsebene auf eine reife, symbolische, repräsentationale Ebene angehoben werden (Schore 2007, 55). Ich bin darum nicht Peter Geißlers Meinung, dass das heutige Störungs- und Behandlungsverständnis in der bioenergetischen Praxis von einer anti-wissenschaftlichen Haltung geprägt ist. Im Gegenteil erschließen sich zahlreiche Bioenergetische Analytiker: innen mithilfe der PA fundierte, theoriegeleitete Behandlungsmodelle, die z. T. bereits heute sehr erfolgreich umgesetzt werden. Beispielsweise ist die BA dank ihrer jahrzehntelangen Praxiserfahrung, ihrer differenzierten Methodik und ihres flexiblen therapeutischen Rollenverständnisses in 73 2 | 2026 Kann die Psychoanalyse die Bioenergetische Analyse retten? der Lage, die im implizit-prozeduralen Gedächtnis („Körpergedächtnis“) gespeicherten vorsprachlichen, subsymbolischen „Grunderfahrungen des Lebens“ (Ermann 2014, 87) unmittelbar zu mobilisieren und einer Bearbeitung zugänglich zu machen. Auf diese Weise lässt sich die eigene Geschichte weitaus authentischer und intensiver erleben bzw. am eigenen Körper spüren-- und in der Folge auch bearbeiten -, als dies in der PA gemeinhin möglich ist. Darum erlaube ich mir an dieser Stelle eine vorsichtige Empfehlung an die PA und ihre Theoretiker: innen, angesichts der vielen neuen leibgebundenen, affektbezogenen psychodynamischen Erkenntnisse auch ihr eigenes Behandlungssetting kritisch zu hinterfragen. Schließlich ist heute die überwiegende Zahl der Menschen, die sich in eine psychoanalytische Behandlung begeben, von frühen / narzisstischen Störungen betroffen, bei denen das Bewusstmachen des prozeduralen Unbewussten bzw. des nur körperlich-affektiv repräsentierten Selbst weitaus wichtiger ist als die Einsicht in psychische Konflikte (Ermann 2014, 106). Gegenwärtig gibt es vermutlich nur noch wenige Bioenergetische Analytiker: innen, die ihre körperpsychotherapeutische Arbeit rein auf die Affektbefreiung ausrichten. Vielmehr sind sich heute die BA und die PA weitgehend einig, dass affektive Dysregulation die grundlegende Ursache für alle psychischen Störungen ist. In der bioenergetischen Praxis wird die klassisch-bioenergetische Theorie zunehmend um auf Affektmobilisierung und -regulation ausgerichtete psychodynamische Verstehensmodelle und ein intersubjektives Therapieverständnis ergänzt bzw. durch diese ersetzt. Wo bleibt die Lebendigkeit? Die Annäherung der BA an die PA wäre falsch verstanden, wenn sie zu einem Verzicht auf die sehr differenzierten Methoden und Prozessaktivierungen der BA führen würde. Denn sich selbst zu verstehen ist weitaus weniger, als das eigene Selbst mit allem Verdrängten, Belastenden und Unerwünschten zu spüren. Schließlich sind es erst die erlebnisintensiven Prozesse der BA, die eine Erforschung des Unbewussten bis hin zu den frühesten vorsprachlichen-- bisweilen auch ungehemmt-antisozialen- - Impulsen und Affekten erlauben. Erst diese Überschreitung von seelischen Grenzen schafft einen Raum, in dem Klient: innen eine unmittelbare Resonanz der Bioenergetischen Analytiker: in auf das „körperlich Erlittene“, das „niemals Gedachte“ und das „Niegewusste“ erfahren können. Ich halte diese Qualität der BA, neue Wege für ein vitales, auch den eigenen Schatten umfassendes Leben als Ganzes aufzuzeigen, für zutiefst bewegend und fast einzigartig in der aktuellen Therapielandschaft. Wenn die BA „ihre Seele nicht verlieren“ will (formuliert in Anlehnung an die bedeutende zeitgenössische Psychoanalytikerin und Philosophin Julia Kristeva, die in ihrem Buch „Die neuen Leiden der Seele“ schreibt: „Der moderne Mensch ist dabei, seine Seele zu verlieren“ (Kristeva 1994, 14) im Sinne seines Innenlebens, seiner Fähigkeit zur Reflexion und seines psychischen Tiefenerlebens), muss sie sich diese Qualität nach meiner Überzeugung- - und der Überzeugung vieler meiner Kolleg: innen- - bei einer möglichen Neuformulierung der theoretischen Grundlagen bewahren. Ihre Kompetenz in Sachen Lebendigkeit trennt die BA von der PA. Für die BA ist das Denken und Arbeiten mit energetischen Prozessen zentral. Sie basiert auf einem Arbeitsmodell, wonach im Körper ein stetiger Energiefluss existiert, der sich beobachten, mobilisieren und steuern lässt. Dabei steht die Energie in direktem Zusammenhang mit verdrängten Affekten bzw. Impulsen und kann für die Vitalisierung sozialer Interaktionen genutzt werden. Da diese Energie (derzeit) naturwissenschaftlich nicht nachweisbar ist, wird sie häufig als zentraler Kritikpunkt der Schulmedizin-- und auch 74 2 | 2026 Jens Tasche der PA-- gegenüber der BA herangezogen. Damit befindet sich die BA jedoch in einer beeindruckenden Gesellschaft: So nutzen alternativmedizinische Verfahren wie TCM (traditionelle chinesische Medizin) oder die anthroposophische Medizin vergleichbare Energiemodelle bzw. gehen ebenfalls von wissenschaftlich nicht bewiesenen Wirkmechanismen aus, sind aber dennoch längst ein unverzichtbarer Teil der ärztlich-medizinischen Versorgung geworden (Vogl 1986). Fazit Zum Ende des Beitrags möchte ich die im Titel gestellt Frage „Kann die Psychoanalyse die Bioenergetische Analyse retten? “ noch einmal aufgreifen. Ich hoffe, es ist mir gelungen, die Unverzichtbarkeit der PA als neben den Neurowissenschaften und der Philosophie wichtigster Bezugswissenschaft für die BA zu begründen. Doch retten kann die PA die BA nicht. Denn wie alle therapeutisch tätigen Menschen wissen, brauchen Klient: innen den Mut und die Kraft, etwas Neues in ihrem Leben zu wagen. Auch Organisationen können diese Aufgabe nicht delegieren. Deshalb ist es der BA sehr zu wünschen, dass sich der für ihre Rettung erforderliche Wandel nicht nur in den Praxen der Bioenergetischen Analytiker: innen vollzieht, sondern dass auch auf der institutionellen Ebene der nötige Mut für Veränderung aufgebracht wird-…-damit die BA ihrem eigenen Anspruch, Verstehen mit Erleben zu verweben, künftig noch gerecht werden kann. Literatur Boadella, D. (2000): Strömung, orgonotische (plasmatische). In: Stumm, G., Pritz, A. (Hrsg.): Wörterbuch der Psychotherapie. 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Profil Verlag, München Jens Tasche Dipl.-Sozialarbeiter, Bioenergetischer Analytiker (CBT), Autor des Buches „Körperpsychotherapie zwischen Bioenergetik und Psychoanalyse“ und Mitherausgeber der Werke „Bioenergetik als mentalisierende Körperpsychotherapie“ und „Psychodynamische Grundlagen der Bioenergetischen Analyse“. Jens Tasche ist in freier Praxis in Berlin tätig. ✉ Jens Tasche Praxis für Bioenergetische Analyse, Coaching und Supervision Rubensstraße 116 | D-12157 Berlin jens.tasche@t-online.de
