körper tanz bewegung
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2195-4909
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/ktb2026.art11d
9_014_2026_2/9_014_2026_2.pdf41
2026
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Forum: Jenseits der Energie
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Peter Geißler
Der Beitrag nimmt eine theoretisch reflektierte Positionsbestimmung zur Weiterentwicklung der Körperpsychotherapie vor. Ausgehend von der eigenen langjährigen klinischen Erfahrung in der klassischen Bioenergetischen Analyse und der späteren Hinwendung zur psychodynamischen Körperpsychotherapie wird argumentiert, dass letztere eine wissenschaftlich anschlussfähigere und klinisch differenziertere Perspektive bietet, ohne die humanistischen Grundanliegen körperpsychotherapeutischer Arbeit aufzugeben. Zentrale Argumentationslinie ist eine erkenntnistheoretisch differenzierte Auseinandersetzung mit dem Energiebegriff der Bioenergetik. An seine Stelle tritt das Konzept impliziten, verkörperten Wissens, das therapeutische Veränderungsprozesse als leiblich vermittelte, relationale und vorbewusste Dynamiken versteht. Ergänzend wird die Bedeutung von Raum und körperlicher Orientierung im psychodynamischen Arbeiten herausgearbeitet.
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76 körper-- tanz-- bewegung 14. Jg., S. 76-88 (2026) DOI 10.2378/ ktb2026.art11d © Ernst Reinhardt Verlag Forum: Zur Diskussion Jenseits der Energie Implizites verkörpertes Wissen als Grundlage psychodynamischer Körperpsychotherapie Peter Geißler Der Beitrag nimmt eine theoretisch reflektierte Positionsbestimmung zur Weiterentwicklung der Körperpsychotherapie vor. Ausgehend von der eigenen langjährigen klinischen Erfahrung in der klassischen Bioenergetischen Analyse und der späteren Hinwendung zur psychodynamischen Körperpsychotherapie wird argumentiert, dass letztere eine wissenschaftlich anschlussfähigere und klinisch differenziertere Perspektive bietet, ohne die humanistischen Grundanliegen körperpsychotherapeutischer Arbeit aufzugeben. Zentrale Argumentationslinie ist eine erkenntnistheoretisch differenzierte Auseinandersetzung mit dem Energiebegriff der Bioenergetik. An seine Stelle tritt das Konzept impliziten, verkörperten Wissens, das therapeutische Veränderungsprozesse als leiblich vermittelte, relationale und vorbewusste Dynamiken versteht. Ergänzend wird die Bedeutung von Raum und körperlicher Orientierung im psychodynamischen Arbeiten herausgearbeitet. Schlüsselbegriffe Bioenergetische Analyse, Embodiment, implizites Wissen, psychodynamische Körperpsychotherapie, Raum Beyond Energy: Implicit Embodied Knowledge as a Foundation of Psychodynamic Body Psychotherapy This article offers a theoretically grounded position determination of the further development of body psychotherapy. Drawing on the author’s many years of clinical experience in classical Bioenergetic Analysis and his later shift toward psychodynamic body psychotherapy, it argues that the latter provides a more scientifically compatible and clinically differentiated framework without abandoning the humanistic core concerns of body psychotherapeutic work. Central to the argument is a differentiated epistemological examination of the concept of energy of bioenergetics. In its place stands the concept of implicit embodied knowledge, conceptualizing therapeutic change as mediated through bodily, relational, and pre-reflective dynamics. In addition, the significance of space and bodily orientation within psychodynamic clinical practice is highlighted. Key words bioenergetic analysis, embodiment, implicit knowledge, psychodynamic body psychotherapy, space Verkörpertes Wissen als Grundlage psychodynamischer Körperpsychotherapie 77 2 | 2026 impliziten Annahmen und den klinischen Wirkannahmen beider Ansätze. An dieser Stelle möchte ich betonen, dass meine Ausführungen sich auf Basis meiner eigenen Entwicklung, der intensiven Auseinandersetzung mit dem Thema und vor allem meiner Erfahrungen aus der Praxis herausgebildet haben. Es gibt auch einen wissenschaftlichen Diskurs zu diesem Thema, hier verweise ich aber auf die entsprechende Literatur (Beebe / Lachmann 2004; BCPSG 2008; Fuchs 2008; Gendlin 1996; Geuter 2023; Heller 2017; Petzold/ Sieper 2012). Die zentrale These dieses Beitrags lautet, dass die psychodynamische Körperpsychotherapie gegenüber der klassischen Bioenergetischen Analyse eine theoretisch tragfähigere, wissenschaftlich anschlussfähigere und klinisch differenziertere Weiterentwicklung darstellt, ohne dabei dem humanistischen Kernanliegen der Körperpsychotherapie- - der untrennbaren Einheit von Körper und Psyche- - untreu zu werden. Entscheidend für diese Einschätzung ist nicht eine pauschale Abwertung bioenergetischer Praxis, sondern eine differenzierte Neubewertung ihrer theoretischen Fundamente im Lichte heutiger psychodynamischer, entwicklungspsychologischer und neurowissenschaftlicher Erkenntnisse (vgl. dazu Geißler / Heisterkamp 2007). Ein wesentlicher Ausgangspunkt meiner Argumentation ist die kritische Auseinandersetzung mit dem in der Bioenergetischen Analyse zentralen Energiebegriff. Dieser Begriff hatte historisch eine wichtige orientierende Funktion und ermöglichte vielen Therapeut: innen einen unmittelbaren Zugang zu körperlichen und affektiven Prozessen. Zugleich zeigt sich aus heutiger erkenntnistheoretischer Perspektive, dass der postulierte Energiebegriff- - verstanden als spezifische, eigenständige Lebenskraft-- erhebliche wissenschaftliche Probleme aufwirft. Diese Problematik betrifft jedoch nicht alle Ebenen gleichermaßen. Es ist daher notwendig, zwischen der historischen Bedeutung des Energiebegriffs, seiner heutigen metapho- D ie klassisch reichianische Körperpsychotherapie, insbesondere in ihrer Ausformung als Bioenergetische Analyse, und die psychodynamische Körperpsychotherapie galten über lange Zeit als theoretisch und kulturell deutlich voneinander getrennte Ansätze. Während die Bioenergetische Analyse historisch als bewusster Gegenentwurf zur als intellektualisierend und körperfern wahrgenommenen Psychoanalyse entstand, entwickelte sich die psychodynamische Körperpsychotherapie aus einer schrittweisen Öffnung psychoanalytischer Konzepte gegenüber leiblichen, nonverbalen und intersubjektiven Prozessen (Geuter 2023; Lowen 1979; Reich 1949). In den letzten Jahren ist jedoch ein wachsendes Bemühen erkennbar, diese beiden Traditionslinien miteinander ins Gespräch zu bringen. So versucht etwa der Sammelband Psychodynamische Grundlagen der Bioenergetischen Analyse (Holle / Tasche 2024), die Intensität körperlicher Selbsterfahrung aus der bioenergetischen Praxis mit der konzeptuellen Differenziertheit psychodynamischen Denkens zu verbinden (vgl. dazu auch Geißler 1994). Vor dem Hintergrund dieser aktuellen Integrationsbewegungen stellt sich für mich- - als langjährig in der klassischen Bioenergetik ausgebildeter und später psychodynamisch arbeitender Körperpsychotherapeut (Geißler 2009)-- die Frage, welche theoretischen und klinischen Gründe eine solche Neuorientierung tatsächlich tragen. In diesem Beitrag möchte ich daher nicht primär einen vermittelnden Überblick geben, sondern eine reflektierte Positionsbestimmung vornehmen. Ausgangspunkt ist meine eigene professionelle Entwicklung, die mich über mehrere Jahrzehnte hinweg schrittweise von der klassischen Bioenergetischen Analyse weg und hin zu einer psychodynamischen Körperpsychotherapie geführt hat (Geißler 2017). Diese Entwicklung war weniger das Ergebnis eines abrupten Bruchs als vielmehr einer fortlaufenden kritischen Auseinandersetzung mit den erkenntnistheoretischen Grundlagen, den 78 Peter Geißler 2 | 2026 rischen Verwendung in der Praxis und seiner theoretischen Tragfähigkeit als Erklärungsmodell klar zu unterscheiden. Eine solche Differenzierung erlaubt es, berechtigte Einwände gegen vitalistische Annahmen zu formulieren, ohne die klinischen Erfahrungen von Körperpsychotherapeut: innen vorschnell zu diskreditieren. An die Stelle des energetischen Erklärungsmodells tritt in der psychodynamischen Körperpsychotherapie zunehmend das Konzept impliziten, verkörperten Wissens (Geißler / Sassenfeld 2013). Gemeint ist damit, dass therapeutische Veränderungsprozesse in hohem Maße durch nonverbale, vorbewusste und leiblich vermittelte Beziehungsdynamiken getragen werden. Diese Perspektive verschiebt den Fokus von postulierten Energieflüssen hin zu intersubjektiven Resonanzprozessen zwischen Therapeut: in und Patient: in. Der Körper erscheint nicht länger primär als Objekt technischer Interventionen (bioenergetischer Übungen), sondern als Medium von Beziehung, Bedeutung und impliziter Kommunikation. Diese Verschiebung erweist sich aus meiner klinischen Erfahrung als sowohl theoretisch konsistenter als auch therapeutisch fruchtbarer. Ergänzend sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass Überlegungen in Richtung einer stärkeren psychodynamischen Fundierung der Bioenergetischen Analyse nicht ausschließlich von außen an diesen Ansatz herangetragen wurden, sondern auch innerhalb der bioenergetischen Community selbst seit längerem anklingen. So dokumentiert der von Vita Heinrich- Clauer herausgegebene Sammelband (2008) eindrücklich, dass einzelne Autor: innen bereits früh begonnen haben, bioenergetische Konzepte im Lichte psychodynamischer, beziehungsorientierter und entwicklungspsychologischer Überlegungen neu zu reflektieren. Auch wenn diese Beiträge noch keine geschlossene theoretische Neupositionierung darstellen, markieren sie doch einen wichtigen Suchprozess, in dem die Grenzen eines rein energetischen Erklärungsmodells wahrgenommen und alternative Deutungsrahmen zumindest angedacht werden. In diesem Sinne lassen sich solche Arbeiten als Vorboten jener Bewegung verstehen, die hier systematischer entfaltet wird: einer Hinwendung zu relationalen, impliziten und psychodynamisch anschlussfähigen Konzepten innerhalb körperpsychotherapeutischen Denkens. Eng verbunden mit dieser konzeptuellen Neuorientierung ist ein Wandel der therapeutischen Haltung. Während klassische bioenergetische Ansätze historisch teilweise mit einem starken Wissens- und Autoritätsanspruch verbunden waren, betont die psychodynamische Körperpsychotherapie eine Haltung des Nicht- Wissens (Geißler 2023), der gemeinsamen Exploration und der epistemischen Bescheidenheit. Diese Haltung bedeutet keinen Verzicht auf fachliche Kompetenz, sondern eine bewusste Zurückhaltung gegenüber vorschnellen Deutungen und vermeintlich eindeutigen Erklärungen körperlicher Phänomene. Sie eröffnet einen dialogischen Raum, in dem Bedeutung im gemeinsamen Prozess emergiert. Schließlich hat sich für mich im Zuge dieser Entwicklung die Bedeutung von Raum und körperlicher Orientierung im therapeutischen Setting zunehmend herauskristallisiert. Psychische Prozesse vollziehen sich nicht im luftleeren Raum, sondern immer in konkreten räumlichen und leiblichen Konstellationen. Die bewusste Gestaltung von Nähe, Distanz, Bewegung und Positionierung im Raum wird damit zu einem integralen Bestandteil psychodynamischer Körperpsychotherapie. Diese Perspektive bildet einen weiteren zentralen, bislang untertheoretisierten Baustein meiner Abwendung von einem primär technik- und übungsorientierten Verständnis von Körperarbeit (Geißler 2026). Der vorliegende Beitrag entfaltet diese Argumentationslinien systematisch. Ziel ist es, einen Beitrag zur aktuellen fachlichen Diskussion unter Körperpsychotherapeut: innen zu leisten und eine theoretisch reflektierte, zu- Verkörpertes Wissen als Grundlage psychodynamischer Körperpsychotherapie 79 2 | 2026 gleich praxisnahe Position zur Weiterentwicklung körperpsychotherapeutischen Arbeitens im 21. Jahrhundert zu formulieren. Kritische Auseinandersetzung mit dem Energiebegriff der Bioenergetik Ein zentraler Beweggrund für meine schrittweise Abwendung von der klassischen Bioenergetischen Analyse war die zunehmende Irritation über den dort zentralen Energiebegriff (vgl. auch Downing 1996; Wehowsky 2006). Historisch betrachtet hatte dieser Begriff zweifellos eine wichtige orientierende Funktion. Wilhelm Reichs Konzept der Lebensenergie (Reich 1949) entstand in einem wissenschafts- und kulturgeschichtlichen Kontext, in dem psychische Prozesse noch kaum neurobiologisch oder entwicklungspsychologisch differenziert verstanden wurden. Der Rückgriff auf energetische Metaphern stellte damals einen Versuch dar, das subjektive Erleben von Vitalität, Affektladung, Spannung und Entladung begrifflich zu fassen und therapeutisch nutzbar zu machen. Auch Alexander Lowen (1979) griff diesen Ansatz auf und entwickelte daraus ein klinisch handhabbares Modell, das vielen Therapeut: innen-- auch mir selbst in der frühen Ausbildungsphase-- einen unmittelbaren Zugang zu körperlichen und emotionalen Prozessen eröffnete. In diesem historischen Sinne war der Energiebegriff weniger als naturwissenschaftliche Hypothese, denn als heuristisches Orientierungsmodell zu verstehen, das half, den Körper überhaupt als psychotherapeutisch relevantes Feld ernst zu nehmen. Problematisch wurde der Energiebegriff jedoch dort, wo er über diese heuristische Funktion hinaus ontologisch aufgeladen wurde. Sowohl bei Reich als auch bei Lowen finden sich Annahmen über eine spezifische, eigenständige Lebenskraft, die im Organismus fließe, blockiert werden könne und durch gezielte Interventionen regulierbar sei. Diese Annahmen überschreiten den Bereich metaphorischer Beschreibung und beanspruchen zumindest implizit den Status einer real existierenden, kausal wirksamen Größe. Aus heutiger wissenschaftlicher Perspektive erweist sich dieser Anspruch als schwer haltbar (Heller 2012). Die postulierte Energie entzieht sich einer klaren Operationalisierung, sie ist weder eindeutig messbar noch falsifizierbar, und sie lässt sich nicht konsistent in bestehende physikalische oder biologisch-neurowissenschaftliche Modelle integrieren. Damit gerät der Energiebegriff in erkenntnistheoretische Nähe zu vitalistischen Konzepten, die in der Wissenschaftsgeschichte immer wieder als Erklärungsversuche für schwer fassbare Lebensphänomene dienten, letztlich aber an mangelnder empirischer Überprüfbarkeit scheiterten. Gleichzeitig wäre es verkürzend, den heutigen Gebrauch des Energiebegriffs in körperoffenen, humanistisch geprägten psychotherapeutischen Diskussionsfeldern pauschal als naiv oder esoterisch zu disqualifizieren. Ich erinnere viele Gespräche mit Kolleg: innen aus unterschiedlichen körpertherapeutischen und humanistischen Kontexten, in denen „Energie“ ausdrücklich nicht im strengen reichianischen Sinne gemeint war, sondern eher als metaphorische Redeweise für subjektiv erlebte Lebendigkeit, affektive Intensität oder physiologische Aktivierung diente. In diesem pragmatischen Gebrauch kann der Begriff durchaus kommunikative und klinische Funktionen erfüllen, etwa indem er Patient: innen dabei unterstützt, schwer fassbare körperliche Empfindungen überhaupt erst in Worte zu bringen. Dennoch bleibt aus erkenntnistheoretischer Sicht ein Problem bestehen: Solange nicht klar unterschieden wird, ob mit „Energie“ eine metaphorische Beschreibung, ein phänomenologischer Erlebnisbegriff oder eine reale kausale Entität gemeint ist, entsteht eine begriffliche Unschärfe, die sowohl die theoretische Weiterentwicklung als auch den wissenschaftlichen Dialog erschwert. 80 Peter Geißler 2 | 2026 Für mich wurde diese Unschärfe zunehmend belastend. Einerseits erlebte ich in der klinischen Arbeit, dass körperliche Interventionen wirksam sein können, andererseits fiel es mir immer schwerer, diese Wirksamkeit plausibel mit einem energetischen Erklärungsmodell zu begründen, das außerhalb der eigenen Denktradition kaum anschlussfähig war. Die oft vorgebrachte Argumentation, jede psychische Aktivität benötige schließlich physikalische Energie im Sinne von Stoffwechselprozessen, greift in diesem Zusammenhang zu kurz. Zwar ist es trivial richtig, dass neuronale Prozesse energetische Grundlagen haben, doch dies rechtfertigt nicht die Annahme einer eigenständigen psychischen oder somatischen „Bioenergie“, die spezifische therapeutische Wirkungen entfaltet. Hier werden unterschiedliche Bedeutungsebenen des Energiebegriffs vermischt, was zu kategorialen Verwechslungen führt. Diese erkenntnistheoretischen Zweifel verstärkten sich durch meine Auseinandersetzung mit neueren psychodynamischen, entwicklungspsychologischen und neurowissenschaftlichen Konzepten (Geißler 2007). In diesen Ansätzen lassen sich viele der Phänomene, die in der Bioenergetik als energetische Prozesse beschrieben werden-- etwa Spannungszustände, Affektdynamiken oder vegetative Reaktionen -, differenziert als Ausdruck impliziter Beziehungsregulation, affektiver Resonanz und körperlich verankerter Gedächtnisspuren verstehen. An die Stelle eines postulierten Energieflusses treten Konzepte wie Affektregulation, intersubjektive Abstimmung, implizites Beziehungswissen und embodied cognition. Diese Begriffe ermöglichen es, körperliche Phänomene nicht weniger ernst zu nehmen, sie aber in einen theoretischen Rahmen einzubetten, der sowohl empirisch anschlussfähig als auch begrifflich präziser ist. Meine kritische Distanzierung vom Energiebegriff bedeutet daher nicht, die leibliche Dimension psychotherapeutischer Prozesse zu marginalisieren. Im Gegenteil: Sie ist Ausdruck des Bemühens, diese Dimension auf eine theoretisch tragfähigere Grundlage zu stellen. Was früher als Lösung oder Blockade von Energie beschrieben wurde, kann heute als Veränderung impliziter Beziehungsmuster, als Neuorganisation affektiver Selbstregulation oder als Transformation verkörperter Erfahrung verstanden werden (Geißler 2017; Geißler/ Sassenfeld 2013). Diese Perspektive erlaubt es, die klinischen Intuitionen der Körperpsychotherapie zu bewahren, ohne an einem Erklärungsmodell festzuhalten, das sich zunehmend als wissenschaftlich problematisch erweist. In diesem Sinne markiert meine Abkehr vom klassischen energetischen Paradigma keinen Verlust, sondern eine Verschiebung des theoretischen Fokus. Der Körper bleibt zentral, doch er wird nicht länger als Behälter oder Leiter mysteriöser Kräfte gedacht, sondern als Medium von Beziehung, Bedeutung und implizitem Wissen. Diese Verschiebung bildet eine der entscheidenden Voraussetzungen für die Hinwendung zu einer psychodynamischen (vormals: analytischen) Körperpsychotherapie, die sich sowohl ihrer historischen Wurzeln bewusst als auch offen für eine zeitgemäße wissenschaftliche Weiterentwicklung ist. Implizites verkörpertes Wissen als tragfähige Alternative An die Stelle des energetischen Erklärungsmodells tritt in der psychodynamischen Körperpsychotherapie für mich zunehmend das Konzept impliziten, verkörperten Wissens (Geißler/ Sassenfeld 2013). Gemeint ist damit die Einsicht, dass ein Großteil der therapeutisch wirksamen Prozesse nicht auf der Ebene expliziter Deutung oder bewusster Einsicht stattfindet, sondern in vorbewussten, leiblich vermittelten Interaktionen zwischen Therapeut: in und Patient: in. Diese Perspektive wird durch entwicklungspsychologische und psychodynamische Verkörpertes Wissen als Grundlage psychodynamischer Körperpsychotherapie 81 2 | 2026 Forschung seit den 1990er Jahren gestützt, insbesondere durch Arbeiten zum impliziten Beziehungswissen, das sich früh in der vorsprachlichen Interaktion ausbildet und das Erleben vom Selbst und dem Anderen nachhaltig prägt (BCPSG 2008; Stern 1992). Veränderung in der Psychotherapie vollzieht sich sowohl durch das Verstehen von Inhalten als auch durch neue Beziehungserfahrungen, die auf einer körperlich-affektiven Ebene gemacht werden und dort bestehende implizite Muster modifizieren. Aus dieser Sichtweise heraus lässt sich auch das klinische Erfahrungswissen der Körperpsychotherapie neu rahmen. Viele Phänomene, die in der Bioenergetischen Analyse als Ausdruck von Energiefluss, energetischer Blockade oder Entladung beschrieben wurden, können als Manifestationen impliziter Beziehungsdynamiken verstanden werden. Muskelspannung, Atemmuster, Haltung oder Bewegungsimpulse erscheinen dann nicht primär als Störungen eines energetischen Systems, sondern als körperlich verankerte Formen der Selbst- und Affektregulation, die sich in frühen Beziehungserfahrungen herausgebildet haben. Diese Muster sind dem bewussten Zugriff meist entzogen, werden jedoch im therapeutischen Kontakt aktualisiert und damit prinzipiell veränderbar. Der Körper fungiert in diesem Verständnis nicht als Ort einer verborgenen Kraft, sondern als Träger eines impliziten Gedächtnisses, in dem Beziehungserfahrungen leiblich sedimentiert sind. Für die therapeutische Praxis hat diese Perspektive weitreichende Konsequenzen. Der Fokus verschiebt sich von der gezielten „Bearbeitung“ körperlicher Blockaden hin zur feinen Wahrnehmung intersubjektiver Resonanzprozesse. In der psychodynamischen Körperpsychotherapie wird der Körper nicht isoliert betrachtet, sondern immer im Kontext der Beziehung zwischen Therapeut: in und Patient: in. Übertragung und Gegenübertragung werden dabei nicht nur als psychische, sondern explizit als leibliche Phänomene verstanden. Die körperlichen Reaktionen der Therapeut: in- - etwa Veränderungen von Spannung, Atem, Haltung oder affektiver Stimmung- - können als Ausdruck einer verkörperten Gegenübertragung begriffen werden, die Hinweise auf implizite Beziehungserwartungen und affektive Zustände der Patient: in enthält. Diese verkörperte Resonanz stellt eine zentrale Informationsquelle dar, die jedoch nicht unmittelbar gedeutet, sondern zunächst wahrgenommen, gehalten und gemeinsam exploriert werden muss. Gerade hier zeigt sich der Unterschied zum energetischen Paradigma besonders deutlich. Während energetische Modelle dazu neigen, körperliche Phänomene als objektive Hinweise auf verborgene energetische Zustände zu lesen, betont der Ansatz des impliziten verkörperten Wissens deren relationale Einbettung. Körperliche Reaktionen entstehen nicht isoliert im Organismus, sondern im „Dazwischen“ der therapeutischen Begegnung. Sie sind Ausdruck eines intersubjektiven Geschehens (Beebe / Lachmann 2004), das sich dynamisch verändert und dessen Bedeutung nicht vorausgesetzt, sondern im gemeinsamen Prozess erschlossen wird. Diese Perspektive korrespondiert mit intersubjektiven und leibphänomenologischen Ansätzen, die Erleben grundsätzlich als verkörpertes und relationales Geschehen verstehen. Aus meiner klinischen Erfahrung erweist sich diese Sichtweise als nicht nur theoretisch konsistenter, sondern auch therapeutisch entlastend. Anstatt körperliche Phänomene vorschnell als Hinweise auf spezifische energetische Defizite oder Blockaden zu interpretieren, ermöglicht mir der Fokus auf implizites Wissen eine offenere, forschende Haltung. Der Körper wird zum Resonanzraum, in dem sich Beziehungsmuster zeigen, ohne dass sie sofort erklärt oder korrigiert werden müssen. Veränderung geschieht dann weniger durch gezielte Intervention im Sinne eines „Machens“ oder „Herstellens“, sondern durch das wiederholte Erleben neuer Formen von Kontakt, Affektabstimmung 82 Peter Geißler 2 | 2026 und Selbstwahrnehmung im Hier und Jetzt der therapeutischen Beziehung. Theoretisch lässt sich dieser Ansatz gut mit neueren Konzepten der embodied cognition (Fuchs 2008; Lakoff/ Johnson 1999) verbinden, die davon ausgehen, dass Denken, Fühlen und Handeln untrennbar mit körperlichen Prozessen verknüpft sind. Kognition ist demnach nicht primär eine abstrakte Informationsverarbeitung, sondern ein verkörperter, situierter Prozess. Für die Psychotherapie bedeutet dies, dass Veränderung nicht allein auf der Ebene kognitiver Einsicht ansetzt, sondern im leiblichen Vollzug neuer Erfahrungen. Diese Erkenntnis verleiht der Körperpsychotherapie eine solide wissenschaftliche Anschlussfähigkeit, ohne dass auf problematische vitalistische Annahmen zurückgegriffen werden muss. Die Hinwendung zum Konzept impliziten, verkörperten Wissens markiert für mich daher einen entscheidenden Schritt in der Weiterentwicklung körperpsychotherapeutischen Denkens. Sie erlaubt es, die klinische Sensibilität für körperliche Prozesse beizubehalten und zugleich in einen theoretischen Rahmen einzubetten, der relational, entwicklungspsychologisch fundiert und erkenntnistheoretisch reflektiert ist. In dieser Perspektive wird deutlich, dass es nicht die Lösung energetischer Blockaden ist, die therapeutische Veränderung trägt, sondern die Möglichkeit, im körperlich geteilten Raum der Therapie neue implizite Beziehungserfahrungen zu machen. Diese Einsicht bildet einen zentralen Pfeiler meiner Hinwendung zur psychodynamischen Körperpsychotherapie und bereitet zugleich den Boden für den im Folgenden zu diskutierenden Wandel der therapeutischen Haltung. Vom Wissensanspruch zum Nicht-Wissen: Wandel der therapeutischen Haltung Eng mit der Abkehr vom energetischen Erklärungsmodell und der Hinwendung zum Konzept impliziten, verkörperten Wissens verbunden ist für mich ein grundlegender Wandel der therapeutischen Haltung. Rückblickend erscheint mir die klassische reichianische Körperpsychotherapie- - zumindest in jenen Ausprägungen, die ich während meiner Ausbildungszeit kennengelernt habe- - häufig von einem ausgeprägten Wissensanspruch geprägt gewesen zu sein. Die Therapeut: in trat nicht selten als Expert: in auf, die vermeintlich wusste, was im Körper der Patient: in vor sich ging: welche Energie blockiert war, wo sie sich staute und durch welche Intervention sie zu lösen sei. Dieses Wissen wurde oft mit großer Überzeugung vertreten und verlieh der therapeutischen Rolle eine autoritative Position. Für Patient: innen konnte dies durchaus Halt und Orientierung bieten, zugleich erzeugte es jedoch eine asymmetrische Beziehung, in der Deutungshoheit und Veränderungskompetenz primär auf Seiten der Therapeut: in lagen. Je stärker ich mich mit psychodynamischem Denken auseinandersetzte, desto deutlicher trat für mich die Problematik dieses Wissensanspruchs hervor. Wenn körperliche Reaktionen als objektive Zeichen verborgener energetischer Zustände gelesen werden, besteht die Gefahr, dass ihre subjektive und relationale Bedeutung aus dem Blick gerät. Der Körper der Patient: in wird dann zum Objekt diagnostischer Zuschreibungen, während die konkrete Beziehungssituation, in der diese Phänomene entstehen, in den Hintergrund tritt. Aus psychodynamischer Perspektive erscheint ein solches Vorgehen zunehmend fragwürdig, da es die grundsätzliche Mehrdeutigkeit körperlicher Ausdrucksformen unterschätzt und die Komplexität unbewusster Prozesse auf scheinbar eindeutige Erklärungen reduziert. Verkörpertes Wissen als Grundlage psychodynamischer Körperpsychotherapie 83 2 | 2026 Demgegenüber betont die psychodynamische Körperpsychotherapie eine Haltung des Nicht-Wissens, die sich bewusst von vorschnellen Festlegungen und autoritativen Deutungen distanziert (Geißler 2023). Mit Nicht-Wissen ist dabei keineswegs fachliche Unkenntnis oder Beliebigkeit gemeint, sondern eine epistemische Haltung, die anerkennt, dass das innere Erleben der Patient: in- - insbesondere auf der impliziten und leiblichen Ebene-- nie vollständig verfügbar oder eindeutig interpretierbar ist. Diese Haltung impliziert, dass therapeutisches Verstehen nicht vorausgesetzt werden kann, sondern sich erst im gemeinsamen Prozess entfaltet. Die Therapeut: in verzichtet darauf, körperliche Phänomene unmittelbar zu erklären, und richtet ihre Aufmerksamkeit stattdessen auf das, was sich im gegenwärtigen Kontakt zeigt und wie es gemeinsam erkundet werden kann. Aus meiner klinischen Erfahrung verändert diese Haltung die therapeutische Beziehung grundlegend. An die Stelle eines hierarchischen Wissensgefälles tritt ein dialogischer Prozess, in dem Therapeut: in und Patient: in zu Ko-Forschenden werden. Körperliche Reaktionen- - sei es eine plötzliche Anspannung, ein veränderter Atem oder ein Bewegungsimpuls werden nicht mehr als Belege für eine bereits bekannte Theorie gelesen, sondern als Einladung zu gemeinsamer Exploration. Fragen wie „Was geschieht gerade zwischen uns? “ oder „Wie erleben Sie diesen Moment in Ihrem Körper? “ ersetzen Aussagen, die implizieren, bereits zu wissen, was diese Reaktionen bedeuten. Dadurch entsteht ein Raum, in dem Bedeutung nicht zugeschrieben, sondern gemeinsam hervorgebracht wird. Der Wandel vom Wissensanspruch zum Nicht-Wissen hat für mich auch eine ethische Dimension. Er impliziert Respekt vor der Eigenlogik der Patient: in und vor der Tatsache, dass Veränderung nicht „gemacht“, sondern nur ermöglicht werden kann. Diese Haltung schützt vor subtilen Formen von Machtmissbrauch, die dort entstehen können, wo Therapeut: innen ihre theoretischen Konzepte mit Gewissheit vertreten und damit die Deutungshoheit über das Erleben der Patient: in beanspruchen. Zugleich bedeutet sie keine Entwertung fachlicher Erfahrung, sondern deren reflektierten Einsatz im Dienste eines offenen, responsiven Prozesses. In diesem Sinne erlebe ich die Haltung des Nicht-Wissens nicht als Verlust therapeutischer Wirksamkeit, sondern als deren Vertiefung. Sie erlaubt es, dem Körper nicht als Objekt technischer Intervention zu begegnen, sondern als lebendigem Ausdruck eines Menschen in Beziehung. Der therapeutische Raum wird so zu einem Erfahrungsraum, in dem neue Formen von Selbstwahrnehmung, Affektregulation und Beziehung möglich werden. Dieser Haltungswandel stellt für mich einen weiteren zentralen Schritt auf dem Weg von der klassischen Bioenergetischen Analyse hin zu einer psychodynamischen Körperpsychotherapie dar und bereitet zugleich den Boden für die im nächsten Abschnitt zu behandelnde Frage nach der Bedeutung von Raum und körperlicher Orientierung im therapeutischen Prozess. Raum und körperliche Orientierung in der psychodynamischen Arbeit Ein weiterer wesentlicher Beweggrund für meine Hinwendung zur psychodynamischen Körperpsychotherapie liegt in der zunehmenden Sensibilisierung für die Bedeutung von Raum und körperlicher Orientierung im therapeutischen Prozess. Während in der klassischen Bioenergetischen Analyse der Fokus stark auf körperlichen Übungen, Haltungsarbeit und muskulären Spannungszuständen lag, traten die räumlichen und interpersonellen Bedingungen, unter denen diese Interventionen stattfanden, vergleichsweise in den Hintergrund. Am Körper wurde zwar intensiv gearbeitet, der Raum jedoch häufig als neutrale Bühne behandelt, auf 84 Peter Geißler 2 | 2026 der therapeutische Technik zur Anwendung kam. Mit zunehmender psychodynamischer Orientierung wurde mir jedoch deutlich, dass therapeutische Prozesse niemals raumlos sind, sondern sich immer in konkreten leiblichen und räumlichen Konstellationen vollziehen, die das Erleben von Sicherheit, Nähe, Distanz und Handlungsspielraum entscheidend mitprägen. In meiner eigenen Annäherung an die Bedeutung von Raum in der psychodynamischen Körperpsychotherapie verstand ich Raum zunächst vor allem als eine Frage der Regulation von Nähe und Distanz, eingebettet in die bekannten Konzepte von Übertragung, Gegenübertragung und Widerstand. Raum erschien mir in dieser Perspektive primär als Variable innerhalb der Beziehungsgestaltung, als etwas, das feinfühlig angepasst werden muss, um affektive Über- oder Unterstimulation zu vermeiden. Erst allmählich wurde mir deutlich, dass dieses Verständnis zu kurz greift und letztlich verkennt, was Raum in einem grundlegenderen Sinne ist. Raum ist nicht nur ein relationaler Parameter innerhalb der therapeutischen Dyade, sondern ein fundamentales Organisationsprinzip unserer gesamten Erfahrung: Er strukturiert Wahrnehmung, Bewegung, Affekt und Beziehung von vornherein. In diesem weiter gefassten Verständnis ist Raum nicht bloß etwas, das reguliert wird, sondern etwas, in dem sich psychisches Erleben überhaupt erst konstituiert (Geißler 2026). Aus psychodynamischer Perspektive erscheint der Raum nicht länger als bloßer Rahmen, sondern als aktiver Mitgestalter des therapeutischen Geschehens. Wie Therapeut: in und Patient: in sich im Raum zueinander positionieren, ob sie sitzen, stehen oder sich bewegen, wie Nähe und Distanz reguliert werden und welche Möglichkeiten von Rückzug oder Kontakt bestehen, beeinflusst die impliziten Beziehungsdynamiken in hohem Maße. Der Raum wird damit zu einem Resonanzfeld, in dem sich unbewusste Beziehungserwartungen aktualisieren und erfahrbar werden. Körperliche Orientierung ist in diesem Zusammenhang nie rein funktional, sondern stets affektiv und relational aufgeladen. Ein Schritt nach vorne, ein Zurückweichen, das Abwenden des Blicks oder das bewusste Zuwenden sind nicht nur körperliche Handlungen, sondern Ausdruck impliziter Beziehungsmuster. In der klassischen Bioenergetik habe ich häufig erlebt, dass körperliche Nähe oder Aktivierung als per se therapeutisch wirksam verstanden wurde, etwa im Sinne einer Intensivierung von Energiefluss oder emotionalem Ausdruck. Aus heutiger Sicht erscheint mir diese Annahme zu undifferenziert. Nähe ist nicht automatisch hilfreich, ebenso wenig wie Distanz grundsätzlich hinderlich ist. Entscheidend ist vielmehr, wie räumliche Anordnungen und körperliche Interventionen von der jeweiligen Patient: in erlebt werden und welche impliziten Bedeutungen sie im Kontext ihrer Beziehungsgeschichte annehmen. Raumorientierte psychodynamische Körperpsychotherapie trägt dieser Einsicht Rechnung, indem sie räumliche und körperliche Orientierung nicht technisch vorgibt, sondern situativ und prozessbezogen gestaltet. In meiner klinischen Praxis bedeutet dies, den Raum bewusst als Erfahrungsraum zu nutzen und dabei stets auch das Setting als eine spezifische räumliche Anordnung mitzudenken. Ich achte darauf, wie viel Raum die Patient: in einnimmt oder benötigt, ob Bewegung eher als befreiend oder als bedrohlich erlebt wird und wie körperliche Präsenz oder Zurückhaltung auf der Seite der Therapeut: in wirkt. Gerade bei Patient: innen mit frühen Beziehungstraumatisierungen zeigt sich, dass räumliche Nähe alte Erfahrungen von Überwältigung oder Grenzverletzung reaktivieren kann, während ein zu großer Abstand Gefühle von Verlassenheit oder emotionaler Leere verstärkt. Zugleich kann in bestimmten Konstellationen gerade ein klassisch psychoanalytisches Setting- - etwa das Liegen auf der Couch- - nicht als Distanzierung, sondern als angemessener Verkörpertes Wissen als Grundlage psychodynamischer Körperpsychotherapie 85 2 | 2026 Schutzraum erlebt werden, der eine entlastende Form von Nähe-Distanz-Regulation ermöglicht, weil Blickkontakt und unmittelbare Interaktionsanforderungen reduziert sind. Dieser Gedanke ist vielen Körperpsychotherapeut: innen zunächst fremd, weil das Setting dort häufig stillschweigend als nachrangiger Rahmen gegenüber der Technik oder der unmittelbaren Körperintervention behandelt wird; aus psychodynamischer Perspektive wird jedoch deutlich, dass die feinfühlige Regulation von Nähe, Distanz und Orientierung immer auch eine Frage der passenden räumlichen Form des Settings ist und daher nicht schematisch, sondern nur im kontinuierlichen Dialog mit dem impliziten Erleben der Patient: in gelingen kann. Diese Perspektive erweitert auch das Verständnis von körperlichen Interventionen. Eine Berührung, eine unterstützende Geste oder die Einladung zu einer Bewegung erhält ihre therapeutische Bedeutung nicht aus der Handlung selbst, sondern aus dem Kontext, in dem sie erfolgt, und aus der Weise, wie sie in der Beziehung verankert ist. Psychodynamisch verstanden wird der Raum damit zu einem koregulierten Feld, in dem neue Erfahrungen von Sicherheit, Selbstwirksamkeit und Beziehungsgestaltung möglich werden. Der Körper der Patient: in kann sich in diesem Raum nicht nur ausdrücken, sondern auch orientieren, Grenzen wahrnehmen und eigene Bedürfnisse nach Nähe oder Abstand differenzierter erleben. Für mich markiert diese bewusste Einbeziehung von Raum und körperlicher Orientierung einen entscheidenden Unterschied zur klassischen bioenergetischen Praxis. Körperarbeit wird nicht länger als Abfolge spezifischer Techniken verstanden, sondern als Teil eines relationalen Geschehens, das stets räumlich situiert ist. Der therapeutische Raum fungiert dabei gewissermaßen als dritter Akteur im Prozess: Er kann Halt geben oder verunsichern, Weite eröffnen oder Enge erzeugen, je nachdem, wie er gestaltet und erlebt wird. Diese Einsicht hat mein therapeutisches Arbeiten nachhaltig verändert und stellt einen weiteren zentralen Baustein meiner Abwendung von einem primär technikzentrierten Verständnis von Körperpsychotherapie dar. In der psychodynamischen Körperpsychotherapie verbindet sich somit die Aufmerksamkeit für den Körper mit einer ebenso differenzierten Aufmerksamkeit für Raum, Beziehung und Situation. Veränderung entsteht nicht allein durch das, was im Körper geschieht, sondern durch das Zusammenspiel von Körper, Raum und Beziehung im Hier und Jetzt der therapeutischen Begegnung. Diese Perspektive bereitet zugleich den Boden für den abschließenden Ausblick auf weiterführende Anschlussstellen und verdeutlicht, dass körperpsychotherapeutische Prozesse immer als eingebettete, kontextabhängige und relationale Geschehen verstanden werden müssen. Interdisziplinärer Ausblick Die hier beschriebene theoretische und klinische Neuorientierung der Körperpsychotherapie steht nicht isoliert innerhalb des psychotherapeutischen Feldes, sondern weist über dieses hinaus auf breitere interdisziplinäre Diskurse. Insbesondere Entwicklungen in den Kognitionswissenschaften, der Neurowissenschaft und der aktuellen Forschung zur Künstlichen Intelligenz (Raile / Geißler 2025) eröffnen bemerkenswerte Anschlussstellen, die meine Hinwendung zu einer psychodynamisch fundierten, verkörperten Perspektive zusätzlich plausibilisieren. In diesen Feldern lässt sich seit einigen Jahren eine zunehmende Abkehr von rein informationsverarbeitenden Modellen des Geistes beobachten, hin zu Ansätzen, die Kognition, Affekt und Handlung als grundlegend verkörpert, situiert und relational verstehen. In der Kognitionswissenschaft hat sich mit dem Paradigma der embodied cognition die Einsicht durchgesetzt, dass Denken nicht unabhängig vom Körper stattfindet, sondern we- 86 Peter Geißler 2 | 2026 sentlich durch sensorische, motorische und affektive Erfahrungen geprägt ist. Mentale Prozesse werden dabei nicht mehr als abstrakte Rechenoperationen aufgefasst, sondern als dynamische Wechselwirkungen zwischen Organismus und Umwelt (Shapiro 2019). Diese Sichtweise korrespondiert in bemerkenswerter Weise mit psychodynamischen Annahmen über implizites Beziehungswissen und leiblich verankerte Affektregulation. Was in der Körperpsychotherapie klinisch erfahrbar ist-- dass Veränderung durch neue verkörperte Beziehungserfahrungen geschieht-- findet hier eine theoretische Entsprechung auf einer breiteren wissenschaftlichen Ebene. Besonders aufschlussreich erscheinen mir in diesem Zusammenhang aktuelle Debatten in der KI-Forschung. Lange Zeit dominierten dort Modelle, die Intelligenz primär als symbolische Informationsverarbeitung verstanden. Inzwischen zeigt sich jedoch zunehmend, dass selbst hochentwickelte KI-Systeme fundamentale Grenzen haben, solange sie nicht über eine Form von Verkörperung und situierter Interaktion verfügen (Geißler 2025). Ohne einen Körper, der in einer physischen und sozialen Umwelt agiert, bleibt ein Großteil dessen unzugänglich, was menschliche Kognition ausmacht: affektive Resonanz, implizites Lernen, leiblich vermittelte Bedeutungszuschreibung. Gerade diese Einsicht wirft ein neues Licht auf die Spezifik psychotherapeutischer Prozesse. Für die Psychotherapie bedeutet dies, dass ihre Wirksamkeit nicht primär in der Vermittlung von Informationen oder der Korrektur expliziter Kognitionen liegt, sondern in der Möglichkeit, verkörperte Beziehungserfahrungen in einem geteilten Raum zu ermöglichen. Menschliche Therapie beruht auf Resonanz, auf feinen nonverbalen Abstimmungen, auf dem impliziten Wissen zweier Körper, die sich wechselseitig wahrnehmen und beeinflussen. Diese Dimensionen lassen sich nicht ohne Weiteres technisieren oder automatisieren. Insofern unterstreichen interdisziplinäre Erkenntnisse aus der KI-Forschung paradoxerweise gerade das, was psychodynamische Körperpsychotherapie auszeichnet: ihre Unersetzbarkeit als leiblichrelationales Geschehen. Gleichzeitig eröffnet dieser interdisziplinäre Horizont auch neue Perspektiven für die Weiterentwicklung der Körperpsychotherapie selbst. Modelle aus der Systemtheorie, der Entwicklungspsychologie oder der Robotik, die sich mit verkörpertem Lernen und affektiver Ko-Regulation befassen, können dazu beitragen, implizite Prozesse präziser zu beschreiben und theoretisch zu differenzieren. Entscheidend ist dabei, dass diese Anschlussstellen nicht zu einer erneuten Technisierung oder Objektivierung des Körpers führen, sondern im Einklang mit einer psychodynamischen Haltung des Nicht-Wissens und der relationalen Offenheit stehen. Für mich bestätigt dieser interdisziplinäre Ausblick, dass die Abkehr von energetischen Erklärungsmustern und die Hinwendung zu einer psychodynamisch fundierten, verkörperten Perspektive kein Rückzug in eine engere fachliche Nische ist, sondern im Gegenteil eine Öffnung hin zu zeitgenössischen wissenschaftlichen Diskursen. Die Körperpsychotherapie erscheint in diesem Licht nicht als randständiger Sonderweg, sondern als ein Feld, das zentrale Fragen moderner Wissenschaft berührt: die Frage nach dem Verhältnis von Körper und Geist, nach der Bedeutung von Beziehung für Entwicklung und Veränderung und nach den Grenzen technischer Modelle menschlichen Erlebens. Damit schließt sich ein Kreis. Was die frühe Körperpsychotherapie intuitiv erfasst hat- - dass psychisches Leiden und psychische Veränderung untrennbar mit dem Körper verbunden sind -, lässt sich heute in differenzierterer und erkenntnistheoretisch reflektierter Form neu formulieren: nicht als Wirken einer geheimnisvollen Energie, sondern als Ausdruck verkörperter, relationaler und historisch gewordener Erfahrung. In diesem Sinne bildet der interdis- Verkörpertes Wissen als Grundlage psychodynamischer Körperpsychotherapie 87 2 | 2026 ziplinäre Dialog keinen bloßen Ausblick, sondern eine Bestätigung des hier vertretenen Ansatzes und seiner Relevanz über die Grenzen der Körperpsychotherapie hinaus. Abschließend lässt sich die hier entwickelte Argumentation noch einmal auf die eingangs formulierte Leitthese zuspitzen: Die psychodynamische Körperpsychotherapie erweist sich gegenüber der klassischen Bioenergetischen Analyse als theoretisch tragfähigere und wissenschaftlich anschlussfähigere Weiterentwicklung, ohne den Körper oder die leibliche Dimension psychischen Erlebens zu relativieren. Die Abkehr vom energetischen Paradigma bedeutet keinen Verlust an klinischer Tiefe, sondern ermöglicht eine präzisere Beschreibung dessen, was therapeutische Veränderung tatsächlich trägt: implizite, verkörperte und relationale Prozesse im gemeinsamen Raum der Begegnung. In diesem Sinne versteht sich der hier vertretene Ansatz nicht als Abgrenzung von der Tradition der Körperpsychotherapie, sondern als deren reflektierte Fortführung unter zeitgemäßen erkenntnistheoretischen Voraussetzungen. Literatur Beebe, B., Lachmann, F. (2004): Säuglingsforschung und die Psychotherapie Erwachsener. 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(2006): Der Energiebegriff in der Körperpsychotherapie. Integrative Therapie 32 (2), 120-138 Dr. med. Dr. phil. Peter Geißler Körperpsychotherapeut, Psychoanalytiker, Lehranaly tiker an der Sigmund Freud Privat-Universität Wien. Publikationen zur analytischen (psychodynamischen) Körperpsychotherapie, z. B. „Körperarbeit in der Psychotherapie. Erste Schritte zur Öffnung des Settings“. ✉ Dr. med. Dr. phil. Peter Geißler Dr. Paul Fuchsiggasse 12 | A-2301 Neu-Oberhausen peter@geissler-info.at
