eJournals körper tanz bewegung14/2

körper tanz bewegung
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2195-4909
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/ktb2026.art12d
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2026
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Forum: Bioenergetische Analyse: eine paradigmatische Neubesinnung

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Ulrich Sollmann
Der Beitrag plädiert für eine paradigmatische Neubesinnung der Bioenergetischen Analyse und körperpsychodynamischen Praxis. Im Zentrum steht nicht die Einordnung in bestehende Theoriemodelle, sondern die Frage, wie psychische Wirklichkeit heute entsteht – im Körper, in Beziehung und im kulturellen sowie gesellschaftlichen Feld. Psychodynamik wird dabei nicht primär als innerpsychischer oder sprachlich-symbolischer Prozess verstanden, sondern als verkörpertes, relationales Geschehen. Der Körper wird konzeptualisiert als eigenständiger Ort von Erkenntnis, implizitem Erinnern und Beziehungsgeschichte. Resonanz, Szene, Affektregulation, Kontakt und Setting werden als zentrale psychodynamische Dimensionen herausgearbeitet. Besondere Aufmerksamkeit gilt der transkulturellen Konstellation und dem therapeutischen Raum als „Third Space“, in dem unterschiedliche leiblich-kulturelle Skripte aufeinandertreffen. Paradigmatisch bedeutsam ist der Perspektivwechsel: weg von schulpolitischer Validierung, hin zu einer feldsensiblen, körpernahen und zeitgemäßen Konzeption von Psychodynamik.
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89 körper-- tanz-- bewegung 14. Jg., S. 89-97 (2026) DOI 10.2378/ ktb2026.art12d © Ernst Reinhardt Verlag Forum: Zur Diskussion Bioenergetische Analyse: eine paradigmatische Neubesinnung Ulrich Sollmann Der Beitrag plädiert für eine paradigmatische Neubesinnung der Bioenergetischen Analyse und körperpsychodynamischen Praxis. Im Zentrum steht nicht die Einordnung in bestehende Theoriemodelle, sondern die Frage, wie psychische Wirklichkeit heute entsteht-- im Körper, in Beziehung und im kulturellen sowie gesellschaftlichen Feld. Psychodynamik wird dabei nicht primär als innerpsychischer oder sprachlich-symbolischer Prozess verstanden, sondern als verkörpertes, relationales Geschehen. Der Körper wird konzeptualisiert als eigenständiger Ort von Erkenntnis, implizitem Erinnern und Beziehungsgeschichte. Resonanz, Szene, Affektregulation, Kontakt und Setting werden als zentrale psychodynamische Dimensionen herausgearbeitet. Besondere Aufmerksamkeit gilt der transkulturellen Konstellation und dem therapeutischen Raum als „Third Space“, in dem unterschiedliche leiblich-kulturelle Skripte aufeinandertreffen. Paradigmatisch bedeutsam ist der Perspektivwechsel: weg von schulpolitischer Validierung, hin zu einer feldsensiblen, körpernahen und zeitgemäßen Konzeption von Psychodynamik. Schlüsselbegriffe Bioenergetische Analyse, Körperpsychodynamik, Psychodynamik im Feld, Third Space, Setting, Resonanz Bioenergetic Analysis: A Paradigmatic Rethinking This article argues for a paradigmatic reorientation of Bioenergetic Analysis and body-oriented psychodynamic practice. Central to this article is not theoretical alignment with established schools-- particularly classical psychoanalysis-- instead it asks the question how psychic reality is constituted today: in the body, in relationships, and within cultural and social fields. Psychodynamics is understood not primarily as an intrapsychic or language-based process, but as an embodied and field-dependent phenomenon. The body is conceptualized as a site of knowledge, implicit memory, and relational history. Central psychodynamic dimensions that are developed include resonance, scene, affect regulation, contact, and the setting. Particular emphasis is placed on the trans-cultural constellation and the therapeutic space as a “Third Space,” in which different embodied cultural scripts intersect. The paradigmatic significance lies in a change of perspective: away from school-oriented validation toward a field-sensitive, bodily grounded, and contemporary understanding of psychodynamics. Key words bioenergetic analysis, body-oriented psychodynamics, field-based psychodynamics, third space, setting, resonance 90 2 | 2026 Ulrich Sollmann Paradigmatische Neubesinnung: Worum es mir in diesem Essay geht Die Arbeit und Erfahrung als praktisch tätiger Körperpsychotherapeut in anderen Kulturen wie China, Türkei und Kroatien hat bei mir eine paradigmatische Neubesinnung bewirkt (Sollmann 2025): Wenn wir Bioenergetische Analyse und körperpsychodynamische Praxis heute ernst nehmen, dann geht es nicht primär um eine theoriegeleitete „Einordnung“ in bestehende Schulen, sondern um eine Verschiebung des Blicks-- weg von der Frage, welcher Theorie wir genügen, hin zu der Frage, welcher Wirklichkeit wir begegnen (Kuhn 2012). Unter körperpsychodynamischer Praxis verstehe ich eine psychodynamische Arbeitsweise, in der unbewusste Prozesse nicht primär nur über Sprache, sondern vor allem über verkörperte Beziehungsmuster, Affektregulation, Resonanz und das situative Geschehen im jeweiligen, vor allem kulturellen Feld wahrgenommen, verstanden und verändert werden (Geertz 1973; Jullien 2006; Malinowski 1922; Sollmann 2018). Eine paradigmatische Neubesinnung bedeutet daher für mich: 1. Vom Modell zur Situation: nicht zuerst das Konzept, sondern das konkrete Geschehen im Kontakt- - leiblich, affektiv, relational, kulturell situiert. 2. Vom Erklären zur Feldsensibilität: Psychodynamik ist nicht nur eine innerpsychische Dynamik, sondern ein Prozess im Feld: in Rollen, Machtverhältnissen, Zugehörigkeiten, Scham- und Anerkennungsökonomien-- und in den kulturellen Skripten, die Affekt und Körper organisieren (Geertz 1973; Northoff 2014). 3. Vom „Sprechen über den Körper“ zum Körper als Erkenntnisort: Der Körper ist nicht bloß Speicher vergangener Erfahrung, sondern ein aktuelles Organisationsfeld von Beziehung, Macht, Affekt und Zugehörigkeit, das sich im Kontakt situativ aktualisiert. Der Körper enthält nicht nur Erfahrungen, sondern der Körper organisiert Erfahrung im Feld. 4. Vom Setting als gegebenem Rahmen zum Setting als Teil des Feldes: Das Setting ist nicht neutral. Es strukturiert Nähe und Distanz, Kontrolle und Hingabe, Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit (Daft/ Lengel 1986). Damit ist das Setting selbst psychodynamisch wirksam. Ich habe bewusst die Form eines wissenschaftlichen Essays gewählt. Weitere Arbeiten werden sicherlich spezifische Aspekte verstärkt und ausführlicher aufgreifen und bearbeiten müssen. Wer nicht viel Zeit hat, um den ganzen Artikel zu lesen, aber dennoch an dem Thema interessiert ist, dem empfehle ich, meinen Fall eines chinesischen Patienten in der Charité in Berlin zu lesen (Sollmann 2017). Es geht mir weniger um eine Debatte über Theorie, sondern um eine präzise Beschreibung dessen, wie psychische Wirklichkeit heute im gesellschaftlichen Geschehen sowie in der Therapie entsteht, gehalten wird und sich verändert-- im Körper, in Beziehung, in kulturellen Zwischenräumen. Ich beziehe mich auch auf Peter Geißlers Rezension des Sammelbands „Psychodynamische Grundlagen der Bioenergetischen Analyse“ (2025). Seine Rezension überzeugt durch Sachkunde und historische Kenntnis. Das ist nicht wenig. Gleichzeitig bleibt seine Besprechung in einer Perspektive gebunden, die das Anliegen des Bandes nur teilweise trifft: Sie liest die Beiträge vorrangig aus einem psychoanalytischen Bezugsrahmen und prüft sie an Kriterien, die aus der Tradition sprachlich-symbolischer Verfahren stammen. Der Band verfolgt jedoch ein anderes Ziel. Er will die Bioenergetische Analyse (BA) nicht „psychoanalytisch machen“, sondern sie in einen erweiterten psychodynamischen Denkraum stellen: einen Raum, in dem Körper, Beziehung, Affektregulation, implizites Wissen, Bioenergetische Analyse: eine paradigmatische Neubesinnung 91 2 | 2026 Szene und Feld ebenso ernst genommen werden wie die Frage nach Macht, Institution, Ausbildungskultur- - und zunehmend auch die Frage nach kultureller Differenz, transkultureller Perspektive und den Zwischenräumen, in denen Menschen leben. Das ist der Punkt, an dem eine Rezension leicht danebengreifen kann: nicht weil sie falsch wäre, sondern weil sie ein Raster anlegt, das nicht für das Ganze geeignet ist. Ich möchte deshalb weniger „gegen“ Geißler argumentieren, als eine Präzisierung anbieten: Welche Form von Psychodynamik ist hier gemeint? Und was bedeutet es, wenn Körperpsychotherapie vielfach nicht als ernstzunehmende psychodynamische Praxis verstanden wird? Wird doch heutzutage Körperpsychotherapie global gesehen in ganz unterschiedlichen Gesellschaften und Kulturen praktiziert. Dies geschieht im Feld kultureller und gesellschaftlicher Verschiebungen. Wie aber fließt dies in die diskursive Erörterung, Praxis, Ausbildung und theoretische Diskussion ein? Im Fall der Bioenergetischen Analyse gibt es diesbezüglich weder spezielle Hinweise, noch gibt es diesbezüglich Änderungen im Curriculum. Psychodynamik ist nicht Psychoanalyse: eine notwendige Unterscheidung Der Sammelband spricht bewusst von psychodynamischen, nicht von psychoanalytischen Grundlagen. Das ist kein Etikettentrick, sondern eine Aussage über Begriffsrahmen und Methode. Psychoanalyse ist historisch und systematisch ein bestimmtes Verfahren mit einem bestimmten Methodenkanon: Deutung, Übertragung / Gegenübertragung, freie Assoziation, eine spezifische Setting-Architektur, ein primär sprachlicher Erkenntnismodus. Der Körper kommt zwar vor-- als Symptom, als Träger von Trieben, als Ort von Abwehr. Aber er ist lange Zeit nicht als eigenständiger Ort von Erkenntnis und Beziehung konzipiert worden. In neueren psychoanalytischen Strömungen hat sich das verändert, aber die klassische Linie bleibt im Hintergrund wirksam: Der Weg zur Wahrheit führt über Sprache, Symbolisierung, Interpretation. Psychodynamik ist heute kein Synonym für Psychoanalyse, sondern ein weiter gefasster Bezugsrahmen: ein Denken in unbewussten Prozessen, in Affekten, in Beziehungsmustern, in der Dynamik von Nähe und Distanz, in Wiederholungen, in impliziten Szenen. Moderne psychodynamische Ansätze haben sich geöffnet-- zur Bindungsforschung, zur Affekttheorie, zur Mentalisierung, zur intersubjektiven Theorie, zur Entwicklungspsychologie, zur Neurobiologie (Fonagy 2025). Und sie öffnen sich (wenn sie konsequent sind) auch zur Frage, wie sich all das im Körper organisiert: als Tonus, Atem, Blick, Rhythmus, Stimme, Bewegungsimpuls. Wenn man diese Unterscheidung verwischt, entsteht schnell eine Schieflage: Körperpsychotherapie wird dann so gelesen, als müsse sie sich an psychoanalytische Standards „heranarbeiten“, statt als eigenständige psychodynamische Praxis begriffen zu werden. Der Körper als Trägerschicht psychodynamischer Prozesse Körperpsychotherapeutische Verfahren folgen einer anderen erkenntnistheoretischen Logik als sprachzentrierte Verfahren. Sie sind nicht weniger differenziert-- sie sind anders differenziert. In der Bioenergetischen Analyse zeigt sich Psychodynamik nicht nur in Erzählungen, sondern in der leiblichen Organisation des Menschen: in Muskeltonus und Haltung, in Atmungs- und Stimmführung, in der Fähigkeit, Affekte zu halten oder zu entladen, in Kontaktgestaltung und Rückzug, in der Art, wie Erre- 92 2 | 2026 Ulrich Sollmann gung zugelassen oder abgeschnitten wird. Das sind keine „Begleitphänomene“- - das ist die Bühne des Erlebens. Viele frühe Beziehungserfahrungen sind präverbal gespeichert. Sie liegen als prozedurales, implizites Wissen vor: nicht als Geschichte, die man erzählen kann, sondern als Muster, das man lebt. Wer nur auf Symbolisierung setzt, bekommt an dieser Stelle Grenzen zu spüren. Körperorientierte Psychodynamik setzt genau hier an: Sie arbeitet mit dem, was sich im Hier-und- Jetzt aktualisiert- - in Resonanz, in Nähe / Distanz, in der Mikroszene zwischen zwei Menschen. Das bedeutet nicht, dass Sprache unwichtig wäre. Aber Sprache ist nicht das einzige Medium. Es gibt Prozesse, die erst in Körper und Beziehung überhaupt „sprechbar“ werden. Deutung versus Resonanz: Methodik jenseits des klassischen Rasters Ein Teil der Irritation gegenüber Körperpsychodynamik entsteht aus einer methodischen Erwartung: Wo sind die Strukturmodelle? Wo sind die Metapsychologie, die Deutungsarchitektur, die symbolische Tiefenbohrung? Körperpsychodynamische Arbeit operiert anders: ● Resonanz ist ein zentrales Arbeitsinstrument: Was löst ein Mensch im Gegenüber aus? Wie reagiert der Körper der Therapeutin / des Therapeuten? Was wird eng, was wird weit, was wird warm, was wird hart? Resonanz ist hier nicht „Bauchgefühl“, sondern ein wahrnehmungsgeleitetes Instrument, das geschult wird. ● Szene und Enactment sind nicht Störfaktoren, sondern Material: Beziehungsmuster reinszenieren sich in Blick, Ton, Tempo, Pausen, in der Art, wie Berührung gesucht oder abgewehrt wird. Körperpsychodynamik arbeitet mit diesen Re-Inszenierungen. Nicht um sie spektakulär zu machen, sondern um sie zu regulieren und in neue Erfahrung zu überführen. ● Affektregulation steht im Zentrum: nicht nur verstehen, warum jemand so ist, sondern erfahrbar machen, wie Affekt im Körper gehalten, moduliert, gedrosselt oder freigesetzt wird. ● Kontakt ist eine Kategorie: Wie entsteht Kontakt? Wie wird er abgebrochen? Wie wird er kontrolliert? Wie wird er manipuliert? Diese Fragen sind psychodynamisch- - und zugleich leiblich. Wer diese Logik nicht mitdenkt, liest körperpsychotherapeutische Konzepte schnell als „weniger Theorie“. In Wirklichkeit liegt hier eine andere Theorie-Praxis-Verschränkung vor: phänomenologisch, erfahrungsnah, prozessual. Third Space: Psychodynamik im Zwischenraum Ein Punkt, der in der Diskussion über Bioenergetische Analyse und Körperpsychotherapie bislang kaum explizit reflektiert wird, für die aktuelle klinische Wirklichkeit jedoch zentral ist, betrifft die Frage nach dem gesellschaftlich und kulturell situierten Feld, in dem therapeutische Prozesse stattfinden. Zwar berücksichtigen viele Verfahren kulturelle Faktoren oder individuelle Migrations- und Sozialisationserfahrungen. Was dabei jedoch meist fehlt, ist ein Verständnis des Third Space nicht nur als innerpsychischen oder intersubjektiven Zwischenraum, sondern als konkreten Ort kultureller, gesellschaftlicher und machtbezogener Wirklichkeit (Bhabha 1994). Wir arbeiten längst in fragmentierten, transkulturellen Feldern. Menschen leben nicht mehr „in“ einer Kultur, sondern in Überlagerungen, Bruchstellen und Spannungszonen unterschiedlicher kultureller Logiken. Der Third Space bezeichnet hier keinen bloß metaphorischen Zwischenraum, sondern ein reales Er- Bioenergetische Analyse: eine paradigmatische Neubesinnung 93 2 | 2026 fahrungsfeld, in dem sich kulturelle Skripte von Körper, Affekt, Nähe, Autorität und Zugehörigkeit im therapeutischen Kontakt reiben, verschieben und situativ neu organisieren. Genau diese feldhafte, gesellschaftlich wirksame Dimension bleibt in vielen psychodynamischen wie körperorientierten Ansätzen implizit oder explizit unbeachtet. Gemeint ist also nicht die „Erweiterung vorhandener Konzepte“, sondern die Verschiebung des Referenzrahmens. Für Psychotherapie bedeutet das: Der therapeutische Raum ist selbst ein Third Space. Er ist nicht neutral. Er ist geprägt durch Sprach- und Machtverhältnisse, durch kulturelle Bilder von Körper, Scham, Autorität, Intimität, Krankheit, Leistung. Und diese Bilder sind nicht nur kognitiv- - sie sind leiblich: in Haltung, Nähe-Distanz-Regulation, Blickkontakt, Berührungstabu, Emotionsausdruck. Es ist mir wichtig an dieser Stelle noch einmal das Besondere und Unterscheidende in Bezug auf den Third Space hervorzuheben. Third Space bezeichnet einen therapeutisch verdichteten, zugleich gesellschaftlich wirksamen Erfahrungsraum, in dem kulturelle, soziale und machtbezogene Ordnungen nicht nur reflektiert, sondern im leiblichen Kontakt praktisch wirksam werden-- über den Therapieraum hinaus und doch in ihm konkret erfahrbar. Anders als psychoanalytische Third-Space-Modelle, die primär auf intersubjektive Bedeutungsbildung zielen, rückt hier der Third Space als leiblich erfahrbares, kulturell situiertes und feldhaft wirksames Geschehen in den Mittelpunkt. Der Third Space ist hier nicht primär ein Raum der Symbolisierung, sondern ein Ort verkörperter kultureller und gesellschaftlicher Wirklichkeit. Ich beziehe mich an dieser Stelle auch auf einen intensiven kollegialen Austausch mit Peter Fonagy beim World Congress for Psychotherapy in Wien im Juli 2025 (siehe auch Sollmann 2025). Wir diskutierten nicht nur dort, sondern auch später per Mail über die Bedeutung der erweiterten Sicht z. B. auf sein Mentalisierungskonzept (Fonagy 2025): „What stood out most was the embodied, experiential grounding of your arguments. You manage to bring to life the disorientation and resonance of cross-cultural encounters in a way that makes the idea of ‚mentalising through the body‘ feel both urgent and obvious-- once you’ve said it. I thought the use of the ‚third hand‘ as a motif was particularly elegant, showing how attentiveness to culturally embedded forms of bodily knowing can open up a very different kind of understanding than traditional theory-of-mind perspectives might allow. I also really appreciated how you wove together ethnographic thinking, phenomenology, and psychoanalytic ideas without reducing one to the other. The connections to Bhabha’s ‚third space‘ and Damasio’s somatic markers were well chosen, and the refusal to over-systematise the model gives the whole piece a kind of epistemic humility that is entirely appropriate to the topic. (…) It’s rare to read something that so effectively invites the reader into a different mode of thinking.“ (Fonagy 2025 per Email; siehe auch Bhabha 1994) Körperpsychotherapie hat hier einen spezifischen Vorteil: Sie kann Differenz verkörpert wahrnehmen. Nicht als Abstraktion, sondern als Mikroereignis im Kontakt, im leiblichen Erleben: ● Was bedeutet „aufrecht“ in einer bestimmten Kultur? (Würde? Trotz? Disziplin? Aggression? ) ● Was bedeutet „weiche Atmung“? (Entspannung? Kontrollverlust? Unangemessene Intimität? ) ● Was bedeutet „Bodenkontakt“? (Sicherheit? Beschämung? Lächerlichkeit? ) Der Third Space ist nicht romantisch. Er ist oft unerquicklich: Missverständnisse, Kränkungen, falsche Zuschreibungen, stille Rückzüge. Gerade deshalb braucht es eine Psychodynamik, die nicht nur interpretativ, sondern feldsensibel und körperlich aufmerksam ist. 94 2 | 2026 Ulrich Sollmann Feldforschung Der Blick auf Bioenergetische Analyse und körperpsychodynamische Praxis verändert sich, sobald wir sie nicht mehr nur als Technik- oder Theoriebestand begreifen, sondern als eine Weise, psychische Wirklichkeit im Feld zu lesen. In diesem Sinn wird das, was heute oft unter dem Stichwort Third Space diskutiert wird, plötzlich nicht zu einem kulturtheoretischen Zusatz, sondern zu einer klinischen Realität: Der therapeutische Raum ist ein Zwischenraum. Er ist kein neutraler Container, in dem „die Psyche“ sich entfaltet, sondern ein Ort, an dem unterschiedliche Skripte von Nähe, Distanz, Scham, Autorität, Leistung, Intimität und Verletzbarkeit aufeinandertreffen. Und zwar nicht nur als Meinungen oder Überzeugungen, sondern als verkörperte Gewohnheiten: in Blick und Stimme, im Tempo, in der Art, wie jemand Raum nimmt oder meidet, wie er sich aufrichtet, klein macht, zurückhält oder drängt. Gerade hier zeigt sich der besondere Beitrag körperpsychodynamischer Arbeit. Der Third Space ist nicht primär ein Denkraum, sondern ein Erfahrungsraum. Er wird spürbar im Körper: als Spannung, als Atemstopp, als Hitze, als Erstarren, als Drängen, als plötzlicher Rückzug. Kulturelle Differenz erscheint dann nicht zuerst als „Wissen über andere Kulturen“, sondern als eine Art, Affekt zu organisieren und Kontakt zu regulieren. Und weil sich vieles davon implizit organisiert, genügt es nicht, es zu erklären. Es muss im therapeutischen Prozess wahrgenommen erlebt, gehalten, moduliert und-- wo möglich-- in neue Erfahrung überführt werden. Der Zwischenraum wird so zum Ort der Bewegung: nicht, weil er harmonisch wäre, sondern weil er Reibung erzeugt, Missverständnisse, Irritationen, Kränkungen-- und genau darin auch Entwicklung. Aus diesem Blick ergibt sich fast zwingend, was ich Feldforschung als therapeutische Haltung nenne. Feldforschung meint hier nicht Datensammlung, sondern eine geschulte Aufmerksamkeit für das, was den Prozess trägt, umstellt und formt: Rollen, Machtverhältnisse, Zugehörigkeiten, Milieus, institutionelle Regeln, unausgesprochene Loyalitäten. Psychodynamik ist nicht nur „innen“. Sie ist ein Geschehen in Beziehungen, und Beziehungen stehen immer in einem Feld. Menschen kommen nicht als isolierte Subjekte in die Therapie, sondern als verkörperte Biografien in sozialen Ordnungen. Das Feld ist im Körper- - und der Körper ist im Feld. Was sich als Atemstopp zeigt, kann ebenso sehr eine alte Beziehungserfahrung sein wie eine aktuell gelernte Anpassungsform; was als starre Aufrichtung erscheint, kann Würde oder Trotz oder Disziplin sein; was als weicher Ton daherkommt, kann Nähe suchen oder Konflikt vermeiden. Feldsensibilität heißt dann: nicht vorschnell zu psychologisieren, sondern die Mehrdeutigkeit auszuhalten und genauer hinzusehen, welche Kontaktbedingungen gerade wirksam sind. Damit rückt auch das Setting selbst in ein anderes Licht. Es ist nicht einfach „der Rahmen“, sondern Teil des Feldes-- und damit psychodynamisch aktiv. Es organisiert Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, Kontrolle und Hingabe, Nähe und Distanz. Wer diese Dimension ignoriert, behandelt das Setting wie eine technische Voraussetzung. Wer sie ernst nimmt, erkennt: Das Setting ist immer schon eine Intervention. Es kann Sicherheit geben oder Scham verstärken, Autonomie fördern oder Abhängigkeit stabilisieren, es kann Re-Inszenierungen begünstigen oder begrenzen. Das ist keine Nebensache, sondern gehört zur Professionalität-- gerade in körperpsychodynamischer Arbeit, in der Resonanz, Rhythmus und Kontaktgestaltung zentrale „Werkzeuge“ sind. Bioenergetische Analyse: eine paradigmatische Neubesinnung 95 2 | 2026 Organisation, Macht und Ausbildung: das Feld der Verfahren selbst In diesem Zusammenhang bleibt auch die Frage nach Organisation und Ausbildung nicht außen vor. Psychotherapeutische Schulen sind nicht nur Ideen, sie sind soziale Systeme: mit Autorität, Zugehörigkeit, Rivalität, Idealisierung, Entwertung-- kurz: mit Macht (Kuhn 2012). Wer Psychodynamik ernst nimmt, muss sie auch auf die eigenen institutionellen Strukturen anwenden. Nicht, um moralisch zu urteilen, sondern um zu verstehen, wie Theorie, Praxis und Identität eines Verfahrens durch Ausbildungslogiken, Anerkennungsordnungen und Konfliktkulturen mitgeprägt werden. Auch das ist Feldforschung: das Feld der Verfahren selbst mitzulesen-- weil es zurückwirkt in die Art, wie gearbeitet, gelehrt und legitimiert wird. An dieser Stelle zeigt sich, warum mir an einer paradigmatischen Neubesinnung liegt. Es geht nicht darum, ob Bioenergetische Analyse „theoretisch passt“, ob sie sich an ein etabliertes Raster anschließt oder ob sie bestimmte Begriffe korrekt erfüllt. Entscheidend ist vielmehr, ob wir bereit sind, Psychodynamik als verkörpertes, relationales und feldgebundenes Geschehen zu denken-- und daraus die Konsequenzen für Wahrnehmung, Haltung und Setting zu ziehen. Das verschiebt den Schwerpunkt: weg von schulpolitischer Einordnung, hin zu einer präzisen Frage nach Wirklichkeit. Was geschieht hier-- im Körper, im Kontakt, in den Zwischenräumen, in den Machtlinien, in den kulturellen Skripten? Und was braucht es, damit daraus Entwicklung werden kann? An dieser Stelle möchte ich betonen, dass eine ausschließliche Bezugnahme auf Gesellschaft sowie Globalisierung zu kurz greift. Denn die beschriebenen Verschiebungen betreffen nicht nur die räumliche Entgrenzung gesellschaftlicher Prozesse, sondern zunehmend auch die Weise, in der soziale Wirklichkeit wahrgenommen, erlebt und affektiv beantwortet wird. Aus diesem Grund ist es sinnvoll, den Blick auf ein weiteres gesellschaftliches Feld zu richten, das bislang oft nur beiläufig mitgedacht wird. Gemeint ist die Virtualität-- nicht als technisches Phänomen, sondern als eigenständiger Erfahrungsraum mit eigener Logik. In diesem Feld gelten andere Regeln: für Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit, für Affektzirkulation, für Verantwortung und Zugehörigkeit. Wer die gegenwärtigen Verschiebungen verstehen will, muss den Blick daher erweitern: Neben der Globalisierung als strukturellem Prozess tritt die Virtualität als Erfahrungsraum, in dem soziale Wirklichkeit zunehmend erzeugt, verdichtet und affektiv aufgeladen wird-- häufig unabhängig von körperlicher Anwesenheit und unmittelbarer Beziehung. Virtualität Diese Neubesinnung wird besonders dringlich, sobald wir den virtuellen Raum nicht mehr nur als technische Erweiterung betrachten, sondern als reales, eigenes Feld. Der virtuelle Raum ist kein „weniger echtes“ Setting. Er ist ein anderer Beziehungsraum-- mit eigenen Regeln, eigenen Affektökonomien und eigenen Abwehrmöglichkeiten. Nähe entsteht über Kameraausschnitt, Blickführung, Bildgröße; Distanz über Winkel, Licht, das Ausdem-Bild-Gehen (Ong 2016). Resonanz verändert sich durch minimale Verzögerungen, durch die eigenartige Logik des Blickkontakts, durch das Fehlen eines geteilten Raums. Pausen kippen schneller in Irritation, Nachdenken wird leichter als Rückzug missverstanden-- nicht aus mangelnder Aufmerksamkeit, sondern weil die leiblichen Marker innerer Aktivität, die im Face-to-Face-Setting Nachdenken anzeigen, im virtuellen Raum nur eingeschränkt verfügbar sind (vgl. Media Richness Theory; Daft/ Lengel 1986). Der Gesprächsrhythmus bricht schneller. Gleichzeitig bietet das Virtuelle neue Kon- 96 2 | 2026 Ulrich Sollmann troll- und Selbstkontrollmöglichkeiten: Kamera aus, Ton aus, Nebenher-Klicken, abruptes Unterbrechen. Diese Optionen sind keine bloßen technischen Funktionen, sondern verändern die Regulation von Nähe, Exponiertheit und Affekt grundlegend, indem sie eine unmittelbare Steuerung der eigenen Sicht- und Hörbarkeit erlauben (Walther 1996). Ebenso schafft das Virtuelle neue Formen von Exponiertheit: das eigene Bild als dauerhafte Selbstbeobachtung, die Scham verstärken oder Kontrolle erhöhen kann. Die hier beschriebenen Phänomene lassen sich daher weniger als individuelle psychologische Reaktionen begreifen denn als Effekte kommunikativer, organisationaler und medientheoretischer Rahmungen, die das Beziehungsgeschehen online spezifisch strukturieren. Für körperpsychodynamische Feldsensibilität heißt das: Wir müssen lernen, dieses Feld zu lesen, statt es zu beklagen oder zu idealisieren. Körperlichkeit ist auch im virtuellen Raum anwesend-- nur anders verteilt. Stimme, Tempo, Atemrhythmus, Mikrospannung, Blickverhalten, das Zulassen oder Abwehren der eigenen Umgebung: all das ist Material. Der Körper verschwindet nicht, er zeigt sich anders. Und gerade weil das so ist, wird „hybrid“ zu mehr als einer pragmatischen Lösung. Es wird zu einer konzeptionellen Aufgabe. Hybrid zu denken heißt dann nicht: ein bisschen Präsenz, ein bisschen online. Es heißt, bewusst mit Feldbedingungen zu arbeiten (Walther 1996). Wann braucht es den gemeinsamen Raum-- etwa für Erdung, für Themen von Berührung und Nähe, für intensive Affektmobilisierung, für Situationen, in denen Dissoziation oder Überflutung drohen? Wann kann der virtuelle Raum hilfreich sein-- etwa bei Schamthemen, in frühen Bindungsphasen, in transkulturellen Konstellationen, bei größerer Selbststeuerung oder geografischer Distanz? Und vor allem: Wie werden Übergänge gestaltet, damit nicht das Feld zerreißt-- vom Körperraum in den Bildraum und zurück? In diesem Sinn ist das Setting kein logistisches Detail, sondern Teil der klinischen Verantwortung. Das Paradigma entscheidet Wenn ich am Ende auf das Paradigma zurückkomme, dann deshalb, weil hier eine Entscheidung liegt, die nicht theoretisch bleibt. Entweder wir verhandeln Psychodynamik weiterhin primär als Modellfrage- - und geraten in Endlosdebatten über Anschlussfähigkeit. Oder wir nehmen ernst, dass psychische Wirklichkeit heute in veränderten Feldern entsteht: transkulturell, institutionell, digital, hybrid. Dann wird die Frage eine andere: Wie schulen wir Wahrnehmung? Wie halten wir Resonanz oder Ambiguität aus? Wie lesen wir Macht, Scham und Zugehörigkeit? Wie gestalten wir Settings so, dass sie Entwicklung ermöglichen-- im Präsenzraum und im virtuellen Raum? Wenn daraus Streit entsteht, ist das kein Nachteil. Es wäre ein Streit um die Sache: um die Bereitschaft, Psychotherapie unter veränderten Lebensbedingungen neu zu konzipieren- - feldsensibel, transkulturell, körpernah und zunehmend auch hybrid. Ich möchte diesen Text deshalb nicht als Stellungnahme zu einer Schule verstanden wissen, sondern als Einladung zu einer Haltung: genauer hinzuschauen, das Feld mitzulesen, dem Körper als Erkenntnisort zu trauen. Die Arbeiten von Krämer/ Nazarkiewicz (2003) bieten ein gutes Modell zur Unterscheidung von inter-, multi- und transkultureller Betrachtung. Die Bioenergetische Analyse ist dafür kein Sonderweg, sondern ein möglicher Ort, an dem eine verkörperte, relationale und hybride Psychodynamik exemplarisch werden kann. Mehr behaupte ich nicht- - aber weniger genügt mir heute auch nicht. Bioenergetische Analyse: eine paradigmatische Neubesinnung 97 2 | 2026 Literatur Bhabha, H. K. (1994). The location of culture. Routledge, London / New York Daft, R. L., Lengel, R. H. (1986): Organizational information requirements, media richness and structural design. Management Science 32 (5), 554-571, https: / / doi.org/ 10.1287/ mnsc.32.5.554 Fonagy, P. (2025): Persönliche Mitteilung per E-Mail vom 28.8.2025 Geertz, C. (1973). The interpretation of cultures. Basic Books, New York Jullien, F. (2006): Umweg und Zugang: Strategien des Sinns in China und Griechenland. 2. Aufl. Merve, Berlin Krämer, G., Nazarkiewicz, K. (2003): Interkulturelle Kompetenz. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden Kuhn, T. S. (2012): Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. 24. Aufl. Suhrkamp, Berlin Malinowski, B. (1922): Argonauts of the Western Pacific. Routledge & Kegan Paul, London Northoff, G. (2014): Wie kommt die Kultur in den Kopf? Eine neurowissenschaftliche Theorie kultureller Unterschiede. Springer VS, Wiesbaden, https: / / doi.org/ 10.1007/ 978-3-662-44565-5 Ong, W. J. (2016): Oralität und Literalität: Die Technologisierung des Wortes. 6. Aufl. Springer VS, Wiesbaden, https: / / doi.org/ 10.1007/ 978-3- 658-10972-1 Sollmann, U. (2025): Transkulturell mentalisieren. Keynote lecture at the World Congress for Psychotherapy (WCP): Polarities of Life. Vienna, Austria Sollmann, U. (2018): Begegnungen im Reich der Mitte: Mit psychologischem Blick unterwegs in China. Psychosozial-Verlag, Gießen Sollmann, U. (2017): Behandler-Patient-Beziehung aus transkultureller Sicht (am Beispiel China). In: Trautmann-Vogt, S., Vogt, B. (Hrsg.): Psychodynamische Psychotherapie und Verhaltenstherapie. Schattauer, Stuttgart, 315-325 Walther, J. B. (1996): Computer-mediated communication: Impersonal, interpersonal, and hyperpersonal interaction. Communication Research 23 (1), 3-43, https: / / doi. org/ 10.1177/ 009365096023001001 Dipl. rer. soc. Ulrich Sollmann Praxis für Körperpsychotherapie in Bochum, Coach in Wirtschaft und Politik, Gast-Professor (Shanghai University of Political Science and Law), Visiting Professor Hebei Medical University, Vortrags- und Lehrtätigkeit, Publizist, Blogger, Podcaster. ✉ Dipl. rer. soc. Ulrich Sollmann Höfestr. 87 | D-44801 Bochum sollmann@sollmann-online.de www.sollmann-online.de