eJournals körper tanz bewegung14/2

körper tanz bewegung
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2195-4909
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/ktb2026.art14d
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Medien&Materialien: Franz Renggli: Unsere frühesten Verletzungen und wie sie in nahen Beziehungen ausheilen können. Meine Arbeit mit Babys, Familien und Paaren

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Verena Lauffer
Franz Renggli, pränatalfundierter Körperpsychotherapeut (ursprünglich Zoologe, dann Psychoanalytiker, Paar-, Familien- und Gruppentherapeut) hat ein neues Buch geschrieben. Seine früheren Werke wurden im Psychosozialverlag neu aufgelegt – 2018 „Früheste Erfahrungen – ein Schlüssel zum Leben. Wie unsere Traumata aus Schwangerschaft und Geburt ausheilen können.“ 2020 „Verlassenheit und Angst – Nähe und Geborgenheit. Eine Natur- und Kulturgeschichte der frühen Mutter-Kind-Beziehung“. Renggli schöpft aus fünfundfünfzig Jahren Therapieerfahrung und dreißig Jahren pränataler Arbeit, gegründet auf seinem Erfahrungsschatz und der Forschung von William Emerson und Ray Castellino. Im neuen Buch spannt er nun den weiten Bogen zwischen Spiritualität und Kritik an den gesellschaftlichen Bedingungen der Industrienationen.
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Medien & Materialien 101 2 | 2026 Regulation psychischer Zustände und emotionaler Reaktionsweisen durch ein übungsorientiertes Vorgehen gefördert werden können. In solchen Fällen ist die Vorgabe von Zielen, die durch die beschriebenen Interventionen erreicht werden sollen, sinnvoll. In den meisten Beiträgen verbleibt der Bezug zum Körper allerdings allein im zweckrationalen Denken eines technischen Therapieverständnisses. Ein Verständnis des Menschen als körperlich erlebendem Subjekt hat hier keinen Platz. Das Buch zeigt insofern eine Verhaltenstherapie, die in all ihren Wenden, auch in der neuesten zum Körper, in einem funktional-mechanistischen Paradigma verharrt. Wenn der Körper nur als Mittel therapeutischer Regulation verstanden wird, wird dieses Paradigma nur verfeinert, aber nicht verändert. Ulfried Geuter DOI 10.2378/ ktb2026.art13d Literatur Hayes, S. C., Strosahl, K. D., Wilson, K. G. (2016): Acceptance and commitment therapy: The process and practice of mindful change. Guilford Press, New York Margraf, J., Schneider, S. (Hrsg.) (2009): Lehrbuch der Verhaltenstherapie. Band 1: Grundlagen, Diagnostik, Verfahren, Rahmenbedingungen. 3.-Aufl. Springer, Heidelberg Franz Renggli: Unsere frühesten Verletzungen und wie sie in nahen Beziehungen ausheilen können. Meine Arbeit mit Babys, Familien und Paaren Tredition, 2025, Ahrensburg, 228 Seiten, 25,00 € (D) F ranz Renggli, pränatalfundierter Körperpsychotherapeut (ursprünglich Zoologe, dann Psychoanalytiker, Paar-, Familien- und Gruppentherapeut) hat ein neues Buch geschrieben. Seine früheren Werke wurden im Psychosozialverlag neu aufgelegt- - 2018 „Früheste Erfahrungen- - ein Schlüssel zum Leben. Wie unsere Traumata aus Schwangerschaft und Geburt ausheilen können.“ 2020 „Verlassenheit und Angst-- Nähe und Geborgenheit. Eine Natur- und Kulturgeschichte der frühen Mutter- Kind-Beziehung“. Renggli schöpft aus fünfundfünfzig Jahren Therapieerfahrung und dreißig Jahren pränataler Arbeit, gegründet auf seinem Erfahrungsschatz und der Forschung von William Emerson und Ray Castellino. Im neuen Buch spannt er nun den weiten Bogen zwischen Spiritualität und Kritik an den gesellschaftlichen Bedingungen der Industrienationen. Aus der Kenntnis des pränatalen Erfahrungsraumes und dem tiefen Mitgefühl mit dem kleinen ungeborenen Menschen, dem Blickwinkel der pränatalen Psychologie, formuliert er seine Beobachtungen des Umgangs mit Ungeborenen, Babys während und nach der Geburt, ihre Verlassenheit und Gefährdung durch Erwachsene, die aufgrund eigener prä- / perinatal erlebter Verlassenheit und Vorverletzungen nicht ausreichend präsent und mitfühlend sind. Er stellt den Zusammenhang her zu sich daraus ergebenden zerstörerischen Auswirkungen im weiteren Leben: Suchtverhalten als Surrogat für die nicht erfahrene emotionale Versorgung, Dissoziation, Krankheit und eine grenzenlose Wut. Suchtverhalten, das im grenzenlosen Konsumismus unsere Natur und Lebensgrundlage zerstöre. Die Wut sei, bezogen auf das frühe Verlassenheitserleben, völlig 102 Medien & Materialien 2 | 2026 verständlich und berechtigt. Bewusstseinsfern, aus dem ursprünglichen Zusammenhang „verrückt“, versteht er sie als Grund für Kriege und andere extreme Gewaltformen. Die Möglichkeiten pränatal fundierter Selbsterfahrung und Körperpsychotherapie für das Gelingen neuer, naher und heilsamer Beziehungserfahrungen zeigt er an vielen Beispielen aus der Arbeit mit Babys, Familien und Paaren. Seine Hochachtung vor der Weisheit und dem Zugang zum „unendlichen Bewusstsein“ eines Menschen von der Zeugung an bezieht er aus seiner spirituellen Öffnung, speziell zur Reinkarnation. Trotz seiner persönlich klaren spirituellen Position wird man als Leser: in in keiner Weise gedrängt, diese zu übernehmen. Das Buch ist so formuliert, dass es interessierte Laien verstehen können, auch bei Querverweisen zu wissenschaftlichen Ergebnissen. Gleichzeitig ist es wertvoll für Therapeut: innen aller methodischen Richtungen, Körperpsychotherapeut: innen und pränatale Expert: innen. Auch als pränatal erfahrene Körperpsychotherapeutin konnte ich beim Lesen dazulernen. In allen Kapiteln werden die Thesen und theoretischen Modelle aufgezeigt durch die berührende, manchmal sehr verdichtete Schilderung praktischer Arbeit. Ganz besonders zu Herzen gehend sind die Begegnungen und wertschätzenden Kommunikationen mit Babys. Es geht z. B. um Grenzen und Verletzungen, die pränatale Dimension von Verletzungen, Körpersprache zu erlernen, Aktivierungen früherer Verletzungen von der auslösenden gegenwärtigen Situation zu differenzieren, den Umgang mit heftigen Gefühlen, Kommunikationsregeln zwischen Paaren, statt Schuldzuschreibungen Verantwortungsübernahme für eigene frühe Verletzungen. Beeindruckend ist die therapeutische Haltung Franz Rengglis, sich in aller Verletzlichkeit als ein Teil des Geschehens in radikaler Offenheit miteinzubeziehen. Gleichzeitig enthält er sich direktiver Einflussnahme, sondern folgt demütig staunend und sehr liebevoll dem individuellen transformativen Prozess, ganz an den Empfindungen und Impulsen des Körpers orientiert, hoch aufmerksam für Gefühle, die bis dahin verborgen, dissoziiert und in Störungen gebunden waren. Die meisten Beispiele sind im Gruppensetting entstanden und werden oft sehr verdichtet demonstriert. Dabei übernehmen andere Gruppenteilnehmer: innen wesentliche Rollen für die im Zentrum stehende Familie, das im Zentrum stehende Kind oder Paar. Ein Teil der therapeutischen Arbeit ist, sich den sichtbar werdenden, bisher unterversorgten Anteilen zuzuwenden und mit ihrer Hilfe herauszufinden, was es braucht, dass sie wieder in lebensförderlicher Weise im System mitwirken können. Während dieser Arbeitsweise der systemischen Rollenaufteilung geht die Differenzierung der Rollenübernahme von Personen der Familie bis in zurückreichende Generationen sowie in die Stellvertretung von Organen oder Zellen wie Gebärmutter, Nabelschnur, Ei- und Samenzelle usw. Ganz individuell berücksichtigt werden die jeweiligen leiblichen Befindlichkeiten und alle Gefühle. Die Öffnung zu den Schwingungen des familiären, gesellschaftlichen und spirituellen Feldes erfordert eine hohe Fähigkeit der Präsenz und Durchlässigkeit. Ermöglicht wird dadurch eine vorher nicht vorstellbare Transparenz von Zusammenhängen im eigenen Körper, innerhalb der Familie und Gesellschaft, oft in transgenerationale Dimensionen hinein, und eine neue respektvolle Integration. Ich wünsche dem Buch viele Leser: innen und Freude beim Entdecken. Verena Lauffer DOI 10.2378/ ktb2026.art14d