eJournals körper tanz bewegung14/2

körper tanz bewegung
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2195-4909
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/ktb2026.art15d
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Aktuelles aus der Forschung: Schlaganfall: Was ist die Evidenz für Tanz und Künstlerische Therapien?

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Sabine C. Koch
Es werden drei Studien vorgestellt, die uns in der Arbeit an der Leitlinie Schlaganfall (LL Schlaganfall) begegnet sind. Insgesamt gibt es für die Musiktherapie 12 Studien, die eine solide Evidenzbasis bilden. Aber wie sieht es mit Tanz(-therapie) und anderen Künstlerischen Therapien nach Schlaganfall aus?
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Aktuelles aus der Forschung 103 körper-- tanz-- bewegung 14. Jg., S. 103-106 (2026) DOI 10.2378/ ktb2026.art15d © Ernst Reinhardt Verlag Schlaganfall: Was ist die Evidenz für Tanz und Künstlerische Therapien? Sabine C. Koch E s werden drei Studien vorgestellt, die uns in der Arbeit an der Leitlinie Schlaganfall (LL Schlaganfall) begegnet sind. Insgesamt gibt es für die Musiktherapie 12 Studien, die eine solide Evidenzbasis bilden. Aber wie sieht es mit Tanz(-therapie) und anderen Künstlerischen Therapien nach Schlaganfall aus? Evidenz für Tanz-Interventionen Die Suche nach Tanztherapie für Schlaganfall in den üblichen Suchmaschinen, die von der BAGKT für die Suche im Rahmen der Leitlinienarbeiten (hier LL Schlaganfall) genutzt werden, erbrachte keine relevanten Studien zur Tanztherapie (gesucht wird nach kontrollierten quantitativen Studien oder Übersichtsarbeiten), aber zwei relevante Studien zu Tanz-Interventionen: eine Übersichtsarbeit (ein Systematisches Review) von Ares-Benitez et al. (2022) aus Spanien, die neben sieben qualitativen Arbeiten und Fallberichten eine randomisierte kontrollierte Studie (RCT-Studie) beinhaltet (Dursun et al. 2016; Adapted Tango), und eine RCT-Studie aus Taiwan (Lee et al. 2022; Teletanz-Intervention). Beide evidenzbasierte Primärstudien untersuchen Tanzinterventionen, nicht Tanztherapie, d. h. die Interventionen wurden nicht von einer/ m Tanztherapeut: in geleitet, sondern bei Dursun et al. 2016 von einem Arzt gemeinsam mit einem Tanzlehrer (Adapted Tango bei Hämiplegiepatient: innen in einer türkischen Rehabilitationseinrichtung) und bei Lee et al. (2022; Teletanz-Intervention) durch eine Person, „die als Trainer Erfahrungen mit Personen mit Einschränkungen hatte“. Adaptierter Tango für Schlaganfall- Patient: innen Das Systematische Review (SR) von Ares-Benitez et al. (2022) ergab aus insgesamt 8 Studien (2 klinische Fallstudien, 5 Fallserien und 1 RCT) für Patient: innen nach einem Schlaganfall eine signifikante Verbesserung des Gleichgewichts, des Gangs, der Balance, der Körperfunktionen und der Aktivitäten durch die Tanztherapie. Es wurden keine unerwünschten Nebenwirkungen berichtet, und die Zufriedenheit der Teilnehmer: innen war hoch. Die Interventionen waren vorwiegend Tango- und Ballett-basiert. Die Einschätzung mit dem AMSTAR2-Tool ergab eine moderate Qualität des Reviews. Die Autor: innen hatten PICO berücksichtigt, auch graue Literatur gesucht, jedoch die Vergleichsgruppen nicht im Detail beschrieben, insgesamt gab es aber keine kritischen Fehler. Fazit des SR: Tanz-Interventionen nach Schlaganfall sind machbar, sicher und werden von den Betroffenen gut akzeptiert. Es wurden keine unerwünschten Ereignisse (Adverse Events= AEs) berichtet; die eingeschlossenen Tanzinterventionen verbesserten die Balance (BBS) und 104 Sabine C. Koch 2 | 2026 teils den Gang (TUG). Diese Evidenzbasis ist wegen der hohen Heterogenität, kleiner Stichproben und Studienqualität begrenzt. Es werden größere RCTs mit standardisierten Protokollen benötigt. Der im Review von Ares-Benitez et al. (2022) enthaltenen RCT von Dursun et al. (2016) berichtet folgende Resultate: N = 51 Hemiplägiepatient: innen wurden in einer türkischen Reha-Einrichtung randomisiert in eine Gruppe „Adaptierter Tango“ (n = 27; geleitet von einem Arzt und einem zertifizierten Tangotrainier) und eine treatment-as-usual (= TAU) Kontrollgruppe (n = 24) unterteilt. Es gab zufällig eine relative Gleichverteilung nach Alter, Geschlecht und betroffener Gehirnhälfte in die Gruppen. Gemessen wurden Muskelspannung / -spasmen mit der Modified Ashworth Scale (MAS), Balance mit der Berg Balance Scale (BBS) und Gang mit dem Timed-Up-and-Go-(TUG) Test. Die Ergebnisse legen nahe, dass es hinsichtlich Muskelspannung / -spasmen, Balance und Gang statistisch signifikante Verbesserungen in der Tangogruppe gegenüber der TAU-Kontrollgruppe gab: MAS (p = 0.002), BBS (p = 0.003), TUG (p < 0.001; bei p < 0.05 gilt die Verbesserung als statistisch signifikant). Fazit: Adaptierter Tango, der bei Hemiplägiepatient: innen die Behandlung mit BTX-A Injektionen begleitet, kann die Balance, die Muskelspannung / -spasmen und den Gang von Patient: innen nach Schlaganfall positiv beeinflussen. Das Qualitätsrating mit dem Cochrane RoB2-Tool (Risk of Bias 2025) ergab für die Studie von Dursun et al. (2016) eine niedrige Studienqualität (low to moderate) und eine hohes Verzerrungsrisiko. Aufgrund der geringen Studienqualität und kleinen Fallzahlen bleibt die Evidenz bei Dursun et al. (2016) unsicher. Teletanz-Intervention Eine randomisierte Studie von Lee et al. (2022) an Schlaganfallpatient: innen zeigte für die Tanztherapie ähnliche Effekte wie die herkömmliche Physiotherapie. Die TIS-Werte (statische und dynamische Sitzbalance und Rumpfkoordination in einer Sitzposition) der Tanzgruppe verbesserten sich gegenüber der Physiotherapie signifikant (p = 0.017). Die Patient: innen der Tanzgruppe zeigten darüber hinaus eine signifikant verbesserte Lebensqualität, eine höhere Adhärenz während des Studienzeitraumes sowie ein größeres Interesse und eine größere Absicht zur erneuten Teilnahme. Die Einschätzung mit dem Cochrane ROB2- Tool (Risk of Bias 2025) zeigt eine hohe Studienqualität bei einem allerdings kleinen Sample (N = 17). Fazit zu Tanz-Interventionen bei Schlaganfall Die vorliegenden Studien zeigen, dass Tanzinterventionen nach Schlaganfall machbar und sicher sind, und auf eine hohe Akzeptanz stoßen. Sie scheinen eine motivierende Wirkung auf die Patient: innen zu haben (hohe Adhärenz, geringe Drop-Out-Quote), und es wurden keine unerwünschten Ereignisse (Adverse Events = AEs) berichtet. Tanz-Interventionen verbessern die statische und dynamische Sitzbalance und Rumpfkoordination (TIS), und können Balance (BBS), Muskelspasmen (MAS) und teils Gang (TUG) verbessern. Die Evidenzbasis ist wegen Heterogenität der Interventionen und Outcomemaße, sowie der kleinen Studienanzahl und Stichprobengröße begrenzt. Es werden größere RCTs mit vorab publizierten Protokollen benötigt. Evidenz für Künstlerische Therapien Hochwertiger RCT zu Künstlerischen Therapien bei Schlaganfall Die Tanztherapie-Kollegin Rainbow Ho von der University of Hongkong (Ho et al. 2025) führte einen hochwertigen RCT mit einer Expressive Arts-Based Intervention (EABI) durch, die aus einer Kombination aller großen Künstlerischen Therapien (Musik-, Kunst-, Tanz-, Theatertherapie und Expressives Schreiben) bestand. Aktuelles aus der Forschung 105 2 | 2026 Resultate des einfach-verblindeten Cluster- RCTs: Von T0 zu T1 zeigt die EABI-Interventionsgruppe signifikante Verbesserungen in wahrgenommener sozialer Unterstützung (perceived social support), Hoffnung und Selbstwert (ES: d = 0.32-0.48) im Vergleich zur Kontrollgruppe (KG). Von T0 zu T2 verbesserten sich die Angstsymptome signifikant sowie der Selbstwert, die körperliche Lebensqualität und das Tagescortisol (wake-up cortisol; ES: d = 0.34-0.46). Die Kurzzeiteffekte der wahrgenommenen sozialen Unterstützung (perceived social support) und Hoffnung bedingten teilweise den Langzeiteffekt der EABI-Intervention auf körperliche Lebensqualität. D. h. hier liegt eine partielle Mediation vor, die Hinweise auf einen Mechanismus der Künstlerischen Therapien gibt (Hayes 2018). Die Effekte der Intervention variierten nach Geschlecht und Schlaganfallart. Die Studie von Lo and Ho (2025) ist eine Substudie mittlerer Qualität (RoB2-Bewertung) desselben RCT (Ho et al. 2025), in der mit einem projektiven kunstbasierten Testverfahren die Auswirkungen von EABI auf das Body Image gemessen wird. Aufgrund ihres qualitativen Charakters findet sie in die LL Schlaganfall keinen Eingang. Die RCT-Studie von Ho et al. (2025) hat ein niedriges Verzerrungsrisiko und eine hohe Studienqualität bewertet mit dem Cochrane ROB2- Tool (Risk of Bias (2025) bei einem großen Sample (N = 157) und sehr guter Adhärenz zum Studienprotokoll (Chang et al. 2021). Die Fidelity-Sicherung war eingeschlossen (Therapeut: in geschult, Supervision), es gab Anreize (Gutscheine für vollständige Assessments), und die Studie war nicht vollständig verblindet, sie adressiert ethische / organisatorische Aspekte. Der Cluster-RCT mit Warteliste von Ho et al. (2025) ist insgesamt eine methodisch sehr gute Studie, hinreichend gepowert, mit großer Fallzahl und sollte entsprechend stark gewichtet in die Leitlinie Schlaganfall eingehen. Fazit zu Künstlerischen Therapien bei Schlaganfall Die hochwertige RCT-Studie von Ho et al. (2025) fand vielfältige gesundheitsrelevante Effekte der EABI-Intervention, einer kombinierten Form aller Künstlerischen Therapien (Kunst-, Musik-, Tanz-, Theatertherapie und Expressives Schreiben). Berichtet werden Kurzzeiteffekte der Künstlerischen Therapien auf einen Anstieg an wahrgenommener sozialer Unterstützung (perceived social support) und Hoffnung sowie Selbstwert (ES: d = 0.32-0.48) verglichen mit der Kontrollgruppe (KG). Von T0 zu T2 verbesserten sich die Angstsymptome signifikant sowie Selbstwert, körperliche Lebensqualität und das Tagescortisol (wake-up cortisol; ES: d = 0.34-0.46). Die Kurzzeiteffekte auf die wahrgenommene soziale Unterstützung und Hoffnung bedingten teilweise den Langzeiteffekt der EABI-Intervention auf die körperliche Lebensqualität (körperliche QoL) sowie Langzeiteffekte auf Selbstwert und physiologische Variablen (körperliche QoL), was auf einen wichtigen Wirkfaktor und neu entdeckten Mechanismus der Künstlerischen Therapien bei Schlaganfall hinweist. Ho et al. (2025) empfehlen auf der Grundlage dieser Erkenntnisse die Entwicklung von maßgeschneiderten Interventionen Künstlerischer Therapien für die Rehabilitation nach Schlaganfall. Literatur Ares-Benítez, I., Billot, M., Rigoard, P., Cano- Bravo, F., David, R., Luque-Moreno, C. (2022): Feasibility, acceptability and effects of dance therapy in stroke patients: A systematic review. Complementary Therapies in Clinical Practice 49, 101662, https: / / doi.org/ 10.1016/ j.ctcp.2022.101662 Dursun, E., Yalcin, S., Gokbel, T., Karacan, C., Dursun, B. M., Akarsu, M., Dursun, N. (2016): Evaluation of dance therapy effects on gait pattern in patients with previous cerebrovascular events: Randomized study results from a single center. Edorium Journal of Disability and Reha- 106 Sabine C. Koch 2 | 2026 bilitation 2, 124-130, https: / / doi.org/ 10.5348/ D05-2016-19-OA-15 Hayes, A. (2018): Introduction to mediation, moderation and conditional process analysis. A regression-based approach. Guilford, New York Ho, R. T. H., Lo, T. L. T., Fong, T. C. T., Chan, C. K. P., Pang, M. Y. C., Wan, A. H. Y., Leung, P. P. Y., Lau, G. K. K. (2025): Psychophysiological effects of an expressive arts-based intervention in young and pre-elderly stroke survivors: A randomized controlled trial. Archives of Physical Medicine and Rehabilitation 106 (9), 1303-1311, https: / / doi.org/ 10.1016/ j.apmr.2025.04.008 Lee, S. J., Lee, E. C., Kim, M., Ko, S.-H., Huh, S., Choi, W., Shin, Y.-I., Min, J. H. (2022): Feasibility of dance therapy using telerehabilitation on trunk control and balance training in patients with stroke: A pilot study. Medicine 101 (35), e30286, https: / / doi.org/ 10.1097/ MD.0000000000030286 Lo, T. L. T., Ho, R. T. H. (2025): Changes in younger stroke survivors’ body perception as indicated in body drawings: A comparison between expressive arts-based intervention and control groups. Neuropsychological Rehabilitation 35 (3), 498-523, https: / / doi.org/ 10.1080/ 096020 11.2024.2343460 Risk of Bias (2025): Current version of RoB 2. In: www.riskofbias.info / welcome / rob-2-0tool/ current-version-of-rob-2, 12.1.2026 Prof. Dr. Sabine C. Koch Psychologin und Tanztherapeutin (ADTA, BTD), Professorin/ Leiterin des Forschungsinstituts RIArT, Alanus Hochschule Bonn, Professorin SRH Hochschule Heidelberg (Master DMT); Chefredakteurin GMS JAT. ✉ Prof. Dr. phil. habil. Sabine C. Koch, M.A., DTR, ADTA, BTD Forschungsinstitut für Künstlerische Therapien (RIArT) Alanus Hochschule Alfter / Bonn Villestr. 3 | 53347 Alfter sabine.koch@alanus.edu