körper tanz bewegung
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2195-4909
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Fachbeitrag: Die Grenze ist der eigentliche Ort der Erkenntnis
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Martin Waibel
Unverarbeitete Grenzverletzungen in der Lebensgeschichte können eine bedeutsame Ursache für später auftretende chronische Schmerzerkrankungen sein. In diesem Beitrag wird die Entwicklung guter Grenzen aus leibtheoretischer Sicht dargestellt, d.h. auf körperlicher, emotionaler, sozialer, ökologischer und kognitiver Ebene. Sie bieten eine gute Grundlage für eine stabile seelische Entwicklung. Anhand des kreativen Mediums eines Holzstabes wird die Material Engagement Theorie (MET) nach Malafouris (2013) als metatheoretische Grundlage für den Einsatz kreativer Medien vorgestellt. So wird anschaulich aufgezeigt, wie gute Grenzen entwickelt, differenziert, ausgedrückt und geschützt werden können. Darüber hinaus spielt die emotionale Differenzierungsarbeit aus Sicht der Integrativen Leib- und Bewegungstherapie (IBT) bei Grenzverletzungen eine besonders wichtige Rolle.
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Fachbeitrag 114 körper-- tanz-- bewegung 14. Jg., S. 114-127 (2026) DOI 10.2378/ ktb2026.art17d © Ernst Reinhardt Verlag Die Grenze ist der eigentliche Ort der Erkenntnis Die Material Engagement Theorie als Grundlage der Arbeit mit kreativen Medien bei chronifizierten Schmerzerkrankungen Martin J. Waibel Unverarbeitete Grenzverletzungen in der Lebensgeschichte können eine bedeutsame Ursache für später auftretende chronische Schmerzerkrankungen sein. In diesem Beitrag wird die Entwicklung guter Grenzen aus leibtheoretischer Sicht dargestellt, d. h. auf körperlicher, emotionaler, sozialer, ökologischer und kognitiver Ebene. Sie bieten eine gute Grundlage für eine stabile seelische Entwicklung. Anhand des kreativen Mediums eines Holzstabes wird die Material Engagement Theorie (MET) nach Malafouris (2013) als metatheoretische Grundlage für den Einsatz kreativer Medien vorgestellt. So wird anschaulich aufgezeigt, wie gute Grenzen entwickelt, differenziert, ausgedrückt und geschützt werden können. Darüber hinaus spielt die emotionale Differenzierungsarbeit aus Sicht der Integrativen Leib- und Bewegungstherapie (IBT) bei Grenzverletzungen eine besonders wichtige Rolle. Schlüsselbegriffe Integrative Leib- und Bewegungstherapie, Integrative Leibtherapie, Material Engagement Theorie, Grenzen, kreative Medien, Metatheorie, ausdruckszentrierte Therapie The Boundary is the True Site of Knowledge. Material Engagement Theory (MET) as a Basis for Working with Creative Media in Chronic Pain Conditions Unresolved boundary violations in one’s life history can be a significant cause of chronic pain disorders that occur later in life. This article presents the development of good boundaries from a lived body perspective, i. e., on a physical, emotional, social, ecological and cognitive level. They provide a good foundation for stable mental development. Using the creative medium of a wooden stick, Malafouris‘ (2013) Material Engagement Theory is presented as a metatheoretical basis for the use of creative media. This clearly illustrates how good boundaries can be developed, differentiated, expressed, and protected. Furthermore, emotional differentiation work plays a particularly important role in boundary violations from the perspective of integrative body and movement therapy (IBT). Key words integrative body and movement therapy, integrative body therapy, material engagement theory, boundaries, creative media, metatheory, expressivecentered therapy Die Material Engagement Theorie bei chronifizierten Schmerzerkrankungen 3 | 2026 115 D ie Arbeit mit kreativen Medien hat in den Leib- und Bewegungstherapien eine lange Tradition (Petzold / Berger 1977; Gräff 1983; Höhmann-Kost 1991). Die intensive Beschäftigung damit führte schließlich auch zur Entwicklung von Methoden wie der Kunsttherapie und weiteren ausdruckszentrierten Therapiemethoden. Auch in der Ergotherapie ist die „ausdruckszentrierte Methode“ seit den frühen 2000er Jahren bekannt. Allen diesen Methoden ist die Erkenntnis gemein, dass die Förderung des Ausdrucks durch Mittel bzw. Medien heilsame Wirkungen auf den Menschen haben kann. Die früheste belegte Einführung des Begriffs „kreative Medien“ in der Psychotherapie geht auf Hilarion G. Petzold im Jahr 1965 zurück. In anderen Disziplinen (Medienwissenschaft, Kultur- / Wirtschaftspolitik) wird der Ausdruck später und mit anderem Fokus verwendet. Petzold entwickelte im Kontext der „Integrativen Therapie“ seit Mitte der 1960er Jahre zusammen mit Johanna Sieper, Hildegund Heinl und Ilse Orth in verschiedenen Praxiskontexten kreative Techniken und Methoden (Petzold/ Orth 2021). Insbesondere in der Gerontotherapie, der Kinder- und Jugendlichentherapie sowie der Drogentherapie waren und sind rein verbale Therapieformen nicht ausreichend. Aber auch in der Psychosomatik und Psychiatrie erkannte man die Begrenztheit verbaler Therapien bei verschiedenen Krankheitsbildern wie somatoformen Störungen. Im tiefenpsychologischen / psychoanalytischen Denkansatz nutzte man vor allem objekttheoretische Überlegungen (Winnicott 1973) zur Begründung des Einsatzes kreativer Techniken. Systemtheoretische Denkansätze und Therapeut: innen verschiedener psychotherapeutischer Denkrichtungen beziehen sich unter anderem auch gerne auf die Theorie der multiplen Kodierung (MCT) nach Wilma Bucci (2021). In unserem integrativen Leibverständnis orientieren wir uns an einer „Anthropologie des schöpferischen Menschen“ (Petzold 1993). Der Mensch ist in die Welt eingebettet, in der er handelt und sich durch materielle und transmaterielle Gestaltung kognitiv erweitert und überschreitet. Die Material Engagement Theorie von Lambros Malafouris, die ich hier beispielhaft in der Arbeit mit Grenzen und deren Bedeutung für Schmerzpatient: innen darstellen möchte, geht nun noch einen Schritt weiter: Malafouris entwickelt in seinem Buch „How Things Shape the Mind: A Theory of Material Engagement“ (2013) eine Sichtweise, der zufolge Denken nicht nur im Kopf, sondern auch in der Interaktion zwischen Menschen und Dingen stattfindet. Geist und Materie sind demnach nicht getrennt, sondern Dinge formen aktiv unsere kognitiven Prozesse. Kognition ist demnach eine emergente Eigenschaft der Interaktion zwischen Geist, Körper und materieller Welt. Ein Beispiel: Ein Töpfer formt den Ton. Der Ton „antwortet“ mit Widerstand oder Form. Der Töpfer reagiert darauf, wodurch neue Ideen und Formen entstehen. Denken entsteht also im Prozess und nicht im „isolierten Kopf“. Ich formuliere hier die These, dass mit der Material Engagement Theorie (MET) eine sehr fundierte, wissenschaftlich gestützte Theorie für den Einsatz von kreativen Medien vorliegt. Lambros Malafouris ist Associate Professor of Cognitive Archaeology an der University of Oxford. Er hat an der University of Cambridge promoviert. Sein Forschungsschwerpunkt ist die Verbindung von materieller Kultur und Kognition, also wie Denken, Wahrnehmung und Bewusstsein durch den Umgang mit Dingen geprägt werden. Dabei sind Dinge für ihn nicht bloße Werkzeuge oder externe Speicher, sondern Teil des Denkprozesses selbst. Ein zentrales Konzept ist für ihn, dass Menschen durch Handeln mit Dingen denken: „Thinging“. „Thinging“ beschreibt, wie kognitive Prozesse entstehen, während wir mit Dingen oder Objekten umgehen (z. B. Töpfern, Schreiben, Bauen). Dabei verändert sich nicht nur das Objekt, sondern auch das Bewusstsein des Handelnden. 116 3 | 2026 Martin J. Waibel Dinge verfügen über eine eigene Art von Handlungsmacht (material agency), da sie unsere Handlungen und Gedanken beeinflussen. Ein Werkzeug „führt“ die Hand, ein Computer „formt“ die Art und Weise, wie wir denken und Informationen speichern. Als Archäologe nutzt Malafouris Artefakte, um zu zeigen, dass Materialität von Beginn an eine aktive Rolle in der Entwicklung des menschlichen Geistes spielte. Diese Artefakte-- also frühmenschliche Werkzeuge, Kunst oder Schrift- - sind demnach nicht nur Ausdruck von Denken, sondern auch Orte, an denen Denken stattfindet. Damit verschiebt Malafouris den Fokus von menschlicher Intentionalität zu geteilten Handlungssystemen aus Menschen und Dingen. Er knüpft zwar an die Theorie des Extended Mind von Clark und Chalmers (1998) an, erweitert diese jedoch. Während Clark und Chalmers von einer Erweiterung des Geists durch äußere Hilfsmittel sprechen, sieht Malafouris keine klare Grenze zwischen Innen (Geist) und Außen (Materie). Die materielle Welt sei demnach ein konstitutiver Bestandteil des Denkens und nicht nur ein Hilfsmittel. Malafouris’ Ansatz erfordert ein radikales Umdenken: Der menschliche Geist ist nicht im Gehirn eingeschlossen. Materielle Kultur ist kognitive Kultur. Denken ist ein prozessuales, verkörpertes und materiell eingebettetes Phänomen. Durch ein international bekanntes Autorenteam (Malafouris, Fuchs, Gallese, Röhricht) ist sein metatheoretischer Ansatz über die Publikation „Steps to an EnvironMental Health“ im Jahr 2025 einem größeren Publikum im Bereich der psychischen Gesundheit bekannt geworden. Ich möchte diese theoretische Sicht anhand der Grenzarbeit mit einem einfachen Holzstab als Ausdruck und Symbol für eine gute Grenze in der Arbeit mit Patient: innen vorstellen, die unter chronische Schmerzen leiden. Schmerz als komplexes Phänomen Zunächst aber eine sehr einfache Sichtweise von Schmerz für den praktisch Tätigen: Schmerz tritt dann an unserem Körper auf, wenn Grenzen verletzt werden, z. B. ich schneide mich mit dem Messer, oder ich überlaste meine Bandscheiben durch falsches Heben. Schmerz ist somit ein Schutzmechanismus. Die komplexe Schmerztheorie, die dahinterliegt, wurde von mir als Publikation (Waibel 2023) vorgelegt. Grenzverletzungen können aber nicht nur körperlich auftreten, sondern auch transmateriell sein: Denken Sie an eine Beschämung, denken Sie an Mobbing, an Beschimpfungen, Entwertungen bis hin zu schrecklichen entmenschlichenden Diffamierungen und Erniedrigungen. Wir wissen aus unseren Erfahrungen in der Arbeit mit traumatisierten Menschen, dass oft die Beschämung und Entwürdigung noch schlimmer war als die körperliche Beschädigung selbst. Eine Folge des Organismus’ auf die Beschädigung kann nun chronischer Schmerz sein, weil eine Grenze dauerhaft verletzt wurde. In den Lebensbiografien bei chronischen Schmerzen findet man vielfache Grenzverletzungen durch Traumata und Vernachlässigung (Egle et. al. 2020). Anhand eines einfachen Holzstabes soll nun aufgezeigt werden, wie eine Grenze mit einem üblichen kreativen Medium (Stab) wiederhergestellt werden kann. In dieser Arbeit kann sich jedoch das Phänomen zeigen, dass die Betroffene grundsätzlich Probleme hat, gute Grenzen für sich selbst zu setzen bzw. zu entwickeln. Aus diagnostischer Sicht ist hier dann die Notwendigkeit gegeben, Grenzen in einem entwicklungsorientierten Ansatz wahrzunehmen, zu fühlen, zu entwickeln, auszudrücken und schließlich gut mit materieller Handlungsmacht (material agency, Malafouris 2013) im sozialen und ökologischen Kontext zu regulieren. Eine Arbeitshypothese hierbei ist, dass aus der Unfähigkeit der Person, im Alltag gute Grenzen zu setzen, nun der Schmerz (Kopfschmerzen, Die Material Engagement Theorie bei chronifizierten Schmerzerkrankungen 3 | 2026 117 Bauchschmerzen, Rückenschmerz usw.) die regulierende Grenzziehung übernimmt. Wir gehen hier von entwicklungsbedingten Defiziten aus, wo gute Grenzen in der Lebensspanne gefehlt haben. Diese sollten mit einfühlender Technik im jeweiligen therapeutischen Setting entwickelt und aufgebaut werden. Die Auseinandersetzung mit dem Stab als kreativem Medium, d. h. zunächst die Auseinandersetzung mit Materialität nach Malafouris, befähigt die Person im zweiten Weg der Heilung und Förderung (Petzold 1988) allmählich, Grenzen nicht nur materiell mit dem Stab zu zeigen, sondern diese auch über Körperausdruck, Emotion und Sprache klar zu benennen. Die ursprüngliche Auseinandersetzung mit der Materie (Stab) verändert nicht nur das Objekt, sondern auch das Bewusstsein des Handelnden. Aus der Unfähigkeit, im Alltag gute Grenzen zu setzen, hat der Schmerz, wie schon erwähnt, möglicherweise die regulierende Grenzziehung übernommen. Diese Grenzziehung soll nun über die Entwicklung guter Grenzen mit Hilfe des Stabes (material agency) in eine kognitive und emotionale Kompetenz transformiert werden. Diese differenzierte Vorgehensweise soll keine simplifizierende, monokausale Zuschreibung oder gar vereinfachende Schmerzerklärung sein, sondern beschreibt einen sorgsamen aufbauenden Therapieprozess, in dem Patient: innen die Wirksamkeit am eigenen Leibe erfahren können: „Wenn ich beginne, Grenzen deutlicher zu setzen, dann leide ich möglicherweise weniger unter Schmerz.“ Aber sie können sich auch bewusst werden, wie nicht aufgezeigte Grenzen als Stressoren den Schmerz triggern. Egle et. al. (2020) benennen explizit hierfür psychosozialen Stress. Malafouris betont, dass ein Werkzeug die Hand „führt“ und damit beiträgt, die Art zu „formen“, wie wir denken, handeln und Erfahrungen speichern. Nehmen wir nun das Werkzeug Holzstab in die Hand. Im Nachfolgenden sollen anhand von Praxisbeispielen mittels eines einfachen Holzstabes die Stufen einer entwicklungsorientierten Leibtherapie beschrieben werden. Der Satz „Die Grenze ist der eigentlich fruchtbare Ort der Erkenntnis“ von Paul Tillich (1962) hat meine körperpsychotherapeutische und bewegungstherapeutische Arbeit geprägt. Dies ist zu einem Leitgedanken meiner praktischen Arbeit geworden. Patient: innen mit psychosomatischen Schmerzerkrankungen haben häufig und wiederholt Grenzverletzungen in ihrem Leben erfahren. Und das in ganz unterschiedlicher Form: Gute eigene Grenzen konnten nicht aufgebaut werden, Körpergrenzen wurden überschritten materiell durch Schläge und transmateriell durch verbale Gewalt, eigene Plätze und Grenzen waren gar nicht erst vorhanden, eigene Plätze und oft auch der eigene Leib wurden nicht akzeptiert oder einfach eingenommen, Grenzübertretungen waren an der Tagesordnung, Grenzen wurden missachtet oder gar zerstört. Aber es gibt auch körperliche grenzverletzende Erfahrungen, die unumgänglich waren, z. B. nach Operationen, die vom Organismus nicht verarbeitet werden konnten bzw. zu nachhaltigen körperlichen Veränderungen führten. Und weitere körperliche Grenzverletzungen, z. B. durch Unfälle. Die Patient: innen sind somit in stressreicher Umgebung aufgewachsen, nicht nur in konflikthaften Konstellationen, sondern auch geprägt durch defizitäre Umgebungen, multiple Traumatisierungen und Störungen der zwischenmenschlichen Beziehung (Waibel 2023). Diese vielfältigen biographischen Belastungserfahrungen im Lebenskontext, nicht nur in den frühen Jahren, haben im Laufe der Lebensspanne zu emotionaler Verflachung, aber auch zu heftigen Erregungszuständen geführt. Ein Überleben wäre nur durch eine emotionale Selbstanästhetisierung des Leibes (Petzold 2003) möglich. Das bedeutet aber auch immer wieder einen Mangel, eigene Gefühle differenziert wahrzunehmen, diese adäquat auszudrücken oder die Gefühle anderer zu erkennen. Lane et al. schlagen 2015 vor, diese Unfähigkeit als „affektive Agnosie“ zu bezeichnen. 118 3 | 2026 Martin J. Waibel Die Patient: innen versuchen oft, diese Mängel durch dysfunktionale emotionale Verhaltensmuster zu bewältigen wie Nichtwahrnehmen, Vermeiden, Flüchten, Aushalten bis hin zur Dissoziation. Hier wird der Schmerz nun ein „guter Begleiter“, weil die dahinterliegenden Emotionen nicht mehr ausgedrückt werden „müssen“, sondern der Schmerz diese zum einen überdeckt und zum anderen nun die Funktion der Abgrenzung übernimmt. Ziel in der Therapie ist es nun, die Wahrnehmung für die eigenen „guten“ Grenzen zu entwickeln, zu fördern und einzuleiben. Im Weiteren geht es darum, die Emotionen zu differenzieren, zu benennen und ausdrücken zu lernen, wenn die Patientin sich mit ihrer Außenwelt auseinandersetzt. Wichtig hierbei ist, dass die Patientin das Recht auf eine eigene Grenze erlebt und der adäquate körperliche und emotionale Ausdruck gefördert wird. Das bedeutet ggf. auch eine psychoedukative Schulung. An diesen Grenzen nun zu arbeiten, setzt eine stabile therapeutische Beziehung voraus und erfordert eine äußerst vorsichtige und strukturierte entwicklungsorientierte Vorgehensweise nebst einem geschützten Gruppensetting. Stufe 1: Grenze erspüren In diesem Erfahrungsangebot wird der Stab als Grenze zunächst erspürt, z. T. tastend mit geschlossenen Augen. Es erfolgt eine Einstimmung auf den Stab als Grenze und damit, so würden wir in der Leibtherapie sagen, die Einverleibung (embodiment). Damit wird der Stab zu einem eigenen Bemächtigungsinstrument, bzw. er verleiht dem Besitzer Handlungsmacht und Kontrolle (material agency). Was jetzt noch materiell ist, kann später transmateriell ausgedrückt werden durch Haltung, symbolische Geste oder atmosphärischen Ausdruck. Stab und Denken beeinflussen sich gegenseitig. Der verinnerlichte Stab gibt Kraft, Mut und Stärke. Die Patientin erlebt durch die neue Möglichkeit, eine Grenze zu zeigen, Wirksamkeit. Diese Form der Wirksamkeit erzeugt mehr Selbstsicherheit. Diese Selbstsicherheit drückt sich im sozialen und ökologischen Raum aus und erzeugt wiederum verschiedene Resonanzen dort, was das weitere Denken beeinflusst. Es wird somit ein interdependenter Kreislauf aufgebaut. Damit verschiebt Malafouris den Fokus von menschlicher Intentionalität zu geteilten Handlungssystemen aus Menschen und Dingen. Beispiel Eine Patientin sagt zu einer Mitpatientin: „Irgendwie bist du anders, ich kann an dir klarer erkennen, wenn du was magst und was nicht. Allerdings bist du auch nicht mehr so freundlich und offen wie vorher. Du hast doch immer gelacht …“ Die „neue“ Grenze gibt der Umwelt mehr Orientierung, was nicht immer vom Gegenüber positiv konnotiert wird. Stufe 2: Die Grenze erschafft den eigenen Raum (peripersonaler Raum, Leib-Raum, die „Bubble“) Im nächsten Schritt schlage ich der Patientin vor, dass sie für sich einen Raum erschafft. In der Gruppenarbeit erarbeiten wir das in der Regel dyadisch, indem sich zwei Patient: innen gegenübersitzen. Dabei ist darauf zu achten, dass genügend Raum zwischen den Sitzenden ist (3-5 m). Ist der Gruppenraum zu eng, funktioniert die Übung häufig nicht, weil die Nähe schon viel zu bedrohlich ist. Patient: innen halten dann einfach aus, sind angespannt, bisweilen absorbiert oder leicht dissoziiert. Ich empfehle für diese Übung einen möglichst großen Raum. Bei schweren Traumatisierungen mit chronischen Schmerzen sind u. U. Abstände bis zu 8 m Meter erforderlich. Die Material Engagement Theorie bei chronifizierten Schmerzerkrankungen 3 | 2026 119 Wenn eine Patientin den Stab als Grenze über die eigenleibliche Spürarbeit gut einverleibt hat (Stufe 1), nimmt sie den Stab und legt diesen mit Abstand zu ihrer sitzenden Position (Stuhl) nun als Abgrenzung zum Gegenüber. Sie soll dabei ausprobieren, wie viel Raum sie für sich benötigt und wo sie das Gegenüber begrenzen möchte. Sie versucht, für sich eine gute Grenze zu finden. Das Herausfinden soll anhand der eigenleiblichen Befindlichkeit vorgenommen werden: Fühle ich mich wohl? Was sagt mir aktuell meine Atmung, meine Muskeln, mein Bauchgefühl, mein Herzschlag? Welche Gefühle tauchen auf? Was kommen für Gedanken, was traue ich mir zu? Das ist eine durchaus schwere Übung am Anfang, weil innere Spannung entsteht („Darf ich das? “, „Bin ich nicht ungerecht? “ usw.). Gelingt es ihr, den Stab zwischen einander als gute sichere Grenze zum Gegenüber zu legen, erschafft sie für sich einen peripersonalen Raum oder einen Leib-Raum. Warum ist das so wichtig? Malafouris et. al. bemerken hierzu (2025, o. S.): „Aus neurowissenschaftlicher Sicht wird der peripersonale Raum in der Regel als der Raum definiert, der sich unmittelbar um den Körper herum in Reichweite befindet und den Nahraum umfasst, in dem Interaktionen mit der Umgebung stattfinden. Wichtig ist, dass sich gezeigt hat, dass der peripersonale Raum bei Personen mit Störungen aus dem schizophrenen Spektrum aufgrund der grundlegenden Entkörperlichung reduziert oder geschwächt ist (Di Cosmo et al. 2018; Ferroni et al. 2022). MET erweitert den Begriff des peripersonalen Raums, sodass er nicht nur neuronale Zuordnungen umfasst, sondern auch, wie Raum in der Praxis erlebt und genutzt wird. Er bezeichnet somit nicht mehr nur die Art und Weise, wie unser Gehirn den Nahraum ‚repräsentiert‘, sondern auch, wie Gehirn, Körper und Welt im gelebten Raum aufeinander abgestimmt sind, sich dynamisch miteinander verbinden und in Beziehung treten und so das grundlegende Selbst in der Handlung verankern.“ Das Konzept des Leib-Raums stammt ursprünglich aus der Phänomenologie und wurde in der Phänomenologischen Psychologie und Psychopathologie weiterentwickelt. Der Leib- Raum umfasst nicht nur die unmittelbare physische Hülle (Körper), sondern auch den erweiterten, vertrauten Lebensraum (Umraum, Mit-Welt), in dem man sich „zu Hause“ fühlt. Der Begriff des Leib-Raums bei Petzold findet sich im Kontext der Integrativen Bewegungs- und Leibtherapie (IBT) und seines darauf aufbauenden umfassenderen Konzepts des „Informierten Leibes“ (Waibel/ Jakob-Krieger 2009). Petzold verwendet das Konzept des „Informierten Leibes“, um die Wechselwirkung von biologischen, psychologischen, sozialen und ökologischen Aspekten des Leibes in seinem biopsychosozioökologischen Modell zu beschreiben. Der Leib-Raum wird hier als Teil des gelebten Raumes verstanden, der durch Erfahrungen, Erinnerungen („Leibgedächtnis“) und soziale sowie ökologische Interaktionen geformt und informiert wird. Fuchs (2000) beschreibt in seinen phänomenologisch-empirischen Untersuchungen zu depressiven und paranoiden Erkrankungen den Leib-Raum als personaler Raum. Der Leib-Raum ist hierbei nicht einfach nur die physische Ausdehnung des Körpers, sondern der persönliche Erfahrungsraum des Subjekts. Dieser Raum ist dynamisch, zentriert auf die Person und ihre Beziehungen zur Welt und zu anderen Menschen. Er umfasst das, womit wir uns identifizieren, unsere Möglichkeiten und unsere Vertrautheit mit der Umgebung. Der Leib-Raum entsteht nicht im Vakuum, sondern in der Begegnung mit anderen durch Intersubjektivität und Zwischenleiblichkeit. Der Leib dient als Medium und Resonanzkörper in der zwischenmenschlichen Interaktion. Psychische Störungen werden bei ihm oft als Störungen dieser Resonanz und Kommunikation mit der Umwelt verstanden. Der Leib-Raum wird verändert. Bei psychischer Krankheit schrumpft der Lebensraum der Patient: innen, der Horizont von Möglichkeiten wird eingeschränkt, und die 120 3 | 2026 Martin J. Waibel vertraute Umgebung kann sich entfremden. Der Leib verliert an Lebendigkeit und wird unter Umständen eher als Objekt (Körper) erfahren (Depersonalisation). Merleau-Ponty (1966) unterscheidet den Leib- Raum klar vom objektiven Raum, wie er in der Geometrie oder Physik beschrieben wird. Während der objektive Raum ein neutrales, messbares Behältnis ist, das sich vom Körper des Subjekts abhebt, ist der Leib-Raum immer zentriert auf den Leib als wahrnehmendes und handelndes Subjekt. Der Leib ist somit nicht einfach nur ein Objekt im Raum, sondern der Ankerplatz in der Welt und der Ausgangspunkt, von dem aus der Raum konstituiert wird. Unsere Perspektive, unsere Sinneswahrnehmungen und unsere Bewegungen bestimmen, wie wir die Welt erfahren. Es gibt keine Gegenstände ohne diese leibliche Perspektive. Der Leib- Raum ist bei ihm kein leerer Raum, sondern ein Feld von Handlungsmöglichkeiten: „Ich kann etwas! “ Er ist dynamisch und auf unsere praktischen Absichten ausgerichtet. Ein Werkzeug (z. B. ein Hammer) wird beispielsweise in diesen leiblichen Raum integriert und ist eine Erweiterung des Körpers. Der Raum um den Leib herum ist somit gefüllt mit Dingen, die für unsere Handlung relevant sind. Im Leib-Raum sind Nähe und Ferne, Oben und Unten nicht bloße metrische Maße, sondern qualitative Erfahrungen. Der Leib „zeichnet Richtungen in die Welt ein“ und gibt so dem Raum seine Struktur und Bedeutung. Der peripersonale Raum bzw. der Leib-Raum ist für viele Schmerzpatient: innen nur schwer zu erschaffen. Die erste Reaktion zumeist ist „das brauche ich gar nicht…“, „ich muss mich nicht abgrenzen“, „ich mag doch mein Gegenüber“. Manchmal ist hier zunächst psychoedukative Arbeit nötig, um den Patient: innen den Sinn und die Bedeutung dieses Erfahrungsangebots zu vermitteln, manchmal hilft auch einfach die liebevolle Einladung, es einmal auszuprobieren. Durch diese Aussagen und Haltungen wird phänomenologisch deutlich, wie wenig der Leib-Raum bzw. peripersonale Raum in ihrem Leben bislang Bedeutung hatte und wie der Schmerz den Abstand bzw. die Grenze reguliert hat. Ist es dann den Patient: innen möglich, eine Grenze zum anderen zu legen, entsteht oft eine intensivere innere emotionale und kognitive Auseinandersetzung. Es können dabei Gefühle von Schuld, Scham, aber auch Macht auftreten, weil die Patientin erlebt, wie sie durch diese einfache Handlung über das kreative Element Stab beginnt, den Kontakt zum anderen zu regulieren und für sich einen eigenen Raum zu bestimmen. Das sind zunächst ganz neue und schwierig zu verarbeitende Erfahrungen. Die Patient: innen gewinnen dadurch Handlungsmacht. In der Folge wird der neu entstandene Raum dann auch betreten und souverän mit der eigenen Leiblichkeit gefüllt. Beispiel „Stehen Sie nun auf, und gehen Sie in den von Ihnen geschaffenen Raum. Spüren Sie dabei, wie es Ihnen geht. Achten Sie auf Atmung, Aufrichtung, Spannung in der Muskulatur, ja, auch auf ihre Engungen und Weitungen in ihrem ganzen Körper, wenn Sie mit langsamen Schritten durch Ihren Raum gehen.“ Mit diesem eigenleiblichen Spüren soll der zunächst physikalische und mikroökologische Raum mit dem eigenen Leib gefüllt werden: „Das ist jetzt mein Platz, das ist mein Abstand, den ich zum anderen möchte, über diesen Raum bestimme ich.“ Schließlich soll die Patientin auch bis zur Grenze, die sie mit dem Holzstab gelegt hat, gehen und erspüren, ob die Grenze für sie stimmig und gut ist. Hier treten manchmal wichtige Korrektive auf, die wir möglicherweise danach besprechen. Sie nimmt beispielsweise den Stab wieder etwas zu ihrem Platz zurück, oder sie erweitert die Grenze. Sie schaut genau auf die andere Person und orientiert sich möglicher- Die Material Engagement Theorie bei chronifizierten Schmerzerkrankungen 3 | 2026 121 weise nicht an den eigenen Bedürfnissen, sondern an der Befindlichkeit des Gegenübers. Wichtig hierbei ist es, dass wir als Therapeut: innen diese kleinen Mikrobewegungen beachten, die teilweise blitzschnell vonstattengehen, und wir solche impliziten Körper-, Gedanken- und Gefühlsbewegungen später aufgreifen und bewusst machen. Ist die Patientin mit dieser Entwicklung ihres eigenen Raumes schließlich zufrieden, dann setzt sie sich wieder auf ihren Stuhl zurück und spürt den geschaffenen Raum nach auf Stimmigkeit. Auch hier können wir wieder ein sorgsam geführtes eigenleibliches Spürangebot vorschlagen: „Setzen Sie sich nun wieder auf Ihren Stuhl, betrachten und spüren Sie den von Ihnen geschaffenen Raum, und erspüren Sie die äußeren und inneren Resonanzen an ihrem Körper, ebenso auch fühlbare Resonanzen. Als Ergänzung bietet sich zum Abschluss dieses Erfahrungsangebotes die Resonanz des Gegenübers an, das aber nicht die eigenleiblichen Resonanzen als Person mit den eigenen persönlichen Erfahrungen benennen soll, was wir aus der Gruppenarbeit als Sharing kennen, sondern sich vielmehr auf ein Feedback der Beobachtungen zur handelnden Patientin stützen soll. Dieses kann sowohl spürend, fühlend als auch kognitiv geäußert werden. Stufe 3: Abgrenzung erleben und aushalten, Angrenzungen handhaben In der dritten Stufe findet nun eine Prüfung statt, inwieweit die Grenze und der Raum genügend erschaffen wurden bzw. standhalten, wenn das Gegenüber nicht nur ruhig sitzt, sondern auch in bewegte Aktion geht. Wenn die Person sich in ihrer Abgrenzung zum Gegenüber wohl fühlt, wenn sie spürt, sie habe sich einen guten eigenen Raum geschaffen, dann beginnen wir damit, dass sich ihr Gegenüber (die andere Person) langsam bewegt und sich unter strikter Beachtung der Grenze und des geschaffenen Raumes bis zur Grenze der Person nähert. Hierbei ist darauf zu achten, dass in dieser Phase die Grenze nicht überschritten wird. Es sollte am besten noch nicht einmal die Grenze berührt werden. Praktischer Hinweis für Therapeut: innen: Wenn Sie merken, dass die gegenübersitzende Person hier ein bisschen spielt oder die Übung nicht ernst nimmt bzw. ein wenig frotzelnd und provozierend sich bewegt (nicht selten bei Männern zu beobachten), dann stoppen Sie die Übung und weisen die Person sehr freundlich, aber auch sehr klar auf ihr Verhalten hin. Diese Vorgehensweise ermöglicht der grenzziehenden Person nun zu prüfen, wie gut sie ihre Grenze gewählt hat, wo sie ggf. nachjustieren muss oder etwas verändern muss, damit sie ihre eigene Grenze und ihren eigenen Raum sicher und angenehm erleben kann. Wir verweilen in den folgenden Stunden zunächst in wiederholender Form in dieser Stufe, bis sich die Grenzziehung und der sichere eigene Raum verinnerlicht hat bzw. einverleibt wurde. Als Therapeut: in achten Sie bei der Patientin, die sich eine gute Grenze gegeben hat und den eigenen Raum erschaffen hat, genau auf die leiblichen Reaktionen, insbesondere Mikrobewegungen, wenn nun ihr Gegenüber sich außerhalb dieses Raumes bewegt und sich bis zur Grenze nähert. „Ist die Grenze ein stabiler und sicherer Schutz? Fühlt Sie sich im Raum wohl? Hat sie sich genügend Platz genommen? “ sind hierbei wichtige Fragen für kommende gute und erfolgreiche Abgrenzungs- und Angrenzungsleistungen der Person in ihrer Lebenspraxis. Entstehen hingegen Engungen wie Atemanhalten, leichte Anspannung, angespanntes Gesicht, Unruhe usw., dann ist es wichtig, dies der Patientin mitzuteilen bzw. darauf hinzuweisen, dass sie Kontakt zu ihrem eigenleiblichen Spüren und Erleben während der Übung aufnimmt. Treten noch stärkere leibliche Regungen wie Abwendung, starke Anspannung, innerer Rückzug usw. auf, dann ist die Übung abzubrechen 122 3 | 2026 Martin J. Waibel und der Patientin erneut die Möglichkeit zu geben, Grenze, Raum, flexiblen Spielraum noch entsprechend zu erweitern. Die Stufe 2 der Leibarbeit ist dann noch ungenügend entwickelt. Die Patientin ist trotz der beginnenden ersten Grenzziehung und Raumschaffung immer noch überfordert, sobald sie in die zwischenleibliche Begegnung eintritt. Beispiel „Für mich ist es gut! “, sagt eine junge Patientin. Eine ältere Patientin teilt ihr jedoch ihre Wahrnehmung mit und meint: „Du ziehst dich sofort zusammen, wenn man in die Nähe deiner Grenze kommt. Du bist sogar einen Schritt zurückgegangen.“ Die junge Patientin hat das gar nicht bemerkt (implizite Beziehungsreaktion). „Probiere doch mal, deine Grenze und deinen Raum größer zu machen“, sagt die ältere Patientin zu ihr. Die jüngere Patientin probiert das aus, und tatsächlich merkt sie jetzt, dass sie sich nun entspannter und gelöster in ihrem Raum aufhält. Solche Erfahrungen treten in einer psychosomatischen Schmerzgruppe eher selten auf. Diese und ähnliche Erfahrungsberichte hört man eher in Ausbildungs- und Weiterbildungsgruppen. Es sind Erfahrungen von vitaler Evidenz, d. h. die Verbindung körperlichen Erlebens, emotionaler Erfahrung, kognitiver Einsicht und sozialer Bezogenheit (Petzold 1993). Bei unseren psychosomatischen Schmerzpatient: innen hingegen benötigen wir viel Geduld, gute Strukturierung und viel Zeit in einem vertrauensvollen Setting, um gute Grenzen zu erschaffen. Ist es den Patient: innen möglich, einen guten Raum für sich zu gestalten und gute Grenzen für sich zu markieren, kommen wir zur wichtigen Arbeit der emotionalen Differenzierung. Was passiert leiblich, wenn jemand mir zu nahetritt, in Haltung, Gestik, Mimik, Atmung, Tonus in verschiedenen sozialen Verhaltensweisen? Was passiert, wenn jemand versucht, meine Grenze zu übertreten? Welche Ängste und inneren Konflikte treten auf, wenn ich jemanden abweise oder auf meine Grenzen aufmerksam mache? Hier arbeiten wir mit einer sehr einfachen Übung, damit der Patient zwischen dem Konglomerat Schmerz und seinen Empfindungen, Gefühlen, seinem Denken und Handlungen zu differenzieren lernt. Stufe 4: An der Grenze-- oder die Grenze benennen, sichern und verteidigen Die Stufe 4 ist ein sehr fortgeschrittenes Erfahrungsangebot und sollte nur dann erarbeitet werden, wenn Stufe 3 mehrfach und in alltäglichen Handlungen erfolgreich wiederholt wurde. Immaterielle Grenze erspüren und benennen Ausgehend von der Theorie von Malafouris (2013) stellt der Stab ein Ding dar, das von der Person zu einem wirkmächtigen Artefakt (Stab als klare Grenze zum Anderen) erschaffen wurde. Malafouris spricht hier vom Übergang des Thinking zum Thinging. Kann unsere Person nun auch transmateriell eine Grenze erschaffen und diese zum Beispiel seinem Gegenüber durch eine Handhaltung (erhobene Hand), einen abgrenzenden Blick oder ein verbales Stopp mitteilen? Wenn die Übenden in einer Dyade einverstanden sind, dann soll sich die sitzende oder stehende Person gegenüber nun anstatt der nicht mehr sichtbaren Grenze (Stab) direkt an dieser Stelle, wo zuvor der Stab lag, durch ein klares Zeichen über den Körper (z. B. Hand heben) oder durch Sprache (z. B. Stopp) bemerkbar machen. Gelingt dies, dann sind wir einen großen Schritt weitergekommen. Die Person hat nun eine gute Grenze für sich gefunden und kann dies „transmateriell“ ausdrücken. Es hat eine Verkörperung stattgefunden. „Thinging“ beschreibt, wie kognitive Prozesse entstehen, während wir mit Dingen oder Objekten umge- Die Material Engagement Theorie bei chronifizierten Schmerzerkrankungen 3 | 2026 123 hen (z. B. Töpfern, Schreiben, Bauen). Dabei verändert sich nicht nur das Objekt, sondern auch das Bewusstsein des Handelnden (Malafouris 2013). Für viele Schmerzpatient: innen ist dies ein ganz besonderer Moment, weil sie nun erleben, dass nicht mehr der Schmerz alleinig die Grenzziehung übernehmen muss, sondern sie vielmehr durch eigene Wirkmacht die Grenze bestimmen. Gelingt dies noch nicht, greifen wir zu sogenannten Hilfsübungen wie z. B. passenden Embodiments (Waibel 2023) oder zu einfachen Übungen der Abgrenzung und Standfähigkeit. Einfache Hilfsübungen zur Erfahrung der eigenen Wirksamkeit An dieser Stelle können wir auf ein umfangreiches Übungsrepertoire aus der Integrativen Leib- und Bewegungstherapie (Petzold 1988; Höhmann-Kost 1991; Hausmann / Nedderemeyer 1996; Waibel/ Jakob-Krieger 2009) zurückgreifen. Stellvertretend seien hier ein paar einfach wirksame Übungen beschrieben. Bewährt haben sich Hand heben in größerem Abstand zum Gegenüber, Stopp sagen zum Gegenüber, deutlich auf den Boden treten, stopp sagen und sich aufrichten, deutlich ernsthafter mimischer Ausdruck für ein Stopp. In aller Regel kann man dadurch klare Stoppsignale mit der Patientin erarbeiten und diese dann auch in der konkreten Situation wie oben beschrieben anwenden. Die Patientin soll hier vitale Evidenz erleben, was bedeutet, wirkmächtig mit den eigenen Grenzen zu arbeiten und insgesamt selbstbestimmt zu sein. Beim Transfer in den Alltag in leichte alltägliche Situationen (Einkauf ), in mittelschwere Situationen (bei der Kollegin in der Arbeit) und bei schwierigen Situationen (z. B. in der Partnerschaft) kann entwickelnd und aufbauend assertives Verhalten geübt werden. Diese Situationen sind dann wiederum in der nächsten Stunde zu besprechen und ggf. zu modifizieren. Die folgende kurze Prozessbeschreibung soll hingegen zeigen, dass eine alleinige übungszentrierte und erlebniszentrierte Vorgehensweise nicht immer ausreicht, um die Probleme nachhaltig zu verändern: Ein Gruppenmitglied bemerkt, dass ihre Schmerzen bei dieser Grenzziehungsarbeit stärker geworden seien. Die Übung sei nicht gut. Im Rahmen der Therapie wird dieses Phänomen bei ihr allmählich verständlicher: Sie pflegt ihre Mutter, die sehr anspruchsvoll ist. Das nimmt ihr buchstäblich die Luft weg, ein einigermaßen gutes Leben zu führen, weil diese schon immer sehr besitzergreifend war. Sobald sie sich etwas Raum nimmt (z. B. mit einer Freundin Kaffee zu trinken), bekommt sie Vorwürfe sowohl von ihrer Mutter als auch von den Geschwistern, die neidisch auf das Erbe sind, das ihr zugestanden wurde. An einem dieser Abende in der Kneipe mit den Freundinnen verstirbt ihre Mutter alleine, und die Geschwister geben ihr die Schuld daran. Hier ist nun eine vertiefende konfliktzentrierte Aufarbeitung notwendig. Stufe 5: Adäquates Grenzverhalten üben-- emotionale Differenzierungsarbeit an der Grenze, Angrenzungen meistern In dieser Stufe wechseln wir von der übungs- und erlebniszentrierten Modalität nun in die konfliktzentrierte Modalität und arbeiten hier mit emotionaler Differenzierung. Was passiert, wenn sich jemand meiner Grenze nähert oder diese sogar übertritt? Es ist gut, an diesem Punkt die Grenze wiederum durch den Stab zu „materialisieren“, also den Stab zu benutzen, weil dadurch die Arbeit einfacher wird. Wie schon zuvor legt die Patientin eine gute Grenze in Abstand zu ihrem Gegenüber, die sie genügend beschützt, so dass sie über einen guten eigenen Raum ver- 124 3 | 2026 Martin J. Waibel fügt und sich leiblich wohl fühlt. Leiblich wohlfühlen heißt, sich in seinem Körper in einem guten eutonischen (gleichmäßig gespannten) Zustand zu erleben, angenehme Emotionen zu spüren, über eine geistige Wachheit, Ausgeglichenheit und gute kognitive und emotionale Resonanz zu verfügen und den jeweiligen sozialen Kontext (die Grenzziehung und Kontaktgestaltung zum anderen) als stimmig und angenehm zu erleben. Nun nähert sich ihr Gegenüber dieser Grenze. In der Annäherung dürften kaum Engungen im Organismus auftreten, wenn ich weiß, dass sich mein Gegenüber an die Grenzen hält. Anders wird es, wenn es zu Angrenzungen und zu Grenzübertretungen kommt. Schauen wir uns die einzelnen Reaktionen des Leibes auf solche Annäherungen, Angrenzungen und Grenzübertretungen an. Diese Erläuterung und die damit gemachten Erfahrungen sind für unsere Patient: innen ein ganz wichtiger und zentraler Moment im Rahmen der Leibtherapie und der damit verbundenen Emotions- und Kognitionsdifferenzierung. Angenehme Grenzannäherungen führen im Leib eher zu positiven Resonanzen. Unangenehme Grenzannäherungen führen beim Individuum zunächst zu Anspannung, die sich in verschiedenen Engungen, z. B. in der Atmung, im Gesichtsausdruck, in der Muskelanspannung oder auch im Bereich der Interozeptionen zeigen (Bauchgefühl, Magenschmerzen). Nimmt das annähernde Gegenüber diese sehr feinen Anspannungen nicht wahr und kommt trotzdem weiter näher, dann reagiert die Betroffene zumeist mit einem Gefühl von Angst oder Ärger. Ärger ist eine lebendige Reaktion des Organismus, ein gesunder Affekt, der in solchen Situationen auftritt, wenn zwischen mir und der Umwelt etwas nicht stimmt (something wrong). Doch manchmal dürfen unsere Patient: innen keinen Ärger haben oder verbieten sich den Ärger bzw. zeigen eine gegenteilige Reaktion wie Beschwichtigungs- oder Abwehrlächeln. Dies hat sich häufig in ihrem Organismus implizit automatisiert. Es tritt einfach ein. Hier setzt nun die emotionale, aber auch kognitive Differenzierungsarbeit an. Wir wollen auf Emotionen einstimmen, sie feinstimmen, ausdrücken, modifizieren und regulieren. Wenn mein Gegenüber die Grenze nicht genügend beachtet, dann reagiere ich entsprechend mit adäquatem Ärger. Wenn diese Missachtung noch intensiver wird, geht der Ärger Richtung Wut. Wut ist ein sehr gesteigertes Gefühl von Ärger und ein Ausdruck dafür, sich gegen etwas behaupten oder wehren zu wollen. Wir sprechen in diesem Zusammenhang auch von Assertivität (Höhmann-Kost/ Siegele 2008, 8): „Assertivität ist Durchsetzungskraft, Selbstbehauptung, Standhaftigkeit! Assertivität ist mit Gefühlen, Gedanken und Absichten verbunden! Assertivität ermöglicht Kontakt! Assertivität hat keine Beschädigung oder Zerstörung zum Ziel! “ Wut ist sehr viel schwieriger zu regulieren, vor allem wenn diese in Richtung Handlung und beginnendem Ausdruck hin zur Aggression geht. Hier kommt es durchaus vor, dass sich Schmerzpatient: innen an eigene Entgleisungen (z. B. aggressive Handlungen) aus ihrer Lebensgeschichte erinnern, die auch störenden Charakter hatten und somit zu einem verstörenden Verhalten führten, also sich gegen den anderen beschädigend zu wehren, evtl. auch mit körperlichen Mitteln. Ich verweise hierzu auf die Differenzierungen zwischen Assertivität und Aggression bei Höhmann-Kost/ Siegele (2008). Hier ist sowohl psychoedukative als auch gute Leibarbeit notwendig, damit unsere Patient: innen lernen, mit diesen besonders schwierigen Lebenssituationen adäquat umzugehen. Reaktionen von Ärger und Wut sind schon bei Säuglingen sehr früh (2./ 3. Lebensmonat) zu beobachten, zählen also zu den Affekten, in denen sie versuchen, ihre Umwelt zu regulieren und damit letztendlich sich selbst zu regulieren. Wenn Säuglingen und Kleinkindern etwas nicht passt, schieben sie es weg, ziehen daran, zwicken, beißen oder schlagen zu. Ärger und Wut Die Material Engagement Theorie bei chronifizierten Schmerzerkrankungen 3 | 2026 125 sind demnach gesunde Reaktionen auf Einengungen der eigenen Leiblichkeit und Marker für das Kind, um festzustellen, dass zwischen ihm und seiner Umwelt etwas nicht stimmt. Mit den Patient: innen sind derartige Verhaltensweisen psychoedukativ zu besprechen und gegebenenfalls sind Hilfen anzubieten, Verhaltensweisen umzulernen (framen) wenn negativ erlebter und konnotierter Ärger und Wut nicht gut gemeistert und werden können. Häufig fehlen diese gesunden leiblichen Ausdrucksformen bei vielen Schmerzpatient: innen und müssen zunächst angebahnt werden. Ich warne jedoch ausdrücklich, dies exzessiv und forcierend wie früher teilweise in der Gestalttherapie und verwandten Methoden zu tun, weil dies schnell zu Unkontrollierbarkeit und Schuld führen kann. Hier ist eine sehr sanfte und differenzierende Vorgehensweise zu praktizieren. Die Affekthemmung bzw. Affektimpulsstörung kann damit durch Entwicklung, Differenzierung und Regulierung in einem sicheren Setting erarbeitet werden. Sie ist ein zentraler Gesichtspunkt in der leibtherapeutischen Behandlung von Schmerzerkrankungen. Man könnte vereinfachend sagen: Wo der Affekt und der Körperausdruck fehlen, trittder Schmerz (dysfunktional) regulierend an seine Stelle. In unserem Praxisbeispiel zuvor in Stufe 5 beschrieb ich eine Patientin, deren Mutter, die sie pflegte, schließlich in ihrer Abwesenheit verstarb. Die Patientin konnte mit ihren schwierigen Gefühlen (Wut, Abscheu) zu ihrer Mutter aus ihrer Lebensgeschichte arbeiten, allmählich auch Grenzen zum übergriffigen Verhalten der Geschwister aufbauen, diese flexibel handhaben und sich selbst ihr Verhalten verzeihen. Sie ging tatsächlich nach dem dritten Aufenthalt (Intervallbehandlung) ohne Schmerzen aus der Klinik. Stufe 6: Grenzübertritte verarbeiten (Trauer, Trostarbeit und Reframing) Es kann im Leben immer zu Grenzverletzungen und Grenzüberschreitungen kommen. Diese können sehr schmerzhaft und schmerzverursachend sein. Dieser sechste Schritt ist für viele Patient: innen wohl der schwierigste, weil es mit ihm in die Alltagsrealität geht: Im Alltag werden Grenzen häufig übertreten, nicht so sehr körperlich, aber über Worte, Gesten, Mimik, entwertende Verhaltensweisen, atmosphärisch usw. Patient: innen sagen dann, wenn sie es wahrnehmen: „Das hat mich sehr verletzt, aber ich konnte nichts machen, ich war wie gelähmt.“ Wenn die Patient: innen im Rahmen eines stationären Aufenthalts schon eine verbesserte leibliche Selbstwahrnehmung haben, können sie abseits der erlebten stärkeren oder schwächeren Schmerzen immer mehr differenzieren und erkennen die Zusammenhänge: „Meine Mutter war wieder völlig übergriffig am Telefon, ihre ständigen Vorwürfe. (…) Danach ging ich zum Pflegepersonal und bat um eine Tablette, weil ich die Schmerzen nicht mehr aushalten konnte.“ Eine Bearbeitung und Verarbeitung solcher Erfahrungen wird in der Leibtherapie über Selbstbemächtigung (empowerment), Trauer- und Trostarbeit und Reframing vorgenommen. Stufe 7: Die Grenze öffnen-- neues Erleben (Weitung des Leibes, angrenzende Kontaktgestaltung und Berührung) Die eigenen Grenzen zu öffnen- - körperlich, emotional, geistig und im sozialen Kontakt-- ist für viele Schmerzpatient: innen eine große Herausforderung. Auch das ist Grenzarbeit: die eigene Grenze gut zu spüren und diese schließlich vorsichtig und sehr, sehr langsam zu öffnen, bis dass sich eine immer größere Souveränität in der Handhabung der Angrenzungs-Abgrenzungsdynamik ausbildet und festigt. Für die Pa- 126 3 | 2026 Martin J. Waibel tient: innen sind dies oft sehr bewegende, tiefe und heilsame Momente, die jedoch viel an Entwicklungsarbeit am persönlichen Leib-Selbst bedürfen. Literatur Bucci W. (2021): Emotional communication and therapeutic change: Understanding psychotherapy through multiple code theory. Routledge, London, https: / / doi.org/ 10.4324/ 9781003125143 Clark, A., Chalmers, D. J. (1998): The extended mind. Analysis 58, 10-23. 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Sozialarb. arbeitete in seiner 41-jährigen klinischen Berufspraxis mit unterschiedlichsten Schmerzsyndromen. Sein aktuelles Buch „Körperpsychotherapie bei chronischen Schmerzen“ ist 2023 erschienen. ✉ Martin J. Waibel Im Obstgarten 6 | D-88326 Aulendorf info@mjwaibel.de
