körper tanz bewegung
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2195-4909
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Forum: Wenn Farbe unter die Haut geht
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Elisabeth Mader
Bodypainting wird überwiegend als künstlerische Praxis wahrgenommen. Beobachtungen aus 13 Jahren Praxis zeigen jedoch, dass die intensive körperliche Erfahrung während des Bemalens psychologische Prozesse anstoßen kann, die den Zugang zur Selbstakzeptanz erleichtern. Der Beitrag untersucht, wie Bodypainting durch die Kombination aus visuellem Impuls, achtsamer Berührung und zeitlicher Entschleunigung automatische Bewertungsmuster unterbricht. Theoretische Bezüge zu Embodiment, Neuroplastizität und sensorischer Wahrnehmung werden mit einem praxisnahen Fallbeispiel verbunden.
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128 Forum: Aus der Praxis Wenn Farbe unter die Haut geht Bodypainting als körperorientierter Zugang zur Selbstakzeptanz Elisabeth Mader Bodypainting wird überwiegend als künstlerische Praxis wahrgenommen. Beobachtungen aus 13 Jahren Praxis zeigen jedoch, dass die intensive körperliche Erfahrung während des Bemalens psychologische Prozesse anstoßen kann, die den Zugang zur Selbstakzeptanz erleichtern. Der Beitrag untersucht, wie Bodypainting durch die Kombination aus visuellem Impuls, achtsamer Berührung und zeitlicher Entschleunigung automatische Bewertungsmuster unterbricht. Theoretische Bezüge zu Embodiment, Neuroplastizität und sensorischer Wahrnehmung werden mit einem praxisnahen Fallbeispiel verbunden. Schlüsselbegriffe Bodypainting, Selbstakzeptanz, Embodiment, Körperwahrnehmung, achtsame Berührung, Neuroplastizität When Color Gets Under the Skin. Body Painting as a Body Oriented Approach to Self Acceptance Body painting is commonly perceived as an artistic practice. However, observations from thirteen years of practice indicate that the intensive bodily experience during painting can initiate psychological processes that facilitate access to self acceptance. This article examines how body painting interrupts automatic evaluative patterns through the combination of visual stimulus, mindful touch and temporal deceleration. Theoretical references to embodiment, neuroplasticity and sensory perception are combined with a practice-based case example. Key words body painting, self acceptance, embodiment, body awareness, mindful touch, neuroplasticity „W er ist diese Frau. Sie ist wunderschön.“ Als Mystica (Name geändert) sich zum ersten Mal bemalt im Spiegel betrachtet, kommen ihr die Tränen. Nicht aus Traurigkeit, sondern aus tiefer Berührung. Zum ersten Mal seit Jahren erkennt sie sich selbst an, ohne den gewohnten inneren Kommentar der Abwertung. Solche Momente erlebe ich in meiner Arbeit als Bodypainterin immer wieder. Was als künstlerische Praxis begann, entwickelte sich über dreizehn Jahre zu einer wiederkehrenden Beobachtung. Menschen, die sich bemalt im Spiegel sehen, begegnen sich häufig mit einem veränderten Blick. Ein Blick, der innehält, statt sofort zu bewerten. Dieser Beitrag untersucht Bodypainting als körperorientiertes Medium und fragt nach den psychologischen Mechanismen, die in diesem Prozess wirksam werden können. Dabei ist eine körper-- tanz-- bewegung 14. Jg., S. 128-134 (2026) DOI 10.2378/ ktb2026.art18d © Ernst Reinhardt Verlag 129 3 | 2026 Bodypainting als körperorientierter Zugang zur Selbstakzeptanz Differenzierung wesentlich: Bodypainting entfaltet seine Wirkung nicht automatisch durch das bloße Bemalen des Körpers. Wird ein Mensch vor allem als Leinwand verstanden, auf der gestalterische Ideen umgesetzt werden, kann der Prozess auch als passiv, anstrengend oder entfremdend erlebt werden. Erste therapeutische bzw. kunsttherapeutische Anwendungen von Körperbemalung wurden bereits beschrieben, etwa im Kontext der Arbeit mit krebskranken Kindern oder in methodischen Überlegungen zu Bodypainting als therapeutischem Medium (Ezhova 2017; Marwedel 2019). Die vorliegenden Überlegungen knüpfen an diese Perspektiven an und fokussieren insbesondere die Frage, unter welchen Bedingungen Bodypainting Prozesse der Selbstwahrnehmung und Selbstakzeptanz unterstützen kann. Die hier beschriebenen Erfahrungen beziehen sich daher auf einen prozessorientierten Ansatz, in dem die bemalte Person aktiv einbezogen wird. Themen, Wünsche, Grenzen, Symbolik und emotionale Resonanzen fließen in die gemeinsame Entwicklung des Motivs ein. Selbstwirksamkeit entsteht dabei nicht allein durch das fertige Bild, sondern durch Mitgestaltung, Gesehenwerden und bewusste Beteiligung am Prozess. Einzelne Praxiserfahrungen legen nahe, dass ästhetische und körperbezogene Prozesse emotional tiefer reichen können, als zunächst anzunehmen wäre. Der Beitrag untersucht daher nicht eine allgemeine Wirkung, sondern die Frage, unter welchen Bedingungen Bodypainting zu einem vertieften Zugang zu Selbstwahrnehmung und Selbstakzeptanz beitragen kann. Verzerrte Selbstwahrnehmung als Normalzustand Körperbezogene Selbstzweifel betreffen Menschen aller Altersgruppen und Geschlechter. Begriffe wie „Problemzonen“ sind kulturell so etabliert, dass viele Personen ohne Zögern Körperbereiche benennen können, die sie als defizitär erleben. Diese Form der Selbstkritik entsteht nicht isoliert. Medien, Werbung und soziale Netzwerke vermitteln ein enges Spektrum normierter Körperbilder. Der reale, dreidimensionale und sich verändernde Körper wird dabei fortlaufend mit bearbeiteten und inszenierten Darstellungen verglichen. Solche sozialen Vergleichsprozesse können Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper begünstigen und eine abwertende Körperwahrnehmung verstärken (Festinger 1954; Grogan 2021). Körperbild und implizite Körpererinnerung Das Körperbild eines Menschen entsteht nicht ausschließlich durch bewusste Bewertungen oder kognitive Überzeugungen. Vielmehr handelt es sich um ein komplexes Zusammenspiel aus visuellen Eindrücken, taktilen Erfahrungen, emotionalen Zuschreibungen und biografischen Prägungen. Ein Großteil dieser Prozesse verläuft implizit und entzieht sich der bewussten Steuerung. In der Körperpsychotherapie wird davon ausgegangen, dass frühere körperliche Erfahrungen als implizite Körpererinnerungen gespeichert bleiben und das aktuelle Erleben des eigenen Körpers mitprägen. Diese Erinnerungen sind häufig nicht sprachlich repräsentiert, sondern zeigen sich in Körperhaltungen, Spannungsmustern, Vermeidungsverhalten oder automatischen Bewertungsreaktionen. Der Blick in den Spiegel aktiviert somit nicht nur eine visuelle Wahrnehmung, sondern auch gespeicherte emotionale und körperliche Reaktionsmuster. Veränderungen des Körperbildes lassen sich daher nur begrenzt über kognitive Einsicht oder positive Selbstzuschreibungen erreichen. Selbst wenn Menschen rational wissen, dass ihr Körper „in Ordnung“ ist, bleibt das innere Erleben häufig davon unberührt. Körperorientierte Ansätze setzen genau an dieser Diskrepanz an, indem sie neue sinnliche Erfahrungen ermöglichen, die das bestehende Körperschema irritie- 130 3 | 2026 Elisabeth Mader ren und erweitern (Marlock/ Weiss 2007; Niedenthal 2007; Kandel et al. 2014). Beispiele hierfür finden sich in körperpsychotherapeutischen und kreativtherapeutischen Kontexten, etwa in Wahrnehmungsübungen, Vertrauensübungen, der bewussten Auseinandersetzung mit inneren und äußeren Körperbildern sowie in Masken-, Rollen- oder gestalterischen Verfahren, in denen neue Selbst- und Körpererfahrungen erprobt werden können. Bodypainting kann in diesem Zusammenhang als eine Form der gezielten Unterbrechung impliziter Körpererinnerungen verstanden werden. Durch die Kombination aus visueller Veränderung, achtsamer Berührung und emotionaler Bedeutung entsteht eine neue körperliche Erfahrung, die nicht sofort in bestehende Kategorien eingeordnet werden kann. Aus Praxissicht zeigt sich, dass das bemalte Spiegelbild für einen Moment mit dem vertrauten inneren Bild des eigenen Körpers konkurrieren und dadurch einen Spielraum für Neubewertung und Integration eröffnen kann. Automatische Bewertungsmuster In der Psychologie wird dieses Phänomen unter anderem als Confirmation Bias beschrieben. Menschen neigen dazu, Informationen bevorzugt wahrzunehmen, die bestehende Überzeugungen bestätigen (Nickerson 1998). Wird der eigene Körper über Jahre hinweg als unzureichend bewertet, fungiert jeder Blick in den Spiegel als erneute Bestätigung. Kahneman (2012) unterscheidet zwischen einem schnellen, automatischen Denksystem, das unserem Gehirn dabei hilft, schnell und effektiv zu bewerten, und einem langsamen, reflektierenden System, das besonders signifikante oder emotional aufgeladene Reize bewusst bewertet. Im Alltag dominiert das automatische System. Dadurch wird eine kontinuierliche Verarbeitung der Vielzahl an Reizen überhaupt erst möglich. Auch die Selbstwahrnehmung im Spiegel erfolgt meist unbewusst und routiniert. Diese Muster lassen sich durch reine Willensanstrengung kaum verändern. Hier bedarf es meist eines deutlichen äußeren Impulses, um diese Prozesse zu unterbrechen. Praxisbeobachtungen als Ausgangspunkt Einzelne Erfahrungen aus der Praxis bildeten schließlich den Ausgangspunkt für die weiterführende Fragestellung dieses Beitrags. Manche Modelle berichteten von meditativer Ruhe, einzelne schliefen während des Bemalens ein. Andere beschrieben noch Jahre später beim Betrachten der Fotografien eine erneute emotionale Resonanz oder das Wiederauftauchen damaliger Gefühle. Gerade diese Reaktionen warfen die Frage auf, ob Bodypainting unter bestimmten Bedingungen über eine rein dekorative oder ästhetische Erfahrung hinausgehen kann. Sie belegen keine allgemeine Wirkung, legen jedoch nahe, dass im Zusammenspiel von Berührung, Beziehung, Bildwirkung und Erinnerung auch tiefergehende psychologische Prozesse angestoßen werden können. Bodypainting als multisensorischer Impuls Visuelle Irritation und Neubewertung Das Spiegelbild des bemalten Ichs passt nicht mehr in bekannte Kategorien. Der visuelle Reiz ist auffällig und neuartig, betrifft uns jedoch persönlich und wird daher von unserem Gehirn als wichtig genug anerkannt und aktiviert das reflektierende Denksystem nach Kahneman (2012). Alle Sinne fokussieren sich in diesem Moment, und das Gehirn ist gezwungen, innezuhalten und bewusster zu verarbeiten. In der Wahrnehmungspsychologie wird dies als erhöhte Salienz beschrieben. Auffällige Reize werden intensiver verarbeitet und aktivieren emotionale Zentren des limbischen Systems (Kandel et al. 2014). In der Praxis zeigt sich häu- 131 3 | 2026 Bodypainting als körperorientierter Zugang zur Selbstakzeptanz fig ein kurzer Moment des Erstaunens, gefolgt von Stille. Der Blick verweilt länger am Spiegelbild. Linien, Farben und Formen werden aufmerksam verfolgt. Der gewohnte Strom selbstkritischer Gedanken tritt in den Hintergrund. Das Anhalten der Bewertung durch den alltäglichen Filter bietet die Gelegenheit, sich selbst bewusst wahrzunehmen und einen veränderten Zugang zur eigenen Selbstwahrnehmung zu ermöglichen. Achtsame Berührung als Regulation Ein weiterer zentraler Aspekt ist die Berührung während des Bemalens. Berührung ist ein grundlegendes menschliches Bedürfnis und spielt eine zentrale Rolle für emotionale Regulation (Field 2010). Zugleich ist zu unterscheiden zwischen gezielter therapeutischer Berührung und Berührung, die im Rahmen eines kreativen Prozesses entsteht. Beim Bodypainting besteht das unmittelbare Ziel zunächst darin, Farbe auf den Körper aufzutragen und ein Motiv entstehen zu lassen. Eine regulierende oder psychologische Wirkung kann daher nicht vorausgesetzt werden. Aus Praxissicht zeigt sich jedoch, dass die Qualität dieser Berührung eine wesentliche Rolle spielt. Erfolgt sie in einem sicheren, freiwilligen und von Vertrauen geprägten Rahmen, wird sie von vielen bemalten Personen als angenehm, beruhigend und wertfrei erlebt. Über einen längeren Zeitraum entsteht dabei eine Form konzentrierter Zuwendung, in der auch zuvor gemiedene Körperstellen achtsam einbezogen werden können. Studien zeigen, dass langsame, angenehme Berührungen das parasympathische Nervensystem aktivieren und Stress reduzieren können (McGlone et al. 2014). Beziehung, Vertrauen und der geschützte Rahmen Neben den beschriebenen sensorischen und kognitiven Prozessen spielt die Beziehungsgestaltung während des Bodypaintings eine zentrale Rolle für dessen Wirkung. Körperliche Nähe und Berührung entfalten ihre regulierende Wirkung nicht isoliert, sondern immer im Kontext von Sicherheit, Vertrauen und Freiwilligkeit (Marlock/ Weiss 2007; Field 2010). Gerade bei Menschen mit einem angespannten oder konflikthaften Körperverhältnis ist die Erfahrung, im eigenen Körper gesehen zu werden, ohne bewertet zu werden, von besonderer Bedeutung. Das Setting eines Bodypaintings unterscheidet sich dabei deutlich von alltäglichen Körperkontakten. Die Berührung erfolgt langsam, nachvollziehbar und zielgerichtet. Sie ist weder funktional noch sexualisiert, sondern eingebettet in einen kreativen Prozess. Aus körperpsychotherapeutischer Perspektive kann dieser Rahmen als ko-regulierend beschrieben werden. Die ruhige Präsenz, die vorhersehbaren Bewegungen und die klare Rollenverteilung schaffen Orientierung und reduzieren Unsicherheit. Viele Modelle berichten, dass sie sich erst im Verlauf des Prozesses ausreichend sicher fühlen, um körperliche Anspannung loszulassen oder emotionale Reaktionen zuzulassen. Das Vertrauensverhältnis zwischen Bodypainter: in und Modell wirkt dabei als moderierender Faktor. Ohne diesen geschützten Rahmen kann die intensive Selbstbegegnung vor dem Spiegel auch Abwehr oder Überforderung auslösen. Die Möglichkeit, Pausen einzulegen, Bedürfnisse zu äußern oder den Prozess jederzeit zu beenden, ist daher essenziell (Marlock/ Weiss 2007). Zugleich ist eine klare Abgrenzung erforderlich. Bodypainting ist nicht mit einer eigenständigen therapeutischen Intervention gleichzusetzen. Therapeutische Wirksamkeit beruht wesentlich auf einer tragfähigen Beziehung, auf wechselseitiger Resonanz und auf der aktiven Beteiligung der behandelten Person. Der Malprozess selbst wird beim Bodypainting zunächst häufig von einer anderen Person ausgeführt und kann daher auch als passiv oder objektivierend erlebt werden (Marwedel 2019). Gerade deshalb erscheint Bodypainting weniger als eigenständige Methode, sondern eher 132 3 | 2026 Elisabeth Mader als mögliches Werkzeug innerhalb eines bereits bestehenden therapeutischen Prozesses. Voraussetzung wären ein stabiles Vertrauensverhältnis, ein sicherer Rahmen sowie eine Gestaltung, in der die bemalte Person in Motiventwicklung, Entscheidungen, Rückmeldungen und Deutung aktiv einbezogen wird. Die Qualität der Beteiligung am kreativen Prozess scheint dabei ein zentraler Wirkfaktor zu sein (Marlock/ Weiss 2007; Niedenthal 2007). Wird das Modell oder der/ die Klient: in selbst gestalterisch aktiv und bemalt den eigenen Körper, kann dies Selbstwirksamkeit, Aneignung und einen unmittelbaren Zugang zum eigenen Körpererleben begünstigen (Niedenthal 2007; Draganski et al. 2004). Werden darüber hinaus Partner, Kinder oder andere Bezugspersonen in den Malprozess einbezogen, kann dies verbindende, spielerische und beziehungsstärkende Erfahrungen unterstützen (Field 2010; Gallace / Spence 2010). Diese Aspekte verdeutlichen, dass Bodypainting nicht als isolierte Technik verstanden werden sollte, sondern als Beziehungsgeschehen, das sich im Zusammenspiel von Körpererfahrung, ästhetischem Prozess, aktiver Beteiligung und zwischenmenschlicher Resonanz entfaltet. Zeitliche Entschleunigung und Achtsamkeit Ein Bodypainting erstreckt sich oft über mehrere Stunden. In dieser Zeit entfällt äußere Ablenkung weitgehend. Die Aufmerksamkeit richtet sich auf den eigenen Körper und das entstehende Bild. Diese Form erzwungener Entschleunigung ähnelt achtsamkeitsbasierten Ansätzen, die nachweislich regulierend auf das Nervensystem wirken (Tang et al. 2015). Embodiment und neuroästhetische Aspekte Das Konzept des Embodiment beschreibt die enge Wechselwirkung zwischen körperlichem Erleben und psychischen Prozessen (Niedenthal 2007). Selbstwahrnehmung entsteht nicht nur kognitiv, sondern wird wesentlich durch multi-sensorische Erfahrungen geprägt. Die Kombination aus haptischem Erleben des eigenen Körpers und der visuellen, ästhetischen und emotionalen Erfahrung ist bei einem Bodypainting nahezu einzigartig. Spiegelneuronen reagieren sowohl auf eigenes Handeln als auch auf beobachtete Bewegungen und Bilder (Rizzolatti/ Craighero 2004). Die Betrachtung des eigenen bemalten Körpers kann daher Prozesse anstoßen, die über eine rein visuelle Erfahrung hinausgehen. Neuroästhetische Forschung zeigt zudem, dass intensive ästhetische Erfahrungen Hirnareale aktivieren, die mit Selbstbezug und emotionaler Bedeutung verknüpft sind (Vessel et al. 2012; Magsamen / Ross 2023). Beim Bodypainting wird der eigene Körper selbst zum Träger dieser ästhetischen Erfahrung. Praxisbeispiel Im folgenden Fallbeispiel wird die beschriebene Wirkung exemplarisch verdeutlicht. Der Name wurde geändert. Mystica hatte stark an Gewicht verloren. Ihr äußeres Erscheinungsbild hatte sich verändert, ihr inneres Körperbild jedoch kaum. Sie beschrieb das Gefühl, sich im Spiegel nicht wiederzuerkennen. Während des Bodypaintings löste sich ihre anfängliche Anspannung allmählich. Die Berührung, die Dauer und der fehlende äußere Druck ermöglichten eine zunehmende Entspannung. Der Moment der Spiegelbetrachtung wurde von starkem emotionalem Erleben begleitet. Mystica beschrieb diesen Augenblick als erstmals positiven Zugang zu ihrem eigenen Körper seit langer Zeit und dem ersten Schritt, sich mit ihrem Äußeren neu anzufreunden. Die anschließenden Fotografien dienen ihr bis heute als emotionaler Anker, um dieses Körpergefühl wieder aufzurufen. 133 3 | 2026 Bodypainting als körperorientierter Zugang zur Selbstakzeptanz Langzeitwirkung und Grenzen Die mögliche Nachhaltigkeit solcher Erfahrungen lässt sich durch neuroplastische Prozesse erklären. Wiederholte Erinnerung an emotional bedeutsame Erlebnisse kann neuronale Verknüpfungen stabilisieren (Draganski et al. 2004). Studien zur Entwicklung von Selbstmitgefühl zeigen, dass wiederholte positive Selbstzuwendung langfristig zu einer stabileren emotionalen Selbstregulation beitragen kann (Neff/ Germer 2018). Somit tragen Fotografien, Videoaufzeichnungen und auch Erzählungen des Erlebten dazu bei, positive Erlebnisse zu festigen, und werden so zu Ankern im weiteren Prozess der Selbstakzeptanz. Gleichzeitig ist eine klare Abgrenzung notwendig. Bodypainting ersetzt keine Psychotherapie. Bei traumatischen Vorerfahrungen kann eine intensive Selbstbegegnung auch überfordernd wirken. Ein geschützter Rahmen und die Möglichkeit zum Abbruch sind daher essenziell. Fazit Bodypainting kann als körperorientierter Zugang zur Selbstakzeptanz verstanden werden. Der eigene Körper wird für einen Moment nicht nur über kognitive Umdeutung, sondern über unmittelbares Erleben neu erfahrbar. Die hier dargestellten Beobachtungen basieren auf langjähriger Praxis und lassen sich durch bestehende Konzepte aus der Körperpsychotherapie, der Embodimentforschung und der Neuroästhetik plausibel einordnen. Gleichzeitig zeigen sie die Grenzen rein praxisbasierter Erkenntnisse auf. Um die Wirkmechanismen, Wirkbedingungen und möglichen Langzeiteffekte von Bodypainting differenzierter zu erfassen, sind systematische empirische Untersuchungen erforderlich. Bodypainting ist kein Allheilmittel. Es kann jedoch ein relevanter Impuls sein, der bestehende therapeutische und kreativtherapeutische Ansätze ergänzt und neue Perspektiven auf körperbasierte Selbstwahrnehmung eröffnet. Diese Beobachtung unterstreicht die Notwendigkeit, Bodypainting nicht isoliert, sondern im Kontext körperorientierter und kreativtherapeutischer Ansätze zu betrachten. Entscheidend sind dabei nicht allein Motiv oder ästhetische Qualität, sondern das Setting, die Beziehungsgestaltung und die bewusste Einbettung des Erlebnisses. Vor diesem Hintergrund versteht sich der Beitrag ausdrücklich als Einladung zur weiteren wissenschaftlichen Auseinandersetzung. Ziel ist es, gemeinsam mit Fachpersonen aus Körperpsychotherapie, Kreativtherapie, Neurowissenschaften und angrenzenden Disziplinen eine umfangreichere Studie zu entwickeln, die qualitative und quantitative Methoden verbindet. Eine solche interdisziplinäre Zusammenarbeit könnte dazu beitragen, Bodypainting als körperorientierte Erfahrungsform differenziert zu erforschen und seine Potenziale wie auch Grenzen fundiert zu beschreiben. Literatur Draganski, B., Gaser, C., Busch, V., Schuierer, G., Bogdahn, U., May, A. (2004): Changes in grey matter induced by training. Nature 427 (6972), 311-312, https: / / doi.org/ 10.1038/ 427311a Ezhova, Y. (2017): Verwendung der Körperfarbe in der Kunsttherapie mit krebskranken Kindern. Independent Publishing, Hildesheim Festinger, L. (1954): A theory of social comparison processes. Human Relations 7 (2), 117-140, https: / / doi.org/ 10.1177/ 001872675400700202 Field, T. (2010): Touch for socioemotional and physical well-being. A review. Developmental Review 30 (4), 367-383, https: / / doi.org/ 10. 1016/ j.dr.2011.01.001 Gallace, A., Spence, C. (2010): The science of interpersonal touch. An overview. Neuroscience & Biobehavioral Reviews 34 (2), 246- 259, https: / / doi.org/ 10.1016/ j.neubiorev. 2008.10.004 Grogan, S. (2021): Body image. Understanding body dissatisfaction in men, women and 134 3 | 2026 Elisabeth Mader children. 4. Aufl. Routledge, London, https: / / doi.org/ 10.4324/ 9781003100041 Kahneman, D. (2012): Schnelles Denken, langsames Denken. 12. Aufl. Siedler, München Kandel, E. R., Schwartz, J. H., Jessell, T. M. (2014): Neurowissenschaften. Eine Einführung in die Grundlagen. 9. Aufl. Springer, Heidelberg Magsamen, S., Ross, J. (2023): Your brain on art. How the arts transform us. Oxford University Press, Oxford Marlock, G., Weiss, H. (Hrsg.) (2007): Handbuch der Körperpsychotherapie. Schattauer, Stuttgart/ New York Marwedel, G. (2019): Bunte Körper. Bodypainting als therapeutische Methode. Shaker Media, Aachen McGlone, F., Wessberg, J., Olausson, H. (2014): Discriminative and affective touch. Sensing and feeling. Neuron 82 (4), 737-755, https: / / doi.org/ 10.1016/ j.neuron.2014.05.001 Neff, K. D., Germer, C. K. (2018): Selbstmitgefühl. Das Übungsbuch. Mit Achtsamkeit und Mitgefühl sich selbst stärken. Arbor Verlag, Freiburg Nickerson, R. S. (1998): Confirmation bias. A ubiquitous phenomenon in many guises. Review of General Psychology 2 (2), 175-180, https: / / doi.org/ 10.1037/ 1089-2680.2.2.175 Niedenthal, P. M. (2007): Embodying emotion. Science 316 (5827), 1002-1005, https: / / doi. org/ 10.1126/ science.1136930 Rizzolatti, G., Craighero, L. (2004): The mirrorneuron system. Annual Review of Neuroscience 27, 169-192, https: / / doi.org/ 10.1146/ annurev. neuro.27.070203.144230 Spitz, R. A. (1945): Hospitalism. An inquiry into the genesis of psychiatric conditions in early childhood. Psychoanalytic Study of the Child 1, 53-74, https: / / doi.org/ 10.1080/ 00797308.194 5.11823126 Tang, Y.-Y., Hölzel, B. K., Posner, M. I. (2015): The neuroscience of mindfulness meditation. Nature Reviews Neuroscience 16 (4), 213-225, https: / / doi.org/ 10.1038/ nrn3916 Vessel, E. A., Starr, G. G., Rubin, N. (2012): The brain on art. Intense aesthetic experience activates the default mode network. Frontiers in Human Neuroscience 6, Artikel 6, https: / / doi.org/ 10.3389/ fnhum.2012.00066 Elisabeth Mader Bodypainterin, Make-up-Artist und Mediendesignerin (B.A.). Selbstständig tätig im Bereich künstlerische Körpergestaltung mit Schwerpunkt auf körperorientierten Erfahrungsprozessen. ✉ Elisabeth Mader mail@elisabethmader.de www.elisabethmader.de
