körper tanz bewegung
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2195-4909
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Forum: Laxenburger Resonanzen zu körpertherapeutischen und psychomotorischen Methoden
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Aufgrund seines interdisziplinären, multisensorisch-ästhetischen Ausbildungskonzepts hatte sich die „Neue Schule Hellerau-Laxenburg“, die 1925 nach Laxenburg bei Wien umgesiedelt war, alsbald zu einem kosmopolitischen Hotspot entwickelt. Durch das Wirken der dort tätigen Lehrkräfte und der internationalen Studentenschaft hatte diese Einrichtung weit über die Grenzen Österreichs hinaus die Entwicklung der Tanz- und Bewegungspädagogik beeinflusst. Während historiografische Forschungsarbeiten vor allem die resonanten Beziehungen Laxenburgs in der Rhythmik und Gymnastik sowie in der Tanzpädagogik und Tanzkunst thematisieren, diskutiert die vorliegende Studie am Beispiel von Hilde Peerboom und Gerda Alexander, die beide zur Pioniergeneration der heute als somatisch bezeichneten Ansätze der Bewegungs- und Körperarbeit gehören, die transnationalen Resonanzlinien Laxenburgs auf diesem bewegungskulturellen Feld.
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135 körper-- tanz-- bewegung 14. Jg., S. 135-146 (2026) DOI 10.2378/ ktb2026.art19d © Ernst Reinhardt Verlag Forum: Unter der Lupe Laxenburger Resonanzen zu körpertherapeutischen und psychomotorischen Methoden Eine Spurensuche zu Wechselbeziehungen im Feld der somatischen Bewegungspädagogik Claudia Fleischle-Braun Aufgrund seines interdisziplinären, multisensorisch-ästhetischen Ausbildungskonzepts hatte sich die „Neue Schule Hellerau-Laxenburg“, die 1925 nach Laxenburg bei Wien umgesiedelt war, alsbald zu einem kosmopolitischen Hotspot entwickelt. Durch das Wirken der dort tätigen Lehrkräfte und der internationalen Studentenschaft hatte diese Einrichtung weit über die Grenzen Österreichs hinaus die Entwicklung der Tanz- und Bewegungspädagogik beeinflusst. Während historiografische Forschungsarbeiten vor allem die resonanten Beziehungen Laxenburgs in der Rhythmik und Gymnastik sowie in der Tanzpädagogik und Tanzkunst thematisieren, diskutiert die vorliegende Studie am Beispiel von Hilde Peerboom und Gerda Alexander, die beide zur Pioniergeneration der heute als somatisch bezeichneten Ansätze der Bewegungs- und Körperarbeit gehören, die transnationalen Resonanzlinien Laxenburgs auf diesem bewegungskulturellen Feld. Schlüsselbegriffe somatische Bewegungspädagogik, Neue Schule Hellerau-Laxenburg, psychosomatische Ansätze, physikalische Therapiemethoden, Geschichte der ästhetischen Bewegungserziehung und -therapie, transnationale Wechselbeziehungen Laxenburg Resonance in Body-Oriented and Psychomotor Methods. A Search for Signs of Interrelationships in the Field of Somatic Movement Education Based on its interdisciplinary, multisensory-aesthetic educational concept, the ‘Neue Schule Hellerau-Laxenburg’, which had been relocated to Laxenburg near Vienna in 1925, soon developed into a cosmopolitan hotspot. Through the efforts of its teachers and international student body, this institution influenced the development of dance and movement education far beyond the borders of Austria. While historiographical research has focused primarily on Laxenburg’s resonant relationships in rhythmics and gymnastics as well as in modern dance education and dance art, the present study uses the examples of Hilde Peerboom and Gerda Alexander, both members of the pioneering generation of what are now called somatic approaches to movement and bodywork, to discuss Laxenburg’s transnational lines of resonance in this field of movement culture. Key words somatic movement education, Neue Schule Hellerau-Laxenburg, psychosomatic approaches, physical therapy methods, history of aesthetic movement education and therapy, transnational interconnections 136 Claudia Fleischle-Braun 3 | 2026 Mini-Symposium „Moderner Tanz“ integriert (Gesellschaft für Tanzforschung 2026). Im Fokus der von Andrea Amort kuratierten Veranstaltung stand insbesondere das Tanzerbe der von 1925 bis 1938 im Schloss Laxenburg residierenden Schule, die vorhandenen Verflechtungen in die Kulturmetropole Wien und auch deren weltweite Verbindungen. In ihrer Keynote erörterte die Tanzwissenschaftlerin die herausragende Rolle der damals ungemein progressiven künstlerischen und pädagogischen Aus- und Fortbildungseinrichtung, die eine beträchtliche Ausstrahlung in die benachbarte Wiener Tanz- und Kunstszene hatte und mit dieser im wechselseitigen Austausch stand. Um verstehen zu können, weshalb dieser Ort in kurzer Zeit zu einem bewegungskulturell und künstlerisch kosmopolitischen Treff- und Drehpunkt wurde, werden im Folgenden die Hintergründe und die Entwicklungsgeschichte der damals innovativen interdisziplinären Ausbildungsstätte Laxenburg nachgezeichnet. Die „Neue Schule Hellerau für Rhythmus, Musik und Körperbildung“ hatte sich unter der Leitung der ehemaligen Dalcroze-Meisterschüler: innen Christine Baer-Frisell, Ernest Ferand- Freud und Valeria Kratina nach dem Ersten Weltkrieg mit einem reformierten und breiten Studienkonzept als berufsbildende Ausbildungsstätte neu aufgestellt. Aufgrund der schwierigen Hellerauer Finanzlage wurde der gesamte Schulbetrieb 1925 nach Laxenburg bei Wien verlegt. Die Laxenburger „Neue Schule Hellerau-Laxenburg“ existierte allerdings nur von 1925 bis 1938, obgleich sie ein ausdifferenziertes künstlerisches Ausbildungsprogramm in den Feldern Rhythmik, Gymnastik, Tanz und Musik aufwies und viele Studierende aus der näheren Umgebung und dem benachbarten Ausland angezogen hatte. Darüber hinaus wurden zahlreiche Fortbildungs- und Sommerkurse für Tanz- und Gymnastikpädagog: innen sowie für Rhythmik- und Musikpädagog: innen, für sozial- und heilpädagogische Berufe und für interessierte Laien angeboten, die bis anfangs A ngeregt durch eine Tagung zur Historie und Bedeutung der „Neuen Schule Hellerau-Laxenburg“ begab ich mich auf die Spurensuche nach dem immateriellen bewegungskulturellen Erbe dieser seinerzeit äußerst innovativen und fortschrittlichen beruflichen Bildungseinrichtung und forschte dabei besonders nach den Echos und Resonanzen im Bereich der somatischen Bewegungspädagogik. Zwei Fallbeispiele somatischer Bewegungsarbeit, in denen sich Spuren des in Laxenburg gelehrten Bewegungs- und Körperwissens und der dort elaborierten Methoden plausibel historiografisch nachverfolgen lassen, ergänzen die Rückblende auf diesen für die Bewegungs- und Tanzpädagogik bedeutsamen Ort. Diese haben wegen ihrer wahrnehmungsbezogenen und erlebnisbetonten Modalität und den bevorzugten Übungsweisen, die anatomisch-funktionelle Wirkzusammenhänge beachtet und bewusst machen, nicht nur in der tanzkünstlerischen Ausdrucksschulung einen besonderen Stellenwert, sondern ebenso in Tanz- und Bewegungsangeboten im Rahmen der Empowerment stärkenden und ressourcenorientierten präventiven und kurativ-kompensatorischen Gesundheitsförderung sowie in der psychosomatischen und reedukativen Rehabilitation. Anlass und Hintergrund zu meiner Recherche Vor 100 Jahren siedelte die vorher in Hellerau residierende Bildungseinrichtung nach Laxenburg bei Wien um und warb nunmehr in Schulprospekten als „Schule Hellerau in Laxenburg“ um neue Schüler: innen. Um an die besondere Bedeutung dieser Ausbildungsstätte zu erinnern, wurde im Programm des Symposiums der Gesellschaft für Tanzforschung „Tanz Resonanz- - Künstlerische Weltbeziehungen in Bewegung“ (25.-27.9.2025), das in Kooperation mit der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien stattgefunden hatte, ein eintägiges Laxenburger Resonanzen zu körpertherapeutischen Methoden 137 3 | 2026 der 1930er Jahre sehr gut besucht wurden. Aufgrund zunehmender antisemitischer Diskriminierungen sowie der verordneten massiven Repressalien der Nationalsozialisten, denen die zahlreich vertretene jüdische Schülerschaft und auch Mitglieder des Lehrerkollegiums schon vor dem offiziellen „Anschluss“ Österreichs ausgesetzt waren, konnte die private Schule ihren Lehrbetrieb nicht aufrechterhalten. Die Laxenburger Ausbildungseinrichtung war fachlich hoch anerkannt, und bis zu Beginn der Machtübernahme der NSDAP verzeichnete sie einen internationalen Zulauf an interessierten Studierenden. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und bald nach der Annexion Österreichs konnte sie ihren Lehrbetrieb nicht aufrechterhalten und wurde von der nationalsozialistischen Verwaltung endgültig geschlossen (Fleischle-Braun 2020, 95-119). Die finnische Theaterwissenschaftlerin Johanna Laakkonen beleuchtete die transnationalen Verflechtungen Laxenburgs nach Nordeuropa, und auch Gunhild Oberzaucher-Schüller befasste sich in ihrem Redebeitrag ebenfalls mit der internationalen Reichweite Laxenburgs. Die Tanzhistoriografin verdeutlichte dabei insbesondere, in welchem bemerkenswerten Maße Laxenburg-Absolvent: innen aus den Nachbarländern (Polen, Ungarn und Tschechien) sowie aus dem osteuropäischem Raum zur Entwicklung der modernen Tanzavantgarde in Mitteleuropa beigetragen haben. Ferner kam sie auf den amerikanischen Tänzer, Schriftsteller und Tanzkritiker Edwin Denby (1903-1983) zu sprechen, der ebenfalls in Laxenburg als Student eingeschrieben war und 1929 einen Diplomaufsatz über psychische Rückwirkungen der Gymnastik verfasst hatte (Denby 1929, 222-228). Nach seinem Studium hatte er in Darmstadt als Tänzer am Landestheater Hessen gearbeitet, und nach seiner Rückkehr in die USA 1934 unterrichtete der vielseitige Künstler obendrein zeitweilig auch gymnastische Körperbildung und Tanz. Andrea Amort hatte bereits in ihrem einführenden Vortrag das umfangreiche künstlerische und pädagogische Lebenswerk von Rosalia Chladek (1905-1995) hervorgehoben, die als Tanzkünstlerin wie als Pädagogin wesentlichen Anteil an Laxenburgs Ansehen und Bekanntheit hatte. Sie unterrichtete nach dem Abschluss ihrer eigenen Ausbildung von 1924 bis 1928 bereits in Hellerau und in Laxenburg Körperbildung und Tanz und hatte auch am Konservatorium Basel erfolgreich die Gymnastik und Tanzausbildung etabliert (1928-1930), bevor sie 1930 die künstlerische Leitung der Tanzgruppe und die Leitung der gymnastischen und tänzerischen Ausbildung an der Schule Hellerau- Laxenburg übernahm. Mehrere Beiträge des Mini-Symposiums widmeten sich dem tanzpädagogischen Lehransatz von Rosalia Chladek, der im Grunde in Abb. 1: Laxenburg 1934, v.l.n.r.: R. Chladek, B. Müller und unbekannt (Archiv Rosalia Chladek, IGRC, Theatermuseum Wien) 138 Claudia Fleischle-Braun 3 | 2026 kompakter Form das breite Laxenburger Ausbildungskonzept bündelt. Mittels performativer Lectures gaben Nikolaus Selimov, Beata Bauder und Studierende der Tanzabteilung der MUK Universität Wien sowie Eva Lajko und Doris Buche-Reisinger (Internationale Gesellschaft Rosalia Chladek, Wien) einen Einblick in die Prinzipien der von Chladek entwickelten und systematisierten „modernen“ Tanztechnik. Das künstlerisch-choreografische Tanzschaffen wurde von der freischaffenden Tanzkünstlerin Eva-Maria Schaller in den Blick genommen und reflektiert. Chladek war bis zu ihrem Ausscheiden 1938 als Solotänzerin und mit der Laxenburger Tanzgruppe das künstlerische Aushängeschild der Laxenburger Schule. Chladeks weitere berufliche Stationen sollen hier noch kurz erwähnt werden: Nach ihrem Weggang aus Laxenburg unternahm sie eine Gastspiel-Tournee durch Nord- und Mitteleuropa und in die Niederlande. Anschließend ging sie (zusammen mit Alexander von Swaine) auf eine Gastspielreise nach Indonesien. Danach übernahm sie für zwei Jahre einen Lehrauftrag an den Deutschen Meisterstätten für Tanz in Berlin und arbeitete an der angeschlossenen Deutschen Tanzbühne als Choreografin und Solotänzerin. Ab 1942 konnte Rosalia Chladek ihr künstlerisches und pädagogisches Engagement in Wien weiter fortsetzen. Zunächst leitete sie zehn Jahre die Abteilung „Tanz für Bühne und Lehrfach“ am Konservatorium der Stadt Wien (heute MUK Universität Wien), bis sie 1952 an die Akademie (heute Universität) für Musik und darstellende Kunst in Wien als Leiterin der Abteilung für Künstlerischen Tanz berufen wurde. Dort hatte sie ab 1961 einen Sonderlehrgang „Moderne tänzerische Erziehung und Tanzpädagogik- - System Rosalia Chladek“ eingerichtet, der nach ihrem endgültigen Ausscheiden aus dem Universitätsdienst 1977 eingestellt wurde. Das Chladek-Tanzsystem, entstanden aus dem Geist der Körperreformbewegung, berücksichtigt biomechanische und anatomische Gesetzmäßigkeiten menschlicher Bewegung und gründet insbesondere auf dem Wechselspiel und der Reziprozität von Schwerkraft und muskulärem Tonus. Dies trägt zu einem differenzierten und ökonomischen Umgang mit Tonusqualitäten und wirkenden physikalischen Kräften beim Ausführen einer motorischen Aktion bei. Auf das Ausführen eines organisch folgerichtigen und effizienten Bewegungsverlaufs wird besonderen Wert gelegt. In der Körperbildung wird zudem generell zwischen zentralen und peripheren Bewegungsansätzen unterschieden, und es wird bei Aufgaben zur Erarbeitung der körpertechnischen Grundlagen insbesondere die kinästhetische Wahrnehmung angesprochen und geschult. Da es im Rahmen dieses Konzepts der Körper- und Bewegungsschulung weniger um den Erwerb von abrufbaren Bewegungsmustern, sondern eher um das Wahrnehmen von Bewegungsimpulsen und -vorstellungen geht, zeichnet sich die Chladek- Technik durch eine gewisse „Stiloffenheit“ aus, die den Tanzschaffenden eine Vielfalt an individuellen tanzästhetische Ausdrucksmöglichkeiten eröffnet. Die Weitergabe des Chladek-Tanzsystems geschieht heute vor allem über die Kurse und Ausbildungsseminare der Internationalen Gesellschaft Rosalia Chladek, die 1972 von Chladek und einiger ihrer Meisterschüler: innen gegründet wurde. Und auch an der MUK Universität Wien wird in den tanzkünstlerischen und tanzpädagogischen Studiengängen nach den Prinzipien dieser Arbeitsmethode unterrichtet, und diese werden prozesshaft zum zeitgenössischen Tanz weitergeführt. Spezifische Resonanzachsen Laxenburgs auf Ansätze der somatischen Bewegungspädagogik Wie aus dem Rückblick auf die angesprochenen Themeninhalte des Mini-Symposiums zu Laxenburg bzw. zum Modernen Tanz bereits ersichtlich wurde, lassen sich aus historischer Sicht Resonanzachsen der hochschulähnlichen, Laxenburger Resonanzen zu körpertherapeutischen Methoden 139 3 | 2026 künstlerisch-berufsbildenden Laxenburger Einrichtung zu den verschiedenen bewegungskulturellen Ausrichtungen auffinden (Abb. 2). Die Neue Schule Hellerau Laxenburg hatte als Ausbildungsstätte für Gymnastik, Rhythmische Erziehung und Tanz nicht nur auf die Entwicklung und Verbreitung dieser bewegungskulturellen Formen Einfluss genommen. Durch den von Christine Baer-Frisell betonten Stellenwert der Körpererziehung wurde das Methodenrepertoire des Laxenburger Fächerkanons auch in heil- und sonderpädagogischen Kontexten genutzt, und diese hatten sich dort als therapeutisch wirksam erwiesen. Maritta Kosterlitz, die nach ihrem Laxenburger Studium dort als Lehrkraft für Rhythmik und Gymnastik tätig war und Rosalia Chladek assistierte, hatte z. B. durch ihre Arbeit mit behinderten und geistig retardierten Kindern dazu beigetragen, dass Elemente der Laxenburger Lehre auch im Bereich der Psychomotorik sowie der Körper- und Bewegungstherapie Anwendung fanden (Kosterlitz 1936 / 2009). Ferner wirkte der Psychoanalytiker August Aichhorn von 1925 bis 1934 in Laxenburg als Gastdozent und war dort unter anderem für die Lehre im Fach Pädagogische Psychologie zuständig. Sein sonstiges Tätigkeitsfeld lag vor allem im Bereich der psychoanalytischen Fürsorgeerziehung (Hirmke-Toth 2009, 117-121). Meine folgenden Darlegungen konzentrieren sich darauf, die resonanten Auswirkungen, ausgehend von Laxenburg und Rosalia Chladeks Lehre, auf dem Gebiet der somatischen Körper- und Bewegungsarbeit weiter aufzuspüren und nachzugehen. Anhand von zwei markanten Fallbeispielen möchte ich nun ausführlicher beschreiben, wie die Laxenburger „Bewegungslehre“ und der dort verbreitete wahrnehmungsorientierte und auf Selbsterfahrung ausgerichtete, induktive Vermittlungsansatz eine Grundlage von wegweisenden Richtungen im Bereich der Körper- und Bewegungstherapie und -pädagogik werden konnte. Rosalia Chladek kommt in beiden Fallbeispielen eine besondere Schlüssel- und Vermittlerrolle zu, denn ihre Lehre und das propagierte Tanzsystem hatten auch der Laxenburg-Absolventin Hilde Peerboom Grundlagen gegeben, später in Paris ihren Weg zu einem kreativen Arbeitsansatz zu finden. Des Weiteren konnte Gerda Alexander bei verschiedenen fachlichen Anlässen ihre Abb. 2: Resonanzlinien der Schule Laxenburg Rhythmik / Elementare Musik- und Bewegungserziehung Gymnastische Körperbildung Moderner Tanz & Tanzpädagogik Körpertherapie Schule Hellerau-Laxenburg · reformpädagogisch-orientiert · multisensorisch-ästhetisch · interdisziplinär · kosmopolitisch Laxenburgs Resonanzbeziehungen 140 Claudia Fleischle-Braun 3 | 2026 Eutonie-Methode im kollegialen Gedankenaustausch weiter fundieren, ggf. überdenken und weiter präzisieren. Körperlicher Bewegungsausdruck, Selbstverwirklichung und Kreativität: Der psychomotorische Ansatz der Laxenburg-Absolventin Hilde Peerboom Die in Düsseldorf geborene Holländerin Hilde Peerboom (1905-1979) hatte von 1934 bis 1938 bei Rosalia Chladek in Laxenburg studiert und in Stuttgart ihren Diplom-Abschluss zur Gymnastiklehrerin erhalten. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war sie in Paris als Rhythmik- und Tanzpädagogin tätig und unterrichtete Kinder und Erwachsene. In Zusammenarbeit mit Yvonne Berge war sie zudem auch als Ausdruckstanzchoreografin und -tänzerin aktiv. In der Folgezeit war sie maßgeblich an der Entwicklung der Grundlagen der psychomotorischen Körperarbeit in Frankreich beteiligt. Ihren holistischen Ansatz der Körperarbeit, in dem körperliche, emotionale, intellektuelle und spirituelle Dimensionen angesprochen werden, hatte Hilde Peerboom aufgrund eigener, persönlich gewonnener Erfahrungen im Bereich des kreativen Ausdrucks entwickelt. Ihre Vorgehensweise zielte darauf ab, das Bewusstsein für den eigenen Körper und seiner Energiequellen zu stärken, und es spiegelt sich in ihrem Arbeitskonzept durchaus Laxenburgs und speziell auch Chladeks wahrnehmungs- und erfahrungsorientierte Lehrweise wider. Es war für die Pionierin der französischen „Expression Corporelle“-Bewegung ein dezidiertes Anliegen, über die Mittel des körperlichen Ausdrucks das kreative Potenzial des Menschen zu fördern und damit zur individuellen Selbstverwirklichung beizutragen wie auch zu seiner Harmonisierung insgesamt. So hatte Peerboom in den 1950er Jahren bei ihren Kursen ihr gesammeltes Wissen und ihre erworbene Erfahrung über Rhythmus und Musik, modernen Ausdruckstanz und andere künstlerische Zweige genutzt, um auf der Basis des Körperwissens, das sie sich größtenteils in ihrer Laxenburger Ausbildungszeit einverleibt und im Körper gespeichert hatte, eine wirksame Vorgehensweise zu entwickeln, die ihren Schüler: innen dazu verhalf, dass sie sich mit ihrem Körper ausdrücken konnten − gleichgültig, auf welchem Fähigkeitslevel sie sich befanden oder unter welcher Beeinträchtigung sie gelitten hatten. Sie hatte in Paris u. a. auch an der Montessori-Schule und am Institut für angewandte Psychopädagogik von Créteil unterrichtet und gab darüber hinaus Ferienkurse in und außerhalb Frankreichs. Vermutlich hatte sie dabei aus dem Fundus der in Laxenburg vermittelten Ausbildungsinhalte und Arbeitsweisen schöpfen können, zu denen insbesondere auch die bei Chladek gelernten Prinzipien und Methoden der Körper- und Bewegungsbildung gehörten. So finden sich in Peerbooms Konzept ebenso die Fokussierung auf Schlüsselbegriffe wie Körperzentrum, muskuläre Spannungsbalance, es sind darüber hinaus aber auch die Aspekte der Energie wichtige Betrachtungs- und Orientierungspunkte, die ihre Übungspraxis bestimmten. Die Achtsamkeit auf den Aspekt der Atmung war ein wichtiger Ansatzpunkt ihrer Methode, daher integrierte sie Übungen aus Meditationstech- Abb. 3: Hilde Peerboom (um 1952; Galland-Peerboom 2011, 15) Laxenburger Resonanzen zu körpertherapeutischen Methoden 141 3 | 2026 niken des Yoga und des Zazen (Galland-Peerboom 2011). Die Essenz der von ihr entwickelten Körperarbeit lässt sich nach einem von Angehörigen und Kolleg: innen verfassten Bericht mit den Worten „Respiration-- Concentration- - Movement“ zusammenfassen (Cosnard et al. 1990, 262). Von 1959 bis 1962 hatte Hilde Peerboom in Glion-Montreux (Schweiz) ihr immenses Körper- und Erfahrungswissen und ihre Pädagogik u. a. auch an ihre Tochter Annelise Galland-Peerboom weitergegeben. Bis zu ihrem Tod im Jahr 1979 lehrte Hilde Peerboom ihre feinsinnige Körperarbeit sowohl in einem Vorort von Rennes als auch in Gast- und Ferienkursen innerhalb und außerhalb Frankreichs. Wiederholt besuchte sie dabei das „Centre Lafaurie Monbadon“ in der Nähe von Bordeaux, um Weiterbildungsworkshops zu geben und die Vermittlung ihrer Methode supervidierend zu betreuen und zu unterstützen. An diesem Aus- und Weiterbildungszentrum ist die Weitergabe des künstlerisch-pädagogischen Vermächtnisses von Hilde Peerboom ein zentrales Anliegen von Jacques Garros (2021a / b). Dieser hatte selbst über neun Jahre bei Hilde Peerboom studiert, bevor er 1973 gemeinsam mit seinem Partner Jean Masse, der von Karin Waehner in Modernem Tanz ausgebildet wurde und Mitglied ihrer Tanzgruppe war, das „Centre Lafaurie Monbadon“ gründete. Im Kursangebot dieses im ländlichen Raum gelegenen Aus- und Weiterbildungszentrums verbinden sich bis zum heutigen Tag Körperarbeit mit Tanz, Musik und Theater oder schriftstellerischer Arbeit. Auch Hilde Peerbooms Tochter Annelise Galland Peerboom (1940-2020) gründete 1981 in Rheu, einem Vorort von Rennes, das „Zentrum für Erwachen und Kreativität“. Dort leitete sie über vier Jahrzehnte Kurse und Schulungen in Entspannung, Körperarbeit und Stressmanagement und trug die ganzheitliche Körperarbeit ihrer Mutter in Frankreich weiter. Die von ihr publizierte Veröffentlichung beschreibt in systematischer Weise die grundlegenden Eckpfeiler der Peerboom-Methode (Galland-Peerboom 2011). Begegnung und Austausch: Das Chladek-Tanz- System und Eutonie nach Gerda Alexander Zwischen der Chladek-Lehrweise und dem von Gerda Alexander durch aufmerksame (Selbst-) Beobachtung entwickelte Eutonie-Ansatz sind eine Reihe von Affinitäten und Übereinstimmungen festzustellen. Diese bestehen sowohl hinsichtlich der methodischen Arbeitsweise, die sich vor allem auf die Schulung des kinästhetischen Wahrnehmungssinn richtet, als auch hinsichtlich der in beiden Konzepten zentralen, äußerst differenzierten Betrachtung der muskulären Spannungsveränderungen, die sich im Wechselspiel zwischen Schwerkraft und Eigenenergie auf das Körperverhalten auswirken und zu einem bestimmten Körperausdruck führen. Aufgrund der unterschiedlichen jeweils praxisbezogenen Akzentuierung der beiden Konzepte- - bewegungs- und tanzkünstlerisches Chladek-System und therapeutisch-regulativer Eutonie-Ansatz nach Gerda Alexander- - wird bei letzterem die Selbstregulation des Nervensystems vor allem über sanfte und achtsam ausgeführte Bewegungen, Hautkontakt-Übungen oder auch Ruhestellungen erreicht, die neben der Tonusregulierung zu einer Aktivierung des Parasympathikus und somit zur Entspannung und zur Beruhigung des autonomen Nervensystems beitragen. Trotz der unterschiedlichen Fokussierung sind konzeptionell und im praktischen Tun Verwandtschaften der beiden Ansätze erkennbar. Sie sind insofern leicht nachzuvollziehen, zumal die Wurzeln von beiden unterrichteten Lehren in der rhythmisch-musikalischen Erziehung nach Dalcroze und in den Methoden der damals aufkommenden Ausprägungen und Systeme der gymnastischen Körperbildung liegen, samt deren ästhetischen Leitbildern und dem immanenten Wissen einer funktionellen Körperschulung. Die damals weit verbreitete Methode von Bess M. Mensendieck zur Verbesserung der Körperhaltung und -struktur speziell für die Frauen (Mensendieck 1920) bildete hierbei für beide Ansätze eine wesentliche Basis. 142 Claudia Fleischle-Braun 3 | 2026 Im Folgenden werde ich zunächst auf die konzeptionellen Berührungspunkte und methodischen Ähnlichkeiten zwischen den beiden Lehren eingehen. In einem zweiten Schritt werden die über die biografische Forschung eruierten möglichen Gelegenheiten des wechselseitigen fachlichen Austauschs und der konkreten Zusammenarbeit offengelegt. Dies geschieht mit dem Ziel, neben der angesprochenen historischen auch eine soziale und interaktive Beziehungs- und Resonanzachse zwischen den beiden prominenten Fachexpertinnen und Begründerinnen eigener Lehransätze bzw. „Schulen“ zu finden. Wie bereits im ersten Kapitel dargelegt, basiert Rosalia Chladeks Tanztechnik auf elementaren Bewegungsprinzipien, physikalisch-biomechanischen Gesetzmäßigkeiten und anatomischphysiologischen Funktionen, insbesondere auf dem Zusammenspiel von Schwerkraft und eigener Energie sowie auf der Betrachtung der jeweils eingesetzten muskulären Spannungszustände. Je nach Grad des eingesetzten Muskeltonus wird das Körperverhalten (normal, aktiv, passiv sowie gleichförmig und labil beeinflussbar) unterschieden. Im Hinblick auf die analytische Bestimmung des Bewegungsverlaufs sind neben den musikalischen und bewegungsbestimmenden Parametern Raum, Zeit und Kraft außerdem Beobachtungspunkte einzubeziehen, wie z. B. die Lokalisation der Bewegungsansätze (zentral bzw. peripher, einseitig bzw. doppelseitig), welche zu Schwerpunktveränderungen (Gewichtsverlagerungen bzw. -übertragungen) führen können (Artus/ Paulissen-Kaspar 1999; Ohlsen 2024). Die hier nur knapp angedeuteten Bestimmungsmerkmale sowie einige der von Rosalia Chladek bevorzugten Arbeitsweisen und Methoden finden sich auch in Gerda Alexanders Eutonie. Gerda Alexander hatte seit den 1940er Jahren den von ihr entwickelten und erprobten Arbeitsansatz in ihrem eigenen Ausbildungsinstitut in Kopenhagen gelehrt. Dort unterrichtete sie ihre Arbeitsweise der Eutonie über dreißig Jahre und gab ihr gesammeltes Erfahrungswissen in qualifizierenden Lehrgängen weiter. Die Ziele der von ihr entwickelten somatischen Methode (Alexander 1976; Schäfer 2001; Eutonie Gerda Alexander Deutschland 2025) liegen darin, dass die Praktizierenden ● den Aufbau des eigenen Körpers erspürend, erfahrend kennenlernen und zu einem psychophysischen Gleichgewicht gelangen, ● ihre Wahrnehmungsfähigkeit, Sensibilität und Empfindsamkeit erweitern und steigern, ● Kontakte zur Umwelt erweitern, ihre Beziehungsfähigkeit (zu sich selbst, zum leiblichen Dasein, zum Boden, zu Menschen, auch in ihrem Anderssein …) entwickeln und dabei auch zu einer Resonanzfähigkeit gelangen, ● so eine Bewusstseinsschule erleben und erfahren, die auf eine Regulation des vegetativen und des motorischen Nervensystems (willkürliche Bewegung) sowie des muskulären Tonus (im Sinne der jeweils eingesetzten Grundspannung) gerichtet ist. Auffällige Parallelen und Entsprechungen zum Chladek-Tanzsystem finden sich vor allem in der ähnlichen Vermittlungsweise und im methodischen Vorgehen: ● In den Unterrichtsstunden zur Körperbildung werden Bewegungsaufgaben bevorzugt verbal angeleitet bzw. erklärt. ● Es wird weitgehend keine Stimulierung durch Musik oder Rhythmus oder durch Vormachen einer Bewegung angewendet. ● Das Bewusstmachen von Körperfunktionen ist bedeutsam, insbesondere der jeweils eingesetzten muskulären Tonuslage („Grundspannung“) sowie der als Gegenkraft zur Gravitation eingesetzten „Transport“-Funktion. ● Ein Fokus liegt auf der kinästhetischen Wahrnehmung und ebenso im Bereich der Knochen- und Tiefensensibilität. Wie bereits dargelegt, werden im Ansatz der Eutonie der Selbstregulation sowie dem Aspekt der Stimulierung der Oberflächen- und Haut- Laxenburger Resonanzen zu körpertherapeutischen Methoden 143 3 | 2026 Sensibilität („Kontakt“) eine stärkere Beachtung zugemessen. Um Veränderungen im Körperaufbau festzustellen, kommen bei der Eutonie auch zusätzlich besondere „Kontrollpositionen“ zum Einsatz. Diese dürfen aber keinesfalls im Sinne eines Trainingsprogramms missverstanden werden, vielmehr sind eventuell registrierte Veränderungen eine Folge des vielschichtigen Umgangs mit körperlich-muskulären oder psychisch bedingten Blockaden. Die Berufsbiografie von Gerda Alexander (1908-1994) legt bereits nahe, dass generell Affinitäten in den Arbeitsweisen zwischen Gerda Alexander und Rosalia Chladek bestehen: Gerda Alexander begann ihre Rhythmik-Ausbildung in der Otto-Blensdorfs-Schule in Elberfeld und Bad Godesberg und machte 1927 an der Hochschule für Musik in Berlin ihren staatlichen Prüfungsabschluss. Otto Blensdorf war einer der ersten Schüler von E. Jaques-Dalcroze. In Elberfeld hatte er 1906 die erste deutsche Rhythmik-Schule gegründet, in der er vor allem Rhythmikkurse für Kinder, Jugendliche und Erwachsene leitete. Daneben unterrichtete er an der Theaterschule des Schauspielhauses Düsseldorf und am Konservatorium in Dortmund. 1926 war er mitsamt seiner Schule sowie mit seiner Tochter Charlotte Blensdorf-Mac-Jannet und Gerda Alexander nach Jena übersiedelt, wo er am Modellversuch des Reformpädagogen Peter Petersen beteiligt war. 1928 erfolgte ein erneuter Umzug der „Blensdorf’schen Bewegungs-Schule“ nach Bad Godesberg, nun mit dem Schwerpunkt der Fort- und Weiterbildung von Kindergärtnerinnen, Horterzieherinnen und Lehrer: innen. Charlotte Blensdorf-Mac Jannet und Gerda Alexander wurden 1929 als Gastreferentinnen nach Helsingør (Dänemark) eingeladen, um dort den von Jaques-Dalcroze entwickelten Ansatzder rhythmisch-musikalischen Erziehung vorzustellen. Gerda Alexander wurde daraufhin als Lehrerin für den Rhythmikunterricht an der Fröbel-Hochschule in Seeland und Kopenhagen für die Ausbildung von Kindergärtnerinnen und Hort-Pädagoginnen engagiert. Sie entwickelte auf dem Weg der Selbstbeobachtung eine Methode der somatischen Bewegungserziehung, die sie mit ihren Schüler: innen weiter erprobte. Ab 1940 leitete sie das von ihr gegründete Ausbildungsinstitut in Kopenhagen und lehrte dort bis 1987. Darüber hinaus gab sie im gesamten europäischen Raum und weltweit Aus- und Weiterbildungskurse, in denen sie ihre somatische Methode und die Prinzipien ihrer Bewegungspädagogik unterrichtete. Wann Gerda Alexander Rosalia Chladek erstmals getroffen hatte oder ihre Kontakte begannen, bleibt unklar. Gerda Alexander hatte in einem Gespräch mit Hadassa K. Moscovici (1989, 51) berichtet, dass sie die Tanzkünstlerin im Rahmen eines gemeinsamen Ausbildungskurses kennengelernt hatte. Da Gerda Alexander selbst gelegentlich sowohl tänzerisch als auch theatral performativ aktiv und zwischen 1930 und 1951 sogar vereinzelt choreografisch tätig war, wäre es auch denkbar, dass sich die beiden Bewegungsexpertinnen in Verbindung einer Ausdruckstanz- oder Rhythmik-Fortbildung begegnet sind, zumal Gerda Alexander die Kommunikation und den Gedankenaustausch mit Kolleg: innen aus affinen Fachgebieten wohl zeitlebens außerordentlich schätzte (Guinand 2024). Nach dem von Gerda Alexander 1959 in Kopenhagen organisierten „1. Internationalen Kongress für Entspannung und natürliche Bewegung“, bei dem u. a. Moshé Feldenkrais und Rosalia Chladek als Referent: innen mitgewirkt hatten, gab es dann in den 1960er Jahren für Gerda Alexander und Rosalia Chladek bei internationalen Konferenzen oder Fachtagungen mehrfach Begegnungsmöglichkeiten, um sich eventuell auch fachlich auszutauschen, beispielsweise 1960 beim Tänzerkongress in Zürich oder 1963 in Wien-Schönbrunn beim Treffen der Internationale Union der Dalcroze-Lehrer. Dort war Gerda Alexander jeweils eingeladen, um einen Eutonie-Kurs zu halten. Zudem waren die beiden Pädagoginnen 1962 als Referentinnen beim Internationalen Sommerkurs des Schweizerischen Berufsverbands für Tanz und Gymnas- 144 Claudia Fleischle-Braun 3 | 2026 tik (SBTG) in Zürich engagiert und ebenso (zusammen mit Moshé Feldenkrais) beim Symposium „Body Image“ (1967) an der renommierten israelischen Wingate-Sporthochschule. Im Laufe der 1960er Jahren intensivierte sich dann ihre Zusammenarbeit. Rosalia Chladek gab mehrere Gastkurse in Kopenhagen an der von Gerda Alexander geleiteten Ausbildungseinrichtung, um dort ihre Tanztechnik und Lehrweise vorzustellen. Auch diese boten Gelegenheit, um Besonderheiten der von ihnen gelehrten bewegungspädagogischen Arbeitsansätze zu diskutieren oder abzuklären. Zudem hatte Gerda Alexander (zusammen mit Hans Groll, Leiter des Instituts für Leibeserziehung der Universität Wien) anlässlich des 60. Geburtstags von Rosalia Chladek (1965) eine Festschrift verfasst. Darin wurden, neben zahlreichen Zeugnissen der k ollegialen Verbundenheit von Weggefährt: innen und Tänzerpersönlichkeiten, die Grundlagen des Chladek-Tanzsystems dokumentiert. Diese Monografie zu Chladeks Lebenswerk entstand vermutlich in einer engen und freundschaftlichen Absprache und Kollaboration der beiden Protagonistinnen. Ein Foto aus den 1970er Jahren mit Rosalia Chladek und Gerda Alexander in einem fast privaten Rahmen, aufgenommen in der Schweiz, lässt durchaus eine gewisse Vertrautheit zwischen den beiden Kolleginnen erahnen. In den 1970er Jahren waren sie tatsächlich mehrfach bei Sommerkursen des neu gegründeten „Forums für Musik und Bewegung“ in Lenk (Wallis) aktiv, und Gerda Alexander hatte außerdem im Herbst 1972 u. a. in Zürich mit ihren Kopenhagener Studierenden ihre Arbeit vorgestellt. Auch wenn für die 1940er / 1950er Jahre, als Gerda Alexander ihre eigene Ausbildungsschule gründete und sie mit der forschenden Ausarbeitung und Ausformulierung ihres Eutonie-Ansatzes beschäftigt war, keine weiteren nachweisbaren Belege eines direkten Kontakts oder Fachaustauschs gefunden werden konnten, erscheinen die dargelegten konzeptionellen und die in der praktischen Ausübung hervortretenden Ähnlichkeiten zwischen dem Chladek-Tanzsystem und dem Eutonie-Ansatz in vielen Punkten aus historisch-vergleichendem Blickwinkel plausibel und nachvollziehbar. Fazit und Ausblick Die historisch-genealogischen Zusammenhänge und der Einfluss der Laxenburger Lehrarbeit auf den Bereich der Körpertherapie konnten durch diese Studie weiter erhellt und detaillierter nachgezeichnet werden. Aus dem Nachdenken über die diskursiv verhandelten Kernpunkte bei der von Andrea Amort organisierten Wiener Tagung ergaben sich daraus meine weiteren Suchbewegungen und Nachforschungen darüber, welche konzeptionellen Bausteine und Wirkgrößen in den jeweiligen Ansätzen zusammengekommen sind und in den verschiedenen Arbeitsbereichen wirksam werden. Die Ergebnisse dieser historiografischen Studie zu den Arbeitsansätzen von Rosalia Chladek, Gerda Alexander und Hilde Perboom zeigen nicht nur deren konzeptionellen und methodischen Übereinstimmungen auf. Es werden dadurch auch grundsätzliche Fragen aufgeworfen, u. a. welche speziellen Elemente, Arbeitsmittel und -methoden eine somatische Bewegungs- und Ausdrucksarbeit oder Körpertherapie in ihrer spezifischen Vermittlungspraxis als eine eigens elaborierte Technik definieren. Aufschlussreich wären hierzu weitere explorierende und vergleichende Praxis- und Bewegungsforschungen (im Sinne von Bewegungslaboren), um zu einer detaillierteren und tiefgründigeren Klärung zu gelangen. Nicht zuletzt bleibt auch die Frage, welche strukturellen Rahmenbedingungen gegeben sein müssen, um eine über die eigene Generation hinweg reichende Erinnerung und Weitergabe von somatischen Methoden und Tanztechniken zu ermöglichen. Diese Fragen und Überlegungen zu den immateriellen Dimensionen der bewegungskulturellen Weitergabe und Übertragung hätten sich vermutlich Laxenburger Resonanzen zu körpertherapeutischen Methoden 145 3 | 2026 für mich nicht so dringlich herauskristallisiert, wenn es das Wiener Mini-Symposium zu Laxenburg und zum Modernen Tanz nicht gegeben hätte. Und es wird auch für das Team des Netzwerks Moderner Tanz (Netzwerk Moderner Tanz 2026) eine Forschungsaufgabe sein, sich solchen Fragen zukünftig vermehrt zu widmen, um das Spezifische von bewegungskulturellen Praktiken oder Tanzstilen und ebenso deren Wandel besser erfassen und reflektieren zu können. Literatur Alexander, G. (1976): Eutonie. Ein Weg zur körperlichen Selbsterfahrung. Kösel, München Alexander, G., Groll, Hans (Hrsg.) (1965): Tänzerin, Choreographin, Pädagogin Rosalia Chladek. ÖBV. Pädagogischer Verlag, Wien Artus, H.-G., Paulissen-Kaspar, M. (1999): Tänzerische Körperbildung Lehrweise Chladek. Floran Noetzel, Wilhelmshaven Cosnard, M., Galland, P., Galland, A., Golhen, M., Le Bourva, R. (1990): Hilde Peerbohm. In: Robinson, J. (Hrsg.): L’aventure de la danse moderne en France (1920-1970). Bougé, Paris, 260-263 Denby, E. (1929): Über seelische Rückwirkungen der Gymnastik. 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(2001): Gesundheit-- Lernen-- Kreativität. Verlag Hans Huber, Bern u. a. Dr. Claudia Fleischle-Braun Bewegungs- und Tanzpädagogin, 1978-2006 wissenschaftliche Mitarbeiterin und Dozentin am Institut für Sport- und Bewegungswissenschaften der Universität Stuttgart, Mitarbeit im Team des Netzwerks Moderner Tanz. ✉ Dr. Claudia Fleischle-Braun Kastanienweg 8 | D-70597 Stuttgart c-fleischle@t-online.de
