eJournals körper tanz bewegung14/3

körper tanz bewegung
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2195-4909
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/ktb2026.art21d
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Aktuelles aus der Forschung: Aktuelle Studien

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Sabine Koch
Dieser aktuelle Beitrag stellt drei bewegungsbezogene Studien vor, die kürzlich in „The Arts in Psychotherapy“ erschienen: (a) das SMT-Modell der Synchronizität von Shochat, (b) eine systematische Übersichtsarbeit von Raja et al. zur Tanztherapie im Strafvollzug (DMT in Prison) und (c) eine Primärstudie zu Tanztherapie bei Demenz und Demenzangehörigen von Champagne und Mock.
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Aktuelles aus der Forschung 151 körper-- tanz-- bewegung 14. Jg., S. 151-155 (2026) DOI 10.2378/ ktb2026.art21d © Ernst Reinhardt Verlag Aktuelle Studien D ieser aktuelle Beitrag stellt drei bewegungsbezogene Studien vor, die kürzlich in „The Arts in Psychotherapy“ erschienen: (a) das SMT-Modell der Synchronizität von Shochat, (b) eine systematische Übersichtsarbeit von Raja et al. zur Tanztherapie im Strafvollzug (DMT in Prison) und (c) eine Primärstudie zu Tanztherapie bei Demenz und Demenzangehörigen von Champagne und Mock. Das SMT-Modell Der Artikel von Shochat (2026) stellt mit dem Synchronization Modulation Transitions (SMT)- Modell ein neues theoretisches Rahmenkonzept vor, das Synchronizität als zentralen, dynamischen Wirkmechanismus in der Psychotherapie- - exemplarisch in der sensorimotorischen Kunsttherapie-- konzeptualisiert. Im Grundkonzept wird Synchronizität als verkörperte Form lebendiger Koordination verstanden, die auf physiologischer, emotionaler und relationaler Ebene wirkt. Während sie bislang häufig als Nebenprodukt therapeutischer Prozesse galt, beschreibt das SMT-Modell sie als aktive, veränderungsrelevante Kraft. Veränderung entsteht durch modulierte Übergänge zwischen Selbstzuständen, insbesondere zwischen dem präverbalen Minimal Self und dem symbolisch-reflexiven Narrative Self (Gallagher 2000; Zahavi 1999). Das Modell integriert neurobiologische, phänomenologische und kunsttherapeutische Perspektiven und unterscheidet zwischen intra- und interpersonaler Synchronie. Diese stehen in einem rhythmischen Wechselverhältnis. Synchronizität wird als dynamischer Prozess von Koordination, Dissonanz und Reparatur verstanden, der Flexibilität, Sicherheit und relationales Wachstum ermögliche. Grundlagen bilden u. a. neuronale Synchronisation, Neuroplastizität, prädiktives Kodieren und autonome Rhythmen. In der Embodiment-Forschung werden Minimal Self und Narrative Self als differenzierte, jedoch gekoppelte Systeme verstanden. Die Bewegung zwischen ihnen sei zentral für Regulation und Transformation. Körper, Wahrnehmung und Bewegung fungieren als grundlegende Elemente der Selbstkonstitution und seien kreativ modulierbar. Ästhetische Erfahrungen spiegelten die Spannung zwischen Ordnung und Chaos wider und werden über kreative Modalitäten zugänglich. Künstlerische Prozesse könnten als rekursive Bewegungen zwischen Körper, Symbolisierung und Bedeutung beschrieben werden, die integrative Prozesse fördern. Synchronizität umfasse sowohl Abstimmung als auch Dissonanz in Rhythmen von Annäherung, Distanzierung und „Repair“ (Widergutmachung einer Disruption, oft auf nonverbaler Ebene) und leiste bedeutsame Beiträge in den Bereichen der Empathie, Bindung und Emotionsregulation. Entscheidend sei die Flexibilität, einschließlich dem Zulassen von temporärer Desynchronisation und Kommunikations- oder Beziehungs-“Reparatur“. Neurobiologisch wird Synchronizität als Rhythmisierung zwischen neuronalen und autonomen Systemen verstanden. 152 Sabine C. Koch 3 | 2026 Das SMT-Modell umfasst Prozessdimensionen (Modulation, Attunement, Rhythmizität) und Inhaltsdimensionen (Übergänge zwischen Selbstebenen), z. B. der rekursiven Bewegung und der Emergenz eines „synchronisierten Selbst“. Klinisch impliziert das Modell die gezielte Förderung von Koordinations-, Dissonanz- und „Reparatur“-Prozessen. Therapeutische Prozesse werden durch Parameter wie Tempo, Intensität und Richtung strukturiert. Mikro- und Makrofluktuationen sowie abgestimmte Interventionen spielen eine zentrale Rolle. Empirisch wird insbesondere die Verbindung zwischen physiologischer Synchronisation und subjektivem Erleben untersucht. Zusammenfassend versteht das SMT-Modell Synchronizität als dynamischen, rhythmischen Prozess, der durch Übergänge zwischen Selbstzuständen Veränderung ermöglicht. Es betont die Bedeutung von Rhythmus, Bewegung und Ausdruck und bietet eine integrative Perspektive auf psychotherapeutische Veränderungsprozesse. Übersichtsarbeit zur Tanztherapie im Strafvollzug Die zweite Studie von Raja et al. (2026) stammt aus Australien und gibt eine Übersicht zu den vorliegenden quantitativ-empirischen Arbeiten im Bereich der Tanztherapie im Strafvollzug. Die weltweite Gefängnispopulation sei seit dem Jahr 2000 um insgesamt 27 % gewachsen. Rehabilitationsprogramme in Gefängnissen basieren auf dem „Risk Needs Responsivity Model“ (Risiko-Bedürfnis-Reaktionsmodell), jedoch bestehe die Notwendigkeit, überintellektualisierte Therapiemodelle zu vermeiden. Das Interesse an Künstlerischen Therapien in der forensischen Versorgung wachse, jedoch gäbe es nach wie vor nur wenig Literatur zum Thema Tanz und Tanz- und Bewegungstherapie (DMT). Diese systematische Übersicht zielt darauf ab, die Anwendung von Tanz und DMT in Gefängnissen sowie den Stand der Forschung zu bewerten. Es wurden Daten zu therapeutischen Ergebnissen, Zielgruppe, Interventionsdosierung und Ergebnismessungen erhoben. Aufgrund der Heterogenität der Studien wurde eine narrative Synthese durchgeführt, und die Cluster wurden anhand des Dunphy Outcomes Framework (DOF) klassifiziert. Es wurden sechs Studien einbezogen, die zeigten, dass Tanz und DMT in Gefängnissen eine Vielzahl von Auswirkungen auf die folgenden Bereiche des DOF haben: emotional, sozial, körperlich, kulturell, kognitiv und integrativ (Tab. 1). Die Studien blieben mit nur zwei kontrollierten Studien auf einem niedrigen Evidenzniveau. Die Übersicht unterstreicht die Notwendigkeit weiterer empirischer Forschung. Die bisherigen Ergebnisse sind vielversprechend und deuten darauf hin, dass Tanz und DMT in forensischen Einrichtungen positive Auswirkungen haben können. Tanztherapie mit Pflegenden von Personen mit Demenz In der dritten Studie von Champagne & Mock (2026) geht es um die Auswirkungen von Tanztherapie auf Pflegende von Personen mit Demenz. Vergangene Untersuchungen zu Maßnahmen, um Pflegende von Demenzkranken zu unterstützen, konzentrieren sich oft auf kognitive Strategien zur Verringerung negativer psychologischer Folgen (z. B. Belastung). Es fehlt jedoch an ressourcenorientierten Programmen, die darauf abzielen, die positiven Aspekte der Gesundheit von Pflegenden zu fördern. Die Studie untersuchte die Vorteile der Tanz- und Bewegungstherapie (DMT) für Pflegende von an Demenz erkrankten Angehörigen. An der aktuellen Studie nahmen zehn Frauen am ersten DMT-Programm für Pflegende von Demenzkranken teil, das mit einem konvergenten Mixed-Methods-Design evaluiert wurde. Die Belastung und Resilienz der Pflegenden Aktuelles aus der Forschung 153 3 | 2026 ID Titel (kurz) Land Stichprobe Design Intervention Messinstrumente Bias Ergebnisse 1 Kreatives Kunstprogramm (Dunphy 1999) USA N = k.A., 15-40 J., Frauen Qualitativ Multi-Arts Performance k. A. 80 % kulturell, kognitiv, sozial 2 Bewegungsbasierte Emotionsregulation (Koch et al. 2025) Deutschland N=29 (Kontrolle N=18), erw. Männer Pilotstudie (Pre / Post, Warteliste) Bewegungs- & Emotionstraining (Aikido, Rollenspiel) STAXI, Aggression, Körperbewusstsein KMP, u. a. 100 % physisch, emotional, sozial 3 Bewegungstraining (forensisch) (McConnell 1989) USA N=11 (Kontrolle N=21), Männer Gruppenvergleich Tanz- / Bewegungstherapie Selbstkonzept, Verhalten 100 % kognitiv 4 Integrierte Kunsttherapie (Koiv / Kaudne 2015) Estland N=12 (Kontrolle N=17), weibliche Jugendliche quasi-experimentell Kunsttherapie (Musik, Drama, Tanz) SDQ, Verhaltenscheckliste 88 % emotional, sozial 5 Sport im Gefängnis (Herold et al. 2023) Deutschland N=134, Männer Querschnitt Sport (Ausdauer, Kampfkunst, Kraft, Fußball) Wohlbefinden, Vertrauen, Gesundheit 75 % kognitiv, sozial 6 Freizeit & Selbstwert (Basaran 2016) Türkei N=23, Frauen Querschnitt Tanz (z. B. Salsa, Zumba) Selbstwert, Einsamkeit k. A. kognitiv, sozial Tab. 1: Studienübersicht 154 Sabine C. Koch 3 | 2026 wurde zu Beginn und nach der Nachuntersuchung bewertet, und die therapeutischen Faktoren der DMT wurden an drei Zeitpunkten unmittelbar nach der DMT (Woche 3, 4 und 5) bewertet. Methodisch wurde mit der Experience of Creation Scale (Lange et al. 2018) und der Therapeutic Factors Scale (Koch et al. 2016) gearbeitet, um Wirkfaktoren zu erfassen. Die Experience of Creation Scale (Lange et al. 2018) erfasst Konstrukte, die den Resilienzfaktoren kognitive Flexibilität und Selbstwirksamkeit im DMT-Prozess ähneln; die Teilnehmenden bewerteten auf einer 5-stufigen Skala (1 = gar nicht, 5 = trifft genau zu), wie stark sie sich im Moment ermächtigt, frei zu entscheiden, wirksam und kreativ fühlten. Zur Erfassung weiterer therapeutischer Faktoren der Tanztherapie wurde die Therapeutic Factors Scale (Koch et al. 2016) eingesetzt. Diese 8-Item-Skala misst Resilienzfaktoren wie das Erleben positiver Emotionen, emotionalen Ausdruck sowie Sinngebung / Symbolisierung. Die Teilnehmenden sollten dabei an die letzte Stunde der Bewegung zurückdenken und Aussagen wie „Wie viel Freude haben Sie erlebt? “ und „Wie gut konnten Sie Ihre Gefühle ausdrücken? “ auf einer 10-stufigen Skala (1 = gar nicht, 10 = sehr stark) bewerten. Die quantitativen Analysen zeigten, dass die Belastung der Pflegenden signifikant reduziert wurde und die Resilienz zwar zunahm, jedoch nicht signifikant. Qualitative Ergebnisse aus Tagebucheinträgen und halbstrukturierten Inter- Pflegebelastung ↓ ∙ Kongruente Resultate der quantitativen und qualitativen Datenerhebung ∙ Signifikante Reduktion der Belastung (MD = 0,186; p = 0,032) ∙ Erfahrung: Mehr Energie, Gefühl von Leichtigkeit, bessere Bewältigung des Alltags Resilienz ↑ ∙ Diskrepante Resultate: Quantitativ: Keine signifikante Veränderung (MD = -0,125; p = 0,551) ∙ Erfahrung: Subjektiv erhöhte Widerstandskraft (Starke Korrelation r = 0,853; p < 0,001) DMT-Wirkfaktoren (=Resilienzfaktoren) 1. Selbstwirksamkeit ∙ Kongruente Ergebnisse: Gefühl von Empowerment, Kontrolle und Einfluss ∙ Bewegung als frei und selbstbestimmt erlebt 2. Positive Emotionen & Schönheit ∙ Kongruente Ergebnisse: Freude, Genuss, Schönheit ∙ Emotionale Entlastung und Mischung aus Freude und Trauer 3. Kognitive Flexibilität ∙ Kongruente Ergebnisse: Kreativität und spielerische Bewegung ∙ Stressabbau ohne verbale Kommunikation 4. Sinnfindung ∙ Kongruente Ergebnisse: Ausdruck von Gefühlen durch Bewegung, Verbindung von Körper und Geist ∙ Aktivierung tiefer Emotionen Anmerkung: Kreativität wurde auf einer Skala von 1-5 gemessen, therapeutische Faktoren auf einer Skala von 1-10. Abb. 1: Hauptergebnisse: Entlastung und Resilienz durch DMT Aktuelles aus der Forschung 155 3 | 2026 Prof. Dr. phil. habil. Sabine C. Koch Psychologin und Tanztherapeutin (ADTA, BTD), Professorin / Leiterin des Forschungsinstituts RIArT, Alanus Hochschule Bonn, Professorin SRH Hochschule Heidelberg (Master DMT); Chefredakteurin GMS JAT. ✉ Prof. Dr. phil. habil. Sabine C. Koch, M.A., DTR, ADTA, BTD Forschungsinstitut für Künstlerische Therapien (RIArT) Alanus Hochschule Alfter / Bonn Villestr. 3 | D-53347 Alfter sabine.koch@alanus.edu views zeigten, dass die DMT die Bewältigung durch die Stärkung von Resilienzfaktoren wie Selbstwirksamkeit und kognitiver Umdeutung verbesserte (Abb. 1). Zusammengenommen deuten diese Ergebnisse darauf hin, dass Tanztherapie als Intervention für Pflegende vielversprechend ist, da sie die Belastung von Pflegenden sinnvoll verringern und Resilienzfaktoren stärken kann. Es sind weitere Untersuchungen erforderlich, die die Ergebnisse und Mechanismen der DMT für Pflegende im Kontext der Demenzpflege messen. Literatur Champagne, E. R., Mock, S. E. (2026): The impacts of dance / movement therapy on dementia caregivers’ burden and resilience: A mixedmethods exploration. The Arts in Psychotherapy 97, 102410, https: / / doi.org/ 10.1016/ j. aip.2025.102410 Gallagher, S. (2000). Philosophical conceptions of the self: implications for cognitive science. Trends in Cognitive Sciences 4 (1), 14-21, https: / / doi.org/ 10.1016/ s1364-6613(99)01417-5 Koch, S. C., Mergheim, K., Raeke, J., Machado, C. B., Riegner, E., Nolden. J., Diermayr, G., von Moreau, D., Hillecke, T. K. (2016): The embodied self in parkinson’s disease: Feasibility of a single tango intervention for assessing changes in psychological health outcomes and aesthetic experience. Frontiers in Neuroscience 10, https: / / doi.org/ 10.3389/ fnins.2016.00287 Lange, G., Leonhart, R., Gruber, H., Koch, S. C. (2018): The effect of active creation on psychological health: A feasibility study on (therapeutic) mechanisms. Behavioral Sciences 8 (2), 25, https: / / doi.org/ 10.3390/ bs8020025 Raja, T. L. S., Dumaresq, E., Koch, S. C. (2026): Dance in prisons: A systematic review and narrative synthesis. The Arts in Psychotherapy 97, 102403, https: / / doi.org/ 10.1016/ j. aip.2025.102403 Shochat, I. (2026): Synchrony as a therapeutic framework: Synchronization modulation transitions model through sensorimotor art therapy. The Arts in Psychotherapy, 97, 102406. https: / / doi.org/ 10.1016/ j.aip.2025.102406 Zahavi, D. (1999): Self-awareness and alterity: A phenomenological investigation. Northwestern University Press, Evanston