körper tanz bewegung
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2195-4909
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Forum: Emotorics
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Hanna Skrzypek
Der Beitrag stellt das von Yona Shahar-Levy entwickelte System „Emotorics – Emotive-Body-Movement-Mind Paradigm“ als theoretisch fundiertes Modell zur Analyse emotiver Bewegung vor. Ziel des Beitrags ist es, die konzeptionelle Struktur, die methodische Logik sowie die diagnostischen Implikationen des Ansatzes systematisch darzustellen. Ausgehend von der Annahme, dass Bewegung aus dem dynamischen Zusammenwirken sensorischer, motorischer, emotionaler und relationaler Prozesse hervorgeht, werden die zentralen Strukturprinzipien des Modells erläutert. Besonderes Augenmerk gilt dem binären Bewegungsprofil mit seinen 22 Handlungseinheiten, das eine differenzierte Beschreibung und Interpretation menschlicher Bewegungsorganisation ermöglicht. Der Beitrag zeigt, dass Emotorics ein systematisch begründetes Instrument zur Analyse emotiver Bewegung bereitstellt, das differenzierte Aussagen über Regulations-, Beziehungs- und Entwicklungsprozesse ermöglicht. Das Emotorics-EBMMP – Kreisdiagramm aus diesem Artikel können Sie hier herunterladen: https://s3.eu-central-1.amazonaws.com/coverpubl-erv-01/KTB20260404/SP/BMMA_profil_4.pdf
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172 Forum: Unter der Lupe Emotorics Struktur, Logik und diagnostische Implikationen eines psychomotorischen Bewegungsanalysemodells Hanna Skrzypek Der Beitrag stellt das von Yona Shahar-Levy entwickelte System „Emotorics-- Emotive-Body-Movement-Mind Paradigm“ als theoretisch fundiertes Modell zur Analyse emotiver Bewegung vor. Ziel des Beitrags ist es, die konzeptionelle Struktur, die methodische Logik sowie die diagnostischen Implikationen des Ansatzes systematisch darzustellen. Ausgehend von der Annahme, dass Bewegung aus dem dynamischen Zusammenwirken sensorischer, motorischer, emotionaler und relationaler Prozesse hervorgeht, werden die zentralen Strukturprinzipien des Modells erläutert. Besonderes Augenmerk gilt dem binären Bewegungsprofil mit seinen 22-Handlungseinheiten, das eine differenzierte Beschreibung und Interpretation menschlicher Bewegungsorganisation ermöglicht. Der Beitrag zeigt, dass Emotorics ein systematisch begründetes Instrument zur Analyse emotiver Bewegung bereitstellt, das differenzierte Aussagen über Regulations-, Beziehungs- und Entwicklungsprozesse ermöglicht. Schlüsselbegriffe Emotorics, Bewegungsbeobachtung, psychomotorische Bewegungsanalyse, Bewegungsverhalten Emotorics. Structure, Logic, and Diagnostic Implications of a Psychomotor Movement Analysis System This paper presents „Emotorics - Emotive-Body-Movement-Mind Paradigm“ as a theoretically grounded framework for the analysis of emotive movement developed by Yona Shahar-Levy. The aim of the paper is to systematically outline the conceptual structure, methodological logic, and diagnostic implications of the approach. Based on the assumption that movement emerges from the dynamic interaction of sensory, motor, emotional, and relational processes, the paper explains the model’s central structural principles. Particular attention is given to the binary movement profile comprising 22 action units, which enables a differentiated description and interpretation of human movement organization. The paper demonstrates that Emotorics provides a systematically grounded instrument for the analysis of emotive movement, allowing differentiated insights into processes of regulation, interpersonal relating, and development. Key words Emotorics, movement observation, psychomotor movement analysis, movement behaviour körper-- tanz-- bewegung 14. Jg., S. 172-181 (2026) DOI 10.2378/ ktb2026.art24d © Ernst Reinhardt Verlag 173 Emotorics als psychomotorisches Bewegungsanalysemodell 4 | 2026 D as von Yona Shahar-Levy entwickelte System „Emotorics- -- Emotive-Body-Movement-Mind Paradigm“ stellt ein umfassendes Modell zur Analyse emotiver Bewegung dar, das auf der systematischen Beobachtung, Beschreibung und Interpretation des menschlichen Bewegungsverhaltens basiert (Shahar- Levy 2001a, 2001b, 2004, 2009, 2012). Es ist sowohl als diagnostisches als auch als therapeutisches und forschungsbezogenes Instrument konzipiert und zielt darauf, die Organisation emotiv-motorischer Prozesse (Shahar-Levy 2001b, 380) in ihrer Komplexität zugänglich zu machen. Das Modell wurde ursprünglich im Kontext der Bewegungs- und Tanztherapie konzipiert und steht mittlerweile auch in evaluierter Form für musiktherapeutische Anwendungen zur Verfügung (Skrzypek 2018). Im Zentrum des Systems steht die Annahme, dass emotive Bewegung (Shahar-Levy 2001b, 381) ein dynamisches, multi-variables System darstellt. Bewegung entsteht nicht als isolierte motorische Handlung, sondern aus dem Zusammenwirken sensorischer, motorischer, emotionaler und relationaler Prozesse. Diese Prozesse sind durch intrinsische Rhythmen und re-afferente Verknüpfungen organisiert und bilden ein sich kontinuierlich modulierendes Gefüge, in dem sich das Selbst als primär sensomotorisches System manifestiert (Shahar-Levy 2001a, 3 ff; 2009, 267). Methodische Prozesslogik Die methodische Vorgehensweise in Emotorics folgt einer klar strukturierten, zugleich offenen und iterativen Prozesslogik: Am Beginn steht die Formulierung von Arbeitshypothesen. Diese entstehen aus ersten Beobachtungen und dienen als vorläufige Orientierung. Sie besitzen keinen festlegenden Charakter, sondern werden im weiteren Verlauf kontinuierlich überprüft, erweitert oder revidiert (Shahar-Levy 2001a, 2001b, 2009, 2012). Die anschließende Phase der Beobachtung ist durch Kumulativität gekennzeichnet. Bewegung wird nicht punktuell erfasst, sondern wiederholt betrachtet. Einzelne Beobachtungen werden zueinander in Beziehung gesetzt, wodurch sich schrittweise ein differenziertes Bewegungsprofil herausbildet. Diese kumulative Wahrnehmung erlaubt es, Variationen, Wiederholungen und Übergänge sichtbar zu machen (Shahar-Levy 2001a, 2001b, 2009). Parallel dazu erfolgt eine ebenso differenzierte Dokumentation. Dokumentation ist nicht bloßes Festhalten, sondern Teil des Erkenntnisprozesses. Sie ermöglicht es, Beobachtungen zu präzisieren, zu vergleichen und im zeitlichen Verlauf nachzuvollziehen (Shahar-Levy 2001a, 2001b, 2009). Die Datenerhebung erfolgt durch die systematische Beobachtung des spontanen Bewegungsverhaltens. Dabei werden einzelne Bewegungssequenzen wiederholt betrachtet und hinsichtlich ihrer energetischen, formalen, rhythmischen und modalen Merkmale beschrieben. Die Beobachtung richtet sich nicht auf isolierte Einzelbewegungen, sondern auf die Organisation von Bewegungsabläufen, ihre Übergänge, Wiederholungen und Variationen. Die erhobenen Beobachtungen werden fortlaufend dokumentiert und schrittweise zu einem individuellen Bewegungsprofil verdichtet. Die Analyse orientiert sich an den im Emotorics-System beschriebenen Beobachtungsdimensionen. Hierzu gehören insbesondere die Bewegungsmodifikatoren Energie, Form, Rhythmus und Modus sowie deren Zusammenwirken innerhalb emotiv-motorischer Zyklen und der binären Bewegungsorganisation. Im weiteren Verlauf werden zusätzliche Ebenen einbezogen: biografische Aspekte, Beziehungsgeschichte, universelle biologische Gegebenheiten sowie verbale Selbstberichte. Diese Kontextualisierung erweitert das Verständnis, ohne die primäre Orientierung an der beobachtbaren Bewegung zu relativieren (Shahar-Levy 2009, 2012). 174 Hanna Skrzypek 4 | 2026 Die Analyse kulminiert in der Untersuchung der psychomotorischen Dynamik. Hier werden zentrale Organisationsdimensionen der Bewegung differenziert erfasst: der Umgang mit der Schwerkraft, die Struktur der Körperform, die Organisation der Kinesphäre, die Dynamik emotiv-motorischer Zyklen, die Balance zwischen Bewegungsqualitäten sowie die Regulation von Emotionen und Antrieben. Ebenso werden Konfliktlinien, Ressourcen und memorierte Muster sichtbar (Shahar-Levy 2001a, 2001b, 2004, 2009, 2012). Strukturprinzip emotiver Bewegung Ein grundlegendes Strukturprinzip von Emotorics liegt in der Verbindung von universellen Bedingungen und individueller Ausprägung. Die neuroanatomische Struktur des menschlichen Körpers sowie physikalische Gesetzmäßigkeiten definieren einen universellen Möglichkeitsraum für Bewegung. Innerhalb dieses Rahmens entwickeln sich individuelle emotiv-motorische Muster (Shahar-Levy 2001a, 4; 2001b, 381; 2004, 7). Schwerkraft und interpersonale Gravitation Eine zentrale Bedeutung kommt dabei der Schwerkraft zu. Die Art und Weise, wie sich ein Mensch zur Gravitation verhält, ist ein grundlegender Indikator für die Organisation des Systems. Körperhaltung, Gewichtsverlagerung und Bewegungsrichtung spiegeln nicht nur biomechanische Prozesse, sondern auch energetische und motivationale Zustände wider (Shahar-Levy 2009, 270 ff ). Die Beziehung zur Schwerkraft kann als ein Kontinuum verstanden werden, das von Hingabe über Kooperation bis hin zum aktiven Widerstand reicht. Diese unterschiedlichen Modi verweisen auf spezifische Formen der Selbstregulation und der energetischen Organisation (Shahar-Levy 2009, 270 ff ). Ergänzend dazu beschreibt das System eine horizontale Dimension, die als interpersonale Gravitation gefasst wird. Hier zeigt sich, wie sich der Körper im relationalen Raum organisiert - in Formen von Annäherung, Distanzierung, Öffnung oder Rückzug. Bewegung wird damit zu einem Medium, in dem sich Beziehung unmittelbar verkörpert (Shahar-Levy 2009, 271). Die vier Bewegungsmodifikatoren Die differenzierte Analyse emotiver Bewegung erfolgt über vier grundlegende Modifikatoren: Energie, Form, Rhythmus und Modus. Diese bilden die strukturellen Dimensionen jeder Bewegung und treten stets in Kombination auf (Shahar-Levy 2009, 272 ff ). ● Der Energie-Modifikator beschreibt den Einsatz von Kraft, die Intensität von Bewegung sowie den Fluss oder die Hemmung von Impulsen. Er gibt Aufschluss darüber, wie Bewegung initiiert und getragen wird und in welchem Maß Energie verfügbar oder gebunden ist. Energie wird dabei als die Grundlage verstanden, aus der Bewegung entsteht und durch die sie in ihrer Intensität und Dynamik organisiert wird. ● Der Form-Modifikator bezieht sich auf die organisationale Gestalt der Bewegung. Hier werden Orientierung zur Körperachse, räumliche Ausrichtung sowie die Beteiligung einzelner Körpersegmente differenziert betrachtet. Die Frage, ob Bewegung vom Torso oder von den Extremitäten ausgeht, ist ebenso relevant wie die Richtung der Bewegung im Raum. ● Der Rhythmus-Modifikator beschreibt die zeitliche Struktur der Bewegung. Er umfasst Aspekte wie Tempo, Kontinuität, Fragmentierung und Wiederholung. Rhythmus ist eng mit emotionalen Prozessen verbunden und reflektiert die Art und Weise, wie Spannungen aufgebaut, gehalten und transformiert werden. Emotiv-motorische Reaktion 175 Emotorics als psychomotorisches Bewegungsanalysemodell 4 | 2026 ● Der Modus-Modifikator schließlich beschreibt die Qualität der Organisation und Regulation von Bewegung. Er umfasst Differenziertheit, Variabilität, Flexibilität sowie die Regulation von Aufmerksamkeit. Damit eröffnet er einen Zugang zu funktionalen und kognitiven Ebenen des Systems. Erst in der Verschränkung dieser vier Dimensionen wird die spezifische Qualität einer Bewegung sichtbar (Shahar-Levy 2009, 272 ff ). Diese vier Modifikatoren bilden gleichzeitig die Beobachtungskategorien der Analytiker: innen. Emotiv-motorische Zyklen Ein zentrales Analyseinstrument des Systems ist das Konzept der emotiv-motorischen Zyklen (Shahar-Levy 2009, 274). Bewegung wird hier als zeitlich strukturierter Prozess verstanden, der durch Phasen von Initiierung, Entfaltung und Abschluss gekennzeichnet ist. Freie Zyklen zeigen sich in kontinuierlichem Fluss, Integration und Transformation. Blockierte Zyklen hingegen sind durch Unterbrechungen, Hemmungen oder Fixierungen gekennzeichnet. Diese Unterschiede verweisen auf die Fähigkeit des Sys- Abb. 1a und 1b: Schema eines frei fließenden und eines blockierten emotiv-motorischen Zyklus (Shahar-Levy 2009, 274) Schema eines frei fließenden emotiv-motorischen Zyklus Schema eines blockierten emotiv-motorischen Zyklus Emotiv-motorische Auswahlmöglichkeiten Emotiv-motorische Entladung Emotiv-motorische Reaktion Muskelaktivierung Zustimmung oder Abwehr Muskelentspannung Übergang von Aktivität zur Entspannung Stimulus Zustimmung oder Abwehr der blockierten emotiv-motorischen Entladung Blockierte Muskelaktivierung Andauernder Stimulus Emotiv-motorische Reaktion Blockierte emotiv-motorische Entladung Anhaltende Muskelkontraktion verursacht Bewegungsblockaden Kein Übergang von Aktivität zur Entspannung Emotiv-motorische Erstarrung 176 Hanna Skrzypek 4 | 2026 tems, Energie zu regulieren und emotionale Prozesse zu integrieren (Shahar-Levy 2009, 274). Von besonderer Bedeutung ist die Analyse von Übergängen. Gerade in den Momenten des Beginns, der Veränderung oder des Abbruchs von Bewegung werden zentrale Aspekte der Organisation sichtbar (Shahar-Levy 2009, 282). Eng damit verbunden ist die Annahme, dass das motorische System implizite und explizite Erinnerungscluster enthält. Diese verbinden körperliche, emotionale und relationale Erfahrungen zu dynamischen Einheiten, die im Bewegungsgeschehen aktualisiert werden (Shahar-Levy 2001a, 2001b). Psychomotorische Organisationsformen Die Organisation des Bewegungssystems wird durch zwei archetypische Beziehungsmuster strukturiert: die „elterliche Umhüllung“ und die „Face-to-Face“-Organisation (Shahar-Levy 2009, 276). Die „elterliche Umhüllung“ beschreibt eine frühe Phase körperlicher Eingebundenheit, die durch Nähe, Halt und horizontale Orientierung geprägt ist. Bewegung ist hier in ein Feld von Resonanz und Unterstützung eingebettet. Die „Face-to-Face“-Organisation entsteht mit der Aufrichtung des Körpers und der Erweiterung des Raumes. Sie ist durch vertikale Orientierung, Differenzierung und zunehmende Autonomie gekennzeichnet (Shahar-Levy 2009, 276). Psychomotorische Kernprototypen P0 und P1 Aus diesen beiden Organisationsformen werden zwei psychomotorische Kernprototypen abgeleitet: P0 und P1 (Shahar-Levy 2001a, 2009, 277 ff ). Der P0-Prototyp umfasst Bewegungsqualitäten wie geringe Differenzierung, Dominanz des Torsos, Beugung, Ganzkörperaktivierung und Nähe zur Schwerkraft. Bewegung folgt hier häufig einem „Alles-oder-nichts“- Prinzip (Shahar-Levy 2009, 277 ff ). Der P1-Prototyp ist durch Differenzierung, Streckung, ver- Abb. 2: Die „elterliche Umhüllung“- Beziehungskonstellation (Shahar-Levy 2009, 276) Abb. 3: Die „Face-to-Face“-Beziehungskonstellation (Shahar-Levy 2009, 276) 177 Emotorics als psychomotorisches Bewegungsanalysemodell 4 | 2026 tikale Organisation, gerichtete Bewegung und motorische Entscheidungsfreiheit gekennzeichnet. Er steht für Autonomie und aktive Weltbeziehung (Shahar-Levy 2009, 278 ff ). Beide Prototypen bestehen gleichzeitig und bilden die Grundlage für die Dynamik emotiver Bewegung. Das binäre Bewegungsprofil Die methodische Verdichtung des Systems erfolgt im binären Analysemodell. Dieses basiert auf der Annahme, dass menschliche Bewegung grundsätzlich bipolar organisiert ist. Das binäre Bewegungsprofil umfasst 22 Handlungseinhei- Tab. 1: Psychomotorische Marker und binäre Potenziale (Skrzypek 2018, 126) 178 Hanna Skrzypek 4 | 2026 ten, die jeweils zwei Pole (P0 und P1) repräsentieren. Diese Einheiten beschreiben grundlegende Bewegungsqualitäten in den Bereichen Energie, Form und Modus (Shahar-Levy 2001a, 2001b, 2004, 2009, 292 ff ). Jede Bewegung kann als spezifische Konfiguration innerhalb dieser Polaritäten verstanden werden. Dabei wird sichtbar, welche Qualitäten dominieren, wie sie miteinander in Beziehung stehen und in welchem Maß Flexibilität oder Fixierung vorliegt (Shahar-Levy 2001a, 2001b, 2004, 2009, 2012). Die 22 Handlungseinheiten Die Darstellung des binären Bewegungsprofils erfolgt in Form einer binären Matrix und eines Kreisdiagramms: Das binäre Bewegungsprofil bildet das zentrale Analyseinstrument des Systems Emotorics. Jede beobachtbare Bewegungsqualität lässt sich als Position innerhalb eines Spannungsfeldes beschreiben, das durch zwei Pole charakterisiert ist: den P0-Pol und den P1-Pol. Diese repräsentieren jeweils spezifische Qualitäten der beiden psychomotorischen Kernprototypen (Shahar-Levy 2001a, 15 ff; 2001b, 2004, 2009, 283 ff; 2012). Die 22 Handlungseinheiten sind nicht als isolierte Kategorien zu verstehen, sondern als miteinander verbundene Dimensionen, die in ihrer Kombination das individuelle Bewegungsprofil konstituieren. Sie lassen sich strukturell den Bereichen Energie, Form und Modus zuordnen und entfalten in ihrer Gesamtheit die organisationale Logik emotiver Bewegung. Die grundlegende Unterscheidung beginnt bereits auf der Ebene der Sichtbarkeit: Bewegung kann überhaupt erst erscheinen oder ausbleiben. Damit wird die Frage eröffnet, ob ein Impuls motorisch umgesetzt wird oder nicht (Shahar- Levy 2009, 283). Die Dimensionen des Bewegungsprofils Die ersten Dimensionen betreffen die energetische Organisation von Bewegung. Sie geben Aufschluss darüber, wie Impulse entstehen, wie sie getragen oder gehemmt werden und wie sich Kraft im Bewegungsgeschehen manifestiert. Auf der Ebene der muskulären Organisation zeigt sich ein Spannungsfeld zwischen Entspannung und Kontraktion. Bewegung kann aus einem Zustand geringer Spannung heraus entstehen oder durch hohe muskuläre Aktivierung geprägt sein. Eng damit verbunden ist der Umgang mit Impulsen: Diese können fließen und sich kontinuierlich in Bewegung überführen oder gehemmt und unterbrochen werden. Eine weitere Dimension betrifft das Verhältnis von Körpergewicht und Kraft. Bewegung kann sich überwiegend dem Gewicht überlassen oder aktiv Kraft einsetzen, um sich gegen dieses zu organisieren. Auch die Intensität variiert: Sie kann niedrig und zurückhaltend sein oder hoch und ausgeprägt. Schließlich wird die Beziehung zur Schwerkraft selbst differenziert: Bewegung kann sich zur Gravitation hin organisieren oder sich aktiv gegen sie richten. Diese Dimension ist zentral für das Verständnis der energetischen und motivationalen Organisation. Diagnostische Implikationen Emotorics versteht Diagnostik als einen prozessualen, offenen und differenzierenden Vorgang. Interpretation entsteht aus der präzisen Beschreibung von Bewegung und bleibt an diese gebunden. Ziel ist nicht die Klassifikation, sondern das Verstehen von Organisationsprinzipien, Spannungsfeldern und Entwicklungsmöglichkeiten. Bewegung wird dabei als ein Medium verstanden, in dem sich implizite Wissensformen und biografische Erfahrungen verkörpern (Shahar-Levy 2009). Der Körper er- 179 Emotorics als psychomotorisches Bewegungsanalysemodell 4 | 2026 scheint somit als ein dynamisches System, das gelesen werden kann, ohne vollständig entschlüsselbar zu sein. Bewegung wird zu einem Ort, an dem sich das Psychische in seiner Prozessualität zeigt (Shahar-Levy 2009). Die formbezogenen Dimensionen betreffen die organisationale Gestalt der Bewegung und ihre räumliche Struktur. Eine grundlegende Differenz zeigt sich in der Orientierung zur Körperachse: Bewegung kann nach innen gerichtet sein oder sich nach außen in den Raum entfalten (Shahar-Levy 2009). Weiterhin wird unterschieden, welche Körperbereiche dominieren. Bewegung kann vom Torso ausgehen oder stärker durch die Extremitäten differenziert organisiert sein (Shahar-Levy 2009). Die Polarität von Beugung und Streckung bildet eine weitere zentrale Dimension. Sie verweist auf grundlegende Organisationsformen des Körpers im Raum (Shahar-Levy 2009). Auch die Formqualität selbst wird differenziert: Bewegung kann eher rund und geschlossen oder geradlinig und ausgerichtet erscheinen (Shahar-Levy 2009). Auf der Ebene der Gesamtorganisation zeigt sich eine Polarität zwischen Symmetrie und Asymmetrie, die Rückschlüsse auf Stabilität und Differenzierung erlaubt (Shahar- Levy 2009). Die Qualität der Entladung wird ebenfalls erfasst: Bewegung kann vibrierend, zitternd und eher fein oder impulsiv, ballistisch und kraftvoll moduliert sein (Shahar-Levy 2009). Eine weitere Dimension betrifft die Bewegungsführung. Diese kann rotierend, oszillierend und mehrfach gerichtet sein oder gleichmäßig und zielgerichtet verlaufen (Shahar-Levy 2009). Auch die Richtung im Raum wird berücksichtigt: Bewegung kann sich bidirektional entfalten oder auf ein klares Ziel hin orientiert sein (Shahar-Levy 2009). Die Ausdehnung der Kinesphäre stellt eine weitere wichtige Kategorie dar. Bewegung kann sich in einem engen, begrenzten Raum vollziehen oder weit in den Raum hinausreichen (Shahar-Levy 2009). Schließlich wird die Orientierung zur Schwerkraftachse erneut aufgegriffen, diesmal in ihrer formalen Dimension: Bewegung kann überwiegend horizontal organisiert sein oder vertikale Formen ausbilden. Die modalen Dimensionen betreffen die Organisation, Differenzierung und Regulation von Bewegung sowie die Qualität der Aufmerksamkeit. Eine erste Differenz betrifft das Tempo: Bewegung kann schnell oder langsam ausgeführt werden. Die Artikulation von Bewegung zeigt sich in einer Polarität zwischen Fragmentierung und Kontinuität. Bewegung kann unterbrochen und segmentiert oder fließend und verbunden sein. Die Fähigkeit zur Modulation wird ebenfalls erfasst: Bewegung kann variabel und anpassungsfähig sein oder in bestimmten Mustern fixiert bleiben. Eng damit verbunden ist die Art der Variation: Bewegung kann repetitiv organisiert sein oder differenziert variieren und modulieren. Die Differenziertheit des Bewegungseinsatzes bildet eine weitere zentrale Dimension. Bewegung kann wenig differenziert und global sein oder fein abgestuft und präzise organisiert. Auch die Zielgerichtetheit wird berücksichtigt: Bewegung kann ungerichtet und indirekt erscheinen oder klar fokussiert und direkt auf ein Ziel hin organisiert sein. Schließlich wird die Qualität der Aufmerksamkeit erfasst: Diese kann diffus und zerstreut oder gebündelt und fokussiert sein (Shahar- Levy 2009). Die 22 Handlungseinheiten bilden gemeinsam eine Matrix, die es ermöglicht, emotive Bewegung in hoher Differenziertheit zu beschreiben. Entscheidend ist dabei nicht die isolierte Betrachtung einzelner Pole, sondern die Analyse ihrer Kombination und ihres Zusammenspiels. Jede Bewegung stellt eine spezifische Konfiguration innerhalb dieser Matrix dar. Dabei wird sichtbar, welche Qualitäten dominieren, welche in Spannung zueinander stehen und in welchem Maß Flexibilität oder Fixierung vorliegt. In der grafischen Darstellung als Kreisdiagramm (Download unter https: / / doi.org/ 10. 2378/ ktb2026.art24d) verdichtet sich diese 180 Hanna Skrzypek 4 | 2026 Logik zu einer Gesamtform. Die inneren Bereiche repräsentieren grundlegende, früh entwickelte Qualitäten (P0), während äußere Bereiche differenzierte, autonom organisierte Qualitäten (P1) zeigen. Die Bewegung zwischen diesen Bereichen macht die Dynamik des Systems sichtbar (Shahar-Levy 2009). Einordnung des Ansatzes Im Spektrum bewegungsanalytischer Verfahren lässt sich Emotorics neben der Laban-Bewegungsanalyse und dem Kestenberg Movement Profile (KMP) verorten. Die Verfahren verbindet das Interesse an einer systematischen Beobachtung und Beschreibung menschlicher Bewegung, unterscheiden sich jedoch hinsichtlich ihrer theoretischen Fundierung und ihrer jeweiligen Analyseperspektive. Die Laban-Bewegungsanalyse bietet eine klar strukturierte Beschreibung von Bewegungsqualitäten anhand definierter Kategorien. Durch die Trennung von Beobachtung und Interpretation stellt sie ein Instrument zur differenzierten Analyse komplexen Bewegungsgeschehens dar. Das Kestenberg Movement Profile richtet seinen Schwerpunkt auf die Bewegungsentwicklung, in der sich zugleich psychische Entwicklung widerspiegelt. Durch die inhärente Berücksichtigung von Antriebs- und Formqualitäten eröffnet es darüber hinaus weitere differenzierte Perspektiven der Bewegungsanalyse. Emotorics fokussiert die emotiv-motorische Organisation von Bewegung. Im Mittelpunkt stehen das Zusammenwirken von Energie, Form, Rhythmus und Modus, die emotiv-motorischen Zyklen sowie die psychomotorischen Organisationsprinzipien und das binäre Bewegungsprofil. Die Einordnung des Ansatzes dient der fachlichen Verortung innerhalb bestehender bewegungsanalytischer Verfahren und ist nicht als vergleichende Bewertung der Modelle zu verstehen. Fazit Emotorics zeigt Bewegung als ein strukturiertes, analysierbares System, in dem emotivmotorische Prozesse nach nachvollziehbaren Organisationsprinzipien verlaufen. Die systematische Differenzierung über Prozessschritte, Modifikatoren, Zyklen sowie das binäre Bewegungsprofil mit seinen 22 Handlungseinheiten macht deutlich, dass Bewegung nicht zufällig erscheint, sondern einer inneren Logik folgt, die beobachtet, beschrieben und interpretiert werden kann. Zentral ist dabei, dass diagnostisches Verstehen unmittelbar aus der präzisen Analyse der Bewegung hervorgeht. Interpretation basiert nicht auf Zuschreibung, sondern entwickelt sich aus der strukturellen Organisation des beobachtbaren Bewegungsverhaltens. Die Kombination einzelner Bewegungsqualitäten, ihre Balance, ihre Spannungen und ihre Stabilität oder Variabilität ermöglichen Rückschlüsse auf die Organisation des emotiv-motorischen Systems. Shahar-Levy stellt demzufolge mit Emotorics ein Instrument zur Verfügung, das eine differenzierte und zugleich systematisch begründete Analyse menschlicher Bewegung erlaubt. Die Stärke des Ansatzes liegt in seiner Fähigkeit, komplexe Bewegungsprozesse in eine klare analytische Struktur zu überführen, ohne deren Dynamik zu verlieren. Bewegung wird so zu einem zentralen Zugang für diagnostisches Arbeiten, in dem sich Regulation, Beziehung und Entwicklung in ihrer Organisation zeigen. Literatur Shahar-Levy, Y. (2012): Emotorics: development and body memory. In: Koch, S. C., Fuchs, T., Summa, M., Müller, C. (Hrsg.). Body memory, metaphor and movement. John Benjamins, Amsterdam/ Philadelphia, 327-340, https: / / doi.org/ 10.1075/ aicr.84.24sha Shahar-Levy, Y. (2009): Emotorics: A psychomotor model for the analysis and interpretation 181 Emotorics als psychomotorisches Bewegungsanalysemodell 4 | 2026 of emotive motor behavior. In: Chaiklin, S., Wengrower, H. (Hrsg.). The art and science of dance / movement therapy. Life is dance. Routledge, New York, 265-297 Shahar-Levy, Y. (2004): The visible body reveals the invisible secrets of the mind. A body-movement-mind-paradigm for emotive movement therapy and analysis. Author’s Edition, Jerusalem Shahar-Levy, Y. (2001a): A body-movement-mindparadigm (BMMP). Analysis and interpretation of emotive-relational movement. Author’s Edition, Jerusalem Shahar-Levy, Y. (2001b): The function of the human motor system in process of storing and retrieving preverbal, primal experience. Psychoanalytic Inquiry 21 (3), 378-393, https: / / doi. org/ 10.1080/ 07351692109348942 Skrzypek, H. (2018): Körper, Bewegung und Musik als Partitur für künstlerische Therapien. Dissertation Universität Augsburg. In: opus.bibliothek. uni-augsburg.de/ opus4/ 37852, 4.7.2026 Dr. phil. Hanna Skrzypek Integrative Therapeutin, Integrative Leib- und Bewegungspsychotherapeutin, Diplom-Musiktherapeutin, Diplom-Musikpädagogin, Diplom-Musikinstrumentalistin und zertifizierte Emotorics-Bewegungsanalytikerin. Langjährige Erfahrung in der Akutpsychiatrie und Psychosomatik sowie in eigener Praxis. ✉ Dr. phil. Hanna Skrzypek hanna.skrzypek@icloud.com
