körper tanz bewegung
9
2195-4909
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/ktb2026.art25d
9_014_2026_4/9_014_2026_4.pdf101
2026
144
Forum: Therapiegestütztes Meditatives Bogenschießen (TMB)
101
2026
Heinz Paul Binder
Der Beitrag stellt das Therapiegestützte Meditative Bogenschießen (TMB) als leib- und handlungsorientierten Ansatz für die psychotherapeutische Arbeit mit psychischen Belastungen vor, insbesondere bei Schwierigkeiten in der Selbstwahrnehmung, Spannungsregulation, Entscheidungsfähigkeit, Selbstwirksamkeit und im Umgang mit persönlichen Grenzen. Der Bogenprozess eröffnet einen strukturierten Erfahrungsraum, in dem zentrale Themen therapeutischer Arbeit unmittelbar leiblich erfahrbar werden: Stand, Atem, Spannung, Ausrichtung, Entscheidung, Loslassen und Nachspüren. Das vorgestellte Vier-Dimensionen-Modell bietet eine Struktur, um bedeutsame Erfahrungen differenziert zu erfassen und in den weiteren therapeutischen Verlauf einzubinden. Eine Fallvignette verdeutlicht, wie persönliche Muster im Umgang mit Spannung, Kontrolle und Entscheidung im konkreten Tun sichtbar werden und wie daraus neue Erfahrungen von Selbstwahrnehmung, Selbstregulation und Handlungsfähigkeit entstehen können.
9_014_2026_4_0005
182 körper-- tanz-- bewegung 14. Jg., S. 182-192 (2026) DOI 10.2378 / ktb2026.art25d © Ernst Reinhardt Verlag Forum: Aus der Praxis Therapiegestütztes Meditatives Bogenschießen (TMB) Ein leib- und handlungsorientierter Ansatz im psychotherapeutischen Prozess Heinz Paul Binder Der Beitrag stellt das Therapiegestützte Meditative Bogenschießen (TMB) als leib- und handlungsorientierten Ansatz für die psychotherapeutische Arbeit mit psychischen Belastungen vor, insbesondere bei Schwierigkeiten in der Selbstwahrnehmung, Spannungsregulation, Entscheidungsfähigkeit, Selbstwirksamkeit und im Umgang mit persönlichen Grenzen. Der Bogenprozess eröffnet einen strukturierten Erfahrungsraum, in dem zentrale Themen therapeutischer Arbeit unmittelbar leiblich erfahrbar werden: Stand, Atem, Spannung, Ausrichtung, Entscheidung, Loslassen und Nachspüren. Das vorgestellte Vier-Dimensionen-Modell bietet eine Struktur, um bedeutsame Erfahrungen differenziert zu erfassen und in den weiteren therapeutischen Verlauf einzubinden. Eine Fallvignette verdeutlicht, wie persönliche Muster im Umgang mit Spannung, Kontrolle und Entscheidung im konkreten Tun sichtbar werden und wie daraus neue Erfahrungen von Selbstwahrnehmung, Selbstregulation und Handlungsfähigkeit entstehen können. Schlüsselbegriffe Therapiegestütztes Meditatives Bogenschießen, Leiblichkeit, Embodiment, Selbstregulation, handlungsorientierte Psychotherapie, Integrative Therapie Therapy-Supported Meditative Archery (TMB). An Embodied and Action-Oriented Approach in the Psychotherapeutic Process This article presents Therapy-Supported Meditative Archery (TMB) as an embodied and action-oriented approach for addressing psychological distress—particularly difficulties regarding self-perception, tension regulation, decision-making, self-efficacy, and the management of personal boundaries. The archery process opens a structured experiential space in which central themes of therapeutic work become directly accessible through the lived body: stance, breath, tension, orientation, decision, release, and sensing what remains afterwards. The four-dimensional model presented here offers a structure for identifying meaningful experiences in a differentiated way and integrating them into the ongoing therapeutic process. A case vignette illustrates how personal patterns related to tension, control, and decisionmaking can become visible in concrete action, and how new experiences of self-perception, self-regulation, and agency may emerge from this process. Key words Therapy-Supported Meditative Archery, lived body, embodiment, self-regulation, action-oriented psychotherapy, Integrative Therapy Therapiegestütztes Meditatives Bogenschießen 183 4 | 2026 Der Bogenprozess als therapeutischer Erfahrungsraum D as Therapiegestützte Meditative Bogenschießen (TMB) ist aus der psychotherapeutischen Praxis heraus entstanden. Es verbindet leibliche Wahrnehmung, achtsame Ausrichtung, konkretes Handeln und die anschließende Integration des Erlebten. Im Mittelpunkt stehen weder sportliche Leistung noch das Treffen eines äußeren Zieles. Entscheidend ist vielmehr, wie ein Mensch im Tun mit sich selbst in Beziehung tritt. Die Bezeichnung Therapiegestütztes Meditatives Bogenschießen (TMB) ist der seit 2018 verwendete Eigenname des hier dargestellten Ansatzes und wurde mittlerweile auch fachwissenschaftlich eingeführt (Binder 2026). „Therapiegestützt“ bezeichnet, dass Bogenschießen nicht aus sich heraus als Therapie verstanden wird. Seine therapeutische Bedeutung entsteht vielmehr durch eine fachlich begründete Indikationsstellung, die psychotherapeutische Beziehung, eine qualifizierte Prozessbegleitung sowie die Reflexion und Integration der gemachten Erfahrungen. TMB ist damit vom weiter gefassten Begriff des „Therapeutischen Bogenschießens“ (Schäfer 2025) zu unterscheiden. „Meditativ“ bezeichnet hier, in Anlehnung an Kabat-Zinn (2003), eine bewusst ausgerichtete, gegenwartsbezogene und nicht wertende Qualität der Aufmerksamkeit. Im TMB durchzieht diese Aufmerksamkeitsweise Stand, Atem, Spannungsaufbau, Lösen und Nachspüren. Der Begriff behauptet weder eine Gleichsetzung von Meditation und Psychotherapie noch eine eigenständige Heilmethode. Bogenschießen eignet sich in besonderer Weise für die therapeutische Arbeit, weil der Ablauf einfach strukturiert ist und zugleich wesentliche Prozesse sichtbar macht: Halt finden, Spannung aufnehmen, Kontrolle bemerken, Grenzen wahrnehmen und loslassen. Was im Gespräch kaum fassbar ist, zeigt sich im Tun. Der Prozess beginnt mit dem Ankommen. Boden, Atem und Raum werden wahrgenommen, bevor der Bogen aufgenommen wird. Diese erste Phase schafft Sammlung und klärt die Ausgangslage. Erst danach beginnt der Bogenprozess: Im Auszug entsteht Spannung, im Halten treten Druck, Unsicherheit und eigene Kraft hervor. Das Lösen führt vom Gehaltenen in die Freigabe. Im Nachspüren kann das Erlebte aufgenommen und in den weiteren therapeutischen Prozess integriert werden. Auf diese Weise treten Gewohnheiten und persönliche Muster hervor, ohne vorschnell bewertet zu werden: etwa verflachter Atem, starres Festhalten, vorschnelles Handeln, ein Abbruch kurz vor dem Lösen oder ein starkes Bedürfnis nach Kontrolle. Solche Beobachtungen eröffnen eine therapeutische Wahrnehmung, die eng am Erleben der Person und am konkreten Prozess bleibt. Damit unterscheidet sich TMB von idealisierenden Vorstellungen meditativen Bogenschießens, in denen die Vollendung eines gelungenen Schusses häufig als Ausdruck vollkommener Sammlung, innerer Ruhe oder Einheit verstanden wird. Im TMB geht es weder um ein Ideal von Mitte noch um Zielgenauigkeit oder formale Perfektion. Der therapeutische Wert liegt im Erfahrungsprozess selbst: Menschen können im Schutz eines klar gehaltenen Rahmens wahrnehmen, wie sie stehen, atmen, Spannung halten, sich ausrichten, lösen und eine Erfahrung nachklingen lassen. Vor diesem Hintergrund versteht sich TMB als leib- und handlungsorientierter Ansatz. Es verbindet Elemente der Integrativen Therapie und der Integrativen Gestalttherapie mit leibphänomenologischen, leibtherapeutischen und Embodiment-theoretischen Perspektiven. Im Zentrum steht der Mensch als lebendiger Leib: als wahrnehmendes, fühlendes, bezogenes und handelndes Wesen, das sich in Beziehung zur Welt orientiert und ausdrückt. Therapeutische Arbeit entsteht dabei nicht durch äußere Korrektur, sondern durch eine 184 Heinz Paul Binder 4 | 2026 Aus leibphänomenologischer Sicht ist menschliche Erfahrung nicht nur ein innerpsychischer Vorgang. Sie entsteht immer auch leiblich, situativ und im Kontakt mit der Umwelt. Bei Merleau-Ponty wird der Leib als grundlegende Weise verstanden, in der Menschen Welt erfahren und sich in ihr orientieren. Wahrnehmung, Bewegung, Haltung, Blick, Atem und Berührung sind daher nicht bloße Begleiterscheinungen, sondern wesentliche Dimensionen menschlicher Erfahrung (Merleau-Ponty 1945 / 1966). Für TMB ist diese Sichtweise anschlussfähig, weil Bogenschießen nicht als Technik, sondern als strukturierte Erfahrungssituation verstanden wird. Eine Person findet zunächst ihren Stand, nimmt den Bogen auf, richtet sich aus, baut Spannung auf, löst den Pfeil und spürt nach. Dabei wirken körperliche, emotionale, materiale und situative Aspekte zusammen: Stand, Atem, Muskelspannung, Bogen, Sehne, Pfeil, Ziel, Abstand, Geräusch, Blickrichtung und innere Beteiligung. Diese Elemente bilden den Rahmen, in dem Wahrnehmung und Bedeutung entstehen können. Embodiment-theoretische Ansätze unterstützen diese Perspektive. Im Zentrum steht nicht ein angestrebtes Ergebnis, sondern der Erfahrungsprozess im konkreten Handeln. Sie gehen davon aus, dass Wahrnehmung, Denken, Fühlen und Handeln nicht unabhängig vom Körper verstanden werden können. Thomas Fuchs beschreibt psychisches Erleben als einen Prozess, der im Zusammenspiel von Leib, Gehirn, Umwelt und sozialer Beziehung entsteht (Fuchs 2014). Gefühle und innere Zustände zeigen sich demnach auch in Atem, Haltung, Spannung, Bewegung und leiblicher Resonanz. Für TMB bedeutet dies: Therapeutisch relevant ist nicht nur, was eine Person über sich sagt, sondern auch, wie sie in der Handlung steht, atmet, Spannung reguliert, sich ausrichtet, löst und anschließend bei der Erfahrung verweilt (Gallagher 2005; Fuchs 2014, 2018; Fuchs/ Koch 2014). veränderte Erfahrung im Handeln. Leitend sind zwei Fragen: Was wird in der Handlung sichtbar? Und welche neue Erfahrung kann daraus entstehen? Aus dieser Grundbewegung heraus lässt sich das Vier-Dimensionen-Modell des TMB beschreiben: Wahrnehmung, Bündelung der Aufmerksamkeit, Handlung und Integration. Diese Dimensionen bilden keinen starren Ablauf, sondern einen lebendigen Zusammenhang. Ein Mensch nimmt wahr, richtet sich aus, handelt und integriert die Erfahrung in sein weiteres Erleben. Der folgende Beitrag stellt TMB als eigenständigen leib- und handlungsorientierten Ansatz vor. Zunächst werden die theoretischen Grundlagen beschrieben. Danach wird gezeigt, wie eine TMB-Einheit praktisch gestaltet werden kann. Im Anschluss wird das Vier-Dimensionen-Modell erläutert. Eine Fallvignette verdeutlicht die therapeutische Arbeit im konkreten Erleben und Handeln. Abschließend werden Indikationen, Grenzen, Sicherheitsaspekte und der fachliche Beitrag des TMB dargestellt. Theoretische Verortung: Leiblichkeit und Handlung Das Therapiegestützte Meditative Bogenschießen (TMB) wird im Folgenden nicht als direkte Anwendung einer einzelnen Theorie verstanden, sondern als praxisentwickelter Ansatz, der sich an mehreren etablierten wissenschaftlichen Perspektiven orientiert. Dazu gehören leibphänomenologische Überlegungen zur Verkörperung von Erfahrung, Embodiment-theoretische Modelle zur Verbindung von Wahrnehmung, Affekt und Handlung sowie integrativtherapeutische Konzepte von Leiblichkeit, Beziehung, Ressourcen und Lebenswelt. Diese Perspektiven dienen als begrifflicher Rahmen, um die im TMB beobachtbaren Prozesse differenziert zu beschreiben (Merleau-Ponty 1945 / 1966; Gallagher 2005; Fuchs 2018; Petzold 1991-1993, 1996, 2006). Therapiegestütztes Meditatives Bogenschießen 185 4 | 2026 Die Integrative Therapie nach Hilarion Petzold bietet hierfür einen psychotherapeutischen Bezugsrahmen. Sie versteht den Menschen als Leibsubjekt in sozialen, biografischen und ökologischen Zusammenhängen. Der Mensch wird nicht isoliert betrachtet, sondern in seiner körperlichen, seelischen, sozialen und lebensgeschichtlichen Wirklichkeit. Wahrnehmung, Beziehung, Bewegung, Sinn und Entwicklung werden dabei als miteinander verbunden verstanden. In diesem Rahmen kann TMB als erfahrungsorientierte Praxis beschrieben werden, die leibliche Wahrnehmung, Beziehungserleben, Ressourcenaktivierung und biografische Reflexion miteinander verbindet (Petzold 1991- 1993, 1996, 2006). Auch Ansätze der körperorientierten Psychotherapie sind für TMB anschlussfähig. Besonders bedeutsam sind Interozeption, Propriozeption und kinästhetische Erfahrung. Interozeption bezeichnet die Wahrnehmung innerer Körperzustände wie Atem, Herzschlag, Enge, Druck oder Weite. Propriozeption meint das Spüren von Haltung, Lage, Spannung und Bewegung des eigenen Körpers. Kinästhetische Erfahrung bezieht sich auf das Erleben von Bewegung im Moment des Handelns. Beim Bogenschießen sind diese Ebenen unmittelbar beteiligt. Die Person erlebt sich zugleich innerlich, körperlich und auf eine Handlung hin ausgerichtet (Ogden et al. 2006; Payne et al. 2015; Sheets- Johnstone 2011). Eine weitere Perspektive eröffnet die Forschung zu sinnlicher und materialer Erfahrung, etwa bei Sarah Pink. Sie macht deutlich, dass menschliches Erleben nicht allein sprachlich oder kognitiv verstanden werden kann, sondern in konkreten Situationen, mit bestimmten Materialien, Atmosphären und Sinneseindrücken entsteht. Für TMB ist dies insofern bedeutsam, als Bogenschießen eine sinnlich-materiale Praxis ist. Das Gewicht des Bogens, der Widerstand der Sehne, die Spannung im Auszug, das Geräusch des Lösens, der Flug des Pfeils und das Nachspüren im Körper sind keine bloßen Begleiterscheinungen. Sie strukturieren die Erfahrung mit (Pink 2012, 2015). Der Bogen wird in diesem Zusammenhang nicht symbolisch überhöht. Er ist ein konkretes Arbeits- und Erfahrungsmedium. Er ermöglicht eine klar begrenzte Handlung, macht Spannung erfahrbar und gibt eine äußere Struktur vor. Zugleich verlangt der Umgang mit ihm Aufmerksamkeit, Ausrichtung und ein gewisses Maß an Selbstregulation. Dadurch bleibt die therapeutische Arbeit an eine konkrete Handlung gebunden und vermeidet vorschnelle Deutungen. Im TMB wird therapeutische Arbeit daher nicht primär durch Interpretation eröffnet, sondern durch achtsame Wahrnehmung dessen, was in der Handlung sichtbar und spürbar wird. Im Bogenprozess kann sichtbar werden, wie eine Person zunächst ihren Stand findet, ihre Aufmerksamkeit bündelt und schließlich in eine handelnde Ausrichtung kommt. Dabei zeigt sich, wie sie mit Spannung umgeht, ob der Atem fließt oder stockt, ob sie im eigenen Halt bleibt oder sich vorschnell auf das Ziel fixiert, und ob sie lösen kann oder an der Spannung festhält. Diese Erfahrungen geschehen körperlich, emotional und situativ zugleich. Im anschließenden Gespräch können sie sprachlich eingeordnet und, wenn es therapeutisch sinnvoll ist, mit biografischen Themen verbunden werden. TMB kann damit als handlungs- und erfahrungsorientierte therapeutische Praxis beschrieben werden. Handlung ist dabei nicht nur Ausdruck eines inneren Zustands, sondern ein Ort, an dem Wahrnehmung, Regulation und neue Erfahrung möglich werden. Entscheidend ist eine phänomenologische Haltung: Es wird zunächst beobachtet, was sich zeigt, ohne es vorschnell zu bewerten. Wie findet jemand seinen Stand? Wie wird Spannung aufgebaut? Wie verändert sich der Atem? Wird der Blick eng oder weit? Wird die Bewegung unterbrochen? Kann der Nachklang zugelassen werden? Solche Beobachtungen sind nicht als Diagnosen zu verstehen. Sie können jedoch Hin- 186 Heinz Paul Binder 4 | 2026 weise darauf geben, wie ein Mensch sich in einer konkreten Situation organisiert, reguliert und ausdrückt. Sie werden zunächst beschreibend wahrgenommen. Eine Person steht vielleicht unsicher oder findet nur schwer Halt. Eine andere löst sehr schnell oder hält die Spannung ungewöhnlich lange. Wieder eine andere unterbricht die Handlung kurz vor dem Lösen. Diese Formen werden nicht vorschnell gedeutet, sondern im therapeutischen Gespräch behutsam mit dem Erleben der Person verbunden: Was wurde wahrgenommen? Was war schwierig? Was hat geholfen? Zugleich können Ressourcen sichtbar werden, etwa Ruhe, Kraft, Sammlung, Vertrauen, Entschiedenheit oder die Fähigkeit, Spannung wahrzunehmen und zu regulieren. Die theoretische Verortung des TMB liegt somit in einer sorgfältigen Anschlussbildung an mehrere wissenschaftliche Perspektiven. Die Leibphänomenologie hilft zu verstehen, dass Erfahrung leiblich und situativ entsteht. Embodiment-Ansätze, insbesondere bei Fuchs (2018), beschreiben die Verbindung von Leib, Gefühl, Umwelt und Beziehung. Die Integrative Therapie nach Petzold bietet einen Rahmen, in dem Leiblichkeit, Biografie, Beziehung, Ressourcen und Lebenswelt zusammen gedacht werden können. Körperpsychotherapeutische und sensorisch-ethnografische Perspektiven erweitern den Blick auf Wahrnehmung, Materialität, Bewegung und Atmosphäre (Merleau- Ponty 1945 / 1966; Fuchs 2018; Petzold 1991- 1993, 1996, 2006; Pink 2012, 2015). TMB übersetzt diese Perspektiven in eine konkrete therapeutische Praxis. Es fragt nicht nur, was ein Mensch denkt oder empfindet, sondern wie er im Moment steht, atmet, wahrnimmt, Spannung hält, sich ausrichtet, entscheidet, löst und das Erlebte integriert. Der fachliche Beitrag des TMB liegt darin, therapeutisch bedeutsame Prozesse im unmittelbaren Erleben zugänglich zu machen und sie anschließend behutsam in Sprache, Beziehung und Reflexion zu überführen. Der Ablauf einer TMB-Einheit im Einzelsetting TMB kann in eine bestehende therapeutische Begleitung eingebettet oder als eigenständig ausgewiesenes Angebot durchgeführt werden. In beiden Formen eröffnet es einen therapeutisch gerahmten Erfahrungsweg, in dem Wahrnehmung, Stand, Atem, Ausrichtung, Spannung, Lösen und Nachspüren miteinander verbunden sind. Eine TMB-Einheit folgt wiederkehrenden Grundphasen, die Halt und Orientierung geben und zugleich offen für das bleiben, was sich im jeweiligen Moment zeigt. Der Ablauf ist daher klar strukturiert, ohne die Erfahrung der Person festzulegen. Über das konkrete Tun kommt sie mit sich selbst, ihrer leiblichen Wahrnehmung und ihrem gegenwärtigen Erleben in Kontakt. Stand, Atem, Ausrichtung, Spannung, Lösen und Nachspüren bilden dabei einen zusammenhängenden therapeutischen Prozess. Der folgende Abschnitt beschreibt exemplarisch die Arbeit im Einzelsetting. In diesem Rahmen kann die Begleitung besonders fein auf die Person abgestimmt werden. Tempo, Material, Distanz, Zugstärke, Anzahl der Schüsse und sprachliche Interventionen richten sich nach der aktuellen Verfassung, dem therapeutischen Anliegen und der Belastbarkeit. So entsteht ein geschützter Erfahrungsraum, in dem der Verlauf achtsam begleitet und zugleich individuell angepasst werden kann. Zu Beginn des TMB-Einzelsettings steht die Einladung, in wacher Gegenwärtigkeit anzukommen. Die Person orientiert sich in der jeweiligen Umgebung, nimmt den Boden unter sich wahr, spürt den Atem und richtet die Aufmerksamkeit auf das, was innerlich und äußerlich gegenwärtig ist. Aus diesem Ankommen heraus vertieft sich die Wahrnehmung von Stand und Atem. Die Person spürt den Kontakt zum Boden, nimmt die Verteilung ihres Gewichts wahr und findet allmählich in ihre Aufrichtung. Im Stand werden Therapiegestütztes Meditatives Bogenschießen 187 4 | 2026 Halt, Beweglichkeit und Anwesenheit spürbar. Der Atem wird in seinem jeweiligen Rhythmus wahrgenommen - frei fließend oder gehalten, flach oder weit, ruhig oder unruhig. So findet die Person in eine erste Sammlung, aus der heraus die weitere Handlung vorbereitet wird. Als nächstes werden Pfeil und Bogen in die Hand genommen. Die Aufmerksamkeit richtet sich auf das Material: auf Gewicht, Form, Griff, Oberfläche und Widerstand. Im Berühren, Halten und Spüren bündelt sich die Wahrnehmung; Bogen und Sehne treten als konkrete, tastbare Gegenwart in den Vordergrund. Schon im haptischen Kontakt zeigt sich, wie eine Person Bogen und Sehne begegnet: ruhig und gesammelt, vorsichtig tastend, hastig oder unter innerem Druck. Nun tritt das Handeln in den Vordergrund. Mit dem Anheben des Bogens geht die Aufmerksamkeit vom haptischen Kontakt mit dem Material in die konkrete Ausführung über. Im Spannen des Bogens verdichtet sich das Handeln. Die Person hebt, zieht, hält, richtet sich aus und bleibt für einen Moment in der Spannung. Dabei zeigt sich das Tun unmittelbar: im Tempo der Bewegung, im Atem, im Halten, im Zögern oder im frühen Lösen. Manche gehen rasch in den Auszug und geben die Spannung schnell frei. Andere nähern sich vorsichtig, halten zurück oder verlieren den Atemrhythmus. Wieder andere bleiben lange in der Spannung und geraten dabei innerlich unter Druck. Das Lösen ist der kurze, verdichtete Moment dieser Handlung. Die aufgebaute Spannung wird freigegeben, der Pfeil verlässt die Sehne. Dies kann abrupt, zögernd, kontrolliert, erleichtert oder überraschend ruhig geschehen. Im Mittelpunkt steht die Weise, wie die Person vom Halten in die Freigabe findet. Nach der Freigabe des Pfeils klingt die Handlung im Nachhalten weiter. Die Person bleibt stehen und nimmt wahr, was im Atem, im Stand, in der Stimmung und im inneren Erleben zurückbleibt. So erhält der Schuss einen Moment der Integration, bevor das Erlebte behutsam sprachlichen Ausdruck findet. Die Aufmerksamkeit richtet sich dabei darauf, was im Ablauf sichtbar geworden ist: im Stand, im Atem, im Umgang mit Spannung, im Lösen und im Nachklang. Daraus können Verbindungen zum persönlichen Thema, zum Alltag oder zur eigenen Lebensgeschichte entstehen. Im Einzelsetting wird diese Reflexion eng an die konkrete Erfahrung gebunden. Spannung, Zögern, Druck, Freigabe oder Nachklang werden gemeinsam betrachtet und in den weiteren therapeutischen Prozess aufgenommen. So führt eine TMB-Einheit vom Ankommen über das konkrete Tun zum Verstehen. Sie bildet eine therapeutische Prozessbewegung, in der sichtbar wird, wie ein Mensch Halt findet, Spannung reguliert, Kraft dosiert, loslässt und neue Handlungsmöglichkeiten entwickelt. Therapeutische Prozessdimensionen im TMB Auf der Grundlage des beschriebenen Ablaufs lassen sich im TMB vier therapeutische Prozessdimensionen unterscheiden. Sie bilden keine zusätzlichen Arbeitsschritte, sondern beschreiben, worauf die therapeutische Aufmerksamkeit während einer Einheit gerichtet ist: Wahrnehmung, Bündelung der Aufmerksamkeit, Handlung und Integration. Wahrnehmung bildet den Einstieg in den therapeutischen Prozess. Sie beginnt bereits vor der Aufnahme des Bogens: im Stand, im Atem, im Kontakt zum Boden, im Raum und in der gegenwärtigen Verfassung der Person. Therapeutisch bedeutsam ist die Verlangsamung, weil sie die Person in eine aufmerksamere Gegenwärtigkeit führt. Wahrnehmung wird hier nicht als inneres Registrieren verstanden, sondern als leiblich-situierter Prozess: Sie entsteht im Kontakt mit Boden, Raum, Material, Atmosphäre und möglicher Bewegung (Pink 2015; Noë 2004). Die Bündelung der Aufmerksamkeit setzt dort ein, wo sich diese Wahrnehmung am Material sammelt. Im Kontakt mit Bogen, Sehne 188 Heinz Paul Binder 4 | 2026 und Pfeil entsteht eine haptische Verankerung: Über die Hand werden Gewicht, Form, Griff und Widerstand des Bogens wahrnehmbar. Die Aufmerksamkeit erhält dadurch einen konkreten Bezugspunkt und wird auf den nächsten Handlungsschritt ausgerichtet. In Anlehnung an die Haptikforschung kann Berühren als aktiver Wahrnehmungsprozess verstanden werden: Die Hand nimmt nicht nur auf, sondern erkundet, ordnet und bereitet Handlung vor (Grunwald 2008, 2017). Im TMB unterstützt dieser haptische Kontakt den Übergang vom Wahrnehmen zum gerichteten Handeln. Aufmerksamkeit entsteht damit nicht allein durch Konzentration, sondern durch den leiblichen Kontakt mit Material und Bewegung. Die Dimension der Handlung umfasst den Aufbau von Spannung, das Halten, die Ausrichtung, das Lösen und den unmittelbaren Nachklang. Hier treten zentrale Themen therapeutischer Arbeit hervor: Kraft, Grenze, Kontrolle, Unsicherheit, Vertrauen und Freigabe. Handlung wird im TMB nicht als bloße Ausführung eines inneren Entschlusses verstanden, sondern als ein aufmerksam geführter, leiblich getragener Prozess, in dem Wahrnehmen und Tun ineinandergreifen. In diesem Sinn ist Handlung immer auch ein Ort der Selbstwahrnehmung. Die Person erfährt nicht nur, dass sie handelt, sondern wie sie handelt: ob sie beschleunigt oder innehält, Druck aufbaut oder Kraft dosiert, Spannung vermeidet oder mit ihr in Kontakt bleiben kann, löst oder festhält. Diese Qualität des Handelns ist therapeutisch bedeutsam. Sie macht sichtbar, wie sich persönliche Muster im konkreten Tun organisieren und wie neue Möglichkeiten erprobt werden können. Anschlussfähig ist hier die enaktive Perspektive von Varela, Thompson und Rosch, der zufolge Wahrnehmung, Verkörperung und Handlung eng miteinander verbunden sind (Varela et al. 1991/ 2017). Integration beginnt dort, wo die Person nach dem Lösen des Pfeils bei der Erfahrung bleibt. Im Nachspüren wird wahrgenommen, was im Atem, in der Haltung, in der Stimmung und im inneren Erleben zurückbleibt. Erst danach wird das Erlebte behutsam zur Sprache gebracht und mit dem weiteren therapeutischen Prozess verbunden. Diese Bewegung vom gespürten Erleben zur sprachlichen Klärung ist anschlussfähig an Gendlins Konzept des felt sense, in dem ein zunächst noch nicht vollständig formulierbares Erleben über achtsames Wahrnehmen und stimmige Worte zugänglich wird (Gendlin 1996). Zugleich lässt sich Integration als verkörperter Prozess verstehen, in dem Leib, Situation und Selbstverstehen miteinander verbunden werden (Fuchs 2018). Diese vier Dimensionen greifen ineinander. Eine veränderte Wahrnehmung kann zu mehr Sammlung führen. Eine klarere Sammlung kann das Handeln verändern. Eine neue Handlungserfahrung kann im Nachspüren bewusst werden. Gelingende Integration lässt die Erfahrung nicht abgeschlossen zurück, sondern wirkt in das weitere Handeln hinein. So wird der Bogenprozess zu einem leiblich-handlungsorientierten Erfahrungsweg. Fallvignette aus der Praxis Die folgende Fallvignette ist anonymisiert und in einzelnen biografischen Details verändert. Die Veröffentlichung erfolgt mit Einverständnis der betreffenden Person. Ziel ist die Veranschaulichung ausgewählter Prozesse im Therapiegestützten Meditativen Bogenschießen. Die Arbeit fand im Einzelsetting über mehrere TMB-Einheiten innerhalb eines laufenden therapeutischen Prozesses statt. Therapeutisches Ziel war, den Umgang mit Spannung, Unsicherheit und Entscheidung leiblich wahrzunehmen und Handlungsschritte auch ohne vollständige innere Sicherheit zu ermöglichen. Eine Klientin mittleren Alters schilderte, dass sie in vielen Situationen unter innerer Anspannung stehe und stark dazu neige, sich selbst zu Therapiegestütztes Meditatives Bogenschießen 189 4 | 2026 kontrollieren. Besonders deutlich wurde dies, wenn Entscheidungen notwendig waren. Sie wollte vieles richtig machen, geriet aber rasch unter Druck, sobald sie sich festlegen oder einen konkreten Schritt setzen sollte. Beruflich wie privat zeigte sich ein wiederkehrendes Muster: Obwohl sie sich mehr Klarheit und Entschiedenheit wünschte, hielt sie eigene Impulse oft zurück, sobald Zweifel, Unsicherheit oder die Angst vor einer falschen Entscheidung aufkamen. In einer TMB-Einheit wurde dieses Thema im Umgang mit Pfeil und Bogen leiblich erfahrbar. Zunächst zeigte sich die Dimension der Wahrnehmung: Die Klientin fand einen ruhigen Stand, nahm ihren Atem wahr und war mit sich gut in Kontakt. Beim Aufnehmen des Bogens und Einnocken des Pfeils trat die Bündelung der Aufmerksamkeit in den Vordergrund. Sie ging sorgfältig mit dem Material um und bereitete den nächsten Handlungsschritt aufmerksam vor. Als sie in den Auszug ging, trat die Dimension der Handlung deutlicher hervor. Ihr Atem veränderte sich, die Schultern hoben sich leicht, der Blick wurde enger. Kurz vor dem Erreichen des Ankerpunktes setzte sie den Bogen wieder ab und sagte: „Kurz vor dem Lösen des Pfeils fühle ich mich überfordert.“ Im anschließenden Nachspüren wurde dieser Moment genauer betrachtet. Die Klientin konnte beschreiben, dass sie die Spannung zunächst halten konnte, während der nächste Schritt, das Freigeben des Pfeils, Überforderung auslöste. In mehreren Wiederholungen zeigte sich dasselbe Muster. Die Klientin konnte in den Auszug gehen und die Spannung zunächst halten. Kurz vor dem Freigeben des Pfeils entstand jedoch ein deutlicher Bruch im Handlungsvollzug. Der Atem wurde flacher, die Schultern hoben sich, der Blick verengte sich, und sie setzte den Bogen wieder ab. Damit wurde ein zentraler Schwellenmoment sichtbar. Die Schwierigkeit lag nicht im Aufbau der Spannung, sondern im Übergang vom Halten zum Freigeben. Die Klientin konnte beschreiben, dass sie bis zu einem bestimmten Punkt im Kontakt mit sich blieb, der nächste Schritt jedoch Überforderung auslöste. Im therapeutischen Nachspüren wurde dieser Moment als leiblich erfahrbares Muster verstanden: Spannung konnte aufgebaut und gehalten werden; der Schritt in die Freigabe war zunächst nicht möglich. Diese Beobachtung wurde nicht als Fehler bewertet. Vielmehr eröffnete sie einen Zugang zu der Frage, wie die Klientin mit Entscheidung, Kontrolle und Loslassen umgeht. Der Bogenprozess machte sichtbar, was im Gespräch nur schwer in dieser Genauigkeit fassbar gewesen wäre: Nicht die Spannung selbst war das Problem, sondern der Moment, in dem aus gehaltener Spannung Handlung werden sollte. An diesem Punkt wurde der therapeutische Prozess bewusst verlangsamt und vereinfacht. Es ging zunächst nicht darum, den Pfeil doch noch zu lösen, sondern die Schwelle vor dem Lösen genauer wahrnehmbar zu machen. Die Intervention bestand daher darin, den Ablauf auf seine elementaren Bestandteile zurückzuführen und der Klientin einen sicheren Erfahrungsraum zu eröffnen, in dem Auszug, Spannung und Freigabe ohne Leistungsdruck erkundet werden konnten. Die Klientin kehrte zunächst zur Wahrnehmung zurück: Sie nahm ihren Stand, den Kontakt zum Boden, den Atem und ihre momentane innere Verfassung wahr. Danach wurde die Aufmerksamkeit auf den Bogen und seine Handhabung gebündelt. Dafür wurde ein Bogen mit Nullsehne verwendet. Die Nullsehne ersetzt die eigentliche Bogensehne durch ein elastisches Gummiband. Dadurch kann der Bewegungsablauf von Auszug und Lösen erkundet werden, ohne dass ein Pfeil eingenockt und geschossen wird. Mit der Nullsehne wurde genau jener Übergang therapeutisch zugänglich, der zuvor Überforderung ausgelöst hatte. Die Klientin hob den Bogen, ging in den Auszug, nahm den Aufbau 190 Heinz Paul Binder 4 | 2026 von Spannung wahr, hielt diese einen Moment und gab die Nullsehne wieder frei. Da kein Pfeil verwendet wurde, trat die Frage nach dem Ergebnis in den Hintergrund. Der kritische Moment des Lösens wurde entlastet und in einer sicheren, reduzierten Form erfahrbar. Diese Arbeit knüpfte unmittelbar an die Ausgangsthematik der Klientin an. Sie hatte beschrieben, dass sie Entscheidungen häufig aufschob oder Handlungsimpulse unterbrach, sobald Unsicherheit spürbar wurde. Im Bogenprozess zeigte sich ein ähnliches Muster: Spannung konnte aufgebaut und gehalten werden, der Übergang zur Freigabe des Pfeils wurde jedoch zunächst unterbrochen. Mit der Nullsehne konnte die Klientin erproben, trotz Unsicherheit im Kontakt mit sich zu bleiben, Spannung zu halten und einen Handlungsschritt zu Ende zu führen. In der therapeutischen Integration wurde diese Erfahrung mit ihrer Alltagssituation verbunden. Es ging nicht darum, sofort sicher zu sein oder die „richtige“ Entscheidung zu treffen. Entscheidend war die leibliche Erfahrung, einen Übergang bewusst zu gestalten: von Spannung zur Freigabe, von Kontrolle zu einer bewussten Handlung, von Unterbrechung zu einem möglichen Abschluss. Dadurch wurde eine neue Handlungserfahrung möglich, die im weiteren therapeutischen Prozess aufgegriffen werden konnte. Indikationen, Grenzen und Sicherheit TMB ist ein therapeutisch gerahmter, leib- und handlungsorientierter Erfahrungsprozess. Da Themen wie Spannung, Kontrolle, Entscheidung, Kraft, Unsicherheit und Loslassen unmittelbar leiblich erfahrbar werden können, braucht es eine sorgfältige Indikationsstellung, klare Sicherheitsregeln und eine fachlich qualifizierte Begleitung (Petzold 1996; Ogden et al. 2006). Die Indikation für TMB kann dort gegeben sein, wo Menschen über das Gespräch hinaus einen Zugang zu leiblicher Wahrnehmung, Selbstregulation und Handlungsfähigkeit suchen. Besonders geeignet ist der Ansatz, wenn persönliche Muster nicht nur besprochen, sondern im konkreten Tun erfahrbar und therapeutisch bearbeitbar werden sollen. Mögliche Indikationsbereiche betreffen Schwierigkeiten im Umgang mit Spannung, Unsicherheit, Entscheidung, Selbstwirksamkeit, Grenzerleben, Konzentration und innerer Sammlung. Im Bogenprozess kann sichtbar werden, wie eine Person Spannung aufbaut, hält, reguliert oder vermeidet. Daraus können neue Erfahrungen entstehen: Spannung kann gehalten, Kraft dosiert und Loslassen als gestaltbarer Vorgang erlebt werden. Zu den Voraussetzungen gehört, dass Teilnehmende einfache Sicherheitsregeln verstehen und einhalten können. Sie müssen mit Pfeil und Bogen verantwortungsvoll umgehen und sich auf eine verlangsamte, leibbezogene Arbeitsweise einlassen können. Für die Leitung braucht es psychotherapeutische Kompetenz sowie sichere Erfahrung im Umgang mit Pfeil und Bogen. Sie muss Überforderung, emotionale Aktivierung, Vermeidung und gruppendynamische Prozesse erkennen und angemessen begleiten können. Die Grenzen und Kontraindikationen von TMB liegen dort, wo der Sicherheitsrahmen nicht ausreichend gewährleistet werden kann. Besondere Vorsicht gilt bei akuten psychotischen Zuständen, schwerer Realitätsverkennung, akuter Suizidalität, ausgeprägter Dissoziationsneigung, schwerer Impulsdurchbrüchigkeit sowie akuter Selbst- oder Fremdgefährdung. Auch bei schweren Traumafolgestörungen ist sorgfältig zu prüfen, ob der Bogenprozess stabilisierend oder aktivierend wirkt. Körperliche Einschränkungen, etwa an Schulter, Rücken, Gelenken oder im neurologischen Bereich, müssen ebenfalls berücksichtigt werden. Material, Zugstärke, Dauer und Setting sind entsprechend anzupassen (Ogden et al. 2006; Payne et al. 2015). Therapiegestütztes Meditatives Bogenschießen 191 4 | 2026 Die Sicherheit bildet einen wesentlichen Teil der therapeutischen Struktur. Schussrichtung, Abstand, Wartezonen, Materialkontrolle und klare Regeln müssen vor Beginn festgelegt sein. Geschossen wird nur, wenn der Raum frei ist und die Leitung aufmerksam präsent bleibt. Das Material muss zur jeweiligen Person passen. In therapeutischen Kontexten sind leichte Bögen meist sinnvoller als schweres oder leistungsorientiertes Material. Trefferleistung steht nicht im Vordergrund. Niemand wird bewertet, verglichen oder beschämt. TMB kann dort hilfreich sein, wo es Wahrnehmung, Orientierung, Selbstregulation und Handlungsfähigkeit unterstützt. Es ist dort zu begrenzen oder zu unterlassen, wo Sicherheit, Stabilität oder fachliche Begleitung nicht ausreichend gewährleistet sind. Diskussion und Fazit Das Therapiegestützte Meditative Bogenschießen ist ein therapeutisch begleiteter, leib- und handlungsorientierter Prozess, in dem persönliche Themen im konkreten Tun sichtbar, spürbar und bearbeitbar werden können. Stand, Atem, Spannungsaufbau, Ausrichtung, Lösen und Nachspüren bilden einen klar gegliederten Handlungsbogen. Was im Gespräch häufig nur angedeutet bleibt, tritt im Tun hervor und kann anschließend therapeutisch reflektiert und integriert werden (Petzold 1996, 2006; Fuchs 2018). Im Zentrum steht die Qualität dieses Prozesses: wie eine Person Halt findet, Kraft dosiert, Grenzen wahrnimmt, mit Unsicherheit umgeht und bei der Erfahrung bleibt. Dabei können individuelle Muster sichtbar werden - etwa vorschnelles Handeln, starres Festhalten, ein Abbruch kurz vor dem Lösen, verflachter Atem oder ein starkes Bedürfnis nach Kontrolle. Der fachliche Beitrag des TMB liegt darin, diese Beobachtungen in einem klaren Prozessmodell zu fassen. Wahrnehmung, Bündelung der Aufmerksamkeit, Handlung und Integration beschreiben, wie therapeutisch bedeutsame Erfahrung im Bogenschießen entsteht: im Kontakt zu Leib, Atem, Raum und Situation; in der Sammlung zum nächsten Schritt; im Umgang mit Spannung, Kraft und Grenzen; und im Nachspüren, Verstehen und Einbinden in den weiteren therapeutischen Prozess. Damit unterscheidet sich TMB sowohl vom leistungsorientierten Bogenschießen als auch von idealisierenden Vorstellungen meditativer Praxis. Im Zentrum steht ein therapeutisch begleiteter Erfahrungsprozess, in dem sichtbar wird, wie ein Mensch wahrnimmt, sich sammelt, handelt und das Erlebte integriert. Pfeil und Bogen geben diesem Prozess eine klare äußere Struktur. Der Ablauf ist überschaubar und zugleich offen genug, um unterschiedliche Reaktionsweisen sichtbar zu machen. Schon kleine Veränderungen in Stand, Atem, Blick oder Spannungsaufbau wirken auf das gesamte Handlungsgeschehen zurück. Selbstwahrnehmung und Selbstregulation werden dadurch nicht abstrakt verhandelt, sondern im Tun erfahrbar. In therapeutisch begleiteten Übungssequenzen können neue Handlungsmöglichkeiten entstehen. Eine Person erlebt, dass sie den Ablauf verlangsamen, Kraft dosieren, Unsicherheit wahrnehmen und dennoch im Prozess bleiben kann. Im anschließenden Gespräch wird diese Erfahrung reflektiert und mit Situationen des Alltags verbunden. Zusammenfassend lässt sich sagen: TMB eröffnet einen strukturierten therapeutischen Erfahrungsraum, in dem leibliche Wahrnehmung, Selbstregulation und Handlungsfähigkeit miteinander verbunden werden. Der Bogenprozess macht sichtbar, wie ein Mensch Halt findet, mit Kraft und Grenze umgeht, sich ausrichtet, löst und das Erlebte innerlich aufnimmt. Im Zentrum steht die Qualität dieses Weges: mit sich in Kontakt bleiben, den eigenen Rhythmus finden und eine Erfahrung so integrieren, dass sie über den Moment hinaus weiterwirken kann. Darin liegt der spezifische Beitrag des Ansatzes: TMB macht therapeutische Veränderung 192 Heinz Paul Binder 4 | 2026 im Handeln erfahrbar. Der Mensch begegnet sich als wahrnehmendes, fühlendes und handelndes Wesen. Was im Gespräch häufig erst beschrieben werden muss, zeigt sich hier im konkreten Geschehen: im Stand, im Atem, in der Spannung, im Lösen und im Nachklang. Veränderung entsteht, wenn eine neue Erfahrung leiblich erlebt, therapeutisch reflektiert und in das weitere Handeln integriert wird. Literatur Binder, H. P. (2026): Therapiegestütztes meditatives Bogenschießen in der Integrativen Bewegungs- und Leibtherapie - Leiblichkeit, Handlung und ökologische Einbettung. POLYLOGE Internetzeitschrift für Integrative Therapie 6, 1-33, https: / / doi.org/ 10.23668/ psycharchives.21696 Fuchs, T. (2018): Ecology of the brain. Oxford University Press, Oxford Fuchs, T. (2014): Verkörperte Emotionen. Zur Phänomenologie leiblicher Affektivität. Psychotherapie-Wissenschaft 4 (1), 14-24 Fuchs, T., Koch, S. C. (2014): Embodied affectivity: On moving and being moved. Frontiers in Psychology 5 (508), 1-12, https: / / doi.org/ 10.3389/ fpsyg.2014.00508 Gallagher, S. (2005): How the body shapes the mind. Oxford University Press, Oxford, https: / / doi.org/ 10.1093/ 0199271941.001.0001 Gendlin, E. T. (1996): Focusing-oriented psychotherapy. A manual of the experiential method. Guilford Press, New York Grunwald, M. (2017): Homo hapticus. Warum wir ohne Tastsinn nicht leben können. Droemer, München Grunwald, M. (Hrsg.) (2008): Human haptic perception. Basics and applications. Birkhäuser, Basel u. a., https: / / doi.org/ 10.1007/ 978-3- 7643-7612-3 Kabat-Zinn, J. (2003): Mindfulness-based interventions in context: Past, present, and future. Clinical Psychology: Science and Practice 10 (2), 144-156, https: / / doi.org/ 10.1093/ clipsy. bpg016 Merleau-Ponty, M. (1945/ 1966): Phänomenologie der Wahrnehmung. De Gruyter, Berlin, https: / / doi.org/ 10.1515/ 9783110871470 Noë, A. (2004): Action in Perception. MIT Press, Cambridge Ogden, P., Minton, K., Pain, C. (2006): Trauma and the body. W. W. Norton, New York Payne, P., Levine, P. A., Crane-Godreau, M. A. (2015): Somatic experiencing: Using interoception and proprioception as core elements of trauma therapy. Frontiers in Psychology 6, (93), https: / / doi.org/ 10.3389/ fpsyg.2015.00423 Petzold, H. G. (2006): Der „informierte Leib“, „embodied and embedded“. Ein Metakonzept für die Leibtherapie. In: Marlock, G., Weiss, H. (Hrsg.): Handbuch der Körperpsychotherapie. Schattauer, Stuttgart, 100-118 Petzold, H. G. (1996): Integrative Bewegungs- und Leibtherapie. Ein ganzheitlicher Weg leibbezogener Psychotherapie. Junfermann, Paderborn Petzold, H. G. (1991-1993): Integrative Therapie. Modelle, Theorien und Methoden für eine schulenübergreifende Psychotherapie. 3 Bände. Junfermann, Paderborn Pink, S. (2015): Doing sensory ethnography. 2nd edition SAGE, London, https: / / doi.org/ 10.4135/ 9781473917057 Pink, S. (2012): Situating everyday life. Practices and places. SAGE, London, https: / / doi.org/ 10.4135/ 9781446250679 Schäfer, K.-H. (2025): Therapeutisches Bogenschießen. 3. akt. Aufl. Ernst Reinhardt Verlag, München Sheets-Johnstone, M. (2011): The primacy of movement. Expanded 2nd edition John Benjamins, Amsterdam/ Philadelphia, https: / / doi. org/ 10.1075/ aicr.82 Varela, F. J., Thompson, E., Rosch, E. (2017): The embodied mind. Cognitive science and human experience. Revised edition MIT Press, Cambridge, https: / / doi.org/ 10.7551/ mitpress/ 9780262529365.001.0001 Dr. Heinz Paul Binder, MSc Integrativer Gestalttherapeut, Entwicklung des Therapiegestützten Meditativen Bogenschießens (TMB), freie psychotherapeutische Praxis in Graz / Österreich, Forschung und Praxis zu TMB. ✉ Dr. Heinz Paul Binder, MSc heinz.binder@a1.net
