eJournals körper tanz bewegung14/4

körper tanz bewegung
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2195-4909
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/ktb2026.art26d
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Medien&Materialien: Vom gesunden Baby zur Neuorganisation verkörperter Beziehung. Zwei vergleichende Rezensionen

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Peter Geißler
Thomas Harms und George Downing gehören zu jener Generation von Körperpsychotherapeuten, deren fachliche Entwicklung noch in einer Tradition begann, in der Begriffe wie Energie, Blockierung, Öffnung, Ausdruck und Lebendigkeit eine zentrale Rolle spielten. Beide haben diese Herkunft jedoch auf unterschiedliche Weise weiterentwickelt. Harms verbindet die körperpsychotherapeutische Tradition mit Bindungstheorie, Säuglingsforschung und einer neurovegetativ begründeten Regulationsperspektive. Downing hat sich über viele Jahre stärker einer kognitiv-verhaltenstherapeutischen und beobachtungsnahen Arbeitsweise zugewandt und legt mit der „Video Intervention Therapy“ ein klar strukturiertes Verfahren zur Untersuchung und Veränderung konkreter Interaktionsmuster vor. Auf den ersten Blick behandeln die beiden Bücher unterschiedliche Gegenstände.
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Medien & Materialien 196 körper-- tanz-- bewegung 14. Jg., S. 196-202 (2026) © Ernst Reinhardt Verlag Vom gesunden Baby zur Neuorganisation verkörperter Beziehung. Zwei vergleichende Rezensionen Thomas Harms: Verkörperte Bindung. Frühes Trauma heilen, Emotionen regulieren, Beziehungsfähigkeit stärken. Kösel-Verlag, 2026, München, 304 Seiten, 29,00 € (D) George Downing: Video Intervention Therapy. Help in Psychotherapy for Relationships. Routledge, 2025, London, 198 Seiten, 42,35 € (D) T homas Harms und George Downing gehören zu jener Generation von Körperpsychotherapeuten, deren fachliche Entwicklung noch in einer Tradition begann, in der Begriffe wie Energie, Blockierung, Öffnung, Ausdruck und Lebendigkeit eine zentrale Rolle spielten. Beide haben diese Herkunft jedoch auf unterschiedliche Weise weiterentwickelt. Harms verbindet die körperpsychotherapeutische Tradition mit Bindungstheorie, Säuglingsforschung und einer neurovegetativ begründeten Regulationsperspektive. Downing hat sich über viele Jahre stärker einer kognitiv-verhaltenstherapeutischen und beobachtungsnahen Arbeitsweise zugewandt und legt mit der „Video Intervention Therapy“ ein klar strukturiertes Verfahren zur Untersuchung und Veränderung konkreter Interaktionsmuster vor. Auf den ersten Blick behandeln die beiden Bücher unterschiedliche Gegenstände. Harms entwickelt in „Verkörperte Bindung“ ein umfassendes Modell der Bindungsorientierten Körperpsychotherapie, kurz BKPT. Downing beschreibt eine methodisch präzise Form der Arbeit mit Videoaufnahmen von Paaren, Familien sowie Eltern und Kindern. Die gemeinsame Schnittmenge liegt jedoch tiefer: Beide befassen sich mit impliziten, körperlich organisierten Beziehungsmustern und mit der Frage, wie diese therapeutisch zugänglich und veränderbar werden. Gerade deshalb lassen sich die Bücher als zwei unterschiedliche Antworten auf dieselbe historische Herausforderung lesen: Was bleibt von der energetisch geprägten Körperpsychotherapie erhalten, wenn ihre vitalistischen Erklärungsmodelle aufgegeben oder zumindest zurückgenommen werden? Und was geschieht mit dem Menschenbild, das mit diesen Modellen verbunden war? Die reichianische Ausgangsfigur Wilhelm Reichs Energiekonzept war nicht nur eine Theorie über körperliche Spannung und Entladung, sondern Teil einer umfassenden Entwicklungsanthropologie. Der Säugling erschien als noch ungepanzerter, spontan sich ausdrückender und zur Selbststeuerung fähiger Mensch. Neurose entstand, wenn emotionale und körperliche Lebensäußerungen wiederholt gehemmt wurden und sich diese Hemmungen als Charakter- und Muskelpanzer verfestigten. Entwicklung konnte daher auch als Abstieg verstanden werden: vom lebendigen und offenen Organismus zum familiär und gesellschaftlich verformten neurotischen Menschen. Therapie folgte daraus als restaurativer Vorgang. Sie sollte nicht primär etwas Neues erzeugen, sondern das sekundär Verstellte lösen, Medien & Materialien 197 4 | 2026 den Atem befreien und gebundene Lebensenergie wieder verfügbar machen. Reich verband dies mit orgastischer Potenz, Lowen später allgemeiner mit Vitalität und Freude am Leben. Die reichianischen und neoreichianischen Ansätze zielten entsprechend darauf, durch Panzerung und Abwehr zu den zurückgehaltenen Gefühlen und einer ursprünglicheren Lebendigkeit vorzudringen. Aus heutiger Sicht ist das Modell einer eigenständigen Lebensenergie wissenschaftlich kaum haltbar. Eine solche Energie lässt sich weder eindeutig operationalisieren noch messen oder falsifizieren. Als phänomenologische Metapher für subjektiv erlebte Vitalität, Aktivierung oder Bewegtheit kann der Begriff dennoch klinisch sinnvoll bleiben. Viele Phänomene, die früher als Blockierung und Lösung von Energie beschrieben wurden, lassen sich heute präziser als Affektregulation, autonome Aktivierung, implizites Beziehungswissen und körperlich sedimentierte Handlungsbereitschaft verstehen. Damit ist Reichs Grundgedanke nicht erledigt. Er enthält drei voneinander zu trennende Annahmen: Säuglinge besitzen von Beginn an aktive kommunikative und regulatorische Kompetenzen; ungünstige Beziehungen können diese Kompetenzen einschränken und in defensive Organisationsformen überführen; Gesundheit besteht in der Wiedergewinnung eines ursprünglich vorhandenen, unter den Abwehrschichten intakt gebliebenen Kerns. Für die ersten beiden Annahmen bietet die moderne Entwicklungsforschung erhebliche Unterstützung. Die dritte bleibt eine anthropologische Setzung. Harms: Die bindungstheoretische Transformation des gesunden Kerns Bei Thomas Harms bleibt diese reichianische Grundfigur deutlich erkennbar. Er beschreibt die Bindungsorientierte Körperpsychotherapie als Ergebnis eines jahrzehntelangen Versuchs, moderne Körperpsychotherapie mit Säuglings- und Bindungsforschung zu verbinden. Körperpsychotherapie soll Menschen helfen, „verschüttete Entwicklungspotenziale“ zu wecken und zu emotionaler wie körperlicher Lebendigkeit zurückzukehren. Entwicklungspotenziale werden also nicht erst geschaffen, sondern freigelegt; Lebendigkeit wird nicht erworben, sondern wiedergefunden. Damit bleibt Harms einem restaurativen Modell verpflichtet, verändert es aber grundlegend. Das ursprüngliche Potenzial wird nicht mehr als isolierter Energiefluss des Organismus verstanden, sondern als Bindungs-, Resonanz- und Regulationsfähigkeit, die sich nur in Beziehungen entfalten kann. Das Baby besitzt dabei eine besondere Stellung. Es erscheint als „Lehrmeister“, als „Detektor der Bezogenheit“ und als Träger einer gleichsam ansteckenden Gesundheit. Mit Blicken, Lauten, Gesten, Schreien und Bewegungen vermag es die defensiven Schutzsysteme Erwachsener zu erreichen und verschüttete Beziehungsfähigkeit wieder aufzurufen. Auch sprachlich bleibt die energetische Herkunft präsent. Harms spricht von Öffnung und Fluss, von Bindungs- und Herzkräften, von der Berührung des Herzens und davon, dass Menschen ihr Herz wiederfinden müssten. Im Bild einer „Bindungsthermik“ werden Gesundheits- und Bindungskräfte als eine Art Auftrieb beschrieben, der schwächende Kreisläufe überwindet. Solche Formulierungen sind keine naturwissenschaftlich bestimmbaren Aussagen. Sie transportieren jedoch ein Menschenbild: Unter der traumatischen Verformung bestehen Kräfte des Lebens und der Verbindung fort, die unter günstigen Bedingungen wieder hervortreten können. Das therapeutische Vorgehen folgt dieser Vorstellung. Bei hochbelasteten Eltern richtet sich die Aufmerksamkeit oft vollständig nach außen auf das Kind. Sie werden hektisch, atmen flach, verlieren die Selbstwahrnehmung und damit zugleich die Fähigkeit, die Signale des Babys feinfühlig aufzunehmen. Harms bezeich- 198 Medien & Materialien 4 | 2026 net die Wiederherstellung des körperlichen Selbstbezugs als Selbstanbindung. Eltern lernen, Veränderungen von Atmung, Brustenge, Bauchspannung oder motorischer Unruhe als Frühzeichen eines drohenden Kontaktverlustes zu erkennen. Bauchatmung, achtsame Körperwahrnehmung und die geteilte Aufmerksamkeit für sich selbst und das Kind sollen die Kontaktfähigkeit wiederherstellen. Was Reich als Befreiung vegetativer Energie konzipierte, erscheint hier als Wiedergewinnung autonomer Regulation und Beziehungsbereitschaft. Man könnte daher von einem bindungstheoretisch transformierten Neoreichianismus sprechen: Der blockierte Energiefluss wird durch den Verlust von Selbstanbindung ersetzt, die Panzerlösung durch Ko-Regulation und Sicherheitserleben. Die restaurative Grundfigur bleibt jedoch erhalten. Was die Entwicklungsforschung stützt - und was nicht Harms’ Grundgedanken besitzen beträchtliche entwicklungswissenschaftliche Plausibilität. Die moderne Säuglingsforschung hat das Bild des passiven, undifferenzierten Säuglings grundlegend korrigiert. Säuglinge beteiligen sich von Beginn an aktiv an Interaktionen und reagieren auf zeitliche Abstimmung, Blick, Mimik, Stimme, Berührung und Veränderungen der elterlichen Verfügbarkeit. Frühe Beziehungserfahrungen werden als prozedurale Erwartungen und körperlich-affektive Interaktionsmuster gespeichert. Auch Harms’ Betonung der Ko-Regulation ist gut begründet. Bindungsentwicklung hängt nicht allein davon ab, ob ein Kind ein Bedürfnis signalisiert und die Bezugsperson darauf reagiert. Entscheidend ist ebenso, ob das Kind die angebotene Beruhigung aufnehmen und zur eigenen Regulation nutzen kann. Eine Bindungstransaktion umfasst daher das Signalisieren eines Bedürfnisses, die angemessene Reaktion der Bezugsperson und die Fähigkeit des Kindes, diese Reaktion anzunehmen. Berührung wirkt ebenfalls nicht unabhängig von ihrer interaktionellen Qualität. Harms betont zu Recht, dass häufige Berührung allein keine sichere Bindung erzeugt. Körperkontakt wird dann entwicklungsförderlich, wenn er kontingent erfolgt und sich an den Reaktionen des Säuglings orientiert. Die Arbeit mit „Sicherheitsstationen“, dosierter Annäherung und der Rückkehr zu beruhigenden Kontaktformen entspricht einer solchen kontingenzorientierten Sichtweise. Nicht gestützt wird dagegen die Vorstellung eines ursprünglich vollkommen harmonischen oder weitgehend selbstregulierten Säuglings. Babys unterscheiden sich früh in Temperament, Reaktivität und regulatorischer Belastbarkeit. Selbstregulation entwickelt sich aus wiederholten Erfahrungen von Ko-Regulation, und auch optimale Interaktion besteht nicht in ununterbrochener Synchronie. Unterbrechung und Wiederherstellung gehören zur Entwicklung. Der Säugling ist daher weder ein unbeschriebenes Blatt noch ein bereits vollkommener gesunder Mensch. Er ist ein hochkompetenter, zugleich aber unreifer und auf andere angewiesener Organismus. Entwicklung bedeutet nicht nur Verlust ursprünglicher Freiheit, sondern auch Erwerb neuer Kompetenzen: Affektdifferenzierung, Impulskontrolle, Symbolisierung, Perspektivenübernahme und flexible Handlungssteuerung. Wissenschaftlich angemessener wäre es deshalb, Gesundheit als zunehmende Flexibilität zu beschreiben - als Fähigkeit, zwischen Nähe und Distanz, Aktivierung und Beruhigung, Selbstregulation und Ko-Regulation sowie Öffnung und Abgrenzung situationsgerecht wechseln zu können. Medien & Materialien 199 4 | 2026 Downing: Vom gesunden Kern zum prozeduralen Repertoire George Downing hat sich wesentlich weiter vom reichianischen Entwicklungsmodell entfernt. Schon in seinem früheren Werk ersetzte er die Vorstellung des gepanzerten Körpers durch affektmotorische Schemata; in seinen neueren Texten spricht er vom body-organizing, vom fortlaufenden körperlichen Organisieren von Wahrnehmung, Handlung und Beziehung. Der Körper ist damit nicht primär Behälter gebundener Energie, sondern ein System erlernter und situativ aktivierter Mikropraktiken. Menschen organisieren Blick, Stimme, Haltung, Bewegung, Distanz, Annäherung, Rückzug und Berührung auf charakteristische Weise. Downing geht nicht von einem ursprünglich intakten Kern aus, der durch Panzerung verdeckt wird. Ein Kind bildet vielmehr ein idiosynkratisches Repertoire von Möglichkeiten aus. Manche Mikropraktiken sind förderlich, andere defensiv, wieder andere unterentwickelt. Selbst problematische Muster werden als ursprünglich verständliche Lösungen betrachtet: Ein Kind senkt vielleicht den Blick, versteift den Oberkörper und richtet seine Aufmerksamkeit auf Gegenstände, weil diese Organisation in einem übergriffigen Kontext Schutz bot. Später kann dieselbe Strategie die Beziehungsgestaltung einschränken. Therapie bedeutet deshalb nicht Rückkehr zu einem ursprünglichen Zustand, sondern Erweiterung und Reorganisation des prozeduralen Repertoires. Unterentwickelte Fähigkeiten sollen ausgebaut, übermäßig eingesetzte Abwehrstrategien abgeschwächt und neue Handlungsmöglichkeiten erprobt werden. Der Entwicklungsbegriff ist bei Downing konstruktivistisch und lernorientiert: Menschen sind nicht nur durch Verlust geprägt, sondern durch den fortlaufenden Aufbau körperlich-affektiver Lösungen. In „Video Intervention Therapy“ wird diese Perspektive konsequent operationalisiert. Das Video macht sichtbar, wie Menschen in realen Situationen handeln und aufeinander reagieren. Der/ die Therapeut: in untersucht konkrete Interaktionssequenzen: Blickwechsel, Gesten, Körperpositionen, sprachliche Reaktionen und zeitliche Koordination. Das Verfahren ist in vier Schritte gegliedert: erste gemeinsame Beobachtung, Exploration positiver Muster, Untersuchung eines ausgewählten negativen Musters und Entwicklung eines konkreten Handlungsplans. Downing legt Wert darauf, dass zunächst die Patient: innen selbst äußern, was ihnen auffällt. Positive Sequenzen werden hervorgehoben, bevor problematische Muster untersucht werden. Auch in einer überwiegend schwierigen Interaktion sucht der/ die Therapeut: in nach kleinen Momenten gelingender Kooperation, Aufmerksamkeit oder Wärme. Anders als bei Harms gelten sie jedoch nicht als Ausdruck eines unverletzten Wesenskerns, sondern als beobachtbare Kompetenzen, die bereits gelegentlich auftreten und durch Aufmerksamkeit und Übung häufiger verfügbar werden können. Praxisnähe als gemeinsame Stärke Ein besonderer Vorzug beider Bücher liegt in ihrer ausgeprägten Praxisnähe. Harms arbeitet mit zahlreichen klinischen Szenen aus der Eltern-Baby-Therapie und der Erwachsenenpsychotherapie. Er beschreibt, wie sich Stress, Verlust der Selbstanbindung und Wiedergewinnung von Sicherheit im Körper zeigen können. Seine neun Leitprinzipien - Sicherheitserleben, Erregungsmodulation, Selbstanbindung, Gesundheitsorientierung, Intersubjektivität, kognitives Nachvollziehen, Realitätskontakt, Differenzierung und Selbstwirksamkeit - geben dem Ansatz eine übersichtliche Struktur. Auch die drei Phasen der Langzeittherapie sind klinisch nachvollziehbar angelegt. Besonders hilfreich ist, dass Harms die Voraussetzungen aufseiten der Therapeut: innen thematisiert. Körperbasierte Selbstanbindung 200 Medien & Materialien 4 | 2026 erscheint als zentrale professionelle Kompetenz. Die Therapeut: innen sollen in Situationen von Überwältigung, Ratlosigkeit und hoher emotionaler Aktivierung den Kontakt zum eigenen Körper bewahren, um als ko-regulierendes Gegenüber verfügbar zu bleiben. Harms unterscheidet ein aktiv-führendes von einem rezeptiv-aufnehmenden Modell therapeutischer Begleitung und macht deutlich, dass unterschiedliche Patient: innen und Prozessphasen unterschiedliche Haltungen erfordern. Downings Buch ist noch stärker als Manual aufgebaut. Es beantwortet praktische Fragen, die in allgemeinen Theoriedarstellungen oft fehlen: Wann soll die Videoarbeit beginnen? Wer filmt, wo wird gefilmt, wie lang soll eine Sequenz sein, und wie geht der/ die Therapeut: in mit Scham, Angst vor Kritik oder Misstrauen hinsichtlich der Verwendung des Videos um? Downing schlägt graduelle Annäherungen vor, etwa zunächst nur einen kurzen Ausschnitt anzusehen, die Eltern außerhalb des Kamerabildes zu lassen oder eine Situation so zu rekonstruieren, als würde man sie auf Video sehen. Auch die Vorbereitung der Sitzungen wird detailliert beschrieben. Der/ die Therapeut: in führt eine scanning analysis durch, wählt kurze Sequenzen aus und notiert positive wie negative Interaktionsmuster. Für die Auswahl negativer Muster gelten klare Kriterien: Relevanz für die Therapieziele, voraussichtliche Veränderbarkeit und die Frage, ob eine Sequenz besonders transparent zeigt, worum es geht. Die Methode ist dadurch gut lehrbar und unmittelbar klinisch nutzbar. Gerade bei beschämungssensiblen, kontrollierten oder institutionell abhängigen Patient: innen bleibt jedoch sorgfältig zu prüfen, wo Motivation endet und Überredung beginnt. Der von innen gespürte und der von außen beobachtete Körper Der zentrale Unterschied der beiden Ansätze lässt sich als unterschiedliche Gewichtung einer Innen- und einer Außenperspektive beschreiben. Harms erschließt den Körper vorwiegend von innen. Er fragt nach Atem, Enge, Wärme, Herzrhythmus, Öffnung, Spannung und subjektiv erlebter Sicherheit. Der Körper ist Resonanzraum, Frühwarnsystem und Medium der Selbstanbindung. Die therapeutische Beziehung wirkt unmittelbar ko-regulierend; der/ die Therapeut: in wird mit seiner körperlichen Anwesenheit zum vorübergehenden externen Regulationssystem. Downing erschließt den Körper stärker von außen. Das Video zeigt, was ein Mensch mit seinem Körper tut: wie er sich abwendet, nähert, unterbricht, wartet, gestikuliert, blickt oder spricht. Der Körper wird als Teil einer beobachtbaren Interaktionssequenz analysiert. Der/ die Therapeut: in ist weniger unmittelbar körperlich-regulierendes Gegenüber als Beobachter, Coach und Moderator eines gemeinsamen Lernprozesses. Die Unterscheidung ist nicht absolut, markiert aber eine unterschiedliche methodische Präferenz: Harms vertraut stärker auf subjektives Körpererleben und leibliche Resonanz, Downing auf die gemeinsame Beobachtung konkreter Handlungsdetails. Wissenschaftliche Anschlussfähigkeit und Grenzen Downings Vorgehen ist leichter operationalisierbar. Blickwechsel, Reaktionszeiten, Unterbrechungen, sprachliche und motorische Muster sowie neu erprobte Verhaltensweisen können beobachtet, kategorisiert und prinzipiell reliabel untersucht werden. Das Video erzeugt ein gemeinsames Referenzobjekt, an dem Beobachtungen überprüft werden können. Die Methode passt daher gut zu empirischen For- Medien & Materialien 201 4 | 2026 schungsdesigns und zu einer Logik von Hypothese, Experiment und Feedback. Harms’ Modell ist umfassender, aber begrifflich schwerer zu prüfen. Sicherheitserleben, Selbstanbindung und Erregungsmodulation sind grundsätzlich empirisch anschlussfähig. Schwieriger wird es bei Konstrukten wie Herzkräften, Herzintelligenz oder Bindungsthermik. Hier vermischen sich physiologisches Organ, phänomenologisches Erleben, Beziehungsmetapher und normative Vorstellung. Nicht immer wird deutlich, ob Harms metaphorische Sprache verwendet, klinische Erfahrungen beschreibt oder empirische Erklärungsansprüche erhebt. Eine klarere Trennung dieser Ebenen hätte zur begrifflichen Präzision des Buches beigetragen. Problematisch wäre es, ältere energetische Vorstellungen lediglich mit neurowissenschaftlichen Begriffen zu überziehen. Die Ablösung des Energiebegriffs gelingt nur, wenn tatsächlich ein anderes Erklärungsmodell verwendet wird. Körperliche Phänomene sollten dann nicht mehr als Zeichen verborgener Kräfte, sondern als Formen der Selbst- und Affektregulation, als Ausdruck impliziter Beziehungserfahrungen und als situationsabhängige autonome Reaktionen verstanden werden. Der Körper ist nicht Träger einer mysteriösen Energie, sondern Medium von Beziehung, Bedeutung und implizitem Wissen. Harms’ Stärke ist zugleich eine mögliche Schwäche. Seine Sprache von Herz, Öffnung, Gesundheit und Lebendigkeit kann klinisch berühren und Orientierung geben. Sie läuft jedoch Gefahr, Entspannung, Wärme und Verbundenheit normativ als gesund zu definieren. Nicht jede Aktivierung ist pathologisch und nicht jede Entspannung gesund. Protest, Abgrenzung, Rückzug und zeitweilige Desynchronisierung können hochfunktionale Formen der Selbstbehauptung sein. Hinzu kommt die Gefahr einer Idealisierung des Babys, dessen Entwicklung nicht nur im Schutz ursprünglicher Lebendigkeit, sondern auch im Aufbau anfangs noch nicht vorhandener Kompetenzen besteht. Bei Downing liegt die Gefahr an anderer Stelle. Die hohe methodische Präzision kann das Beziehungsgeschehen funktional verengen. Was auf dem Video sichtbar ist, bildet nicht die Gesamtheit des Erlebens ab. Unbewusste Bedeutungen, Übertragung, Gegenübertragung und das unmittelbare Körpererleben der Therapeut: innen treten leichter in den Hintergrund. Das Sichtbare ist nicht automatisch das Wesentliche. Fazit: Zwei Wege aus dem energetischen Paradigma Harms und Downing dokumentieren zwei unterschiedliche Transformationen der Körperpsychotherapie. Harms bewahrt die restaurative Grundfigur der reichianischen Tradition: Der Mensch besitzt ursprüngliche Bindungs-, Resonanz- und Gesundheitskräfte, zu denen er nach Verletzung und Entfremdung wieder Zugang gewinnen kann. Downing verlässt diese Grundfigur weitgehend. Therapie legt bei ihm nichts Ursprüngliches frei, sondern erweitert Wahlmöglichkeiten und reorganisiert eingeübte Formen des body-organizing. Die aktuelle Entwicklungsforschung steht Downings konstruktivistischem Modell näher, bestätigt jedoch Harms’ zentrale Intuition, dass Regulation, Beziehung und Körper nicht getrennt voneinander verstanden werden können. Die Alternative lautet daher nicht: ursprüngliche Gesundheit oder Lernen. Säuglinge bringen evolutionär vorbereitete Fähigkeiten und Bedürfnisse mit, entwickeln diese aber nur im Austausch mit ihrer Umwelt. Pathologie ist weder bloße Blockierung eines gesunden Kerns noch lediglich fehlerhaft gelerntes Verhalten, sondern eine Einschränkung von Regulations-, Wahrnehmungs- und Handlungsmöglichkeiten, die ursprünglich adaptiv gewesen sein können. Gerade im Vergleich ergänzen sich die Bücher. Harms erschließt die subjektive Dimension des Körper- und Beziehungserlebens und 202 Medien & Materialien 4 | 2026 ist besonders für bindungsbezogen beeinträchtigte Patient: innen klinisch anregend. Downing überzeugt durch Beobachtungspräzision, methodische Klarheit und empirische Anschlussfähigkeit. Zwischen dem von innen gespürten und dem von außen beobachteten Körper liegt kein Gegensatz, sondern ein komplementäres Verhältnis. Beide Ansätze tragen damit zu einer Körperpsychotherapie bei, die ihr historisches Wissen um Lebendigkeit, Ausdruck und körperliche Beziehung bewahrt, ohne an vitalistischen Erklärungen festzuhalten. Dr. med. Dr. phil. Peter Geißler DOI 10.2378/ ktb2026.art26d